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Da sind wir auch schon gewesen: Memories of the Holocaust

Darf Ausschwitz ein Ausflugsziel für Touristen bleiben? Falls ja, macht es keinen Sinn, sich weiter über Selbstporträts von Jugendlichen vor Krematorien-Öfen zu empören. Lautet die Antwort nein, muss Auschwitz wieder sein dürfen, was es ist – Polens größter Friedhof, kein Freizeitpark für Ignoranten.

Als warteten sie auf eine Mitfahrgelegenheit, stehen zwei Mädchen mit ausgestreckten Daumen an den Gleisen und lachen in eine Kamera. Es sind die Gleise, die direkt zur Selektionsrampe des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau führten. In einer der Sanitärbaracken des Lagers stehen Jugendliche über die Latrinen gebeugt und halten sich mit theatralischen Gesten die Nasen zu. Das Foto stellen sie anschließend sofort online: Memories of the Holocaust. Rasant verbreiten sich solche Bilder im Internet. Noch rasanter ist nur die digitale Empörungswelle, die jeder Geschmacklosigkeit folgt wie ein Hund seinem Herrchen. Kann sein, dass Selfies nur ein trauriger Trend zur Selbstdarstellung sind, ein Phänomen des fehlenden Taktgefühls von Teenagern sind sie keineswegs. Der Herr, der gnadenlos seine Ellenbogen ausfährt, wenn jemand motivzerstörerisch zwischen seine Kamera und das Gaskammermodell zu geraten droht, ist im Pensionsalter, und die Reisegruppe, die den Haufen Cyclon-B-Büchsen hundertfach verpixelt, ist auch schon eine ganze Weile volljährig. Anstand ist jedenfalls keine Frage des Alters. Weshalb aber lässt ein Vater seine beiden Jungs überhaupt vor dem Galgen im Stammlager Auschwitz I posieren, oder warum überprüfen Frauen den Sitz ihrer Frisuren im spiegelnden Glas einer Vitrine, in der Strampelanzüge ermordeter Babys liegen? Mit Begeisterung würden solche Besucher bestimmt auch Bastelbögen der Häftlingsbaracken als Souvenir kaufen und Rundflüge über das Gelände buchen. Wären das nicht gute Einnahmequellen, die den Erhalt des Lagers sicherten? Auf solche Ideen käme die Gedenkstättenleitung sicher nicht, und auch auf die Provokation durch fröhliche Fotografen vor der Erschießungswand versucht sie sensibel zu reagieren und bittet um angemessenes Verhalten. Vor dem tonnenschweren Berg menschlicher Haare wurden Fotoverbotsschilder aufgestellt. Problem erkannt. Problem benannt. Nichts geändert. Im Ranking der meistfotografierten Motive in Auschwitz liegen die Hinterlassenschaften und Habseligkeiten der Gefangenen auf Platz 2, direkt hinter dem Torbogen mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“.

Man hoffe auf die Kraft dieses authentischen Ortes und die Einsicht der Besucher, heißt es von offizieller Seite. Wer von der Kraft authentischer Orte spricht, rechnet nicht mit der Halbwertzeit des Grauens, und die verkürzt sich mit jedem weiteren Touristenbus, der die ehemaligen Vernichtungslager ansteuert. 1,4 Millionen Menschen besuchten letztes Jahr Auschwitz-Birkenau. Im nahe gelegenen Krakau wird überall für Auschwitz-Touren geworben. Gelegenheit macht Gedenkstättenbesucher. „Da kommen wir doch so bald nicht wieder hin“, sagt sich der Kurzentschlossene und landet auf einem Parkplatz voller Charterbusse und anschließend in einer monströs langen Warteschlange. Dort packen sie Käsebrote, Schokolade und Saft aus. Sie lachen und lärmen, als ginge es in den Zoo oder an den Strand. Mit Shorts, Jeansröcken, Sandalen und der ganzen Lässigkeit von Sonnenbrillenträgern streifen sie im Freizeitlook durchs Vernichtungslager. Dresscode Fehlanzeige. Die Kontrolleure am Eingang wittern zwar in jedem Rucksackbesitzer einen Terroristen, auf angemessene Kleidung achten sie nicht. Vermutlich haben sie längst resigniert, müssten sie doch sonst an manchen Tagen jeden zweiten Besucher abweisen oder ihm, wie in Moscheen üblich, ein Tuch zur Bedeckung der Blöße anbieten. Es ist die gleiche Sorte Sightseeing-Touristen, die in Griechenland vom Strand direkt in die Basilika spazieren und den Badeanzug gleich anlassen, die in einer Gedenkstätte wie Auschwitz sprach- und fassungslos machen.

