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Die totale Vernichtung und blutige Vergeltung nach Heydrichs Tod

Die dunkelsten Wochen in der Menschheitsgeschichte

In den Monaten zwischen Ende Juni und Anfang Oktober des Jahres 1942 erreichte der Massenmord an den europäischen Juden seinen Höhepunkt. Knapp zwei Millionen von ihnen starben in nur zwölf Wochen einen grauenhaften Tod. Als am 4. Juni des Jahres 1942 Reinhard Heydrich an den Folgen eines Anschlages auf ihn starb, war nicht nur der Chef des deutschen Terrorapparates tot, sondern auch der Architekt der „Endlösung“ des Massenmordes an den Juden. Unmittelbar vor seinem Tod, als er noch schwer verletzt in einem Prager Krankenhaus lag, nannte man den Mord an den Juden in Polen ihm zu Ehren in „Aktion Reinhard“ um!

"Hamburger Fremdenblatt", Ausgabe von Mittwoch, 10. Juni 1942. Foto: Archiv/RvAmeln

„Hamburger Fremdenblatt“, Ausgabe von Mittwoch, 10. Juni 1942. Foto: Archiv/RvAmeln

Heydrich hatte bereits im Sommer 1941 die Verbrechen der Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion beaufsichtigt, seit Herbst des Jahres arbeitete er fieberhaft an einer „Gesamtlösung der Judenfrage im europäischen Raum“, letztendlich an einer Planung zum Massenmord an allen Menschen, welche die Nazis als Juden betrachteten. So begannen Ende 1941 die ersten Todestransporte in das Vernichtungslager Kulmhof in Westpolen, im März 1942 dann in die Todesfabriken Belzec, Majdanek und Auschwitz, bald darauf auch nach Sobibor.

Freilich hatte das Mordprogramm noch nicht seine volle „Kapazität“ erreicht: Die Besatzungsfunktionäre wollten zunächst nur solche Menschen deportieren, die sie als „arbeitsunfähig“ einstuften. Auch striiten die Verwaltungsbehörden oft mit der SS über die „Kopetenz in Judenfragen“. Schließlich sperrte die Deutsche Reichsbahn im Juni 1942 alle Strecken für Deportationen, um den Nachschub für die neue Offensive der Wehrmacht in der Sowjetunion Vorrang zu geben. Dennoch arbeiteten Funktionäre der Nazis in diesen Wochen überall im besetzten Europa an den Vorbereitungen für die entscheidende Phase der „Endlösung“.

Man wollte die anfänglichen Erfolge der Wehrmacht Hitlers im Osten dazu nutzen, möglichst schnell und im Windschatten der Weltöffentlichkeit das größte Menschheitsverbrechen zu vollenden. Während die deutschen Truppen in Stalingrad eindrangen und auf dem Gebirge des Kaukasus die Hakenkreuzfahne hissten, wurden die Juden in Osteuropa aus den Ghettos getrieben und ermordet. SS-Chef Heinrich Himmler gab in seiner Begräbnisrede für Heydrich den Zeitrahmen bekannt: „Die Völkerwanderung der Juden werden wir in einem Jahr bestimmt fertig haben; dann wandert keiner mehr. Denn jetzt muß eben reiner Tisch gemacht werden.“

Adolf Eichmann, Heydrichs Referent für „Judenfragen“, konferierte in den westeuropäischen Hauptstädten, um die Deportationen von dort zu organisieren. Nordöstlich von Warschau wurde bei dem Dorf Treblinka eines der größten Vernichtungslager errichtet. Himmler höchstpersönlich wandte sich an die Reichsbahn mit der Bitte um mehr Züge. Zufrieden bedankte sich sein Chefadjudant Karl Wolff bei den Eisenbahnern: „Mit besonderer Freude habe ich zur Kenntnis genommen, daß nun schon seit seit  14 Tagen täglich ein Zug mit 5.000 Angehörigen des auserwählten Volkes nach Treblinka fährt und wir doch auf diese Weise in die Lage versetzt sind, diese Bevölkerungsbewegung in einem beschleunigten Tempo durchzuführen.“

Himmler selbst begab sich Mitte Juli des Jahres 1942 auf eine Inspektionsreise nach Polen, um den Massenmord mit eigenen Augen anzusehen. Am 17. Juli war er in Auschwitz und sah sich die Vernichtung mehrerer hundert jüdischer Männer, Frauen und Kinder an, die aus Holland verschleppt worden waren. Sie wurden gezwungen, sich in einem Wald zu entkleiden und anschließend in ein umgebautes Bauernhaus, den sogenannten Bunker 2, getrieben. Ein SS-Mann warf das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B über Klappen ins Innere des Hauses, wo die Menschen dann qualvoll erstickten.

