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Jüdisches Berlin: Die alte Stadtmauer in Berlin und um die Ecke

Vom Flugzeug aus betrachtet ist Berlin ein Steinhaufen, umgeben von Wäldern und unendlich schönen Seen, eine Landschaft wie im Märchenbuch. Flüsse und Kanäle durchlaufen das Innere der Stadt, auch hier hat die Endmoränenlandschaft Seen gebildet. Wasserreicher ist wohl kaum eine andere Stadt. Von unten betrachtet ist Berlin inhomogen, extrem urban, zerklüftet und weitläufig. Das Brandenburger Tor, 1791 von Carl Gotthard Langhans, dem Architekten aus Schlesien, gebaut, teilt die Stadt in Ost- und West-Berlin. Älter ist der Osten, neuer, moderner, der Westen der Stadt, entworfen und gebaut am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der weitläufigen, scherzhaft genannten „Sandbüchse des heiligen römischen Reichs“ der Mark Brandenburg, erzählt uns Theodor Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Nun, entstanden ist auch diese Stadt, irgendwann, nur wo und wann?

Eine der jüngsten Städte Europas soll Berlin sein. Kolonisten aus Cölln und dem Niederrhein sollen die ersten Siedler gewesen sein. Ließen sich nördlich der Spree nieder, bauten ihre Siedlung auf morastigem Boden und tauften ihren Flecken „Cölln“. Die Spree war der Grenzpunkt und teilte die Kolonistengebiete Cölln und Berlin. Seit 1280 ist der Bär das Wappentier Berlins, Cölln hat den Adler im Wappen. Um beide Städte lief eine gemeinsame ovale Stadtmauer.

Kaufleute siedelten sich zu beiden Seiten der Spree an. Karg war die Märkische Landschaft. Zwei Siedlungen, Cölln und Berlin entstanden, eine Zwillingssiedlung. Rasant wuchsen die beiden Städte, der Handel ebenso. Slawische Kolonisten trafen aus dem Osten ein, die Handelstraße von Ost nach West brachte Reichtum, per Schiff ging es bis nach Hamburg. Um 1300 bekam die prosperierende märkische Handelsstadt eine ringförmige Stadtmauer. Zwei Marktplätze gab es, doch einen Rat hatte diese autonome und freie Hansestadt. Zwistigkeiten unter den Händlern, Innungen und dem Stadtrat blieben nicht aus und kurzfristig reduzierte Kurfürst Friedrich II., „Eisenzahn“ genannt, die Eigenmächtigkeit der Doppelstadt, ließ sich kurzerhand einen Bauplatz an der Spree für seine Kurfürstliche Residenz schenken. Zum Residenzort avancierte die junge Stadt an der Spree.

Ende des 14. Jahrhunderts sollen 8.000 Bürger gezählt worden sein. Aus allen Teilen des Landes und sämtlicher Himmelsrichtungen kamen Zuzügler und „Cölln platzte aus allen Nähten beschreibt Matthias Helle.

Bereits 1295 kam der eine oder andere jüdische Händler in die Mark Brandenburg. Im Klosterviertel, gleich um die Ecke, in der Jüdenstraße, in der Spandauer Vorstadt, siedelten sie sich an, begraben wurde auf dem Judenkiewer in Spandau, weit außerhalb. Schwierigkeiten gab es und Kurfürst Friedrich II. vertrieb die Juden 1446 aus der Mark Brandenburg. Im 16. Jahrhundert kamen sie zurück, doch Progrome, Vertreibungen, Folter und Hinrichtungen der Juden fanden in jedem Jahrhundert statt. Die älteste Synagoge der jüdischen Bewohner in der Klosterstraße wurde im 16. Jahrhundert zerstört, in die Zünfte wurden sie nicht aufgenommen, Schutzgeld mußten sie zahlen, ihr Leben war eingeschränkt.

