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Die Aufteilung des österreichischen Staates in das Deutsche Reich

Dem aus Österreich stammenden Hitler war die Zerschlagung gewachsener Strukturen ein besonderes Anliegen. Die Neuorganisation legte er in die Hände von Nazifunktionären aus dem Altreich. Am 1. Mai des Jahres 1939 trat das von der Reichsregierung beschlossene „Ostmarkgesetz“ in Kraft. Im Wesentlichen wurden damit sieben „Reichsgaue“ anstatt der alten neun Bundesländer im ehemals österreichischen Staatsgebiet errichtet.

Damit wurde das Land nach dem „Anschluss“ noch einmal zerschlagen. Zugleich schuf dieses Gesetz mit einer Reihe anderer Gesetze und Erlässe ein Modell für die seit 1933 diskutierte Reichsreform im nationalsozialistischen Sinn. (Ansätze hierzu waren schon im Saargebiet und im Großraum Hamburg zu beobachten gewesen. Anm.d.Verf.) Von der Neuordnung des Behördenapparates war aber die Wehrmacht ausgenommen. Der Großteil der Bürokratie der okkupierten Länder und das, was davon in Deutschland nach der „Gleichschaltung“ 1933 übrig geblieben war, sollte aber zu einer nach dem gleichen Muster gestrickten „Mittelstufe“ der Verwaltung und Politik, also als Ebene zwischen nationalen und regionalen Behörden, zusammengefasst werden. Diese Ordnung sollte den Territorien der Gaue entsprechen. Auch die Einrichtung des „Sudetengaues“ und der „neuen Reichsgebiete“ im eroberten Polen folgten diesem Muster.

Der Anschluss Österreichs 1938 Foto: Archiv

Der Anschluss Österreichs 1938 Foto: Archiv

Das jüngste österreichische Bundesland, Burgenland, war schon am 1. Oktober 1938 zwischen der Steiermark und Niederösterreich aufgeteilt und Vorarlberg als „eigener Verwaltungsbezirk“ de facto an Tirol angeschlossen worden. An Kärnten war Osttirol gegangen, da dieser 1918/19 durch die Abtretung Südtirols an Italien von Innsbruck isolierte Landesteil bei den Tirolern immer auch als mahnende Erinnerung an das „Unrecht von Saint Germain“ galt, was Hitler gerade nicht wollte. Wien war wesentlich erweitert worden – dahinter standen einerseits damals durchaus moderne raumplanerische Stadt-Umland-Konzepte, andererseits die Vorstellung, Wien die „ungesunde Großstadthaut“ abzuziehen. Wenig verändert wurden die Steiermark und Salzburg, Oberösterreich blieb als „Oberdonau“, Niederösterreich als „Niederdonau“ bestehen. Die an die Tschechoslowakei und Jugoslawien grenzenden Gaue wurden allerdings 1938 bzw. 1941 nicht unwesentlich erweitert und im Laufe des Krieges zu Herden militär- und „volkstumpolitischer“ Tätigkeit über die alten Grenzen hinaus.

An der Spitze dieser Reichsgaue stand jeweils ein „Reichsstatthalter neuen Typs“, der zugleich auch Gauleiter war und damit das in Hitler und bei anderen Instanzen verkörperte Prinzip der Verschmelzung von Partei und Staat verwirklichte. Die schon ein Jahr früher bestellten sieben, „ostmärkischen“ Gauleiter wurden dadurch mit umfassenden staatlichen Machtbefugnissen ausgestattet. Das sollte sie zu echten „Unterführern“ machen und straff an die Zentrale – Berlin und München – binden. Doch die politische Realität sah recht bald anders aus. Die im „Dritten Reich“ üblichen Intrigen und Rivalitätskämpfe verstärkten sich, was der Nazi-Politik neue Danamik verlieh. So wurden die Reichsstatthalter zu Gauleitern und ihre Cliquen oft zu Faktoren der Radikalisierung des „Dritten Reiches“. So ging etwa die Verschärfung der antikatholischen Politik und der Judenverfolgung im sogenannten Altreich von dem ehemals österreichischen Gebiet – insbesondere von Wien – aus.

Die Grundlinien dieser Österreich-Politik waren bereits im April 1938 sichtbar geworden, ihre Umsetzung hatte sich jedoch verzögert. War beim Einmarsch der Wehrmacht von Hitler zunächst nur eine österreichisch-deutsche Personalunion angedacht gewesen, so war dann der „Anschluss“ Österreichs als „Ostmark“ betrieben worden, wie es den „Reichsvorstellungen“ vieler Wiener Nazis und Bürokraten entsprach. Doch eine solche föderalistische Lösung war von Hitler und den maßgeblichen Akteuren nur als Zwischenlösung gedacht. Der Trend ging eindeutig in eine zentralistische Richtung, die keinen Spielraum für österreichische Sonderinteressen lassen sollte. Die „Ostmark“ war nur eine Übergangslösung. Aus einem intensiven Tauziehen hinter den Kulissen der österreichischen und „reichsdeutschen“ Nazi-Führungsgruppen resultierten letztendlich Gebietseinteilung, Verwaltungsstrukturen und Personal des nunmehr nationalsozialistischen Österreich.