Häftlinge wurden gezwungen, die Leichen aus dem Gebäude zu ziehen und in Gruben zu verbrennen. Anschließend fuhr der SS-Chef weiter nach Lublin, wo er den regionalen SS-Führer Odilo Globocnik dazu ermächtigte, die Juden im Generalgouvernement umzubringen. Globocnik leitete die „Aktion Reinhard“. Seine Einsatzteams fuhren in polnische Städte, um zusammen mit den dortigen Polizei die Ghettos zu „räumen“ und die Insassen dann in die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka zu bringen. Am 22. Juli erschien Globocniks Vertreter Hermann Höfle beim Judenrat in Warschau. In einer denkwürdigen Besprechung, bei der auch Marcel Reich-Ranicki als Schreiber anwesend war, verlangte Höfle vom Vorsitzenden des Judenrates, Adam Czerniakow, jeden Tag 5.000 Menschen aus dem Ghetto zur Deportation auszuliefern.

Czerniakow ahnte, was den Menschen bevorstand, und nahm sich in der folgenden Nacht das Leben. Bis zum 12. September fuhren nun fast täglich die Todeszüge von Warschau nach Treblinka. Genauso geschah dies in hunderten anderen kleineren Städten. Die Polizie umstellte die Ghettos und durchsuchte Zug um Zug die Straßen. Die jüdischen Einwohner mussten zum Sammelplatz laufen, wo nur noch Arbeiter und deren Familien zum Leben aussortiert wurden und zurückgehen durften. Alle anderen pferchte man in Güterwaggons, manchmal bis zu 150 Personen auf einmal, und deportierte sie während des heißen Sommers 1942 an den Ort ihrer Vernichtung.

Dort hatten sie nur noch wenige Stunden zu leben, bis sie in geschlossenen Räumen durch Motorabgase erstickt wurden. Im östlichen Polen, das 1939 von Stalin annektiert worden war und seit Sommer 1941 auch unter deutscher Besatzung stand, betrieben die Täter nicht so viel logistischen Aufwand. Dort hatte es bereits im Sommer und im Herbwst 1941 erste Massenerschießungen gegeben. Nun aber, im Sommer 1942, sollten die Ghettos ganz vernichtet werden. Die Opfer wurden nicht in Waggons gesteckt, sondern in Wälder oder abgelegene Gelände nahe der Städte getrieben und dort erschossen. So ereignete sich jeden Tag zwischen Juli und Oktober 1942 ein Massaker vom Ausmaß des Verbrechens in Babi Jar.

Waren von Sommer 1941 bis Frühjahr 1942 etwa eine Million europäischer Juden ermordet worden, so fielen dem Mordfeldzug vom Spätsommer un Herbst 1942 mindestens weitere zwei Millionen Juden zum Opfer. In den besetzten polnischen und sowjetischen Gebieten lebte bei Jahresende 1942 nur noch eine kleine Minderheit jüdischer Arbeiter und fristete ihr Dasein in den wenig übrig gebliebenen Ghettos und Lagern. SS-Verbrecher Himmler wies Ende 1942 seinen Statistiker, Richard Korherr, an, eine zahlenmäßige Bilanz des Verbrechens zu erstellen. Auschwitz wurde allerdings erst später, nach Himmlers Besuch vom Sommer 1942, allmählich zum größten Vernichtungslager ausgebaut.

Vier große Krematorien mit Räumen zur Ermordung von Menschen durch Giftgas wurden bis Frühjahr 1943 erbaut. Dorthin kamen Juden aus ganz Europa, vor allem in den Jahren 1943 und 1944. Im Laufe des Herbst 1942 sickerte auch im Reich, also in Deutschland und Österreich durch, dass die Juden in den besetzten Gebieten massenhaft getötet werden. Insbesondere über die Feldpost aus dem Osten, aber auch durch den Heimaturlaub vieler Soldaten und Besatzungsbeamten, wurden Details vom Massenmord bekannt.

Die Führung der NSDAP meldete am 9. Oktober: „Im Zuge der Arbeiten an der Endlösung der Judenfrage werden neuerdings innerhalb der Bevölkerung in verschiedenen Teilen des Reichsgebiets Erörterungen über <sehr scharfe Maßnahmen gegen die Juden besonders in den Ostgebieten angestellt. Die Feststellungen ergaben, daß solche Ausführungen – meist in entstellter und übertriebener Form – von Urlaubern der verschiedenen im Osten eingesetzten Verbände weitergegeben werden, die selbst Gelegenheit hatten, solche Maßnahmen zu beobachten>. Es liegt in der Natur der Sache, daß diese teilweise sehr schwierigen Probleme im Interesse der endgültigen Sicherung unsers Volkes nur mit rücksichtsloser Härte gelöst werden können.“

So fühlten sich die Nazi-Funktionäre genötigt, dagegen vorzugehen und ihre antisemitische Propaganda zu verstärken.

Auch die Alliierten waren über  die Verbrechen weitgehend im Bilde; bsonders die polnische Untergrundbewegung hatte relativ detailliert nach London berichtet. Erst im Dezember des Jahres 1942 konnten sich die alliierten Regierungen auf eine Protestnote einigen, die jedoch ohne wirkung blieb. Die Möglichkeiten zur Intervention waren minimal. Zu dem Zeitpunkt, als der deutsche Machtbereich seine maximale Ausdehnung erreicht hatte, saßen die Juden Europas in einer tödlichen Falle!

Von Rolf von Ameln

Redaktion Israel-Nachrichten.org

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Von am 13/10/2014. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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