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Die Zeitung aus London berichtet am Freitag, 30. Juli 1943: Luftangriffe und Heimatfront

Von unserem Luftfahrtkorrespondenten

„Heer und Volk,“ so schreibt ein Lehrbuch für die deutsche Luftwaffe, „sind im modernen Krieg eins. Sie sind weder begrifflich noch räumlich voneinander zu trennen.“ Aus der Natur des totalen Krieges schlossen deutsche Luftsachverständige, dass Kriege kaum noch jemals im Waffengang der Heere allein entschieden werden, sondern, besonders in Europa, dem dichtest besiedelten Kontinent, seit 1914 zu einem Ringen geschlossener Volkskörper geworden sind. Auf dieses Ringen wird die Bombenluftwaffe einen großen Einfluss ausüben können. „Allein Angriffe weit im Feindesland werden auf die Bevölkerung eine nicht zu unterschätzende Auswirkung mit sich bringen und somit die Stütze der Front, die starke Heimat, brechen.“

"Die Zeitung", London, von Freitag, 30. Juli 1943. Foto: Archiv/RvAmeln

„Die Zeitung“, London, von Freitag, 30. Juli 1943. Foto: Archiv/RvAmeln

Diese Erkenntnisse der Strategen hatte eine grundsätzliche Umstellung der Taktik des Luftkrieges zur Folge. Während bisher Bombenwürfe zumeist in der Form der Einzelangriffe erfolgten, deren Wirkung durch die Sprengkraft der zum Einsatz gelangten kleinkalibrigen Bomben sehr begrenzt war, müssen jetzt technische Mittel und Einsatzformen entwickelt werden, durch die größere Gebiete durch einen Angriff in Mitleidenschaft gezogen werden können. Diese Gedanken wurden um 1935 herum entwickelt. Bevor sie jedoch in die Wirklichkeit umgesetzt werden konnten, vergingen noch viele Jahre, in denen die Technik zunächst die geeigneten Bombenträger und Bomben entwickeln und in großen Mengen herstellen musste. Und es ist kein Zufall, dass es nicht die Nazi-Luftwaffe ist, sondern die Alliierten, die heute durch einen Bombenkrieg ungeahnten Ausmaßes „die Stütze der Front, die starke Heimat bricht.“

Zwei lehrreiche Kämpfe: Wie sich in den fast vier Jahren des Zweiten Weltkrieges die Bombenluftwaffe der Gegner Deutschlands entwickelt hat, kennzeichnen zwei Operationen. Die erste fand am 4. September 1939 statt, die zweite am 23. Juli 1943. Die erste war der denkwürdige Angriff von 29 Blenheim und Wellingtons auf deutsche Kriegsschiffe in der Jade, vor Brunsbüttel und im westlichen Teil des Kaiser Wilhelm Kanals. Die britischen Bomber führten Bomben von je 125 kg mit sich; ihre Gesamtverluste betrugen sieben Maschinen, das heißt rund 25 Prozent. In der Nacht des 25. Juli 1943 griff ein sehr starker Verband von viermotorigen R.A.F. Bombern Hamburg an, während kleinere Formationen das Ruhrgebiet bombardierten.

Während des Angriffs auf Hamburg gelangten innerhalb von 50 Minuten die bisher größte Bombenmenge, nämlich 2.300 Tonnen, zum Abwurf. Während jeder Minute fielen mehr als dreimal so viele Bomben auf Hamburg als für den Angriff auf die deutschen Kriegsschiffe geladen wurde. Der Nachtangriff auf Hamburg war jedoch nur der Beginn der Luftoperationen am 25. Juli. Wenige Stunden, nachdem der letzte R.A.F. Bomber das Stadtgebiet von Hamburg verlassen hatte, erschienen viermotorige amerikanische Kampfflugzeuge, die ebenfalls viele Tonnen über Deutschlands wichtigsten Hafen abwarfen. Gleichzeitig wurden Warnemünde und Rostock von den Amerikanern bombardiert, während über den besetzten Westgebieten mittelschwere Kampfflugzeuge von Spitfires und Thunderbolts begleitet industrielle Ziele angriffen. Die Gesamtverluste, die die Alliierten während dieser Angriffe erlitten, betrugen vier Jäger und 31 Bomber, das heißt weniger als drei Prozent der zum Einsatz gelangten Formationen.

