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Das Geschenk des Staates Israel und der Juden an die Menschheit

In der neueren Zeit gab es Weise, Gelehrte, Empörer und Propheten: Unter den Aufklärern Moses Mendelssohn, dessen sanfte kluge Wesenheit das Vorbild darbot für Lessings Meisterwerk „Nathan der Weise“, – Die Kirchenväter des Sozialismus, Moses Hess, Karl Marx, Ferdinand Lassalle. Sie nannten sich „historische Materialisten“. Das jedoch, was man gemeiniglich Materialismus nennt, war weniger ihres Wesens als das Wesen der völlig säkularisierten, das heißt, von der Religion abgefallenen europäischen Umwelt.

Ohne es zu ahnen, schufen sie in der irreligiösen Form des neunzehnten Jahrhunderts eine Metastase der Religion, denn auch sie übersetzten nur in die Sprache des Zeitgeistes die angeerbte urbiblische Forderung nach der Befreiung der Menschenseele von jeglicher Sklaverei durch niedrige dämonische Mächte. Sie entfesselten damit die zweite entscheidende Weltbewegung nach Christus. Alles Zeitgeschehen ist von ihr abhängig, ob es sie fanatisch bejaht, ob es sie blutig hasst und auszurotten sucht. – Folgende Philosophen und Gelehrte, der vorherigen Generationen: Hermann Cohen, der, ein zweiter Philo, die Ethik der Bibel mit der Lehre Kants in Übereinstimmung zu bringen suchte.

Henri Bergson, der die moderne Philosophie aus der Umklammerung der kantianischen Scholastik befreite und ihr den Mut, Weltweisheit zu sein, wiedergab. Edmund Husserl, der Phänomenologe, ein radikaler Erneuerer und Vertiefer in der „Anschauung“ der Wirklichkeit. – Der Arzt Ehrlich, unermüdlicher Wohltäter der Menschheit, Drachentöter der Syphilis. – Albert Einstein, der Physiker. Ein Brennpunkt des sich in der menschlichen Vernunft offenbarenden Weltgeistes. Nach Ptolomäus, Kopernikus, Kepler, Newton bringt er als erster wieder einen völligen Umsturz, der noch manches Jahrzehnt brauchen wird, um sich zu vollenden. – Sigmund Freud, ein neuer Hermes Paychopompos, Geleiter der Seelen in die Unterwelt ihres Selbst.

Auch er, antireligiös wie Marx, führt nur den religösen, den biblischen Auftrag seines Blutes aus in den Formen von Heute und Hier: Im finsteren, im heidnischen – unbewussten – Bezirk der Seele wirken falsche Mächte, Abgötter, Götzen. Durch Beschwören und Bekennen gebannt, werden sie ins Licht der Vernunft gehoben und damit aufgehoben. In einem Beicht- und Bußritus entsühnt sich die kranke, die gottverlassene, Seele zu Reinheit und Gesundheit. Das Gewand der „vorurteilslos kritischen Wissenschaft“ verhüllt eine religiöse und ethische Prozedur der Reinigung, die dem biblischen Fühlen genau entspricht. In ihr liegt die vielleicht tiefste Ursache des weltumspannenden Einflusses, den Freud und die Psychoanalyse gewann.

Die Musik: Die Bibel ist das einzige Dokument der Antike, in der uns ein reich besetztes Orchester begegnet, vorzüglich in der Erzählung vom Tempelbau. Trompeten und Posaunen werden erwähnt, mehrere Arten von Holzbläsern, Harfen und andere Saiteninstrumente, Tamburins, Kessel- und Handpauken. Zugleich lernen wir ein wohlausgebildetes Chorwesen kennen, nach Stimmgruppen geordnet, das einem eigenen Stamm anvertraut ist, den Kindern Asaphs. Die geheimnisvollen Bezeichnungen der Baemen verraten ferner, dass die Aufführungen dieser Berufsmusiker unter der Leitung von „Sangesmeistern“ standen, den Dirigenten dieses großen Klangkörpers, und dass eine reiche und vielfarbige Formenwelt im Sinne von Intonation, Tempo, Instrumentation vorhanden und festgelegt war.

Das Psalmenbuch ist zugleich eine große Sammlung von Partituren, von denen wir nur die kaum verständlichen Überschriften lesen können, die uns die Tonart der einzelnen Stücke und die berühmtsten Komponisten nennen. Die Gelehrten gehen angesichts dieses überzeugenden Materials gewiss nicht fehl, wenn sie in den geistlichen Konzerten des alten Tempels die ersten Anzeichen einer polyphonen Vokal- und Instrumentalmusik in der Geschichte zu vermuten meinen, einer Musik jedenfalls, die selbständiger und verzweigter gewesen sein muss als die viel spätere der griechischen Tragödie. Der Tradition gemäß hat sich diese Musik durch die christlichen Urgemeinden ins Abendland gerettet, um dort, mit hellenistischen Elementen vermischt, im gregorianischen Gesang neu zu erblühen.

