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Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt: Kampf und Ende des Kreuzers „Blücher“ – Nazi-Propaganda pur

Bericht von Einem der dabei war:

„Die Landung der deutschen Truppen ist an allen Stellen von Oslo bis Narvik gelungen, eine in der Seekriegsgeschichte bisher einzig dastehende Leistung. Beim Einlaufen in die Häfen wurde von der Kriegsmarine anfänglicher Widerstand gebrochen. Vor Oslo brachten unsere Schiffsgeschütze schwerste Küstenbatterien zum Schweigen. Beim Niederkämpfen einer 28-cm-Batterie erhielt der Kreuzer `Blücher´ schwere Beschädigungen. Er stieß beim weiteren Vordringen auf eine von den Norwegern gelegte Sperre und ging durch mehrere Minentreffer verloren. Der Kreuzer `Karlsruhe´ wurde nach Überwindung ähnlich starken Widerstandes in Christiansand, nachdem er die Landung der Truppen sichergestellt hatte, schwer beschädigt und sank.“ (Aus dem Bericht des OKW vom 10. April 1940.)

Der deutsche Schwere Kreuzer Blücher auf seiner letzten Fahrt. Foto  British War Archive

Der deutsche Schwere Kreuzer Blücher auf seiner letzten Fahrt. Foto British War Archive

Es ist stockfinster. Wir auf dem Kreuzer „Blücher“ wissen, dass wir das Kattegat hinter uns haben und dicht vor dem Oslo-Fjord sein müssen. Die Gefechtsstationen des Kreuzers sind besetzt. Ich finde wie die meisten meiner feldgrauen Kameraden keinen Schlaf, denn jetzt wissen wir, dass es ernst wird. „Blücher“ hat den Fjord erreicht. Undeutlich können wir rechts und links hohe Berge, dünn bewaldet und mit Schnee bedeckt, ausmachen. Das ist also ein norwegischer Fjord; er sieht wirklich so aus wie auf den Ansichtskarten und den Bildern der Kraft-durch-Freude-Reisen. Wenn sich das Auge an die Dunkelheit gewöhnt hat, lässt sich die Umgebung leicht erkennen. Auf beiden Seiten ist das Ufer nah. Langsam und völlig abgeblendet läuft „Blücher“ in den Fjord ein.

Wenn man an der Reling steht, kann man das Phosphoreszieren des vorübergleitenden Wassers deutlich beobachten. „Klar Schiff zum Gefecht! Klar Schiff zum Gefecht!“ Alle Lautsprecher des Schiffes geben den Befehl des Kommandanten, Kapitän zur See Woldag, weiter. Ruhig und entschlossen klingt die Stimme. Es ist ziemlich genau um Mitternacht. Die Matrosen der Kriegsfreiwache, die noch nicht auf Gefechtsstation sind, sausen wie ein geölter Blitz davon. Wir Landser unter Deck fühlen uns in unserer Haut reichlich unbehaglich. Unsere blauen Kameraden oben an Deck dürfen kämpfen. Aber wir selber können nichts tun als warten. Wir können unsere Knarren und MG nicht klarmachen und mitkämpfen. Wir dürfen selbstverständlich nicht mehr an Deck.

Wie es draußen aussieht, wissen wir nicht, aber wir ahnen, dass die norwegischen Küstenbefestigungen vor uns liegen, und dass die kritischen Minuten noch keineswegs vorüber sind. Wir haben uns um unseren Leutnant geschart. Der ist vollkommen ruhig und sagt etwas von einer „Feuertaufe“, auf die wir uns unter Umständen gefasst machen müssen. Es scheint, er ist nicht davon überzeugt, dass die Norweger uns ohne Schuss durchlassen werden. Wir sind es auch nicht! Gut, es wird also Kampf geben, denn wir wissen, dass „Blücher als Spitzenschiff des deutschen Verbandes den klaren Befehl hat, das Einlaufen in den Oslo-Fjord unter vollstem Einsatz zu erzwingen.

Wir fiebern vor Kampfspannung und brennen auf unsere „Feuertaufe“. Ein Matros kommt unter Deck und erzählt, dass „Blücher“ von starken Scheinwerfern angestrahlt wird. Mit dem unbemerkten Durchrutschen, mit dem in Wirklichkeit keiner von uns gerechnet hat, ist es also nichts. Eine furchtbare Detonation. Das starke Schiff bebt in allen Fugen. „Es geht los“, sagt unser Leutnant und steht auf. „Es ist besser, wir gehen weiter nach unten.“ Er hat es kaum ausgesprochen, als ein furchtbares Dröhnen durch den Schiffsrumpf geht, und die Eisenplatten, auf denen wir stehen, vibrieren. „Unser Turm schießt“, sagt jemand. Es kann nicht anders sein: „Blücher“ ist von einem Küstenfort angegriffen worden und hat das Feuer erwidert.