Im 17. Jahrhundert gab es bereits über fünfzig jüdische Familien in der Mark Brandenburg, sagt die Historie. Einwanderer aus den armen Gebieten Osteuropa kamen in die aufstrebende Stadt, erhofften sich und ihren Kindern eine gute Zukunft und ein liberales Dasein. Andere Lebensarten und -kulturen brachten sie mit in die neue Heimat. Der späteren Philosoph Moses Mendelssohn verließ 1743 seine Vaterstadt Dessau, heiratete in Berlin Fromet Gugenheim aus Hamburg und gründete eine Familie. Der Urvater der berühmten Mendelssohns wurde er. Die Beers und die Mayers, die Liebermanns und Ullsteins und viele andere mehr, prägten in Zukunft ebenso das kulturelle Leben der Stadt und nicht zuletzt die literarischen Salons von Rahel Varnhagen, der Arztfrau Henriette Herz und Amalie Beer, der Mutter des Komponisten Giacomo Mayerbeer. Erst im 18. Jahrhundert durfte die Jüdische Gemeinde ihre neuen Synagogen bauen. Bereits 1933 wurde das Leben der jüdischen Bürger extrem eingeschränkt und nahm 1942 von heute auf Morgen ein jähes und grausames Ende in der einst liberalen Stadt. Berlin In der Villa Marlier im feinen Villenvorort Wannsee, ganz in der Nähe der Sommervilla von Martha Liebermann wurde die „Endlösung“, das Töten und Vergasen der Juden von der Naziherrschaft beschlossen und kurz darauf durchgeführt! Am Tag ihrer Deportation 1943 nahm sich die Martha Liebermann das Leben.

Im 20. Jahrhundert wurde Berlin eine Weltstadt, konkurrierte mit Paris und London. Der 2. Weltkrieg mit seinen Bombardierungen legte die damals modernste Stadt Europas in Schutt und Asche. Ausgebrannt war die Stadt, gebeutelt von Diktaturen. Eine Mauer teilte Berlin bis vor fünfundzwanzig Jahren. 1987 feierte Berlin sein 750jähriges Fest getrennt, die DDR im Ostteil, die Amerikaner, Engländer, Franzosen und die sesshaften Westberliner westlich des Brandenburger Tores.

Noch heute ist das Viertel vor und hinter der Parochialkirche, wo versunken und zeitlos die Reste der ungefähr im Jahr 1300 gebauten Stadtmauer stehen, ein kriegs- und DDR-geschändetes, ein traumatisiertes, gesichtsloses Viertel.

Berlin Stadtmauer. Foto: Christel Wollmann-Fiedler

Berlin Stadtmauer. Foto: Christel Wollmann-Fiedler

Rest der mittelalterlichen Berliner Stadtmauer. Errichtet 1250, im 14. Jahrhundert ergänzt. Die Stadtmauer umgab beide Stadtteile Berlin und Cölln. Die noch vorhandenen Mauerteile wurden durch An- und Umbauten verändert. Im 17. Jahrhundert verstärkt durch Bastionen“, steht auf der Tafel.

Unweit der Stadtmauer steht trutzig aus rotem Backstein der „Gotische Torso“, die Ruine der ehemaligen Franziskaner-Klosterkirche. Der Bettelorden gehörte ebenfalls zur Besiedlung des mittelalterlichen Mitteldeutschland zwischen Elbe und Oder. Das Areal des Klosters soll bis an die mittelalterliche Stadtmauer aus rotem Backstein gereicht haben. Die brandenburgischen Markgrafen Albrecht II. und Otto V. schenkten dem Orden Grund und Boden und eine Ziegelei gleich dazu, so dass gebaut werden konnte. Die Franziskaner trugen graue Kutten und gaben dem Kloster den Namen „Zum Grauen Kloster“. Umbauten bis ins vorige Jahrhundert wurden vorgenommen. Selbst Friedrich Schinkel aus Neuruppin, der Baumeister des Königs, verewigte sich im 19. Jahrhundert in der Basilika. Auf einer Tafel am Eingang der heutigen Ruine wurde bereits zu DDR-Zeiten festgehalten:

