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Die Nazi-Presse im Jahre 1936: Görings Vierjahresplan und die Frauen

Am Donnerstag, dem 29. Oktober 1936 schrieb der „Westdeutscher Beobachter“ einen drei Seiten langen Artikel über den Vierjahresplan, den Hermann Göring dem Volk im Berliner Sportpalast verkündete. In der Beilage schrieb der „Kölner Beobachter“: Hausfrau und Vierjahresplan. Die Großkundgebung der Reichsfrauenführung – Aus dem Vorhandenen mehr herausholen! / In Verbindung mit der reichswichtigen Kölner Ausstellung „Kampf um 1 1/2 Milliarden“ veranstaltete die Reichsfrauenführung am gestrigen „Tag der Hausfrau“ eine große Frauenkundgebung.

"Westdeutscher Beobachter", Ausgabe von Donnerstag, 29. Oktober 1936. Foto: Archiv/RvAmeln

„Westdeutscher Beobachter“, Ausgabe von Donnerstag, 29. Oktober 1936. Foto: Archiv/RvAmeln

Die für die Allgemeinheit wichtigen Referate befaßten sich mit praktischen Fragen und fanden eine glückliche Ergänzung in den Vorführungen und Darstellungen der Ausstellungsabteilungen, die der deutschen Land- und Stadtfrau gewidmet sind und besonders vom Deutschen Frauenwerk der NS-Frauenschaft, aber auch von der Abteilung Hauswirtschaft und Reichsnährstand betreut werde. In der festlich geschmückten Großen Messehalle, deren Frontseite mit einem goldenen Hakenkreuz auf blutrotem Grunde und deren Bühne mit gelben Herbstblumen verkleidet waren, hatten sich die Frauen aus allen Gauen Deutschlands eingefunden, um aus berufenem Munde zu hören, wie sie dem Führer bei der Durchführung des neuen Vierjahresplans nach besten Kräften unterstützen können.

Die Großkundgebung, die trotz ihres festlichen Charakters von ernster Aufklärungsarbeit erfüllt war, wurde eingeleitet mit dem Bachschen Präludium und der G-Dur-Fuge von Professor Bachem meisterhaft auf der Orgel vorgetragen. Nach einer kurzen, herzlichen Begrüßung durch Gau-Frauenschaftsleiterin Frau von Hofmann, die betonte, daß der Führer bei der Versorgung und Ernährung aus eigener Scholle vor allem die Mitarbeit der deutschen Frauen benötige, ergriff als erste Rednerin zu dem Thema „Hausfrau und Vierjahrsplan“ die Reichsabteilungsleiterin II der Abteilung Hauswirtschaft im Reichsnährstand, Frau Eichwede, das Wort: Ausgehend von den großen Leistungen des Nationalsozialismus in den vergangenen vier Jahren, stellte die Rednerin fest, daß die Freiheit des deutschen Volkes nur dann gesichert sei, wenn es sich in all jenen Stoffen vom Auslande unabhängig mache, die irgendwie durch Mobilisierung der Fähigkeiten von deutscher Wirtschaft, Industrie oder Wissenschaft in Deutschland selbst geschaffen werden können.

In jedem Zweig der Wirtschaft hätten darum Sonderinteressen hinter dem großen Ziele zurückzustehen. Auf das tägliche Leben übertragen heiße das soviel wie den Rohstoffmangel auszugleichen durch Ersatz oder Einschaltung anderer Möglichkeiten. Scharf wandte sich die Rednerin gegen jene Meckererpsychose, als ob wir nun auf alle gediegenen und anständigen Waren verzichten müßten. Es handele sich vielmehr heute um vollwertige, nur anders aufgebaute Rohstoffe, die deutscher Erfindergeist mit allen Möglichkeiten der deutschen Wissenschaft und Industrie schaffen könne.

So würden wir uns auch bald an eine Umgestaltung der Rohstoffe für die Bekleidungsindustrie gewöhnen und ein Kleid aus „Vistra-Faser“ nicht weniger schätzen als eins aus reiner Wolle oder ausländischer Baumwolle. In ihren weiteren Ausführungen ging die Rednerin dann besonders auf die Aufgaben der Landfrau ein, die auf dem Hofe und auf dem Felde der treue Arbeitskamerad ihres Mannes sei. Ihr gab die Rednerin manche wertvollen Winke. Ihre Verantwortung im Rahmen der deutschen Volkswirtschaft sei um so größer, als die ländliche Hauswirtschaft neben der eigentlichen Arbeit im Hause noch die dazugehörigen Betriebe, Geflügelhof, Garten, Milch- und Vorratskammer und Stall, umfasse.

Vom richtigen Melken hänge der Fettgehalt der Milch nicht unwesentlich ab, und nicht weniger wichtig sei die richtige Fütterung der Schweine, die meist auch die Bäuerin in der Hand habe. Die Landfrauen müßten ihren ganzen Einfluß geltend machen, daß kein Brotgetreide verfüttert und das Ablieferungssoll erfüllt werde. Bei der Lebensmittelversorgung müsse sich die Landfrau Ueberblick verschaffen über das, was sie im Laufe des Jahres an Verpflegung für die Familie und die Gefolgschaft auf dem Hofe brauche, und weiter müsse sie an der Versorgung der Stadt im Rahmen der Marktordnung mitarbeiten.

