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Luxemburg entschuldigt sich bei jüdischer Gemeinschaft

Das Parlament und die Regierung von Luxemburg haben sich für das Leid entschuldigt, dass den Juden während der Nazi-Besetzung zugefügt wurde.

Nachdem die Vorgängerregierung unter Jean Claude Juncker 2012 der Uni Luxemburg den Auftrag erteilt hatte einen Bericht über die Rolle der Luxemburger Verwaltung während des zweiten Weltkrieges anzufertigen, und dieser Bericht im Februar vorgestellt worden war, nahm das Luxemburger Parlament, die Chamber, am 9. Juni einen Entschliessungsantrag an und entschuldigte sich bei der jüdischen Gemeinde von Luxemburg für das ihr während der deutschen Besatzung zugefügte Leid. Die luxemburgische Abgeordnetenkammer verabschiedete fraktionsübergreifend und einstimmig die Resolution, mit der sie sich bei den „Juden im Großherzogtum entschuldigte, Verantwortung übernommen und sich dazu verpflichtet hat, alles in «ihrer Macht stehende zu tun, um sicherzustellen, dass solche Gräueltaten nie wieder geschehen“.

Alex Bodry (LSAP), Vorsitzender der Institutionenkommission, hatte die Resolution vorgetragen, mit der sich das Parlament bei den Opfern aus der jüdischen Gemeinschaft entschuldigte. Der Text hält die Anerkennung des Leids der Juden in Luxemburg während der Besatzungszeit fest. Die Abgeordneten der Fraktionen und parlamentarischen Gruppen gingen auf die Rolle der „Verwaltungskommission“ unter Albert Wehrer (1885-1967), einer Art Ersatzregierung, in der Frühzeit der deutschen Besatzung ab Mai 1940 ein. Die Luxemburger Institutionen hätten damals zwar nur einen geringen Handlungsspielraum gehabt, gleichwohl sei es zu Fehlverhalten gekommen. „Lehrer, Verwaltungsbeamte, Bürgermeister, Notare hätten damals an der Verfolgung der Juden aktiv teilgenommen“, sagte Bodry.

Alex Bodry fasste die Zahlen aus dem Artuso-Bericht zusammen: 1300 Juden, die 1940 in Luxemburg lebten, wurden in Todeslager deportiert. Insgesamt hatte das Großherzogtum 5700 Todesopfer, die Hälfte davon zwangseingezogene Soldaten der Wehrmacht, zu beklagen, zwei Prozent der damaligen Bevölkerung. Auf diese Opfer hatte man sich nach dem Kriege fokussiert und die jüdischen Opfer, die prozentual weitaus mehr waren, vergessen. Auch wenn die Verwaltung nicht als Ganzes kollaboriert habe, seien die «Luxemburger Juden aus der nationalen Gemeinschaft ausgeschlossen» worden, sagte Bodry. Premierminstier Xavier Bettel (DP) erklärte: „Wir waren damals nicht alle Helden.“´

Der Historiker Vincent Artuso, der den Bericht im Auftrag der Uni Luxemburg erstellt hatte, hatte vor einigen Jahren im Nationalarchiv von Luxemburg Material über die Kollaboration des Landes mit den Nazis gesammelt. Er fand Belege dafür, dass noch im November 1940, also 6 Monate nach Beginn der Besetzung, zwei Listen erstellt wurden: eine mit den Namen von 471 polnischen Juden, die in Luxemburg arbeiteten, und eine mit den Namen von 280 jüdischen Kindern. Die Listen wurden von der luxemburgischen Verwaltungskommission, die sich nach der Flucht der Luxemburger Regierung und des großherzoglichen Hauses bei der Besetzung gebildet hatte, weitergeleitet. Die Verwaltungskommission habe, so Artusos Fazit, mit den deutschen Okkupanten kollaboriert. Die Listen seien aus eigenem Antrieb mit Angabe der Religionszugehörigkeit erstellt worden. Offizielle Meldedaten hätten keine Informationen zur Religionszugehörigkeit enthalten. Die Erwachsenenliste hatte auch Personen enthalten, die gar keine Juden waren, deren Namen aber jüdisch klangen, so übertrieben anbiedernd hatte man damals versucht den deutschen Besatzern zu gefallen.