Hier, wo die Nazis nach 1938 auf die traditionellen Machteliten – Staatsbürokratie, Kirchen, Militär – weniger als im „Altreich“ Rücksicht zu nehmen brauchten, gab es viel Spielraum zur experimentellen Entwicklung neuer, radikal-nationalsozialistischer Strukturen und Politiken, die auf die Zukunft des Nazi-Staates im Krieg hinwiesen. Hier spiegelt sich auch die interne Machtkonstellation von 1938/39: Neben Göring und dessen Vierjahresplaninteressen setzten sich personalpolitisch vor allem der aufsteigende Himmler und seine SS durch, während sich der für die „Reichsreform“ eigentlich zuständige Innenminister Frick als ein verblassender Stern erwies. Der „Führer“ selbst nahm – vor Beginn des Zweiten Weltkrieges – besonderen Anteil an der Österreich-Politik und behielt sich in vielen Details die letzten Entscheidungen vor, während sich vor allem Bormann im Stab des Stellvertreters des Führers intensiv an den Planspielen zu beteiligen hatte. Nicht zu übersehen waren auch die innerösterreichischen Rivalitäten, die in einem schiefen Proporz von SS, politischer Organisation und SS mündeten.

Auffällig war jedoch, dass sich gegenüber den als „gemäßigt“ geltenden Wiener Nazi-Führern und den „katholisch-nationalen“ Marionetten der „Anschluss“-Regierung unter Arthur Seyß-Inquart radikale österreichische Bundesländer-Nazis durchsetzten. Vor allem Kärntner Partei- und SS-Führer, die aus der Illegalität heraus zum Sturz des autoritären „Ständestaats“ beigetragen hatten, waren es, die mit Unterstützung Himmlers zu Macht und Einfluss gelangten, so Friedrich Rainer – zuerst Slazburg, dann Kärnten – und Odilo Globonic – vorübergehend Wien, dann Exekutor des Judenmords im „Generalgouvernement“-. Gerade sie waren es, die auch die Zerschlagung Österreichs betrieben und den Anti-Wien-Affekt, der nicht nur unter der Parteigefolgschaft in den Bundesländern populär war, auslebten. Und manche von ihnen setzten, ebenso wie viele ihrer unterlegenen Rivalen ihre Karrieren in einer verhängnisvollen Weise ab dem Jahr 1939 auf den eroberten Territorien und in der Nazi-Vernichtungspolitik fort.

Der von Hitler ins Land gesandte saarpfälzische Gauleiter Bürckel als „Eingliederungs-Reichskommissar“ war dabei die von Wien aus agierende Schaltstelle. Bürckel verfolgte durchaus eigene Ziele, für welche er Wien als Machtzentrum zwischen dem Westen und Osten des Reichsgebietes nutzen wollte; dabei überging er einheimische Rivalen wie Seyß-Inquart oder den Wiener Bürgermeister Neubacher, bis er selbst durch Intrigen österreichischer Nazis zu Fall gebracht wurde. Hitler sagte in seinen Tagesgesprächen 1942, nach Wien habe damals, um die Auflösung Österreichs in seine Reichsländer – die mit ihren 600 bis 700 Jahren mit die ältesten seien – und deren Rückgliederung ins Reich durchzuführen, ein Mann wie Bürckel gemußt, der selbst auf die Gefahr, sich unbeliebt zu machen, mit radikaler Konsequenz und nicht mit Wiener „Gemurkse“ ans Werk gegangen sei.

Dennoch bremste Hitler ihn und andere radikale „Reichsreformer“, die mit der sofortigen Auflösung Österreichs soweit gehen wollten, die einigermaßen erhalten gebliebene Bundesländer-Struktur einem an Napoleon orientierten Zentralstaats zu opfern; denn dann, erklärte er Bürckel, würde sich bei den österreichischen Nazis, welche die eingeführte Reichsgau-Lösung unterstützten, „die Anschlußfreudigkeit in eine Reichsmüdigkeit verwandeln“. Somit war die Zerschlagung Österreichs nicht nur als eine Konsequenz deutscher NS-Politik, sondern auch innerösterreichischer Wünsche und Machtspiele. Dies gilt selbst noch für die weitere Radikalisierung der Österreich-Politik, als die Namen „Österreich“ und „Ostmark“ verboten wurden und ab dem Jahre 1942 selbst die Sammelbezeichnung „Alpen- und Donaureichsgaue“ als so gefährlich galt, dass sie nur in Ausnahmefällen gestattet war.

Als „Mann im Hintergrund“ fungierte Christian Opdenhoff (1902-1972), Agrar-Experte; seit 1925, Mitglied der NSDAP, diverse Parteiämter, SA- und SS-Führer, seit 1936 Reichsamtsleiter im Stab des Stellvertreters des Führers, „rechte Hand“ Bormanns und des „Reichskommissars für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“, Josef Bürckel, bei der Ausarbeitung der Österreich-Politik 1938/39. Stellvertretender Gauleiter für „Oberdonau“ (1940-44), dann für „Ost-hannover“. Nach 1945 Autohändler in Süddeutschland. Er berichtete am 2. April 1938 aus Wien: „Bei meiner Fahrt durch die verschiedenen Länder konnte ich einheitlich feststellen, in der gesamten Partei und Bevölkerung wird die Liquidation Österreichs begrüßt. Es besteht der einheitliche Wunsch, nun mit dem Begriff Österreich so gründlich wie möglich aufzuräumen. Es freut sich alles auf eine Ausrichtung nach München und staatsmäßig nach Berlin. Es fürchtet aber alles, daß auch jetzt noch weiter Wien in irgendeiner Form Mittelpunkt bleibt.“

Von Rolf von Ameln

Redaktion Israel-Nachrichten.org

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Von am 13/04/2015. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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