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Spanien: „Nicht wie Schafe zur Schlachtbank“ Juden aus Baden im Kampf gegen Franco und Nazi-Söldner aus Deutschland

Vor 80 Jahren putscht in Spanien eine Militärsclique unter Franco gegen die demokratisch gewählte Regierung. Zu den ersten nichtspanischen Verteidigern der Republik gehören Anarchisten und Kommunisten aus Deutschland, aus Polen und der Schweiz, die zur Arbeiterolympiade nach Barcelona gekommen waren. Sie nennen sich „Grupo Thälmann“ und kämpfen mit der Waffe gegen die Putschisten. Auch in aktuellen Darstellungen fehlt ein Merkmale dieser Gruppe: 14 der 20 namentlich bekannten frühen Mitglieder stammen aus jüdischen Familien.

Denkmal für die Spanienkämpfer im Volkspark-Friedrichshain in Berlin

Denkmal für die Spanienkämpfer im Volkspark-Friedrichshain in Berlin

Ein 2015 erschienenes Lexikon der Spanienfreiwilligen nennt zwar acht Verteidiger der spanischen Republik aus Baden, die aus jüdischen Familien stammten, jedoch ist dies nur bei einer Person vermerkt. Diese partielle Erinnerung ist – da das nötige Wissen leicht erreichbar ist – eine Fälschung der Geschichte mit einem schlimmen und entwürdigenden Ergebnis, das indirekt die Propaganda der Nazis vom „feigen Juden“ zu bestätigen scheint. Im Museum für Literatur am Oberrhein in Karlsruhe erinnert eine Tafel an Carl Einstein als „Literat, Kritiker und Kunsttheoretiker“. Was er zwischen 1936 und 1939 in Spanien gemacht hat, wird verschwiegen.

Der Aufruf von Abba Kovner am 1. Januar 1942 im Getto von Wilna/heute Vilnius zum Widerstand gegen die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten lautete: „Lasst uns nicht wie Schafe zur Schlachtbank gehen! Es stimmt, wir sind schwach und hilflos, aber die einzige Antwort an den Feind ist Widerstand!“ Diesen Aufruf zum bewaffneten Widerstand gegen die Faschisten gab es schon fünf Jahre früher, nur ist das Wissen darüber verschüttet:

„Die einzige Antwort an den Feind ist Widerstand!“

In den Internationalen Brigaden gegen die Militärputschisten unter Franco kämpft die Naftali-Botwin-Kompanie mit 300 Mann. Sie gehört zum Palafox-Bataillon und ist eine jüdische Kompanie mit 300 Mann. Sie ruft in jiddischer Sprache über den spanischen Rundfunk Juden außerhalb Spaniens auf: „Wo immer du lebst, arbeitest oder leidest, wisse: Über deine Hoffnung, Hitler und Mussolini zu schlagen, wird heute in Spanien entschieden.“ In der Botwin-Zeitung heißt es über die über 6000 Juden, die nicht in der Botwin-Kompanie, sondern in anderen Einheiten gegen die Falangisten kämpften: „Sie haben nicht vergessen, dass sie Juden sind und dass sie, gegen den Faschismus kämpfend, auch den barbarischen Antisemitismus schlagen, wie auch die Nürnberger Gesetze und die verfluchten Regime der Gettos und der Pogrome“.

Arno Lustiger hat mit seinem Buch „Schalom Libertad“ versucht, das Schweigen über die jüdischen Spanienfreiwilligen zu brechen. Er kommt auf eine Zahl von über 6 000 in den verschiedenen Einheiten der Brigaden und Milizen. Da er nur zwei der mindestens acht Freiwilligen aus Baden kennt, wird die Gesamtzahl wahrscheinlich weitaus höher sein.

Nach 80 Jahren: wahrnehmen und würdigen

Max Diamant von der Sozialistischen Arbeiter-Partei hatte 1932 in Mannheim versucht, mit Vertretern der KPD und SPD eine Einheitsfront gegen das Anwachsen der NSDAP zu schmieden. 1936 geht er nach Spanien und leitet 1936/37 das deutschsprachige Büro der POUM in Barcelona, einer marxistischen, aber antistalinistischen Partei. Er ist verantwortlich für Radiosendungen und die Redaktion der Zeitschrift „Die spanische Revolution“. Ab März 1941 arbeitet er mit in der Organisation von Varian Fry in Marseille, die jüdischen und anderen von den Nazis Bedrohten die Flucht nach Übersee ermöglicht. Er kann nach Mexiko fliehen.

Georg Eckstein ist ab 1932 Verantwortlicher für die kommunistische „Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition“ in Karlsruhe. Der „Stürmer“, die antisemitische Hetzzeitung der Nazis, verunglimpft ihn als „Sowjetjuden“ Er muss 1935 aus Nazi-Deutschland fliehen und kämpft in Spanien, überlebt die Lager St. Cyprien und Le Vernet in Südfrankreich und „stirbt“ 1942 nach der Deportation ins Wüstenlager Djelfa in Algerien.