Da dieser aber der Vater aller europäischen Musik ist, kann man mit Fug die althebräische ihre Mutter nennen. – Der wesentliche Beitrag Israels zur neueren Musik beginnt mit einem Nichtmusiker, mit Lorenzo Daponte, der Mozart die dichterische Gelegenheit für seine Opern schuf: „Le nozze di Figaro“ und „Don Giovanni“. – Felix Mendelssohn-Bartholdi: Seine Musik zum „Sommernachtstraum“, das unbegreifliche Werk eines Knaben, legte den Grundstein zur musikalischen Romantik. Ohne den Elfenreigen aus dieser Suite wäre Schumann nicht zu denken, weder Berlioz – „Fee Mab“ – noch das Schneetreiben von Achteln und Sechszehnteln in Verdia „Falstaff“.

Mit Mendelssohns „Hebriden“ und seiner „Fingalsgrotte“ beginnt die Landschaftsmalerei in der Musik. Sie erwecken die Tongemälde Wagners und wirken unerloschen noch in den Sirenenrufen und im Brandungstaumel Debussys. Dieser edle und reine Künstler hat überdies Johann Sebastian Bach der völligen Vergessenheit entrissen und als erster dessen „Matthäuspassion“ zur Aufführung gebracht. – Giacomo Meyerbeer, der gekrönte König der Großen Oper, der Richard Strauss seines Jahrhunderts. Er mischte bis dahin unbekannte Farben und Ekstasen. Auf ihm beruht in unzähligen Einzelheiten die ganze moderne Instrumentationskunst..

Darüber hinaus fielen ihm Melodien ein, die leben. Eine davon in Ges-Dur aus den „Hugenotten“ wurde richtunggebend für die wagnerische Diktion und die gesamte Nachfolge. Wagner bewunderte ihn zuerst, um ihn dann als Gottseibeiuns des „Judentums in der Musik“ zu hassen und zu zwacken. Es ist wahr, Meyerbeers Texte sind alle auffällig zusammengeflickt, großsprecherisch, langatmig und voll leeren Schaugepränges. Das aber ist mehr die Schuld Scribes und anderer Scribenten der Librettofabrik. Seine geschichtlichen Stoffe sind immer wieder religiöser Natur. In diesem tiefen Ernst eines leichtfertigen Spiels offenbart sich, jenseits jeder Absicht, das Gesetz des Blutes.

In Jaques Offenbach erreicht die von Juden geschriebene europäische Musik ihren Gipfel. Er beherrscht seine Zeit unter der Maske ihres maitre de plaisier. Er richtet diese Zeit, indem er sie zum Tanzen bringt. Alles bei ihm ist luftiger, fegender Rhythmus, und doch bebt sein Lied von der keuschesten Melodie. Dieser größte aller Irreführer gilt als lasziv, brünstig, unanständig. Nach Wagners bösem Wort ging von ihm Wärme aus, aber die Wärme eines Düngerhaufens. So betrog er, ein unenträtselbarer Dissimulant, die Welt, die er entzückte. Erst in den nachgelassenen „Hoffmanns Erzählungen“ lüpfte er einen Zipfel seiner Unterwelt, die anders aussah als die, in die sein Orpheus hinabsteigt.

Offenbach und sein Dichter Ludovic Halevy schufen in ihren Travestien der Götter und Helden eine verwegene dramatische Form, die eine unübersehbare Literatur einschließlich Bernhard Shaws hervorgerufen und zugleich ein für allemal übertroffen hat. – Gustav Mahler ist nach Beethoven, Brahms, Bruckner der letzte große Symphoniker der deutschen Musik. Er singt in sehr seltsamer Weise den Schwanengesang der österreichischen Völkergemeinschaft in der geliebten Landschaft. Das Ende fühlend, nimmt er in seinem schönsten Werk als ruheloser Wanderer Abschied von der ganzen „lieben Erde“. Seine langen erschütternden Melodien gehen den Aufgeschlossenen in einer erhebenden Art an die Nerven. Mahlers starke Auswirkung wurde durch die deutsche Verfemung unterbrochen.

Schriftsteller und Dichter in enger Auswahl: Jehuda Ben Halevy, ein Stern der Treue. – Heinrich Heine, einer der größten Lyriker aller Zeiten und Völker. Neben Goethe war er es, der die bei weitem reichste Anzahl deutscher volkstümlicher Gedichte schuf. Da Schubert, Schumann und unzählige andere seine Verse vertonten, ist er einer der Erzväter des „deutschen Liedes geworden“.

