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Was die Briten 1943 über die deutsche Rüstung wussten: Die ME 210 – Guerilla der Luft

„Die Zeitung“ schreibt aus dem Exil aus London einen Bericht von ihrem Luftkriegskorrespondenten:

In den vergangenen eineinhalb Jahren hatten die Nazis ausgesprochenes Pech mit ihren neuen Baumustern. Kaum dass eine dieser neuen Diensttypen an der Kanalfront in wenigen Exemplaren eingesetzt war, wurden sie über England heruntergeholt. In den meisten Fällen waren sie so wenig beschädigt, dass nicht nur die Techniker der Royal Air Force sie in allen Einzelheiten am Boden studierten, sondern auch die Versuchspiloten der britischen Luftwaffe ihre Flugeigenschaften in der Luft mit denen der Diensttypen der englischen Luftwaffe vergleichen konnten. Die Pechsträhne begann im Juli 1941, als Hauptmann Rolf Pingels fabrikneue Messerschmitt 109 F über Südengland zur Landung gezwungen wurde.

Messerchmitt ME 210. Foto: US-Wararchive

Messerchmitt ME 210. Foto: US-Wararchive

Die „F“ war eine wichtige Weiterentwicklung des einzigen deutschen Jagdeinsitzers, de nicht durch Qualität, sondern durch Quantität die deutsche Luftwaffe vor einer noch schwereren Katastrophe im Jahre 1940 bewahrt hatte. Dann kam der schwere Schlag für die deutsche Luftwaffe: Eine Focke Wulf 190 musste in England fast unbeschädigt landen, nachdem nur wenige Wochen zuvor die ersten Staffeln des Richthofen Jagdgeschwaders mit dieser Tape ausgerüstet waren. Wir hatten damals Gelegenheit, die Focke Wulf 190 eingehend zu besichtigen und kamen zu dem Ergebnis, dass ihre Flug- und Kampfeigenschaften die der Messerschmitts weit übertrafen, dass sie aber nicht gut genug waren für die neuen Jagdeinsitzer, die die Royal Air Force gerade in jenen Tagen in den Frontbetrieb überführt hatte.

Wir möchten ferner an den neuen deutschen Stuka-Bomber, die zweimotorige Dornier 217, erinnern, die kurz nach ihren ersten Einsätzen gegen England heruntergeholt wurde. Und ferner an die Messerschmitt ME 109 G, eine Weiterentwicklung der oben erwähnten „F“, von der das Deutsche Flieger Korps Afrika viele Muster zwischen El Alamein und Tripolis zurücklassen musste. Schließlich ist die Messerschmitt 210 zu erwähnen, von der in der letzten Zeit soviel gesprochen wurde. Auch sie wurde bei einem der ersten Einsätze über England heruntergeholt, und zwar von einem britischen Jagdeinsitzer, mit dessen Existenz die Nazis nicht gerechnet hatten, der Hawker Typhoon.

Die deutsche Luftwaffe wusste natürlich, dass die RAF sich mit der Typhoon seit langer Zeit beschäftigte; was sie aber nicht wusste, war, dass man der Kinderkrankheiten Herr geworden war. Die Besatzungen der ME 210 hatten ausgesprochenes Pech, dass sie auf ihren ersten Einsätzen gerade den Typhoon in die Quere kamen, die kurzen Prozess mit ihnen machten. Die Messerschmitt 210 ist für jeden, der sich mit der deutschen Luftfahrt etwas eingehender beschäftigt, keine Neuigkeit. Seit Jahren konnte man in der deutschen Patentliteratur Patente der Messerschmitt Flugzeugwerke in Augsburg finden, die Konstruktionseinzelheiten für ein mehrmotoriges Mehrzweckflugzeug behandelten.