Eine neue Detonation, eine weitere, einmal schwächer, einmal ganz stark. „Blücher“ erzittert merklich. Das etwas entfernte Dröhnen hört auf. Offenbar schießt die feindliche Batterie nicht mehr. Sie ist niedergekämpft. Aber auch „Blücher“ muss schwer getroffen sein. Von einer Mine? Von einem Torpedo? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass „Blücher“ sich die Einfahrt erzwungen hat. Jetzt legt sich das Schiff langsam auf die Seite und richtet sich nicht wieder auf. Ein paar Matrosen bringen Verwundete nach unten. Neben uns werden Hängematten zusammengeschnürt und Verwundete darauf gebettet. Ein metallisches Rollen und Donnern ertönt. „Vorsicht!“, ruft einer, und wir weichen zurück.

An der an uns vorbeiführenden Laufschiene wird Munition zum Aufzug befördert. Obwohl zweifellos schwer getroffen, schießt also „Blücher“ offenbar immer noch. Den Matrosen, die die Munitionskästen schieben, steht der Schweiß in dicken Tropfen auf dem Gesicht. „Was ist eigentlich los?“, frage ich, aber ich bekommen keine Antwort. Irgendwo donnert es dumpf. „Blücher“ legt sich noch ein wenig auf die Seite, und nun muss man schon aufpassen, wenn man mit den nägelbeschlagenen Stiefeln nicht ausrutschen will.Auf einmal fällt mir auf, dass der Puls des Schiffes aussetzt, das leise Vibrieren der Maschinen ist nicht mehr zu spüren. Bis zum letzten Herzschlag, scheint es, hat „Blücher“ gekämpft.

Die Kameraden, unter denen ich stehe – es mögen an die fünfzig sein – , sind vollkommen ruhig. Sie haben keine Angst, ich auch nicht, obwohl es uns mehr als ungewohnt ist, als Landser tief unten im Bauch eines kämpfenden Schiffes zu stecken. Von irgendwoher kommt der Ruf „Feuer!“ Mit der Präzision einer Maschine weiß jeder von den blauen Kameraden, was er zu tun hat. In der nächsten Sekunde schon läuft ein Matrose mit einem roten Feuerlöschschlauch an mir vorbei. Irgendwo auf dem Achterdeck muss es brennen, ziemlich weit von uns, denn es dauert eine ganze Weile, bis der Qualm zu uns dringt. In demselben Augenblick ruft uns auch schon aus dem offenen Schott jemand zu: „Alles an Oberdeck!“ Wir wissen jetzt, dass es ernst ist. Aber von Panik unter uns Landsern ist nichts zu spüren.

Zuerst wird wohl ein bisschen gedrängelt, aber wohlwollende Zurufe der Matrosen wie: „Immer langsam und gemütlich!“, besänftigen die Gemüter im Nu. Helles Tageslicht flutet durch das Schott herein. Richtig, es ist ja schon kurz vor sechs Uhr morgens. Mit vollen Lungen atmen wir die frische Luft ein. Dicht vor uns, fast greifbar nahe, liegt das Land. Vorsichtig klettern wir auf das schrägliegende Deck empor bis zum Wassergang an der Reling, wo man fest und sicher stehen kann. „Blücher“ liegt so gekrängt, dass die Backbordseite kaum noch zwei Meter aus dem Wasser herausragt. Noch immer kommen Männer aus den Luken des Vorschiffs. Ihre Ruhe ist bewundernswert. Vorsichtig klettern sie das Deck herauf und gruppieren sich an der Steuerbordreling. Das Achterschiff brennt.

Dicke Rauchwolken steigen empor und legen sich in Schwaden über den Fjord. Wir wissen nicht so recht, was wir anfangen sollen. Irgendetwas, denken wir, wird schon passieren. Schließlich liegt kaum hundert Meter von uns entfernt eine Gruppe von kleinen, felsigen Inseln. Selbst für einen schlechten Schwimmer wäre es keine Leistung, sie zu erreichen. „Ruhe bewahren“, ruft ein Offizier. „Es werden bald Boote kommen!“ Ein scharfes, zischendes Geräusch lässt mich unwillkürlich zusammenfahren. Man hat die Torpedos abgeschossen, damit sie nicht im Feuer explodieren. Infolge der starken Schlagseite des Schiffes stehen die Torpedorohre schräg, und die Torpedos sausen zunächst in die Luft, bevor sie auf das Wasser aufklatschen. Wumm – wumm – wumm! Zweihundert Meter entfernt sind die Torpedos an dem Felsufer explodiert. Deutlich spüren wir die starke Lufterschütterung.

