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Die stille Kriegsfinanzierung des Nazi-Regimes – Wer zahlte den Angriffskrieg?

Besitzer von Sparbüchern und Inhaber von Lebensversicherungen bürgten für die Schulden, die der Staat der Nationalsozialisten zur Finanzierung der Aufrüstung machte. Nur die staatlichen Preis- und Lohnkontrollen verhinderten eine galoppierende Inflation. Bereits im Jahre 1934 begann das Deutsche Reich mit der Finanzierung der Aufrüstung. Der Kapitalmarktausschuss der Reichsbank sorgte unter der Führung des Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht dafür, dass langfristige Kapitalanlagen nur dem Reich und den kriegswichtigen Unternehmen zugute kamen. Ein Unternehmen, das keine rüstungswichtigen Güter produzierte, konnte weder Anleihen noch neue Aktien auf dem Kapitalmarkt platzieren.

Göring bei einem Besuch der Messerschmitt-Werke am 27. Februar 1941. Foto: Archiv/RvAmeln

Göring bei einem Besuch der Messerschmitt-Werke am 27. Februar 1941. Foto: Archiv/RvAmeln

Auch den Ländern und Städten blieb der Kapitalmarkt versperrt: Der Verkauf von Reichsanleihen und Reichsschatzanweisungen hatte Vorrang. Der zunehmende Finanzbedarf für Aufrüstung und Kriegsvorbereitung sollte den Deutschen aus propagandapolitischen Gründen verborgen bleiben. Hjalmar Schacht beschaffte dem Reich Geld, indem er möglichst viele Reichsanleihen ohne Umweg über die Börse direkt an Banken, Sparkassen und Versicherungen verkaufte. Diese „geräuschlose“ Kriegsfinanzierung machte alle Sparbuchbesitzer und Inhabern von Lebensversicherungen zu Gläubigern des Reichs, ohne dass sie es merkten.

Anders als im Ersten Weltkrieg wollte sich das Reich der Nazis nicht auf die Finanzierung des Krieges mit Kriegsanleihen verlassen. Der ständige Appell an die Zahlungsbereitschaft hatte ab 1916 zu Ermüdungserscheinungen in der Bevölkerung geführt. 1939 konnten sich die Deutschen noch daran erinnern, dass sie den größten Teil ihrer Ersparnisse in Kriegsanleihen durch die Inflation verloren hatten. Bereits im Jahre 1938 überstiegen die wachsenden Guthaben der Sparer und Unternehmen der Güter und Dienstleistungen, die für Geld erhältlich waren. Die allmählich fühlbare Knappheit an Waren, Rohstoffen und Investitionsgütern hätte bei freier Preisbildung zu einer offenen Inflation geführt, die Hitler und Göring auf jeden Fall vermeiden wollten.

Seit 1937 verhinderten staatliche Kontrollen von Preisen und Löhnen und Kontingentierungen von Grundstoffen wie Eisen, Stahl und Baumwolle, dass Preise und Löhne nach dem marktwirtschaftlichen Gesetz von Angebot und Nachfrage steigen konnten. 1938 war das Nazi-Reich in die selbst gelegte Schuldenfalle gelaufen. Entgegen Hitlers früheren Versprechungen musste Schacht dem Reich immer mehr Geld leihen, statt mit der Rückzahlung der hohen Reichsschulden zu beginnen. Hitler betrachtete Schacht wegen seiner stetigen Warnungen vor Inflation als einen lästigen Bedenkenträger, dessen er sich im Januar 1939 entledigte.

Eine kritische Denkschrift Schachts war für Hitler ein willkommener Vorwand, Schacht und den größten Teil seiner Mitarbeiter zu entlassen. Hitler ersetzte Schacht durch den durchsetzungsschwachen, aber willfährigen nationalsozialistischen Wirtschaftspolitiker Walther Funk, der Anfang 1938 bereits das Amt des Reichswirtschaftsministers erhalten hatte. Funk gab die geldpolitische Autonomie der Reichsbank bereitwillig auf. Und auf Funks Weisung zog die Reichsbank alle Einwände gegen die Auszahlung von Reichsschatzanweisungen zurück, mit denen das Reich die Rüstungslieferanten auf Kredit bezahlte. Im Juni 1939 ordnete eine Gesetzesnovelle die Reichsbank der Reichsregierung in allen währungspolitischen Fragen unter und degradierte die Reichsbank zur Hauptkasse des Reiches.