Alle diese Patente waren auf dem bekannten zweimotorigen Zerstörer-Bomber der deutschen Luftwaffe, der ME 110, aufgebaut. Übrigens hatte man bereits im Jahre 1940 ein derartiges Mehrzweckflugzeug, „Jaguar“ genannt, herausgebracht, die jedoch nur kurz eingesetzt war, obwohl eine englische Zeitschrift eine ganze Seite mit Bildern dieser neuen Wundermaschine gebracht hatte. Die ME 210 ist zweifellos eine gute und interessante Konstruktion. Ob sie jedoch die Erwartungen der deutschen Luftwaffe erfüllt, ist eine andere Frage. Das wäre vielleicht der Fall gewesen, wenn die Messerschmitt ein Jahr früher herausgekommen wäre, als die RAF die Entwicklung der neuen Baumuster und besonders der neuen Motoren noch nicht abgeschlossen hatte.

Dann wäre die ME 210 ein sehr gefährlicher Gegner gewesen und hätte großen Schaden anrichten können, besonders in sogenannten „hit and run“ Angriffen, die für sie sehr geeignet ist. Sie ist schnell – ihre Höchstgeschwindigkeit liegt bei ungefähr 590 Stundenkilometern – kann eine Bombenlast von fast einer Tonne über längere Entfernungen befördern, ist gut bewaffnet, un die beiden Daimler Benz Motoren lassen Flüge in größeren Höhen zu. Alles in allem genommen: Eigenschaften, die die ME 210 zu einer idealen Type für den Guerilla-Krieg aus der Luft machen.

Die vielseitige Maschine: Zwei Momente interessieren uns besonders an dieser neuesten deutschen Diensttype. Einmal, dass sie gleichzeitig als schwerer Bomber und Stuka eingesetzt werden kann, und zum anderen ihre starke Bewaffnung. Ihre Vielseitigkeit ist, wie wir des öfteren in unseren Berichten angedeutet haben, auf die unzureichende Produktionskapazität der deutschen Flugzeugindustrie zurückzuführen, die den Bau einer Vielzahl von Spezialtypen nicht zulässt. Bei den Vereinten Nationen ist es, wie unsere Leser wissen, umgekehrt. Auf die Vorteile und Nachteile dieser Typenpolitik wollen wir bei anderer Gelegenheit zurückkommen.

Hier muss nur nochmals festgestellt werden, dass Mehrzweckflugzeuge niemals die Spitzenleistungen der Spezialentwürfe erreichen können und diesen daher unterlegen sein müssen. Das haben übrigens auch die Ereignisse des Luftkrieges der vergangenen zwei Jahre zur Genüge bewiesen. Die Tatsache, dass die Nazis in den letzten Jahren immer stärker Mehrzweckmaschinen einsetzen mussten, widerlegt die Behauptungen von Milch und besonders von Major Wulf Bley, nach General Quade dem zweitwichtigsten Luftwaffe-Rundfunksprecher, von der Größe der deutschen Flugzeugindustrie. Die Bewaffnung der ME 210 beweist, dass die Nazis ihre Typenpolitik auch auf einem anderen Gebiet grundsätzlich ändern mussten.

Die Messerschmitt ist mit zwei Kanonen, zwei schweren und zwei leichten Maschinengewehren bestückt – eine für eine deutsche Maschine beachtlich schwere Bewaffnung. Wenn man bedenkt, dass die ersten Bomber, wie die Dornier 17, überhaupt keine Bewaffnung hatten oder die ersten Messerschmitt 109 nur mit zwei Maschinengewehren ausgerüstet waren, und dass in all den Jahren zusätzliche Bordwaffen nur behelfsmäßig eingebaut wurden, dann ist die starke Bewaffnung der ME 210 erwähnenswert. Besonders wenn man sich vor Augen hält, dass für die nach rückwärts schießenden Waffen eine zwar interessante, aber äußerst komplizierte und sehr empfindliche Feuerkontrollanlage entworfen wurde.

Der Beobachter der ME 210 bedient nämlich diese Waffen nicht direkt nicht direkt, sondern durch Fernsteuerung, da sie in sogenannten Schwalbennestern auf beiden Seiten des Rumpfes angebracht sind. Wie stark die rückwärtige Verteidigung der Messerschmitt durch diese beiden Maschinengewehre – es sind übrigens sogenannte schwere MG´s von 13mm Kaliber – kann jetzt nicht genau gesagt werden. Was uns aber in dieser Verbindung am meisten interessiert, ist, dass die Nazis jetzt endgültig einsehen, dass sie nicht mehr in der Lage sind, schnellere Maschinen als ihre Gegner herzustellen, die auf Grund ihrer überlegenen Geschwindigkeit sich allen Angriffen entziehen können.