Die taktische Form des Einsatzes: Was uns an beiden Operationen heute interessiert, ist die taktische Form des Einsatzes. Im Gegensatz zu der deutschen Taktik des ausschließlichen Reihen- oder Massenabwurfs haben die Alliierten niemals die Taktik des Einzelabwurfs vernachlässigt, besonders seitdem sie die Lehren des „Blitz“ von 1940/41 studiert hatten. Sie lernten daraus, dass man eine richtige Flächenwirkung nur mit sehr großen Mengen von schweren Bombenträgern erzielen könnte, dass dagegen die Zerstörung von kleinflächigen Zielen nur durch Einzelabwurf zu erreichen sei, und zwar bei Tage. Derartige Angriffe sind entweder im Tiefflug durchzuführen oder, wie im Fall der Fliegenden Festungen und Liberators, durch hochfliegende Maschinen, die mit besonders genau arbeitenden Zielgeräten ausgerüstet sind.

Diese Erkenntnis war für den künftigen Luftkrieg, und damit auch die Typenpolitik, von größter Bedeutung. In die Praxis umgesetzt: die Ausrüstung von Jagdflugzeugen als leichte schnelle Bombenträger, die Einstellung der Mosquito als Kampfflugzeug, sowie die Vervollkommnung der viermotorigen Amerikaner als Substratosphärenbomber. Heute können die Amerikaner ihre Operationen bereits in stattlichen Formationen durchführen, um, so auf der Basis des gezielten Bombenabwurfs eine größere Flächenwirkung zu erzielen.

Massenabwurf: Beim Reihen- oder Massenabwurf ist eine Fläche das Ziel des Einsatzes. Das oben erwähnte deutsche Lehrbuch gab ein gutes Beispiel für die Technik dieser Angriffsform. Zum Einsatz gelangt eine aus neun Maschinen bestehende Bombenstaffel, die 180 Bomben von je 50 kg Gewicht geladen hatte. Die Maschinen, die in Staffelkeil-Formation mit einem Abstand von 72 Metern fliegen und alle zwei Sekunden eine Bombe abwerfen, decken so eine Fläche von 600 m Breite und 1.600 m Länge ein, d.h. rund eine Million Quadratmeter. Werden nun die Bomben im Abstand von einer Sekunde abgeworfen, dann wird eine Fläche von 650 m Breite und 850 m Länge eingedeckt, d.h. von 546.000 Quadratmetern, die Fläche einer Fabrikanlage von mittlerer Ausdehnung.

Die durch die erste Staffel angerichtete Zerstörung kann durch darauf folgende Formationen solange „verstärkt“ werden, bis das ganze Zeil restlos zerstört ist. Das Beispiel des deutschen Lehrbuches war auf der Basis der Technik des Jahres 1935 errechnet; heute würden für derartige Massenabwürfe schwerere Bomber zum Einsatz gelangen, etwa Bomben von 250 k, deren Wirkungsbereich zwar nicht fünfmal, aber wenigstens dreimal so groß ist wie der Fünfziger. Das ist die eine Form des Massenabwurfs: viele kleine Bomben auf ein Ziel. Die andere geht von dem Gedanken aus, dass beim Einsatz einer einzigen „Über-Bombe“ viele Nachteile der ersten Methode vermieden werden, so etwa das Auflockern der Formation durch die Abwehr.

Durch Konzentration der gesamten Zerstörungskraft auf einige wenige Bomben kann unter Umständen die gleiche Zerstörung angerichtet werden, ohne der deutschen Abwehr zu viele Ziele zu geben. Während Bomben von 1.000 kg im ersten Kriegsjahr fast gar nicht zum Einsatz gelangten, werden heute fast ausschließlich „Flächen-Bomben“ von 2.000 und 1.000 kg benutzt, und seitdem die alliierten Flugzeugindustrien auf Volltouren laufen, können die dazu erforderlichen Bombenträger in derartigen Mengen hergestellt werden, dass die im deutschen Lehrbuch beschriebene Methode statt mit 50 kg mit 1.000 kg durchgeführt werden kann – mit dem einen Unterschied, dass, diese der ersten Staffel folgenden ihre Bomben nicht mehr in dieselbe Fläche zu werfen brauchen.

Und so werden wir den Nazis das Fürchten lehren.

Von Rolf von Ameln

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Von am 02/05/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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