Carl Einstein verbrachte seine Jugend in Karlsruhe und kämpft ab Sommer 1936 in der Columna Durruti der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT. Er schreibt 1938 an Pablo Picasso: „Ich habe in Spanien nichts weiter gesucht als die Möglichkeit, den Kameraden, der Freiheit und der menschlichen Würde zu dienen… Wir müssen diese Leute hier mit allen Mitteln verteidigen. Denn wenn wir nach alledem hier noch in Freiheit schreiben und malen können, dann ist dies – wortwörtlich – nur dem spanischen Widerstand zu danken. Ich wusste von Anfang an, dass ich in Spanien meine eigene Arbeit, die Möglichkeit, als freies Individuum zu denken und zu fühlen, verteidigen würde“.

1939 ist er in Frankreich. Er weiß, was ihn wohl bald erwarten würde: „Man wird mich internieren, und französische Gendarmen werden uns bewachen. Eines schönen Tages werden es SS-Leute sein. Aber das will ich nicht. Je me foutrai à l’eau. Ich werde mich ins Wasser werfen!“ Sein zweiter Fluchtversuch in den Tod ist erfolgreich: Am 7.7.1940 wird seine Leiche im Fluss Gave de Pau bei Boeil-Bézing gefunden.

Edgar Ginsberger, Mitglied der KPD und 1933 im Konzentrationslager Heuberg eingesperrt, kämpft im Tschapajew-Bataillon der Internationalen Brigaden und „stirbt“ bei der Verteidigung Madrids Anfang 1937. Seinen Vater Arnold verschleppen die Nazis am 22. Oktober 1940 ins Lager Gurs, wo er 1942 „stirbt“. 1942. An Vater und Sohn erinnern Stolpersteine vor dem Haus Osterfeldstr. 33 in Pforzheim.

Hermann Hertz aus Karlsruhe muss nach 1933 sein Studium abbrechen. Er nutzt seine Tätigkeit als Reisender einer Lederhandlung, um das illegale Netz der Sozialistischen Arbeiter-Partei auszubauen. Ab 1936 kämpft er in Spanien, 1938 gelingt ihm die Flucht in die USA.

Die Geschwister Edgar und Gretel Linick aus Heidelberg sind im Sommer 1936 schon in Spanien. Edgar, laut Nachruf „sicher nicht als Soldat geboren“, ist Sekretär der Sanitätseinheiten der Internationalen Brigaden, Gretel arbeitet als Krankenschwester. Der Bruder gelangt nach einer Odyssee durch die Lager St. Cyprien, Gurs und Le Vernet in Südfrankreich sowie das Wüstenlager Djelfa in Algerien und einem Transport per Bahn, LKW und Schiff über Suez, Kairo, Alexandria, Haifa, Bagdad, Basra, Teheran, Bender-Schah und Krasnowodsk (heute Türkmenbasi) in die Sowjetunion. Die Schwester wird – wie die meisten Juden aus Baden, die 1942 noch im Lager Gurs sind – über Drancy bei Paris am 16. September 1942 ins Vernichtungslager Auschwitz verschleppt. Die Eltern Bertha und David Linick werden von den Nazis am 22. Oktober 1940 ins Lager Gurs verschleppt, nur der Vater überlebt.

Kurt-Hans Steiner aus Mannheim, von seiner Tochter als „Salon-Sozialist“ bezeichnet, begründet 1937 seine Teilnahme am Kampf gegen die Francisten:

„Nachdem wir nun sicher wissen, dass Hitlers Armee sich in diesen Kampf einmischt, können wir uns nicht länger zurücklehnen und den Spaniern beim Kämpfen zuschauen. Sie haben uns aufgenommen und uns ein Zuhause gegeben. Es ist Zeit, dass wir etwas zurückgeben.“ Als er in Uniform und mit Pistolenhalfter daheim auftaucht, denkt die Tochter laut über die Bedenken der Mutter nach: „Du weißt, wie sie alles Militärische hasst.“ Die Antwort des Vaters: „Ja, ich weiß, ich mag es auch nicht. Aber diesmal ist es anders. Dies ist ein Kampf um Menschenrechte, für Gerechtigkeit und Freiheit“. Er wird 1939 in Gurs interniert, nach einem Fluchtversuch von den französischen Behörden an die Nazis ausgeliefert und am 4. 11. 1942 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Seine Frau Emma und die Tochter Hannelore überleben.

Es ist zu hoffen, dass nicht nur die jüdischen Gemeinden in Baden ihre VorkämpferInnen für die Freiheit wahrnehmen und würdigen. Die z.T. immer noch bruchstückhaften Biografien werden im Herbst in einer Dokumentation über die 110 Spanienfreiwilligen aus Baden veröffentlicht und sollen Anstoß sein zur weiteren Forschung.

Von Brigitte und Gerhard Brändle, Karlsruhe

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Von am 01/03/2016. Abgelegt unter Featured. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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