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Das Nazi-Reich im Krieg zur See: Größenwahn, Selbstüberschätzung und Unbelehrbarkeit

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war die Marine alles andere als gut vorbereitet. Sie spielte in diesem Angriffskrieg eine geringe Rolle – im Gegensatz zur Admiralität, die besonders durch Karl Dönitz Einfluss auf die Entscheidungen der Kriegsführung der Nazis gewinnen sollte. Als er am 30. Januar 1943, das Datum war bewusst gewählt, gehen musste, rühmte sich der Oberbefehlshaber der Marine und Chef der Seekriegsleitung Erich Raeder, dass er im Jahre 1933 dem „Führer die Marine reibungslos zugeführt habe.“

 

Gleichwohl beharrten nach dem Krieg die Veteranen mit Raeders Nachfolger Karl Dönitz an der Spitze auf der Behauptung, sie seien immer ganz unpoltische Soldaten gewesen, die Marine sei nie entnazifiziert worden. Nichts is unwahrer als das. Gerade die Marine wurde zum letzten Stützpfeiler des Systems, nicht von ungefähr brachte es Dönitz zum Nachfolger von Hitler und empfand sich bis zu seinem Tod als der wahrhaftige – gesamtdeutsche – Reichspräsident. Wenn er später erklärte, zehn Jahre Kriegsverbrechergefängnis in Spandau seien das Mindestmaß für erwiesene Unschuld. Raeder tönte in seinen Memoiren, die Marine sei mit „reinem Schild und unbefleckter Flagge“ aus dem Krieg herausgekommen, so logen sie ganz bewusst, und es sollte beiläufig zehn Jahre dauern, bis auf der Grundlage des wieder verfügbaren Aktenmaterials die Gegenbeweise erbracht werden konnten.

Admiral Dönitz begrüßt Mitglieder einer U-Boot-Besatzung. Foto: Archiv/RvAmeln

Admiral Dönitz begrüßt Mitglieder einer U-Boot-Besatzung. Foto: Archiv/RvAmeln

 

Man kann die Haltung der Oberbefehlshaber der Marine (ObdM) in gewisser Weise sogar verstehen: Seit dem deutsch-britischen Flottenabkommen, das pikanterweise am Tag von Waterloo, dem 18. Juni 1935, geschlossen worden war, arbeitete die Marine nicht mehr wie in langen Perioden der Weimarer Republik gegen, sondern mit der Regierung; der „Z-Plan“ war nur der Anfang. Nachdem Heer und Luftwaffe zur Überraschung der Marine West- und Nordeuropa ohne Probleme erobert hatten, waren der Flotte Stützpunkte in Norwegen und am Atlantik unverhofft in den Schoß gefallen, und von diesen aus wurde ein zunächst äußerst erfolgreicher U-Boot-Krieg – übringens gegen alles Völkerrecht – inszeniert. Man plante sogar eine große Freiwasserschlacht mit der „Home Fleet“ (Flotte der Royal Navy), die zum Schutz der Hoheitsgewässer Großbritanniens diente, im Atlantik unter dem bezeichnenden Decknamen „Rheinübung“, der wohl an „Weserübung“ – Invasion der Wehrmacht in Dänemark und Norwegen – erinnern sollte, nur dass der Rhein weitaus imposanter war als die Weser.

 

Nur der ungünstige, aber schwere Ausfall von drei schweren Einheiten kurz vor „Rheinübung“ reduzierte das Unternehmen auf „Bismarck“ und „Prinz Eugen“. Die „Bismarck“, ein brandneues Schlachtschiff, wurde am 27. Mai 1941 von den Briten versenkt; der Flottenchef, Admiral Lütjens, funkte zuletzt, dass das Schiff für den „Führer“ bis zur letzten Granate kämpfen werde. Es war charakteristisch, dass es Lütjens, ein eingefleischter Nationalsozialist, später zur Ehre eines Zerstörernamens in der jungen deutschen Bundesmarine brachte..!  Aber die Marine wollte mehr als bloß England besiegen. Sie befasste sich 1940 und 1941 mit geradezu maßlosen Plänen für einen Seekrieg der Zukunft – den Zweiten Weltkrieg glaubte man bereits gewonnen -, in dem das großgermanische Reich gegen die verbliebenen Siegermächte USA und – überraschenderweise – Japan die Weltseeherrschaft erringen wollte. Deutsche Stützpunkte sollten vor allem in Afrika, aber auch in Asien und in der Südsee Ausgangspunkte einer ständigen Machtprojektion sein, die spinnenartig die ganze Welt umfassen wollte. Allen anderen Völkern und Staaten waren Heloten-, bestenfalls Hilfsdienste zugewiesen; England glaubte man längst besiegt zu haben.