Antisemitismus und Philosemitismus in Luxemburg

Vor einem Jahr hatte sich, nachdem sich bereits die belgische Regierung bei den Juden entschuldig hatte, zunächst der Bürgermeister des südluxemburgischen Differdingen, Roberto Traversini, für das Verhalten der örtlichen Behörden entschuldigt. Antisemitismus war bereits vor der deutschen Besatzung sogar in sozialdemokratischen Kreisen in Luxemburg verbreitet, wie Recherchen der Historikerin Renée Wagener, einer ehemaligen Abgeordneten der GRENG (Grünen) ergaben.

Mit Marcel Cahen (1887-1949) zog 1922 erstmals ein Jude, der Zigarettenfabrikant war, als Mitglied der liberalen Partei ins Parlament ein. Cahen war in der Finanz- und Währungspolitik ein engagierter Redner. Aber auch in anderen Themenbereichen tat er sich durch sein Plädoyer für Modernisierung und Effizienz des Staates hervor. Er hätte wohl das Zeug zum Bürgermeister und zum Minister gehabt, doch ein persönlicher Konkurrenzkampf mit Gaston Diderich, dem langjährigen Bürgermeister von Luxemburg Stadt verhinderte dies. 1928 gründete er eine eigene Zeitung, die kurzlebige „Freien Presse“ Es gelang ihm nicht eine linksliberale Alternative aufzubauen. Nach seiner Rückkehr zu den Radikalliberalen, die ab 1937 zunächst die Regierungskoalition von Rechtspartei und Arbeiterpartei stützten, blieb er unter ihnen ein Außenseiter, obwohl er sich mit Diderich die Präsidentschaft der Partei teilte. Während der deutschen Besatzung ging er mit der Luxemburgischen Regierung, als deren „Finanzminister“ ins Exil nach London.

Victor Hugo Hotel in Altwies Luxemburg. Foto: Bodo Bost

Victor Hugo Hotel in Altwies Luxemburg. Foto: Bodo Bost

Seit 1933 hatte Luxemburg viele jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und seit 1935 auch aus dem benachbarten Saarland aufgenommen, die bis 1938 sogar eine Hachschara Siedlung in Altwies errichten konnten, wo sie sich auf die Auswanderung nach Palästina vorbereiteten. Prominente Zionisten, wie Josef Rosenthal, ein Vertrauter des israelischen Staatsgründers David Ben Gurion haben diese Schule absolviert. Auch Kurt Goldstein (1914-2007) aus Hamm/Westfalen, einer der Führer des Aufstandes der Häftlinge von Buchenwald und Else Mühsam (1910-2004) die Tochter des Schriftstellers Paul Mühsam aus Schlesien haben diese Hachschara absolviert, die im damaligen Luxemburg einen Sonderstatus genoss. Victor Bodson (1902-1984), der ehemalige Justizminister und Parlamentspräsident hat als einziger Luxemburger in der Allee der Gerechten in Yad Vashem einen Baum als „Gerechter unter den Völkern“ bekommen, weil er in seinem Wohnort Steinheim an der deutschen Grenze bis 1940 fast 100 Juden, die den Fluss Sauer durchschwommen hatten, gerettet und in Sicherheit gebracht hat.

Erst unter dem liberalen Premierminister Xavier Bettel wurde 2013 erstmals wieder eine Jüdin Abgeordnete und Ministerin, Corinne Cahen, Ministerin für Familie und Integration sowie Ministerin für die Großregion.

Die von Regierung und Parlament ausgesprochene Entschuldigung ist der erste Schritt in die richtige Richtung. 70 Jahre nach den Untaten der Nazis gibt es kaum noch jemanden, der persönlich Schuld auf sich geladen hat. Jetzt sind weitere Schritte fällig. Ein Shoah Denkmal soll von dem Künstler Shelomo Seliger (87), einem Auschwitzüberlebenden, im Stadtzentrum, in Sichtweite des Außenministeriums errichtet werden, eine Stiftung soll das Andenken an die Shoah wahren helfen und es muss geklärt werden, was mit den während des Nazi-Terrors beschlagnahmten Konten von Juden passiert ist.

Von Bodo Bost

Redaktion Israel-Nachrichten.org

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Von am 22/06/2015. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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