Mit dem Mythos des schnellsten Dienst-Jägers der Welt, des schnellsten Dienst-Bombers der Welt, mit dem die deutsche Propaganda so viele Jahre die Welt bluffen konnte, ist es jetzt endgültig vorbei und die Nazis geben es heute selbst zu, indem sie ihren neuen Maschinen eine Bewaffnung geben, die es ihnen, zumindest theoretisch erlaubt, sich durchzukämpfen. Und jetzt noch einige Worte über die taktischen Aufgaben der neuen Messerschmitt. Als die Nazis gegen Ende der Schlacht um Großbritannien erkennen mussten, dass sie in massierten Großangriffen zu starke Verluste erlitten, gingen sie zu „hit and run“ Angriffen über.

Messerschmitt Jagdeinsitzer wurden als leichte Bomber ausgerüstet, die im 500-Kilometer-Tempo über England einflogen, ein bis zwei Bomben abwarfen, mit ihren Bordwaffen Passanten in den Straßen der Küstenstädte beschossen, und dann schleunigst nach Frankreich abdrehten, bevor britische Jäger sie stellen konnten. Das typischste Beispiel dieser Taktik war der Propaganda-Tages-Angriff auf London am 20. Januar dieses Jahres. Über seine militärische Bedeutung brauchen wir keine Worte zu verschwenden. Diese „hit and run“ Angriffe kann man als eine Art Guerilla-Krieg aus der Luft bezeichnen, bei der Maschinen ganz unerwartet – wie Guerillas – über einem Ziel erscheinen und sofort wieder verschwinden, bevor die Verteidigung in Aktion treten kann. Bei niedriger Wolkendecke und bei diesigem Wetter werden solche Angriffe immer Aussicht auf Erfolg haben.

Einzeln fliegende Maschinen können sich trotz größter Wachsamkeit der Flugmeldeposten einschmuggeln und Schaden anrichten. Auf dieser Taktik waren die Operationen der in Frankreich stationierten deutschen Fliegerverbände aufgebaut. Die Nazis entschlossen sich zu dieser Taktik, weil sie sich sagten, dass sie viel weniger verlustreich sein würde als die Großangriffe, dass sie zwar nicht so großen Schaden anrichten könnte, dass sie aber zumindest als Störelement beachtlich sei. Sie glaubten, dass sie erfolgreich sein müssten, weil die britische Luftwaffe auch gegen Deutschland in „hit and run“ Angriffen erfolgreich war. Der Fehler, den die Nazis in ihren Überlegungen machten, war, dass der anzugreifende Raum viel kleiner als Deutschland ist und dass daher die Verteidigung viel konzentrierter sein kann, als in dem von den Achsenmächten besetzten Mitteleuropa.

Über Deutschland haben die Luft-Guerillas viel Raum zum Operieren, sie können den Eisenbahnverkehr bis weit nach Süddeutschland hinunter überraschend angreifen und, wenn auch nur für kurze Zeit, lahmlegen, da zum Beispiel die ganze Länge der Bahnstrecke Berlin-München nicht durch Flak geschützt werden kann, im Gegensatz zu Großbritannien, wo das zu schützende Gebiet nur einen Bruchteil des deutschen beträgt. Das waren die Aufgaben, welche die deutsche Luftwaffe der ME 210 stellte, und zu der sie theoretisch sehr geeignet ist, weil sie auch als Stuka geflogen werden kann, das heißt über einem kleinen Ziele so weit heruntergehen kann, dass noch Treffer erzielt werden können. Wie sich das in der Praxis auswirkt, wissen wir heute:

Die neuen Messerchmitt haben nicht erfolgreich abgeschlossen.

Von Rolf von Ameln

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Von am 19/06/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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