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Hermann Hirsch und seine Tochter Rachel: Stationen jüdischen Lebens von Deutschland über Südamerika nach Israel

1967 besuchte Rachel Hirsch aus Ramat Gan in Israel zum ersten Mal nach dem Verlassen Deutschlands 1939 ihre Geburtsstadt Berlin. Das Jüdische Krankenhaus in der Iranischen Straße wollte sie sehen, wollte wissen, wo sie zur Welt gekommen ist und die Familie Hirsch gewohnt hat in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Vater, Professor Dr. Hermann Hirsch, war in diesem Krankenhaus Oberarzt der Gynäkologie bis 1939. Rachel wurde am 26. Juli 1937 in dieser Enklave, im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße in Berlin, geboren, in einer Zeit, in der die jüdische Bevölkerung bereits im gesamten Land drangsaliert und gedemütigt wurde.

Als Charlotte Hirsch wurde sie seinerzeit geboren, Rachel wurde sie später und blieb es bis heute. Mutter und Vater waren Hamburger, studierten beide in Freiburg im Breisgau und lernten sich an der Universität im Badischen kennen. Hermann Hirsch, Sohn von Henri Hirsch, dem Arzt in der Rothenbaumchaussee in Hamburg, studierte Medizin, wurde 1905 in Trier geboren, wuchs in der Hafenstadt Hamburg auf. Rita Neumann, die Mutter, stammte ebenfalls aus Hamburg, wurde dort 1908 geboren, studierte Philosophie bei Professor Heidegger in Freiburg. 1931 heiratete das Paar in Hamburg. 1933 wurde Tochter Elisabeth in der Universitätsstadt im Breisgau geboren. Eine Assistenzarztstelle hatte Hermann Hirsch an der Universitätsklinik in Freiburg, habilitierte im Fach Gynäkologie.

1933 kam Hitler an die Macht, Juden wurden aus staatlichen Unternehmen entlassen, auch Dr. Hirsch. In Berlin war eine freie Stelle im Jüdischen Krankenhaus ausgeschrieben und Familie Hirsch zog in die Reichshauptstadt in die jüdische Enklave, der jüdisch medizinischen Gemeinschaft, wo sich die Hirschs sicher fühlten. 1937, ein Jahr vor der Reichskristallnacht, wurde Tochter Rachel dort geboren. Professor Hirsch witterte bereits antisemitische Luft und schmiedete Ausreisepläne für die gesamte Familie. Nach der Reichskristallnacht wurde er in seinen Wünschen bestätigt. Professor Joseph, der damalige Vorgesetzte in der Klinik, hielt die Pläne für lächerlich und wollte ihn abhalten.

Am 1. März 1939 verließ Familie Hirsch mit dem letzten Schiff Hamburg und schiffte sich nach Chile ein. Kurz vor Chile drehte sich dass Schiff drei Tage im Wirbelsturm im Meer und Frau Hirsch bangte um das Leben der Familie. Hitler hatten sie überlebt, sich in letzter Minute gerettet, seien davongekommen und nun sollten sie untergehen? Nein, sie fuhren 1939 in einen chilenischen Hafen ein und weiter ging die Reise mit dem Zug nach Sucre der Hauptstadt Boliviens, wo 1944 Rachels Bruder Hannan (Henry Robert) geboren wurde. 1946 zog Familie Hirsch nach La Paz, wo Professor Hirsch als Privatarzt arbeitete und im Institut Israelita in der Krebsforschung. Später wurde das Institut umgetauft und erhielt den Namen des aus Deutschland vor den Nazis geflohenen Arztes Dr. Hermann Hirsch. Rachel Hirsch beendete die 5. Klasse in einer bolivianischen Schule Escuela Boliviana Isrealita.

Bald wurde Dr. Hirsch Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung Bet Ha’am in La Paz. Professor Dr. Siegbert Joseph, der damalige Vorgesetzte im Israelitischen Krankenhaus in Berlin, wurde zwischenzeitlich nach Riga deportiert, arbeitete kurzzeitig als Ghettoarzt, von Riga brachte man ihn in das KZ Libau in Kurland, wo er vermutlich erschossen wurde.

Ben Gurion rief 1948 den neu gegründeten Staat Israel aus. Das Ehepaare Hirsch hegte seitdem den Wunsch in dem neugegründeten Staat am Mittelmeer zu leben.