 

Als Hitler Raeder klar machte, dass diese ehrgeizigen Ziele nur nach der Vernichtung des Bolschewismus zu erreichen sein würden, stimmte der Marinechef dem Unternehmen „Barbarossa“ zu, sicher, nach dessen siegreicher Beendigung wichtigster Wehrmachtsteil zu werden. Inzwischen ist uns bekannt, dass auch die Marine von den Vernichtungen im Osten wusste, und Dönitz kannte die berüchtigten Posener Reden Himmlers aus dem Jahre 1943. Der äußere Glanz täuschte ab 1943 mehr und mehr. Hätten sich nicht Speer und Dönitz zusammengetan und ohne jedwede Rücksicht Zwangs- und Fremdarbeiter eingesetzt, darunter auch tausende Juden, deren Schicksal ihnen voll bewusst war, wäre es mit dem U-Boot-Krieg sehr bald aus gewesen. Ab Mai 1943 nämlich wussten die Alliierten mit der U-Boot-Bedrohung fertig zu werden, allein in diesem Monat gingen 43 Boote verloren, und dieser Aderlass ging weiter, als Dönitz wider besseres Wissen die veralteten U-Boote nach dem September 1943 in den fast sicheren Tod trieb – und die U-Boot-Leute, auf das Charisma von Dönitz vertrauend, ließen sich wie Vieh zu der erbarmungslosen atlantischen Schlachtbank führen, ohne dass ihnen noch einmal viel Erfolg beschieden gewesen wäre.

 

Wes Geistes Kind die oberste Marineführung inzwischen war, enthüllte das Attentat vom 20. Juli 1944. Fest steht, es gab einige wenige Widerständler, so <kranzfelder und Berthold von Stauffenberg, die ihre Mitwisserschaft mit dem Tod büßen mussten, und das Schicksal von Oskar Kusch, einem regimekritischen U-Boot-Kommandanten, zeigte, dass man inzwischen selbst auf U-Booten vor Spitzeln und Denunzianten nicht mehr sicher sein konnte – Kusch wurde zum Tode verurteilt, Dönitz weigerte sich trotz zahlreicher Bittgesuche, ihn zu begnadigen. Die Masse der Offiziere blieb jdeoch Gegner des Aufstandsversuchs und machte daraus kein Hehl, bis weit in die Zeit der neuen deutschen Bundesmarine. Dönitz selbst entlarvte sich mit eindeutigen Stellungnahmen: „Lieber möchte ich Erde fressen, als dass meine Enkel in dem jüdischen Geist und Schmutz erzogen würden und vergiftet werden.“

 

Die Frauen und Männer des 20. Juli 1944 waren für ihn erbärmliche Vaterlandsverräter. Das gefiel Hitler, immer öfter wurde der Marinechef auch zu ganz unmaritimen Entschlüssen hinzugezogen. Da er die Rückführung der Armee über See verweigerte, blieben die logistischen Mittel verfügbar, mit denen es mutigen Admiralen und Kommandanten in eigener Regie gelang, 1945 zigtausende vorwiegend ostpreußische Flüchtlinge über die Ostsee zu retten. Auch das heftete sich Dönitz später als große Heldentat auf die Fahnen, manche glauben es auch heute noch. Das „Dritte Reich“ begriff sich als ein zukünftiges Seereich. England war für Hitler stets das Vorbild gewesen. Die Idee verwirklichen konnte nur eine überaus starke Marine, und es nimmt nicht Wunder, dass das verführerisch auf einen Wehrmachtsteil wirkte, der in der Weimarer Zeit von allen Seiten verteufelt worden war, dem man die Revolution von 1918 zur Last legte. Hitler, der mehr von der See verstand, als man später glauben sollte – sein Adjudant behauptete, dem „Führer“ sei die See „unheimlich“ gewesen -, fand in Raeder und vor allem in Dönitz die idealen Komplizen. Schließlich war es Raeder gewesen, der den zögernden Hitler zur Operation „Weserübung“ überredet hatte, einem ganz und gar völkerrechtswidrigen Angriffskrieg.

 

Auch davon wollte später niemand wissen, und Raeder kam beim Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg mit einem blauen Auge davon!

 

Wer im Zweiten Weltkrieg in der Marine diente – das waren cirka 850.000 Mann – konnte sich „fühlen“, das „Morituri te salutant“ wirkte Ehrfucht gebietend und hob vor allem die U-Boot-Fahrer aus dem gewöhnlichen Dunstkreis des Militärischen heraus. Das erleichterte natürlich die Rekrutierung von vielen Freiwilligen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges fehtle es an diesen nicht, und nach dem Krieg empfanden sich die U-Boot-Fahrer erst recht als die militärische Elite. Das sahen auch viele ausländische Marinen so, was nicht gerade zur Selbstbesinnung beitrug. Die Bundesmarine hat in einem langen mühseligen Prozess diese Hypotheken aus dem „maritimen Dritten Reich“ abtragen müssen.

 

Ob ihr das gelungen ist, muss auch heute noch abzuwarten sein.

 

Von Rolf von Ameln

 

Redaktion Israel-Nachrichten.org

 

 

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Von am 04/07/2014. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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