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Als der Krieg ab 1942 mit den alliierten Bombern die „Heimatfront“ in Hitlers Reich erreichte

„Beim jüngsten britischen Raid über Hitlerland hat das alte Lübeck zu leiden gehabt. Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt. Aber ich denke an Coventry und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss.“ (Thomas Mann)

Auftakt zur Bombenoffensive: In der Nacht zum 29. März 1942 kehrt der Bombenkrieg in das Reich der Nazis zurück. Zwar hat es schon zuvor Bombardierungen deutscher Städte gegeben, aber der Angriff auf Lübeck ist jedoch das erste alliierte Flächenbombardement, dem kurze Zeit darauf die Angriffe auf Rostock, Köln und Wuppertal folgen. Seither begleitet die Angst vor den Bomben die Menschen auch in deutschen Städten. Nach der Bombardierung schreibt eine Lübeckerin an ihre Verwandten: „Wir sind noch am Leben, aber diese Nacht werden wir nie vergessen. Vor uns, neben uns und hinter uns gingen Häuser in Flammen auf. Brandbomben hagelten nur so herunter, dann wieder Sprengbomben, sogar Luftminen!“

Lübeck nach einem Bombenangriff der RAF 1942. Foto: Archiv

Lübeck nach einem Bombenangriff der RAF 1942. Foto: Archiv

In der Nacht zum Palmsonntag war Lübeck das Ziel von 234 Bombern geworden. Dieser Angriff war der Auftakt für die englische Bombenoffensive, und Lübeck der „Testfall“ für die Auswirkungen des Flächenbombardements auf zukünftige deutsche Städte. Im Verhältnis zu späteren Angriffen waren die Zahlen der Opfer niedrig: 320 Tote waren zu beklagen, die mit großem Aufwand beigesetzt und als „Opfer für Deutschland“ geehrt wurden. Fatal waren jedoch die Folgen für das Stadtbild. Die weltberühmte Altstadt von Lübeck war nach dem Angriff fast vollständig vernichtet, über 3.000 Gebäude waren schwer beschädigt oder zerstört. Aus der Luft bot sich das Bild eines Infernos.

Ein englischer Bomberpilot schilderte in der „Los Angeles Times“ nach seiner Rückkehr auf der Heimatbasis die Wucht der Angriffe: „Das durch Lübeck rasende Feuer ist so groß gewesen, dass die Explosionen unserer Bomben in den Flammen untergingen!“ Die Nachricht vom Englischen Angriff verbreitete sich unter den Deutschen wie ein Lauffeuer, und wenige Tage danach hielt der Sicherheitsdienst der SS in seinem geheimen Lagebericht in größter Sorge die Stimmung in der Bevölkerung fest: „Der Luftangriff auf die Stadt Lübeck hat große Bestürzung ausgelöst und gab zu den verschiedenen Gerüchten über <bisher noch nie dagewesene ungeheure Verlust> unter der Zivilbevölkerung Anlass.

Man fragt sich, wie ein derartiger Angriff überhaupt möglich und wo die deutsche Abwehr gewesen ist.“ Solche Fragen waren durchaus berechtigt; zwar sorgten deutsche Flak und Abfangjäger unter den Bombern für empfindliche Verluste, die Messerschmitt-Jäger fingen bereits über der Nordsee einen Teil von ihnen ab. Dennoch konnte die mit Lübeck einsetzende britische Offensive nie mehr ganz eingedämmt werden, im Gegenteil: Der Angriff auf Köln zwei Monate später ging als erster „Tausend-Bomber-Angriff“ in die Geschichte ein. Dieses Bombardement vom 30. Mai 1942 führte allen Deutschen vor Augen, dass der Krieg mittlerweile tödlich nahe gekommen war.

Nazi-Deutschland kämpfte jetzt nicht mehr allein an den Fronten in Europa und im Osten, sondern ebenso an der „Heimatfront!“ Immer häufiger stand jetzt neben den Betten ein Koffer, gepackt mit wichtigen Dokumenten und der nötigsten Kleidung. In vielen deutschen Städten heulten die Sirenen bis in die Morgenstunden, müde wurden Kinder und Kleidung gegriffen, und die flucht in die Keller begann. Wer Glück hatte, fand einen der noch sicheren Plätze im Bunker. Obgleich das NS-System großspurig Programme zum Schutz der „Heimatfront“ ankündigte, hinkte die Realität der Propaganda hinterher. Selbst in besonders gefährdeten Städten standen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, trotz des unmenschlichen Einsatzes von Zwangsarbeitern im Errichten von Bunkern, nur für einen Bruchteil der Zivilbevölkerung Bunkerplätze bereit.