Ich mache mein Koppel auf und ziehe Mantel und Stiefel aus. meine Kameraden machen es mir nach. Auf unserem Gefechtsmast blitzt eine violette Lichtscheibe auf. ein Signal, das sich ein paar Minuten lang ständig wiederholt. Da, wo die Wasserfläche des Fjords im Morgendunst verschwindet, blinken Antwortsignale. „Die Rettung ist schon unterwegs“, sagt einer, aber die Entfernung der Blinksignale ist doch noch ziemlich groß. „Worauf sollen wir noch warten,“ sage ich entschlossen und knöpfe meine Feldbluse auf. „Los, rein in den Bach! Die paar Meter werdden wir schon schaffen.“ Vorsichtig rutschen wir das Deck hinab und stemmen uns in den Wassergang der Backbordseite ein. Matrosen schleifen Schlauchboote heran. Alles packt mit an, um die Dinger auszubreiten und über Bord zu bringen. Es klappt vorschriftsmäßig, genau wie im Manöver.

In absoluter Ruhe warten wir, bis sich die Schläuche der Gummiboote füllen. Immer wieder bewundere ich die Disziplin und Selbstbeherrschung nicht nur der Besatzung, sondern auch der Landser. Diejenigen von uns, die einiges Vertrauen zu ihrer Schwimmkunst haben, sind bereits ins Wasser gesprungen und abgehauen. Unser Floß hat inzwischen genügend Tragfähigkeit bekommen. Als ich versuche, hineinzuspringen, rutsche ich jedoch ab und mache Bekanntschaft mit dem eiskalten Wasser des Fjords. Ein paar Hände ziehen mich ins Schlauchboot. Unterwegs nehmen wir ein paar Schwimmer an Bord. Wir brauche nur kurze Zeit, um das Land zu erreichen. Aber ich bin so durchgefroren, dass mir die Glieder schlottern, und ich muss alle Energie zusammennehmen, um über die Felsen die Insel zu erreichen. Ich wende mich um. Schwer klopft mein Herz.

Da liegt unser „Blücher“, unser lieber, braver „Blücher“, ein brennendes Wrack, dem nicht mehr geholfen werden kann. Ein paar von uns, Matrosen und Landser, paddeln in Schlauchbooten hin und her zwischen „Blücher“ und der Insel und fischen ermattete Schwimmer auf. Mitten auf unserer Insel steht in einer Mulde ein kleines Sommerhaus. Seine beiden Räume sind voll von Männern; ich zwänge mich zwischen sie und ziehe mir die nassen Kleider vom Leib. Wir massieren uns gegenseitig, um das Blut in den erstarrten Gliedern zu wärmen, und jeder hilft dem anderen, so gut er kann. Lange hält es mich nicht in der Hütte. Mit ein paar Kameraden gehe ich ans Ufer und komme gerade zu dem tragischsten Schauspiel meines Lebens zurecht.

Der Koloss des Kreuzers, der bis dahin ruhig im Wasser lag, beginnt sich langsam zu drehen. Mit einer schraubenförmigen Bewegung verschwindet erst das Vorschiff, während das Heck sich aus dem Wasser hebt und sich dabei herumwälzt. Dann gleitet das Schiff in die Tiefe. Boote streben der Unglücksstelle zu, und auch von unserer Insel aus sind Schlauchboote unterwegs, um zu retten, was zu retten ist. Viele von den Matrosen auf unserer Insel, noch steif und durchnässt, springen ans Ufer und ziehen die Männer an Land, die auf die Insel zu schwimmen. Stumm stehen meine Kameraden und ich da. Wir sehen uns an; das Ende des schönen Schiffes würgt uns in der Kehle. Keiner sagt ein Wort!

Stunden später legt ein Motorboot an und verfrachtet uns der Reihe nach. Warme Suppe, heiße Eier, Grog, und dann gepennt, gepennt, gepennt… Wir haben ein schweres Opfer gebracht – aber Oslo ist besetzt. „Blücher“ hat seinen Befehl ausgeführt, das Einlaufen in den Oslo-Fjord unter vollstem Einsatz zu erzwingen; – er hat ihn erzwungen – unter Einsatz seiner selbst. Als wir aufwachen, hören wir, dass alle wichtigen Plätze Norwegens in deutscher Hand sind.

Von Rolf von Ameln

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Von am 04/05/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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