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Die Emigrantenpresse berichtet über Hitlers 50. Geburtstag

Mit Datum vom 19. April 1939 schreibt die Pariser Tageszeitung:

AUS DEM REICH – Die Geburtstagsfeier beginnt

Seit dem frühen Morgen schon steht die Reichshauptstadt, das lässt sich nicht leugnen, im Zeichen der Geburtstagsfeier des Staatsoberhauptes. Menschenmassen bewegen sich durch die Strassen, die den Schauplatz der Veranstaltungen abgeben, namentlich durch die Ostwest-Achse vom Brandenburger Tor bis zum Grunewald. Schon zu Beginn des Nachmittags begann der Aufmarsch zur Spalierbildung dort. Angeführt von ihren Amtswaltern, unter Vorantritt von Musikkapellen und der Betriebszellen, zogen die Belegschaften aus Fabriken und Geschäftshäusern in langen Zügen heran, um die ihnen zugewiesenen Plätze einzunehmen. Manche mussten über sechs Stunden warten. Den Ordnungsdienst versahen 25.000 Parteimitglieder. Hitlers Stundenplan zum Geburtstag begann am Nachmittag, wo er sich in der neuen Reichskanzlei die beförderten „Junker“ der Braunschweiger SS-Schule vorstellen liess. Um 19 Uhr empfing er die Reichsleiter der Partei, angeführt von Reichsminister Rudolf Hess.

Pariser Tageszeitung - Ausgabe 20. April 1939. Foto: Archiv/RvAmeln

Pariser Tageszeitung – Ausgabe 20. April 1939. Foto: Archiv/RvAmeln

Sie brachten ihm ein wirklich originelles Geschenk. Fünfzig Briefe des Preussenkönigs Friedrich, von denen versichert wird, dass sie nicht eine Plünderung der amtlichen Archivbestände darstellen, sondern aus einer Privatsammlung stammen. Man habe darauf Bedacht genommen, lediglich Briefe in deutscher Sprache zu sammeln. Da solche Briefe sehr selten sind – der grosse Friedrich war ja das, was man nach heutigem Sprachgebrauch einen Französling nennt – so ist die Vermutung zulässig, dass es sich um die kärglichen Briefe an den Kammerdiener Fredersdorff handelt, deren Veröffentlichung in Buchform vor einigen Jahren zeigte, wie liebevoll besorgt der sonst so bissige Satiriker sein konnte, und wie grausam er die deutsche Sprache zu misshandeln verstand. Um 20 Uhr nahm Hitler die Huldigung der 2000 Inhaber des „Blutordens“ entgegen, also derjenigen Parteimitglieder, die in den Straßenkämpfen verwundet wurden. Göbbels eröffnete die Reihe der Ansprachen durch eine Rede am Nachmittag, in der er mit Genugtuung verzeichnete, dass auf dem ganzen Planeten niemand bei dem Namen Adolf Hitler gleichgültig bleibe. Göring hatte einen „Aufruf an das deutsche Volk“ erlassen, worin er Hitler zum grössten Deutschen aller Zeiten proklamierte. Weiter sagte er: „Mögen die Politiker und Staatsmänner einer uns unbegreiflichen Welt Pläne und Intrigen schmieden, mögen die Journalisten Gift und Galle gegen uns spritzen. Wir kümmern uns nicht um ihr Geschrei. Für uns zählt allein das Wort Adolf Hitlers.“

Ein weiterer Beitrag befasst sich mit dem „Geburtstagsfest“:

Nur mit einigem Widerstreben greift man zur Feder, um über das Ereignis zu schreiben, das heute im Dritten Reich als Nationalfest gefeiert wird. Nicht, dass das Thema unergiebig und unbedeutend wäre. Ganz im Gegenteil. Doch „die Verhältnisse, sie sind nicht so“, dass man alles, was Herz und Verstand zu sagen gebieten, aussprechen dürfte. Die Herren Nazis, die in den Hauptstädten der demokratischen Staaten in Abwesenheit der akkreditierten Botschafter die Belange ihres Chefs vertreten, sind sensible Naturen, und wenn sie in den Blättern, die von deutschen Emigranten geschrieben werden, irgendein Wörtchen entdecken, das als „Beleidigung eines Staatsoberhauptes“ ausgelegt werden könnte, no nehmen sie pflichteifrigst die Gelegenheit wahr, „vorstellig“ zu werden. Da sichert ihnen in der Heimat eine gute Nummer. Aber es ist selbstverständliche Pflicht des Gastes, im fremden Lande alles zu vermeiden, was für den Gastgeberstaat irgenwelche Ungelegenheiten verursachen könnte, seien es auch nur unbegründete Demarchen irgendeines deutschen Botschaftsangestellten.

Merkwürdig bleibt allerdings der Mut der Herren Nazis, sich gerade gegenüber vermeintlichen „Beleidigungen eines Staatsoberhauptes“ so empfindlich zu zeigen. Ein Staatsoberhaupt ist bekanntlich der Präsident der Vereinigten Staaten, und es gibt kein deutsches Emigrantenblatt, das in seiner Kritik an dem nationalsozialistischen Chef auch nur ein Tausendstel von den heftigen Verbalinjurien ausgesprochen hätte, die gegenwärtig die ganze Presse des Dritten Reiches und Italiens auf behördliche Anweisung gedruckt werden müssen. Ein Staatsoberhaupt war auch Benesch, der Präsident der Tschechoslowakischen Republik, als diese noch Verbündeter Frankreichs war, und man hat gewiss noch nicht die allerhöchsten deutschen Reden vergessen, in denen der nazistischen Presse der Ton für die Wertung der Benesch´schen Persönlichkeit angegeben wurde. Aber wie dem auch sei: man muss sich damit abfinden, dass die nazistische Sensibilität unsereinen verpflichtet, auch dem heutigen Nationalfeiertag des Dritten Reiches mehr stille Gedanken als gedruckte Worte zu widmen.

Wir wären übrigens nicht in Versuchung, zum fünfzigsten Geburtstag des Autors von „Mein Kampf“ das nazistische Lexikon über Roosevelt und Benesch zu plündern. Aber es wäre naheliegend, den Geburtstag zu einer biogrphisch-analytischen Betrachtung des Jubilars zu nehmen, und das Phänomes des Einflusses zu behandeln, den der erfolglose Maler aus Braunau im Verlauf seiner Politiker-Karriere auf das Schicksal Deutschlands gewann. Wie kam es? Woher kam es? Wie erklärt sich diese seltsame Laufbahn? Und was besagt sie für den wahren Charakter der deutschen Nation und für ihre Zukunft? Das alles sind zwar keine neuen Fragen, aber zu viel Missverständnisse ranken sich um diese Figur, als dass es überflüssig wäre, stets von neuem zu fragen. Man möchte heute auch die Frage aufwerfen, ob die sechseinhalb Jahre Regierungstätigkeit, die der Autor von „Mein Kampf“ bis zu seinem heutigen Festtag verübt hat, zu einer Korrektur früherer Urteile über seine Persönlichkeit Veranlassung geben.