Im allgemeinen müsse der Landhaushalt und auch der Landarbeiterhaushalt sich im Verbrauch auf das beschränken, was er selbst erzeuge. Dabei müsse die Frau es verstehen, eine einseitige Ernährung zu vermeiden. Auch in der Geflügelzucht dürfe die Landfrau einen höheren Ertrag nicht durch die Verfütterung von Werten erreichen wollen, die für die menschliche Ernährung geeignet seien. Nicht Steigerung der Erzeugung um jeden Preis, sondern Steigerung im richtigen Sinne verlange der Vierjahresplan. Auch bei der Lösung des Faserproblems könne die Landfrau helfen, indem sie die ihr zufallenden Arbeiten beim Flachs- und Hanfanbau übernehme.

Durch Spinnen und Weben von Leinen und Wolle könne sie die Gesamtwirtschaft entlasten. Daß hier auch die Schaffung von bodenständiger Kleidung einsetzen müsse, in die das eigene Material verarbeitet werde, sei nicht nur von kulturellem Wert. Zum Schluß richtet die Rednerin dann einen dringenden Appell an die Stadtfrauen, die Jugend wieder aufs Land zu schicken und ihr zu sagen, daß es eine Ehrenpflicht am deutschen Boden gäbe, die wir heute besonders den Mädels ans Herz legen müßten. Als zweite Rednerin sprach Frau Dr. Else Vorwerck, Reichsabteilungsleiterin der Reichsfrauenführung.

Sie wies einleitend auf den ganz bestimmten Weg hin, den der Führer gerade den Frauen in seinem neuen Vierjahresplan gewiesen habe. Obenan steht die Nahrungsfreiheit, und um sie zu erreichen, müßten wir manche Uebergangshärten und Opfer in Kauf nehmen. An die Geschicklichkeit und Disziplin der Hausfrau ergehe nun der Aufruf, ihren Speisezettel auf die gegebenen Vorräte einzustellen. Sie müsse sich klar darüber sein, daß sie nicht nur für sich und ihre Familie, sondern auch für alle anderen Familien in unserem Volke zu denken habe. Jede Hamsterei gefährde darum unsere Nahrungssicherheit und stelle einen Verrat an der Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes dar.

Ganz anders sei es jedoch mit einer richtig durchgeführten Vorratswirtschaft. Aus den Zeiten des Ueberflusses für die knappen Monate zu sammeln, sei Aufgabe einer jeden Hausfrau; denn es liege in ihrer Macht, mit den Gaben, die die Natur uns gibt, zweckmäßig und sparsam umzugehen und sie haushälterisch zu verwenden. Sie könne und müsse den Ueberfluß der Haupterntezeiten konservieren und an Stelle von Fleischgerichten Fischgerichte und Mehlspeisen auf den Tisch zu bringen. Die Gewohnheit, so betonte die Rednerin, sei heute wohl der größte Gegner aller hausfraulichen Bestrebungen.

In manchem Haushalt sei jedoch der Gesundheit besser gedient, wenn Fleisch und Fett in geringem Maße verwendet würden. Wichtig sei vor allem, daß diejenigen Lebensmittel, die billig sind, in erster Linie den Volksgenossen zugewiesen werden, die darauf angewiesen sind, mit allerkleinsten Einkommen zu wirtschaften. Dazu gehöre aber auch ein gut Teil hauswirtschaftliches Können, und man müsse gestehen, daß die hauswirtschaftliche Ausbildung im allgemeinen keineswegs ausreiche, um den heute gestellten Anforderungen zu genügen. Hier Abhilfe zu schaffen, stellte die Rednerin als eine der vordringlichsten Aufgaben hin.

Den Kampf dem Verderb mit dem die Hausfrau die vom Reichsnährstand zur Erlangung der Nahrungsfreiheit getroffenen Maßnahmen der Erzeugungsschlacht unterstützt, behandelte die Rednerin ebenfalls in ausführlichen Darlegungen. Jede Hausfrau könne mit weniger auskommen, wenn sie sich bemühe, aus dem Vorhandenen mehr herauszuholen. Dabei handele es sich nicht allein um die Nahrungsmittel, sondern auch um sachgemäße Behandlung und Pflege der Kleidung und der Wohnung sowie um die Auswertung aller Reste. Bei allem aber gelte der Grundsatz, daß wir es uns nicht leisten können, verschwenderisch mit irgendeiner Art von Rohstoffen umzugehen.

Wir müßten mit allen Mitteln versuchen, das Gegebene zu erhalten. Auf noch ein anderes Gebiet wies dann die Rednerin hin, das ihr für diese Fürsprache dankbar sein wird: auf die Schöpfungen der deutschen Kunst. Jede Rohstoffverschwendung sei für uns heute eine Hemmung beim Aufbauwerk unserer Volkswirtschaft, aber jede Anlage von Geld in Kunstschöpfungen bedeute nicht nur einen Auftrieb des deutschen Kunstschaffens überhaupt, sondern damit auch eine Fortsetzung der Tradition deutscher Kulturgeltung in der Welt. Hier liege eine besondere Aufgabe derer, die ein Mehr an Einkommen haben, als sie zum täglichen Leben bedürfen.

Die Rednerin schloß ihre mit starkem Beifall aufgenommenen Ausführungen und Anregungen mit der Versicherung, daß die Frauen die innere Bereitschaft hätten, am Gesamtgeschehen des Volkes mitzuhelfen und die Schwierigkeiten, die durch den Vierjahresplan gegeben sind, zu überwinden.

Von Rolf von Ameln

 

Von am 14/10/2016. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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