Im November 1948 fuhr Familie Hirsch mit dem Zug nach Buenos Aires und schiffte sich nach Genua ein, in Genua ging es auf ein Schiff nach Isreael. Am 8. Januar 1949 kam das Schiff im Hafen von Tel Aviv im neugegründeten Staat Israel an. Das Wasser war seicht im alten Hafen, so musste das Schiff außerhalb anlegen und die Passagiere wurden mit Booten an Land gebracht. Als Privatfamilie kam Familie Hirsch nach Israel, nicht über die Jewish Agency, wie so viele andere, die den Holocaust in Europa überlebt hatten. Diese jüdische Familie, war rechtzeitig dem Holocaust in Deutschland entkommen und über Stationen in Südamerika im neugegründeten Staat an der Levante angekommen.

Der Anfang in Israel war schwer, wie damals fast überall in der Welt, nach dem grauenvollen 2. Weltkrieg, nach der Verfolgung und Ermordung der sechs Millionen Juden. Ebenso waren Flüchtlingstrecks mit über sechs Millionen Deutschen auf dem Weg nach Westen, die aus den östlichen Gebieten, jenseits der Oder und Neisse vor den Russen flohen, ohne Hab und Gut in der amerikanisch, englisch, oder auch französisch besetzten Zone im Westen und Süden Deutschlands ankamen, andere blieben in der sowjetisch besetzten Zone, der späteren DDR. Weit über vier Millionen deutsche Soldaten starben in den Schützengräben, weitere vier Millionen auf der Flucht. Weltweit hat der verdammte 2. Weltkrieg, das grauenvolle Naziregime, über vierundfünfzig Millionen Menschen geopfert.

Auch Familie Hirsch hatte kein Wohlleben in Israel. Aus praktischen Gründen wurde die Familie getrennt, Frau Hirsch und Hannan der Jüngste der Familie gingen nach Jerusalem, Elisabeth und Rachel, die Schwestern, kamen in ein religiöses Heim für Waisenkinder auf Anraten eines ehemaligen zionistischen Schulfreundes von Hermann Hirsch aus Hamburg. Tausende von Kindern, deren Eltern beim Holocaust umgebracht wurden, kamen in dieses und andere Heime. Sie hatten keine Eltern mehr und weinten nicht. Rachel, die zu Hause ihre leibhaftigen Eltern hatte, weinte unaufhörlich. Sie fühlte sich schrecklich unglücklich. Elisabeth wurde in die englischsprachige Gruppe gesteckt und Rachel in die jiddischsprachige. Nichts verstand sie, fühlte sich alleine gelassen.

Frau Hirsch, die Ehefrau von Professor Hirsch, hatte in Jerusalem eine Cousine, deren Ehemann dort seit 1933 als berühmter Kinderarzt arbeitete. Das Krankenhaus im Militärlager in Sarafend wurde Regierungskrankenhaus und suchte Ärzte. Professor Hirsch, der in Deutschland gut ausgebildetete Gynäkologe, meldete sich als Vertretung und wurde sofort genommen. In Deutschland ausgebildete Ärzte waren damals die besten der Welt. Die Gynäkologisch – Geburtshilfliche Abteilung gründete er und baute sie seit Dezember 1949 auf. Eine schwere Arbeit, Aufbauarbeit musste im neugegründeten Staat Israel geleistet werden. An vielem fehlte es.

In einer Kellerwohnung wurde die eingewanderte Familie in der Yehuda Levin St. in Tel Aviv untergebracht. Das vorhandene gerettete Sterlinggeld tauschte sie in Lirot um, der kurzen Zeit darauf abgewertet wurde und das „kleine“ Vermögen keine Existenzgrundlage mehr sein konnte.

Der Schulanfang fiel Rachel sehr schwer, biblische Fächer gab es viele. Sie besuchte von der 6. Bis zu 8. Klasse die Yavne Schule in Tel Aviv, danach das Gymnasium Ironit Heh und beendete die Schule 1956 mit dem Abitur. Nach dem Abitur diente sie zwei Jahre und vier Monate beim Israelischen Militär und begann 1958 ein Studium. Elisabeth die ältere Schwester absolvierte das Handelsgymnasium, kam dann zum Militär, das sie nach einem Monat aus gesundheitlichen Gründen beendete und Hannan der jüngere Bruder besuchte den Kindergarten. Rachel Hirsch schrieb sich an der Fakultät für Sozialarbeit der Hebräischen Universität in Jerusalem ein und beendete ihr Studium 1961 mit dem Bachelor of Social Work. Danach arbeitete sie in einem Psychiatrischen Krankenhaus in Jerusalem, anschließend kümmerte sie sich in Tel Aviv um jugendliche Straftäter. Doch irgendwann genügte ihr die Sozialarbeit nicht mehr und der Wunsch nach Veränderung kam.