Aber auch in einer solchen Untersuchung würden sich allzu leicht Formulierungen einschleichen können, die es sich mit Rücksicht auf die Verhältnisse zu vermeiden empfiehlt. Begnügen wir uns mit der Feststellung, dass wir, die den Autor von „Mein Kampf“ und sein geistiges Format zu kennen glaubten, uns sicherlich in einem Punkte mehr oder minder geirrt haben: er hat sein Talent, mit Schwächeren fertig zu werden, in einem grösseren Ausmass betätigen können, als sich vorausahnen liess. Ob er auch das Talent hat, mit Starken fertig zu werden, ist eine Frage, die erst die Entwicklung nach seinem fünfzigsten Geburtstag beantworten wird. Bis heute haben seine Talente, die voreilige Erfolgsanbeter bewundern, die Welt, und Deutschland eingeschlossen, in jene tragische Lage zu bringen vermocht, die Roosevelt in seiner Botschaft an Hitler und Mussolini beschreibt. Die zermürbende Angst vor der Zukunft, die der Jubilar in ganz Europa heimisch gemacht hat – eine Angst, vergleichbar nur der abergläubischen Erwartung eines bevorstehenden Weltuntergangs, die man im Mittelalter gekannt hat -, sie wird auch in Deutschland empfunden. Ueber der prunkvollen Kolossal-Geburtstagsfeier, zu der heute im Reich die Untertanen aufgerufen sind, liegt der Schatten dieser schrecklichen Angst – es wird, ohne Zweifel, eine sehr laute Feier sein, aber keine fröhliche. Und Millionen von Deutschen dürften heute einen stillen Wunsch haben, der wesentlich anders lautet als die offiziellen Glückwünsche.J.B.

Als Kurzmeldung bringt das Blatt auf der Titelseite: Selbstmord im Exil

Amsterdam, 19. April.
In Amsterdam haben der deutsch-jüdische Arzt Dr. Ludwig Jaffe und seine Frau Pauline, beide 55 Jahre alt, durch Einatmen von Gas Selbstmord begangen. Dr. Jaffe war in Berlin ein bekannter Arzt gewesen; er war längere Zeit Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Aerzte in Berlin und Stadtverordneter von Charlottenburg. In Amsterdam lebte er seit 1938. Die Hoffnungslosigkeit seiner Lage trieb das Paar in den Tod.
Auf der letzten Seite ist eine Ballade von einem gewissen Alfred Kerr abgedruckt, die ich den Lesern nicht vorenthalten möchte, weil sie den damalingen Zeitgeist so treffend beschrieb:
I
Preisend mit viel schönen Reden, wer der best Beschützte sei,
Plauderten zwei Diktatoren – jeder trumpfte auf dabei.
Musso sprach: „Wenn ich verreise, wird ein Wagen angehängt,
So gepanzert, dass ein Fuder Dynamit ihn nicht zersprengt“.
„Doch auf meinen Schutz“, sprach Hitler, „ist bedeutend mehr Verlass,
Denn ich brülle meine Reden hinter kugelfestem Glas“.
Sieh, ein grau-gespenst´ges Wesen hatte beide still umkreist,
Nun zu ihrem stieren Staunen nahte sich der bärtige Geist.
Schwäbisch sprach der Geist – entgeistert von den beiden angestarrt – :
„Isch war einscht ein Württemberger, und man hiess mich Eberhard“.
Und der Geist fing an zu schwätze: „Mir fiel ein besondres Los:
Furchtfrei legt´ ich meinen Dickkopf jedem Schwaben in den Schoss.
Pfui, wie hat sich´s heut verändert, das Vertraue´ ging zugrund,
Donnerspätzle!“, rief er schaurig, spuckte dreimal und verschwund.
II
Halb verdutzt und halb verdattert blieb das Diktatorenpaar,
Beide grübelten noch lange, wer der Geist gewesen war.
Aber schliesslich sprach der Hitler: „Was uns da erschienen ist,
War ein roter Untermensch, ein Judäobolschewist“.
Musso rief: „Amico caro! Wie du alles weisste!
(Und ich wünschte“ – dacht´ er innen…“du auch wärest schon ein Geist“)
Hitler sah ihm treu ins Auge: „Hast dich nie in mir geirrt!
(Und du kannst noch was erleben, dass dir grün und schwindlig wird)“.
Also redeten sie lange, Mann zu Mann, und sonder Arg.
Tauschten biedre Freundesworte, die der biedre Busen barg.
Und der Geischt flog heim gen Stuckert und begab sich in den Sarg.

Von Rolf von Ameln

Redaktion Israel-Nachrichten.org

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Von am 17/04/2015. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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