Zu Beginn der Luftangriffe spielten sich vor den Bunker-Eingängen dramatische Szenen ab. Der Andrang war gewaltig, panisch versuchten die Flüchtenden, für sich und ihre Angehörigen Einlass zu finden. Dass Juden und Zwangsarbeiter zu den Bunkern keinen Zutritt hatten, war für viele nichtjüdische Deutsche jedoch nur folgerichtig. Es sind nur wenige Fälle dokumentiert, in denen Bunkerinsassen Verfolgten Unterschlupf gewährten. Aber auch in der „Volksgemeinschaft“ hinterließ der Bombenhagel tiefe Risse. Der Kampf um den Platz im Bunker wurde bestimmt vom Selbsterhaltungstrieb des Einzelnen. Für die meisten „Volksgenossen“ war in den Städten in der zweiten Kriegshälfte ohnehin der Keller der gängigste Aufenthaltsort.

In den provisorisch ausgebauten Luftschutzkellern drängten sich die Hausbewohner auf engstem Raum zusammen. Auch einige Nachbarn suchten dort Zuflucht. Löschsand und „Feuerpatsche“ waren oft die einzigen Mittel im privaten Kampf gegen die Bomben, eine grobe Orientierung über die Gefahrenlage boten allenfalls die Luftlagemeldungen aus dem „Volksempfänger“. Die Situation in den Kellern war immer angespannt, die beklemmende Atmosphäre drückte auf die Stimmung, wie sich eine Frau aus Köln erinnerte: „Es krachte immerzu, die muffigen Kellerwände bebten, das Licht ging aus, und ich hatte so große Angst, dass ich noch nicht einmal schrie. Nachher war die Wohnung mit Glassplittern übersät.

Nach den ersten Angriffen wurden die Fensterscheiben noch ersetzt. Irgendwann mache man sich die Mühe nicht mehr, stattdessen wurden die Fenster mit Holz oder Pappe vernagelt. Fast jede Nacht heulten die Sirenen.“ Es war diese Mischung aus Angst und Apathie, mit der sich die Stimmung an der „Heimatfront“ zusammenfassen ließ. Die alltägliche Tristesse schlug sich in Witzen nieder, welche die Runde machten, wie jene Kritik am mangelnden Luftschutz, die in Köln zu hören war: „Tierschutz genießen nach Hitlers Gesetz alle Tiere, und der Luftschutz ist für die Katz´.“ In Wirklichkeit gaben die folgen des Bombenkrieges wenig Grund zum Lachen. Wasser, Strom und Gas fielen nach Angriffen oft tagelang aus, in einigen Städten wurden ganze Bezirke zu gesperrten Zonen erklärt.

Wurden in den ersten Jahren des Krieges vor allem Kinder im Rahmen der „Kinderlandverschickung in luftsichere Gebiete“ gebracht, folgten seit dem Jahre 1942 die Ausgebombten. Hunderttausende Obdachlose strömten durch das Deutsche Reich, un in den sogenannten „Aufnahmegauen“ notdürftig Unterkunft zu finden. Sie trugen Gerüchte vom Bombenkrieg in die ländlichen Gebiete. Wer aber in der Stadt ausharren musste, war gezwungen, zu improvisieren, zu Hause und am Arbeitsplatz. Zwar war das NS-Regime nach Angriffen bemüht, die Betroffenen mit Extrazuteilungen an Lebensmitteln oder mit Raubgut aus den besetzten Ländern beziehungsweise mit „arisiertem Mobiliar“ deportierter Juden zu besänftigen. Dennoch blieb das Leben in den Ruinen vom Mangel geprägt.

Im Bombenhagel gewann jene „Zusammenbruchsgesellschaft“ ihre Konturen, die 1945 das Ende des Krieges erlebte. Bis in die heutige Zeit streitet sich die Forschung erbittert über die Frage, ob der Bombenkrieg eine notwendige Voraussetzung für das Ende des Krieges war, ein militärischer Fehlschlag oder gar ein „sinnloses Kriegsverbrechen“ (?) Die gesellschaftlichen Folgen der Bombardements, wie sie seit dem Angriff auf Köln in deutschen Städten zu beobachten sind, lassen keine Zweifel an der einschneidenden Wirkung der Angriffe. Der Bombenkrieg entwickelte eine enorme soziale Sprengkraft. Er schränkte das öffentliche Leben in den betroffenen Regionen ein und hatte gravierende Folgen für die deutsche Kriegswirtschaft.

Noch gewaltiger waren die Auswirkungen der Bomben auf die Infrastruktur des Nazi-Reiches. Die Zerstörungen von Verkehrsknotenpunkten in deutschen Städten legte Rüstungsströme lahm. Transporte mit Industrie- und Verbrauchsgütern sowie Soldaten kamen mit großer Verspätung oder gar nicht zum Ziel. Auch indirekt kostete der Bombenkrieg die Deutschen militärische Ressourcen. Jede Flugabwehrkanone an der „Heimatfront“ fehlte an anderen Kriegsschauplätzen. Der erhöhte Einsatz von Abwehr-Jägern im Reich schwächte die Luftwaffe an der Ostfront, sodass ein Militärhistoriker zu einem klaren Fazit kommt: „Ohne die amerikanischen und britischen Bomber hätte der Zweite Weltkrieg mit Sicherheit ein oder zwei Jahre länger gedauert!“

Und: Was die Historiker vergaßen, zu erwähnen, man hätte noch tausende mehr Juden umbringen können.

Von Rolf von Ameln

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Von am 10/08/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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