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Zeitgeschichte in der Emigrantenpresse – Miniaturen

Wiedergegeben wird hier ein Beitrag, den ein gewisser Iwan Heilbut in der Zeitschrift „Das Neue Tagebuch“ im Juli 1937 veröffentlicht hat und der Bände spricht.

Miniaturen – Die Vereinfachung

Wer in früheren Zeiten einen, der ihm nicht passte, umgebracht haben wollte, musste selber Hand anlegen oder gegen Honorar Hand anlegen lassen. Kain schlug Abel tot. Ein Kain von heute würde seinem Bruder eine Keule zu tragen geben („Halte sie mir doch für einen Augenblick, das Schuhband ist mir aufgegangen“), und im gleichen Augenblick würden einige Engel erscheinen, himmlische Polizisten, durch ein anonymes Schreiben auf Abels „geplante Verschwörung“ aufmerksam gemacht. Auf diesem Umweg über die bestehenden Institutionen würde Kain heute seinen Bruder beseitigen. Das ist ausprobiert, das klappt. Man erledigt seinen guten Bekannten heute durch eine selbstzündende Provokation. Man hängt ihn nicht auf; man lässt ihn sich selber aufhängen. Kain sagt zu Abel: „Der liebe Gott hat uns, entgegen seinem Versprechen, das irdische Paradies nicht verschafft. Sollte man ih nicht ein bisschen in Bewegung bringen..?“ – „Hmhm“, sagt Abel.

Das Gespräch wird im Nebenzimmer abgehört, und der Angesprochene, nicht der Sprecher, wird verhaftet. – „Naunu“, schreit Abel. „Ich habe ja nichts gesagt“ – „Das ist es eben“, erklärt man ihm, „Sie hätten Kain sofort zur Rede stellen müsssen.“

Da aber Kain nicht verhaftet wird, versteht Abel, was der ihm getan hat und verflucht ihn. Daraufhin fühlt Kain sich verleumdet, – von Abel und dem ganzen, bösartigen Rest der Menschheit, der sich zum Advokaten des Verleumdeten macht. Und dann beginnt das Spiel, wer wen verleumdet habe. Nach vierundzwanzig Stunden erklärt ein Teil der Zuschauer, – es sind zufällig die Freunde Kains, – dass es sie langweile. Die Sache sei undurchsichtig. Beweis für Abels Schuld sei zwar nicht erbracht, aber auch nicht für seine Unschuld. Uebringens stänke die ganze Geschichte zu sehr, man solle sie nun endlich begraben. Die hohe Geisitgkeit dieser Argumetation hat zur Folge, dass Abel weiter bemakelt bleibt, Kain dagegen in Ehre und Recht. Er braucht sich nicht die Frage stellen zu lassen, wo sein Bruder Abel sei. Er braucht nicht mit dem Stigma der Schuld, Kainszeichen genannt, unstet und flüchtig zu leben. All das bleibt für Abel. So einfach ist das Leben heute geworden.

Hätte der biblische Kain etwas von dieser Technik verstanden, wären ihm alle Unannehmlichkeiten erspart geblieben. Aber ausser an seiner unzivilisierten Art zu morden, scheiterte er damals auch noch an einer gewissen kindlichen Einrichtung: einer Gerechtigkeit, die nicht bloss für die hohen Töne auf der Tribüne berechnet, sondern aufrichtig gemeint war. Die Gerechtigkeit ist zwar nur eine Idee. Aber zu Kains Zeiten gab es sie noch. (Siehe erstes Buch Mose, 4. Kapitel). Es ist, um gottesfürchtig zu werden. Soweit haben es die Ausnutzer der Konjunktur unseres Zeitalters ohne Gott gebracht. Ihre „Freiheit“ zugleich vom Recht wie von Gott ruft die negative Verkoppelung hervor, es gebe ohne Gott kein Recht.
Schon halten wir aber weiter. Die Provokation ist schon allzu bekannt. Schon der Vater lehrt heute sein Kind, ehe es in die Schule eintritt: „Lass dich nicht provozieren, mein Kind. Sich nicht provozieren lassen, ist die Kunst unserer Zeit.“ Der Grossvater allerdings, der diese Welt nicht mehr versteht, wendet ein: „Was für eine feige Generation soll aus solchen Lehrern erwachsen!“ Aber: „Höre nicht auf den Alten“, sagt der Vater. „Die Provokation ist ein Angelhaken. Wer anbeisst, geht hoch.“

