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Die Jahrhundertfotos: Rudi und Miriam Weissenstein in Tel Aviv

Mein erster Weg in Tel Aviv führt mich alljährlich zu ihm, seinem Geschäft und seinem vorzüglich aufgearbeiteten Archiv in der Tchernikovsky street Nr. 5. Eine Augenweide, eine Freude sind die Kontaktabzüge und die Postkarten, die ich mit Begeisterung kaufe und verschicke. Rudi Weissenstein war mit seiner Kamera und seinem exzellenten künstlerischen fotografischen Blick im alten Palästina und im neugegründeten Israel unterwegs.

Rudi Weissenstein. Foto: C. Wollmann-Fiedler

Rudi Weissenstein. Foto: C. Wollmann-Fiedler

Das Fotografieren und das Erkennen der Situation und des Moments lagen ihm im Blut. Ein Meister der Fotografie nenne ich ihn. Sein Nachlass, sein Archiv mit tausenden von Negativen und Kontaktabzügen und auch die wunderbaren Postkarten, sind ein unbeschreiblicher Fundus und das alles in Schwarz-Weiß!  Das Okkular, das Objektiv, sein Auge, das Arrangieren und Komponieren eines Fotos ist seine Kunst. Seine fotografische Welt ist eine schwarz-weiße, eine mit den Facetten des Blicks, des Moments, des Geschehens.

Shimon Rudolph Weissenstein verließ bereits 1935 Europa und kam 1936 im Hafen von Haifa an mit großen Wünschen und Ideen, mit Neugierde betrat er das zionistische Wüstenland. 1910 wurde er in der kleinen, im Mittelalter gegründeten Bergstadt an der Grenze zwischen Böhmen und Mähren in Iglau geboren. Einst ein preußisches Gebiet, später bis 1918 gehörten der Landschaftsteil und die Stadt zur Donaumonarchie bis zum Sturz des Kaisers in Wien, danach wurde die Stadt tschechoslowakisch, in der Neuzeit gehört Iglau/Jihlava zu Tschechien. 1945 wurde die deutsche Bevölkerung von heute auf Morgen brutal vertrieben. Rudi Weissensteins Familie war eine bürgerliche, der Vater Fabrikant, die Mutter Pianistin, drei Geschwister gehörten dazu. In Wien, der ehemaligen Hauptstadt der Donaumonarchie lernte er den Buchdruck, zum Militärdienst kam er in die tschechoslowakische Armee, für eine Prager Zeitung arbeitete er als Fotoreporter. Seine Liebe und Lust zur Fotografie konnte er in dieser Zeit bereits umsetzen und weiter entwickeln.

In Palästina traf er die Tänzerin Miriam Arnstein, die 1913 in Doberschisch/Dobris, unweit von Prag, in der mittelböhmischen Region, geboren wurde und mit acht Jahren, 1921, nach Palästina kam. Zuvor lebte sie mit den Eltern einige Jahre in Ägypten. Miriams Vater besaß in der Tschechoslowakei eine Handschuhfabrik, in Palästina/Israel verkaufte er in Tel Aviv in der Nagara street persönlich produziertes Speiseeis. Miriams Mutter Malvina war eine geborene Asherman, sie war die Schwester von Professor Asherman, der in Tel Aviv das Hadassah Hospital gründete. Malvina Arnstein schickte ihre beiden Töchter, Miriam und ihre Schwester, nach Wien, wo sie in Gertrud Kraus‘ Tanzschule zeitgenössischen Tanz und Akrobatik studierten. Zurück in Tel Aviv gab Miriam Gymnastikunterricht und lernte Rudi Weissenstein kennen, der vor einigen Jahren in Palästina ankam. Sein Foto von Miriams tänzerischem Sprung ist für mich eines der schönsten und persönlichsten Fotos überhaupt. Er nahm es im Jahr 1941 auf. Miriam und Rudi heirateten 1940 und kurz darauf eröffneten sie gemeinsam ihr erstes Fotogeschäft Pri-Or in Tel Aviv. Miriam, die Tänzerin hängte ihre Leidenschaft zum Tanz für ihn, Rudi Weissenstein und seine Fotografie, an den Nagel und begleitete ihn zweiundfünfzig Jahre bis zu seinem Tod 1992.

Rudi und Miriam Weissenstein - Tel Aviv. Foto: C. Wollmann-Fiedler

Rudi und Miriam Weissenstein – Tel Aviv. Foto: C. Wollmann-Fiedler

Am 14. Mai 1948 als David Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung des neuen Staates Israel im Dizengoff House, heute Indipendence Hall, am Rothschild Boulevar unterzeichnete und den neugegründeten Staat verkündete, durfte Rudi Weissenstein als einziger Fotograf dabei sein. Sehr geschätzt wurde er von den Politikern des Landes, in das er 1936 eingewandert war.

Seit 1936 ging und fuhr er auf Objektsuche. Moshavs und Kibbutzime, Wüstenlandschaften, im Norden die Orte der Araber, die Menschen bei der bäuerliche Arbeit, beim Kultivieren des Wüstenlandes, beim Bauen ihrer Siedlungen, politische Ereignisse des neugegründeten israelischen Staates, das Ankommen von zwei Millionen Holocaustüberlebenden aus Europa nach dem 2. Weltkrieg dokumentierte er mit seiner Kamera, das einfache Leben der Einwanderer wurde von ihm auf Zelluloid, meist mit der Rolleiflex, aufgenommen. In allen Teilen des Landes fotografierte er bis ins Detail.

2011 starb Miriam Weissenstein, die sich mit großem Engagement um das fotografische Erbe ihres Mannes gekümmert hat. Der Enkelsohn Ben Peter Weissenstein übernahm das kostbare Erbe des Großvaters.

Rudi Weissensteins Seele, sein Denken, sein Inneres sind diese Jahrhundertfotos, wie ich sie nenne.

Von Christel Wollmann-Fiedler

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Von am 12/06/2016. Abgelegt unter Israel. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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