Unmittelbar nach Kriegsbeginn verhängte die Reichsregierung einen generellen Lohn- und Preisstopp, der eine offene Inflation verhindern sollte. Hinter dieser Entscheidung standen die traumatischen Erinnerungen der Nazis an das Ende des Ersten Weltkriegs. Von 1915 bis 1918 waren die Lebensmittelpreise den Löhnen davongelaufen, was zunehmende Unzufriedenheit an der „Heimatfront“ erzeugt und die Kriegsmüdigkeit verstärkt hatte. Ein erneuter Zusammenbruch der „Heimatfront“ sollte um jeden Preis verhindert werden. Die Verteilung knapper Lebensmittel durch Lebensmittelkarten und drakonische Strafandrohungen gegen „Schieber“ und „Schwarzhändler“, die während des Ersten Weltkrieges allgegenwärtig waren, suggerierten Verteilungsgerechtigkeit.

Hitler sprach immer wieder davon, dass die Drohung mit Haft im Konzentrationslager Preiswucher erfolgreich verhindert habe. Die Inflation als Folge exorbitanter Kriegskosten wurde jedoch nicht verhindert, sondern zurückgestaut. Kampagnen für steuerbegünstigtes und staatlich gefördertes „Eisernes Sparen“ sollten die Deutschen während des Krieges daran hindern, ihr Geld für knappe Güter auszugeben, zu verprassen oder unter der Matratze zu lagern – und es damit der Kriegsfinanzierung zu entziehen. Im Unterschied zu England und den USA schreckte die Führung des „Dritten Reiches“ davor zurück, wenigstens einen Teil der Kriegskosten durch höhere Steuern zu decken. Um die Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu dämpfen, blieben Normalverdiener von Steuererhöhungen weitgehend verschont.

Neben der Verschuldung über die Notenpresse waren die Besatzungssteuern der besetzten Staaten und die „freiwilligen“ Kriegskostenbeteiligungen der Verbündeten Slowakei, Ungarn, Kroatien, Rumänien und Bulgarien eine wichtige Quelle der Kriegsfinanzierung. Allein Frankreich brachte 31,6 Milliarden Reichsmark Besatzungskosten auf, die unmittelbar in die Reichsbank flossen. Da die Reichsbank die Reichsmark gegenüber dem Franc um 25 Prozent aufwertete, konnten die Wehrmacht und deutsche Rüstungsbetriebe zu Lasten Frankreichs noch mehr Lebensmittel und Zulieferungen kaufen. Obwohl die besetzten Teile der Sowjetunion und Polen am skrupellosesten ausgebeutet wurden, kamen die höchsten Kriegskontributionen aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Norwegen und dem Protektorat Böhmen und Mähren.

Die wirtschaftlich entwickelten Staaten Westeuropas brachten weitaus höhere Steuereinnahmen auf als die Agrarstaaten in Ostmitteleuropa und Osteuropa, aus denen das Deutsche Reich insgesamt 10 Milliarden Reichsmark auspresste. Zu den Kontributionen in Höhe von insgesamt 70,5 Milliarden Reichsmark – doppelt so viel wie der letzte „Friedenshaushalt“ von 1938 – kamen die Milliardenbeträge, die sich Deutschland von den besetzten und verbündeten Staaten und der Schweiz ungefragt lieh. Das Reichswirtschaftsministerium nahm bewusst in Kauf, dass Deutschland wenige Waren lieferte, als es von seinen Handelspartnern bezog.

Im bilateralen Handels- und Verrechnungsverkehr mit seinen Handelspartnern – „Clearing“ – Verschuldete sich das Reich der Nazis bis zum August 1944 mit der exorbitanten Summe von 34,6 Milliarden Reichsmark. Die hohen deutschen Clearing-Schulden schlugen sich auch in der Versorgung der Rüstungsindustrie und der deutschen Zivilbevölkerung nieder. Ohne die mehr oder minder erzwungenen Lieferüberschüsse der besetzten und verbündeten Staaten hätten sich die Engpässe in der Rüstungsproduktion und der zivilen Versorgung früher und stärker bemerkbar gemacht. Mit den Besatzungskosten konnte unter anderem der großzügige Familienunterhalt der Soldatenfrauen und Soldatenkinder finanziert werden.

Da der Reichshaushalt allein im ersten Kriegsjahr 1939/40 90 Milliarden Reichsmark betrug, hätten die Beiträge der besetzten und beherrschten Staaten nicht lange zur Finanzierung des Angriffskrieges Hitlers und seiner Helfershelfer gereicht. Das Deutsche Reich gab von Kriegsbeginn bis Kriegsende 614 Milliarden Reichsmark aus, davon 414 Milliarden RM allein für die Wehrmacht. Nach heutigen Preisen beliefen sich die Gesamtausgaben des Reiches auf 1,73 Billionen Euro; – mehr als das Fünffache des Bundeshaushaltes aus dem Jahre 2010.

Von Rolf von Ameln

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Von am 02/03/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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