Seine letzten Gedichte, eigentümlich aufgelockerte Sprachgebilde, die in ihrem Realismus vor keiner nackten Bezeichnung zurückschrecken, leiten dei lyrische Revolution des neuen Zeitalters ein, auf die Dichtung aller Völker Einfluss übend. – Ludwig Börne, Heines Feind, ein Prosaist, von stärkstem Charakter, Polemiker und Satiriker. Sein Deutsch ist makellos und voll gegenwärtigen Lebens. – Jaroslav Vrchilicky, der große tschechische Sprachschöpfer, der dieser Sprache durch seine schier unendliche Arbeitskraft die Weltliteratur erschließt. – Der weltberühmte Däne George Brandes.

Sein Name steht hier für viele andere seinesgleichen, die als scharfe wägende Geister Kritiker und Künder des Großen sind, die durch eine einzigartige Einfühlungskraft die Verbindung von Volk zu Volk schlagen und dadurch der Erkenntnis und Selbsterkenntnis des Menschengeschlechtes dienen. – Paul Heyse, der erste Nobelpreisträger, ein heute verkannter und vergessener Dichter, dessen Novellen und Vers-Epen durch ihre klassizistische Form erstaunliche Abgründe der Seele verbergen. – Hugo von Hofmannsthal, der edelste aller österreichischen Poeten. Sein geistiger und seelischer Organismus ist ein Wunder an Feingefühl, unbestchlichem Takt und an einer humanen Bildung, die der heutigen Generation unbegreiflich ist.

Marcel Proust, Erneuerer des modernen Romans. Auf der Suche nach „der verlorenen Zeit“ erreicht seine Introversion den Grad einer Genauigkeit, die ebenso beispiellos wie bestürzend ist. Seinen Einfluss auf das Schrifttum kann man noch gar nicht richtig abschätzen. – Arthur Schnitzler, Arzt und Naturforscher unter den Dichtern. In Dramen und Novellen gestaltet er die Agonie des Wiener Bürgertums. Seine „Liebelei“ ist eine unvergängliche Volksballade der kleinen Leute und der großen Liebe in Wien. – Jakob Wassermann, ein unerschöpflicher Märchenerzähler unseres Lebens. Seine Erfindungsgabe wetteifert mit der moralisch-künstlerischen Mühe seiner Arbeitsleistung, die immer wieder, der ererbten Natur hörig, um die Idee der Gerechtigkeit kreist.

Franz Kafka, der jung starb, hat nur ein fragmentarisches Werk hinterlassen. Wer aber dieses Werk wirklich kennt, muss in Kafka einen der unerbittlichen Geister aus der Reihe Pascals und Kierkegaards verehren; er muss vor einem ganz und gar neuartigen Künstler in Staunen verfallen, der die Ergebnisse seines tödlichen Seelenkonfliktes, Gleichnisse und Bilder von schwindelerregender Tiefe, in die bescheidenste Darstellung, in die einfache Sprache kleidet. Und damit endet die Liste, die auf die Nennung der verstorbenen und lebenden Meister, sowie auf die Charakterisierung von Männern der Tat wie Disraeli, Manin, Sonnenfels, Herzl, Rathenau und vieler anderer bewusst verzichtet.

Sie wurde ohne jeden Behelf, nur „aus dem Kopf“ auf das Papier geworfen und ist daher notwendig voll von Lücken und wahrscheinlich auch voll Ungenauigkeiten. Malerische Begabungen hoher Ordnung wie zum Beispiel Israels und Max Liebermann wurden gar nicht erwähnt, ebenso wenig wie dii minorum gentium der Musik Halevy, Rubinstein, Goldmark, Hiller, Bruch, Franchetti, Wolf-Ferrari, Schreker, ganz zu schweigen von bedeutenden Neuerern wie Schönberg.

Der Beitrag Israels zur Menschhietskultur besteht aber nicht nur aus den namhaften Werken, sondern mehr noch aus dem Phantasiegut, das namenlos die Welt durchdringt. Wo wäre, um nur das Wichtigste zu nennen, die gesamte europäische Malerei ohne biblische Stoffe? Wo wäre der blinde Isaak, wo der weinende Saul Rembrandts? Doch auch alle Sprachen würden um Hunderte von wuchtigen und geisterfüllten Bilder ärmer werden, deren Herkunft den Menschen jeglicher Zunge nicht mehr bewusst ist. Betrachten wir einmal Israel ohne metaphysischen Hintergrund nur als Volk unter den Völkern. Ein kleines Volk wahrscheinlich, das heute noch von vielen Nationen verachtet wird. Israel ist immer im Aufbruch mit dem „Sack auf dem Rücken“. Das große Warum seines nimmermüden Herzens findet stets dieselbe Antwort; – wenn es nach den Palästinensern und der arabischen Vorstellungskraft geht: Austreibung und immerwährende Wanderschaft.

Von Rolf von Ameln

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Von am 03/04/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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