Ein Metalltor, Baracken, Stacheldrahtzäune und plärrende Besucher auf der Suche nach den Toiletten. Hier brannte Menschenfleisch, deckte der Gestank von Leichen und Latrinen alles zu, zündete sich ein SS-Offizier eine Zigarette an, während ein anderer das Gas in die Duschräume strömen ließ. Heute stampfen Besucher in Herden von Baracke zu Baracke, ziehen in endlosen Reihen an den Vitrinen der Ausstellung vorbei oder schlendern am Stacheldrahtzaun entlang, als liefen sie durch die Hollywood-Kulissen von Schindlers Liste. Noch schnell einen Blick in die Zelle von Maximilian Kolbe. Maximilian wer? Dann drängen die Nachströmenden weiter. Sie betreten Auschwitz wie ein Kino, zahlen für zwei Stunden Unterhaltung, und damit sie nicht vergessen, wo sie gewesen sind, fotografieren sie rasch die Goldrandbrille mit dem großen Blutfleck auf dem Glas und den Koffer, auf dem mit Kreide geschrieben wurde: Waisenkind Hana Fuchs, 3.6.1936, Nr. 645. Massentourismus trifft Massenvernichtung. Ausgemergelte, Gefolterte, Sterbende, den Körper von Lumpen bedeckt, Männer, Frauen, Kinder – menschliche Schatten starren aus matten Schwarzweißbildern. Verglichen mit den leeren Gesichter derer, die diese Bilder im Vorübergehen betrachten, ist die Ausdrucksstärke von Raufasertapeten ungleich größer. Sorglose Auschwitz-Ausflügler. Trifft einen doch einmal der Blick eines Erschreckten, weiß man nicht, ob er der Vergangenheit so fassungslos gegenübersteht oder dem Stumpfsinn der Erlebnistouristen, die höchstens Neugier, aber keine Achtung zeigen. Auschwitz ist kein authentischer Ort mehr. Auschwitz hat nicht einmal mehr die Kraft, Authentizität zu imitieren. Die Grausamkeit, das millionenfache Sterben – es kann einen hier nicht packen und würgen, wenn KZ-Touristen schwitzend in der Sonne baden, ans Mittagessen und an die Heimfahrt denken. Sie halten sich an den Händen, streben in Vorfreude auf die Highlights des Holocaust den Hinrichtungsstätten entgegen, rufen nach ihren Kindern, freuen sich auf einen Kaffee – nach all der Anstrengung.

Was bedeutet es diesen Menschen hier zu sein? Steht Auschwitz womöglich auf der Liste der 100 Orte, die man vor seinem Tod gesehen haben muss? Wollen 1,4 Millionen Besucher jährlich nur sagen können: „Da sind wir auch schon gewesen“?

Der Philosoph Karl Popper befand: „Wahre Ignoranz ist nicht das Fehlen von Wissen, sondern die Weigerung es zu erwerben.“ Mit wahren Ignoranten aber macht man die besten Geschäfte – weltweit. Deshalb wächst auch das Angebot, an Orte zu reisen, an denen man Wissen aktiv ablehnen kann: Krieg spielen im Vietcong-Tunnel, Klettern auf den Stelen des Berliner Holocaust-Mahnmal, Armut-Gucken im Township, ein beschwingter Abend im Anne-Frank-Musical, Gruseln am Ground Zero oder eine Stippvisite in die Sperrzone um Tschernobyl. Für Teilnehmer organisierter Polenreisen geht es von Auschwitz direkt weiter zum Führerhauptquartier „Wolfschanze“ samt Spritztour im Panzerfahrzeug über das Gelände.

Gastbeitrag von  Nicole Quint

für Israel-Nachrichten.org

Foto: clarin.com

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Von am 15/10/2014. Abgelegt unter Featured. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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