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„Pariser Tageszeitung“ am 16.11.1938: Die antisemitischen Verheerungen in Wien. Teil 2

Wien, 15. November. Erst jetzt lässt sich der ganze Umfang des ungeheuren Schadens, den der antisemitische Terror der letzten Tage in Wien, wo ein Drittel der jüdischen Gesamtbevölkerung des Dritten Reiches lebt, annähernd überblicken. Nirgend in Deutschland hat der künstlich geschürte und wohlorganisierte „Volkszorn“ so viel Werte zerstört und derart vandalische Verwüstungen angerichtet, wie in Wien. 25 Millionen Mark geraubt: Die jüdischen Geschäfte sind alle geschlossen, ihre zerstörten Schaufenster sind nur notdürftig mit Holzplanken verdeckt. Zahlreiche Ladeninhaber hatten in den letzten Tagen von der NBO (Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation) die Aufforderung erhalten, ihre Läden unverzüglich an arische Bewerber zu verkaufen.

Diese Aufforderungen wurden keineswegs durch die Post versendet, sondern von Bevollmächtigten der NBO persönlich überbracht, und zwar mit dem Hinweis, der „Verkauf“ müsse innerhalb von 24 Stunden an dem im Schreiben der NBO namhaft gemachten Bewerber durchgeführt werden. Als „Kaufpreis“ wurden dann Beträge angeboten und in vielen Fällen angenommen, die unter einem hundertsten Teil des realen Wertes liegen. Nur zwei Beispiele: für ein vornehmes Parfümgeschäft in der Rotenturmstrasse, an dem verkehrsreichsten Punkt in der Stadt wurden ganze 700 Mark, für einen schönen Taschnerladen in der Mariahilfestrasse 300 Mark ausbezahlt. Dieser als „rasche Arisierung“ benannte nackte Raub an den jüdischen Geschäftsleuten von Wien dürfte der NBO, die die Beute unter ihren Mitgliedern verteilte, an Kaufläden, Warenlagern und anderen Werten, eine Summe, die kaum unter 25 Millionen Mark liegen dürfte, gebracht haben.

„Die Stadt ohne Juden“. Der sonstige Schaden, verursacht durch zerstörte Sachwerte, kann auch nicht annähernd geschätzt werden. In Wien war „das empörte Volk“ planmäßig unter Führung von uniformierten SS- und SA-Männern vorgegangen und hat, wie Gauleiter Globocnieg Freitag in einer Ansprache anerkennend gesagt hatte, „ganze Arbeit geleistet“. Wie diese „Arbeit“ beschaffen war, davon legt das, was von dem weltberühmten Modehaus Zwieback in der Kärntnerstrasse übrig geblieben ist, eine sehr anschauliche Zeugenschaft ab. In diesem prachtvollen Kaufhaus, einem der vornehmsten und schönsten in Wien – das übrigens bereits seit Monaten unter arischer Leitung steht – hat der Nazipöbel nicht bloss die Schaufenster zerschlagen, teure Kleider, prunkvolle Abendtoiletten, feine Damenpelze zerrissen und in den Strassenkot geschleudert, sondern überdies die ganze Inneneinrichtung des fünf Stockwerke hohen Gebäudes kurz und klein geschlagen, Vitrinen demoliert und die schon ausgeplünderten Regale angezündet.

Die altberühmte Modefirma – eine Pflegestätte Wiener Geschmacks – hat zu bestehen aufgehört. In das Gebäude soll eine eben in Gründung begriffene Nazi-Bank einziehen. In einem Seitentrakt wird eine arische Firma ein Geschäft für Tiroler „Dirndl“ und volkstümliche Mode eröffnen. So geht die Weissagung nun buchstäblich in Erfüllung, die der vom nationalsozialistischen Attentäter Rothstock ermordete jüdische Schriftsteller Hugo Bettauer bereits vor mehr als zehn Jahren in seinem viel gelesenen Roman „Die Stadt ohne Juden“ hellseherisch niedergelegt hat. Er schildert darin – zu einer Zeit, wo noch niemand an die Machtergreifung Hitlers glaubte – die Kärntnerstrasse eines nationalsozialistischen Wiens, das Modehaus Zwieback, in dessen Fenstern nicht erlesene Damentoilettten von Wiener Eleganz, sondern Bauernkleider und Soldatenstiefel zur Schau gestellt sein werden…

Wo das Ghetto entstehen soll: Indessen ist der Fall des Hauses Zwieback nur einer unter tausenden. Es gibt keine jüdische Familie in Wien, wo etwa 160.000 Juden wohnen, – seit März sind 25.000 ausgewandert -, die von den Pogromen der letzten Tage nicht in irgendeiner Weise betroffen wäre. Die Zahl der Inhaftierten beläuft sich auf etwa 5.000, darunter werden die meisten als „Geisel“ in improvisierten Gefängnissen in Wien zurückbehalten. Einzelne Parteigebäude sind eiligst in solche Gefängnisse verwandelt worden, da das Haus des Sondergerichts das seit März ohnehin von „Gegnern des Regimes“ überfüllt ist und die anderen Gefängnisse Wiens das Heer der Neuverhafteten nicht fassen können. Der von der Regierung eingesetzte Leiter der Wiener jüdischen Kultusgemeinde, Dr. Löwenherz, ist zum Reichskommissar Bürckel gerufen worden, um die Mitteilungen entgegenzunehmen, in welcher Weise die Juden von Wien ihren Anteil an der Strafsumme von einer Milliarde zu leisten haben.

Wie die ausgeplünderte jüdische Bevölkerung Wiens das ihr auferlegte Tribut aufbringen soll, ist hier jedem ein unlösbares Rätsel. In den letzten Tagen sind zahllose Familien, die ihren Wohnsitz nicht in der Leopoldstadt, sondern in den anderen zwanzigWiener Bezirken haben, gekündigt worden, sie müssen ihre Wohnungen bis 15. Dezember räumen. Alle diese Familien sehen den nächsten Wochen mit banger Sorge entgegen, da ausserhalb der Leopoldstadt sie kein Hausbesitzer aufnehmen darf und in der Leopoldstadt die Zahl der leerstehenden Wohnungen bereits recht gering ist. – Inzwischen werden in der Nähe des Zentral-Friedhofs in Simmering, ausserhalb des eigentlichen Stadtgebietes, riesige Baracken gebaut. Zu welchem Zweck? In Wien hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das von den Naziführern so oft angekündigte Ghetto von Wien dort entstehen werde…

Dass alles noch viel schlimmer kommen würde, konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehen. (Anm.d.Verf.)

Von Rolf von Ameln

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Von am 17/04/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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