Hannan der jüngere Bruder heiratete 1966 und der Onkel kam aus Santa Monica zu Besuch. 1938 hatte er eine Parade mit Hitler gefilmt, mit seiner Kamera war er überall dabei. Der Film sollte konfisziert und Alfred Benjamin verhaftet werden. Direkt rettete er sich nach England, gründete dort eine Familie und machte seinen Militärdienst in Groß Britannien. Die Kamera war sein täglicher Begleiter, in der medizinischen Fotografie einer Orthopädischen Klinik in Los Angeles arbeitete er in späteren Jahren und wurde Direktor der Fotoabteilung. Rachel mochte den Onkel sehr gerne. Er, der Onkel, hat sie für die Fotografie begeistert. Mit 98 Jahren starb Alfred Benjamin im Oktober 2014 in Santa Monica.

Nach dem Sechstagekrieg im September 1967 verließ Rachel Israel und ging schnurstracks nach Hamburg in die Stadt ihrer Vorväter, um in die Private Fotoschule in Hamburg aufgenommen zu werden. Dort besuchte sie Kurse der Schwarz-Weiß- und Colorfotografie. Ihre Schwester Elisabeth lebte inzwischen in der Hansestadt, war dort mit Klaus Henry verheiratet. Eine Bewerbungsmappe für die Kölner Schule für Fotografie fertigte Rachel an und wurde direkt aufgenommen. Ihr gefiel inzwischen die Fotografie, sie sollte ihre Zukunft werden. Ein Evangelisches Studentenheim in Köln am Hohenstaufenring war zweieinhalb Jahre der jüdischen Studentin ein Zuhause von 1968 bis 1971. Direkt nach Beendigung der fotografischen Ausbildung wurde ihr Gepäck nach Israel verschifft und im Februar 1971 landete Rachel mit ihrem Ausbildungszertifikat und Zukunftsvisionen in ihrer Heimat Israel.

Sie wusste bereits, dass die Fotoreportage ihre Zukunft sein würde. Mit einem sehr guten Zeugnis und einer exzellenten Fotomappe bewarb sie sich beim Haarez, der Tageszeitung, in Tel Aviv. Relativ schnell wurde sie von dem Magazin engagiert. Als freie Mitarbeiterin ohne soziale Sicherheit, fotografierte sie sechsundzwanzig Jahre lang für die Wochenendbeilage, bereiste Israel von Nord bis Süd, um Reportagen anzufertigen. Dazu kamen noch sechs Jahre Theaterfotografie im Theater Habima. Sämtliche Theaterstücke wurden in den Jahren gespielt, die Aufführung des Hamlets ist ihr in allerbester Erinnerung geblieben. 2007 zeigte sie in einer Fotoausstellung in Sao Paulo achtundfünfzig ihrer Theaterfotografien aus sechszehn verschiedenen Theaterstücken und gab der Ausstellung den Namen „Limelight“.

Dr. Hermann Hirsch und seine Frau Rita, die Eltern von Rachel, wohnten weiterhin in Tel Aviv und zogen 1959 in die Laskow Street ins Zentrum der Stadt. Bis 1972 arbeitete der Vater als Leitender Arzt der Gynäkologie und Geburtshilfe im Regierungskrankenhaus ASAF HAROFE bis zu seiner Pensionierung. Nach der Gründung der Universität wurde das ASAF HAROFE in ein Universitätskrankenhaus umgewandelt.

Ein Schlaganfall veränderte 1987 das Leben von Professor Hirsch und auch das Leben der Familie. Der Rollstuhl wurde sein Begleiter und sehr oft las Rachel, die Tochter, ihm vor, so auch die Autobiografie von Curt Goetz. Lachen wollte Hermann Hirsch trotz der schweren Krankheit. 1989 starb Professor Dr. Hermann Hirsch an seiner Krankheit in Tel Aviv. Die Nazidiktatur hatte ihn, den deutschen jüdischstämmigen Weltbürger aus Hamburg und Berlin verjagt ins ferne Südamerika und später in das 1948 gegründete Israel. Im Wüstensand wurde er in Kiryat Shaul in Tel Aviv begraben. Am 6. Februar 1996 folgte ihm seine Ehefrau Rita in die ewigen Abgründe.

Von Christel Wollmann-Fiedler

April 2016 – Haifa – Tel Aviv

Titelfoto: Ankunft jüdischer Kinder in England 1939. Foto: WikipediaZum NEWSLETTER anmelden
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Von am 03/05/2016. Abgelegt unter Featured. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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