Dreischiffige Basilika aus dem 13. und 14. Jahrhundert. 1945 durch Anglo-Amerikanische Bomber zerstört. Im 18. Jahrhundert Mittelpunkt der Deutsch-Russischen Beziehungen. In der Zeit der Freiheitskriege lehrte hier Friedrich Ludwig Jahn. Mitbegründer der Deutschen Turnbewegung“

Nach der Reformation in Berlin 1539, wurde das Kloster aufgelöst und 1574 bereits als Gymnasium umfunktioniert. Michael Schirmer aus Leipzig, der berühmte Kirchenliederdichter, soll der bekannteste Schulleiter der „Bedeutendsten Bildungsstätte des Berliner Bürgertums“ im 17. Jahrhundert gewesen sein. Schirmers Adventslied „Nun jauchzet, all ihr Frommen“ wird noch heute gesungen. Der Dichter der Romantik, Karl Philipp Moritz aus Hameln an der Weser, verdingte sich als Lehrer. In die Historie Berlins und Preußens ist so mancher ehemalige Schüler eingegangen. Der bekannteste von ihnen ist wohl Otto von Bismarck aus Schönhausen an der Elbe, der spätere Reichskanzler, Theodor Fontanes Vater, der Apotheker Louis Henry Fontane, der Verleger Julius Springer, die Architekten des Königs Schinkel und Schadow, James Simon, der Mäzen und Archäologe, der die Nofretete nach Berlin brachte, usw. usw., ein Who is Who der Berühmten bis in die die Neuzeit.

Wenig einladend und öde wirkt die Klosterstraße noch immer. Das Palais Podewils, das barocke Adelspalais, baute der Architekt Jean de Bodts aus Paris, dem Grafen von Podewils im 18. Jahrhundert, der damals Minister des Soldatenkönigs, Friedrich des Großen, war. Nach dem siebenjährigen Krieg verkaufte Podewils das Palais an den Magistrat der Stadt Berlin und zog auf sein Gut Fredersdorf in die Nähe Berlins. Nach dem 2. Weltkrieg übernahm die FDJ das einstige Palais als Klubhaus.

Die Parochialkirche nebenan hat noch immer keinen Turm und das berühmte Glockenspiel, das „Carrilon“, die „Singuhr“, wie sie die „Berliner Schnauze“ liebevoll taufte, soll wiederentstehen. Kurfürst Friedrich III. beauftragte den Oberbaumeister Johann Arnold Nehring aus Wesel am Niederrhein 1695 die 1. Kirche für die Reformierte Gemeinde von Cölln und Berlin direkt neben der alten Stadtmauer zu bauen. Nehring entwarf, starb und der Baumeister Martin Grünberg aus Insterburg in Ostpreußen, beendete den Kirchenbau und weitere Kulturepochen veränderten dem Zeitgeist entsprechend, bis eine Brandbombe im Mai 1944 große Teile der Kirche zerstörte und der Turm vollends ausbrannte. Einen der verwunschensten Kirchhöfe inmitten der über Dreimillionenmetropole Berlin liegt hinter der Parochialkirche, Epitaphien an der Kirchmauer und schwarze Eisenkreuze mit goldenen Lettern, umwuchtert von Efeu.

Johann Daniel Schmidtmann, Königlich Preußischer KirchenRath und Erster Prediger dieser Reformierten Parochialkirche zu Berlin, geb. Anno 1663 im Martio zu Alsentz in Pfalz Zweibrücken gebohren, auch Feldprediger unter dem Salischen Schweitzer Regiment in Frankreich und in damaligen Niederlanden, hernach in Mannheim und zu Nürnberg, endlich auch 1704 Reformierte Gemeinde biß an sein Seeliger Ende am 7. September 1728. Seine Selige Eheliebste Frau Rosina Catharina geb. Guthwillen, auch bei seinem seeligen Sohn und Enkel“ und andere treue Diener „am göttlichen Worte“ haben hier ihre Ruhe bis in alle Ewigkeit gefunden.