„Ich werde nicht anbeissen“, sagt das Kind. – „Das ist gut“, sagt die Mutter. „Denke auch an uns..!“ Dann lassen sie den Jungen in das grosse Abenteuer gehen, in die Schule, wo seine Fragen oder Antworten ihre eigenen Gedanken verraten kann. Der Lehrer fragt den Jungen: „Wenn der Führer dir befehlen würde, auf deine eltern zu schiessen, – was würdest du tun?“ Das ist der Angelhaken, denkt der Junge. Wenn ich anbeisse, gehe ich hoch. Er steht langsam auf und antwortet: „Ich würde mich bei ihnen erkundigen, was icht tun soll.“ – Der Lehrer wird blass. Es hat sich eben herumgesprochen, was Provokation ist! Schon die Kinder wissen Bescheid. Der Gefährdete kennt die Technik, die gegen ihn arbeitet, zu genau; mithin muss die Technik verändert werden. Und so geschieht es. Da der Provozierte die Provokation nicht akzeptiert, da Abel die Keule nicht nimmt, sondern lächelnd verweigert: „Herzlichen Dank, lieber Kain“, wird die Maschinerie auf gröbere Arbeit eingestellt.

Man überführt den Täter nicht mehr, man ertappt ihn nicht mehr in flagranti: man sucht sich ganz einfach Zeugen. Ich, der soundso, gebürtig soundso, wohnhaft soundso, habe gesehen…habe gehört… Das klingt, als spräche die Wahrheit selbst. Der Zeuge ist geboren, wohnt irgendwo, ist folglich existent, …wer könnte zweifeln? Man kann aber auch auf den Zeugen verzichten. Man kann schlicht sagen: Es ist gesehen worden…Es ist beobachtet worden… Am soundsovielten des soundsovielten hat Abel gegen die Sicherheit des Staates einen Aufstand versucht, der glücklicherweise durch die Wachsamkeit Kains verhindert werden konnte. Abel, der Verräter, büsste dabei sein Leben ein. Dem tapferen Kain gebührt der Dank aller anständig denkender Menschen. Der Vater erinnert sein Kind immer noch an den Angelhaken. „Lass dich nicht provozieren, mein Junge.“ Aber er weiss nicht, dass das Leben und die Kunst, Fische zu fangen, inzwischen fortgeschritten sind.

Da der Junge den Haken jedes Mal bemerkte und ihm jedes Mal auswich, packte der Lehrer ihn, als er hinter ihm über die Treppe ging, plötzlich am Kragen und brüllte durchs Schulhaus: „Er hat das Bild des Führers angespuckt..!“ Schüler und Lehrer strömen herbei. Siehe!, auf dem Bilde, genau auf der Nase, befand sich etwas, was dort nicht hätte sein sollen. Da geht der kleine Abel, weder mit Schleuder bewehrt noch mit Keule, und schon trägt er das Mal auf der Stirn. Er versteht. Er hat den eisernen Haken vermieden und wurde deshalb im Netz gefangen. Denn wenn der Verfolgte klug geworden ist, wird der Treiber schlau; und wird das Wild schlau, wird der Jäger brutal. Es gibt Angeln, Netze, Kugeln, Fallen, – Glück auf die Lebensreise! Die Behauptung, oft wiederholt, ersetzt den Beweis. Bald braucht man kaum noch zu wiederholen. Der Mensch gewöhnt sich an das Verfahren. Das Wort hat „eine heilige Kraft“. Auf Feinarbeit wird verzichtet.

Die Maschinerie geht rasch, immer rascher. In diesem rasenden Fortschritt war die Provokation noch eine Schamhaftigkeit, die letzte. An ihre Stelle trat die Verleumdung durch den falschen Zeugen. Morgen geht es sogar ohne das, morgen ist auch die letzte Rücksicht auf eine abgebrühte Oeffentlichkeit nicht mehr nötig. Kain erschlägt ohne Umstände Abel. Er spielt ihm nicht die Keule in die Hand, er haut einfach die Keule über des Bruders Kopf. Auf dem langen Umweg ist man wieder angelangt, wo man vor 6000 Jahren war. Bloss forderte damals eine Gerechtigkeit das Leben des Erschlagenen vom Mörder. Das ist der Fortschritt: das ist anders geworden.

Mit beiden Augen blind kommt der Mensch zur Welt. Weshalb schreist du, mein Kind, da du ja noch gar nicht siehst, was hier los ist? Wie müsstest du erst schreien, wenn dir die Augen aufgehen?
Aber gerade dann lernst du zu schweigen! Oder bist du nicht so?

Kann man diesen Beitrag heute, im Jahre 2015, eigentlich noch kommentieren? Ich glaube NEIN!

Von Rolf von Ameln

Redaktion Israel-Nachrichten.org

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Von am 05/03/2015. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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