Der Geruch von frisch gekochtem Sauerkraut und Eisbein zieht seit Jahrhunderten um die Straßenecke bis auf den Kirchhof. Das älteste Gasthaus Berlins „Zur letzten Instanz“ steht schräg gegenüber seit anno 1621.

Es wird Abend und gleich hinter dem Kirchhof auf der Wiese schimmert der Backstein der Stadtmauer im Abendlicht intensiver und roter. Ich setzte mich auf die Wiese, lehne mich an die Stadtmauer und schließe die Augen. Was ist in diesen fast 800 Jahren in dieser jungen Stadt, in diesem Mittelpunkt des Alten Europas alles geschehen?

Einst Handelsstadt an der Spree, 50 km westlich der Oder, Kürfürsten kamen und gingen, bauten ein Schloß. Hohenzollernkönige bewohnten es bis 1918. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstand der moderne Westen, auch die Stadt Charlottenburg. Die eigenständige Stadt wurde mit breiten Straßen, dem Boulevard Kurfürstendamm und hellen, sonnigen Wohnungen gebaut. Die einst reichste Stadt in Preußen wurde sie, hatte 300.000 Einwohner, 1920 kam sie zu Berlin. Preußen reichte damals von Aachen bis Königsberg, mehr als 1.000 Kilometer Entfernung.

Der erste Weltkrieg brachte Armut und Elend für die Bevölkerung Berlins, der König ging nach Holland ins Exil, die Weimarer Republik wollte es besser machen und überließ den Nationalsozialisten das Feld. Was daraus wurde, wissen wir alle! Juden wurden in Gaskammern getrieben, begreifen können wir es nach siebzig Jahren noch immer nicht! Die damals modernste Stadt Europas wurde im 2. Weltkrieg zu einem Trümmerhaufen degradiert. Churchills Aussage und Wunsch, Deutschland zur Wüste zu machen, hatte geklappt!

Das Schloß Cecilienhof wurde im ersten Weltkrieg in Potsdam im Neuen Garten am Heiligen See für das Kronprinzenpaar im Englischen Landhausstil erbaut. Der Architekt Paul Schultze, geboren bei Naumburg an der Saale, bekam den Auftrag. Bis 1945 wurde der Cecilienhof von Kronprinz Wilhelm und Kronprinzessin Cecilie, der Namensgeberin, bewohnt. In den Westen und Südwesten Deutschlands flohen sie vor der Russischen Armee, wie viele andere auch. Die Premiers der Siegermächte, Churchill, Truman und Stalin, später Atlee, teilten im Schloß Cecilienhof 1945 Deutschland und Berlin unter sich auf, zuvor in Jalta auf der Krim, ganz Europa. In den Tagen nach der Konferenz wurde Truman durch Berlin gefahren, durch die Ruinenstadt, die nicht wiederzuerkennen war. Als größte Weltkatastrophe bezeichnete er das Ergebnis!

Mauern, die Städte, Länder und Familien teilen, gibt es bis in die Neuzeit. Die berühmt berüchtigte Berliner Mauer von 1961 bis 1989 wurde kurzerhand abgetragen als die DDR bankrott war, die Zeit der Diktaturen des vorigen Jahrhunderts wurde an dem Tag in Deutschland beendet. Touristen suchen gierig nach Resten und Reliquien dieser Betonmauer, die alte backsteinerne Stadtmauer von Cölln-Berlin lassen sie links am Wege liegen.

Ein Neubeginn der einstigen Metropole begann 1989. Die mittelalterliche Stadtmauer hinter der Parochialkirche, neben der Klosterruine hat standgehalten, sämtliche Kriege und Diktaturen überstanden. Was könnte sie erzählen?

Von Christel Wollmann-Fiedler

Redaktion Israel-Nachrichten.org

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Von am 07/07/2014. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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