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Als die Kommunisten im Jahre 1934 noch schreiben durften: Meine erste Auspeitschung

Die „deutsche Volks-Zeitung“ schreibt in ihrer Ausgabe vom 19. Oktober 1934 mehrere Artikel über die Zustände in Spanien, die Säuberung der SA und unter anderem einen interessanten Artikel von einem gewissen Willi Bredel, der hier wiedergegeben werden soll. einige Zeilen über das Blatt folgen am Ende des Artikels.

Meine erste Auspeitschung: Antwort an den „Völkischen Beobachter“:

Deutsche Volks-Zeitung Titelseite. Foto: Archiv/RvAmeln

Ihr schreibt mir, ich soll sauf die wutschnaubende Attacke im „Völkischen Beobachter“ antworten, in der ich, in mich ehrender Gesellschaft wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und anderem Geschmeiß, Landesverräter, Feigling usw. genannt werde. Ich will euch meine erste Auspeitschung schildern. Am Nachmittag des 28. August vorigen Jahres erschienen zwei schwarzuniformierte SS-Leute vor meiner Zellentür. Der Stationswachtmeister öffnete. Ich wurde über die Gefängnishöfe in die Kommandantur des Konzentrationslagers geführt, das in diesen Tagen in dem Bereich des alten Zuchthauses Fuhlsbüttel eingerichtet wurde. Ein altes, seit vielen Jahren leer stehendes Gefängnis.

Die unteren Räume waren für die SS-Wachmannschaften und die Kommandantur eingerichtet. Ich wurde in ein kleines Zimmer geführt, in dem ein großer, massiger Mensch in brauner Wildlederuniform vor einem Schreibtisch saß: Der Kommandant. Neben ihm an der Tür standen drei Sturmführer der SS. „Sie sind also der Dichter Willi Bredel!“ Das Wort Dichter ironisch in die Länge ziehend. „Nein, Herr Kommandant, ich bin kein Dichter!“ – „Sie haben doch diese Sachen hier geschrieben, nicht wahr?“ – „Jawohl Herr Kommandant, ich bin Schriftsteller!“ – „So-o! Ich will Ihnen heute nur mitteilen, daß Sie morgen ausgepeitscht werden. Aber gründlich! Verstanden!“ – „Jawohl Herr Kommandant!“ – „Ab mit ihm!“

Die beiden SS-Ordonnanzen nahmen mich wieder in die Mitte und führten mich in meine Einzelzelle zurück, in der ich seit vielen Monaten lag. Am Nachmittag des nächsten Tages holten mich die beiden SS-Leute wieder. Der eine flüsterte mir, als wir den Gefängnishof überschritten, zu: „Na, hast´ dein Testament gemacht!“ Auf dem Korridor vor dem Zimmer des Kommandanten warteten unter zahlreichen SS-Leuten auch drei Zivilisten. Ich wurde in das Zimmer des Kommandanten geführt. Die drei Zivilisten folgten. Der eine schrie mich an: „Wie kommen deine Romane nach Moskau?“ – „Das veranlaßt der deutsche Verlag, der sie herausgebracht hat!“ – „Hier nicht, meine Herren!“ mischte sich der Kommandant ein, erhob sich und zog eine riesige Parabellum-Pistole aus einem Kasten, der an seiner Seite baumelte.

Die drei Sturmführer hatten plötzlich ebenfalls Mauserpistolen in den Händen. „In den Keller!“ Der Kommandant ging voran. Die beiden SS-Ordonnanzen wichen nicht von meiner Seite. Hinter uns folgten die drei Zivilisten und die Sturmführer mit ihren Mauserpistolen hantierend. Man stieß mich in eine ausgeräumte Zelle. Der Kommandant trat herein. „So, mein Junge, jetzt kriegst du einen Arschvoll. Ehrensache! Ehrensache! Benimm dich wie ein Mann. Leistest du aber Widerstand, wirst du über den Haufen geschossen. Verstanden?“ – „Jawohl Herr Kommandant!“ Die drei Zivilisten zwängten sich in die Zelle. Der Kommandant verließ sie. Die Sturmführer postierten sich vor der offenen Tür, die Mauser drohend auf mich gerichtet.

Einer der Männer in Zivil, derjenige, der mich angeschrien hatte, krallte seine Fingernägel in mein Genick und zerrte meinen Kopf nach unten. Nun sah ich, daß die beiden anderen hinter ihrem Rücken versteckt gehaltene langschwänzige Peitschen hervorholten. Ich wehrte mich nicht, denn das war ja sinnlos. Sie schlugen wie irrsinnig auf mich ein. Der Speichel des Menschen, der mich hielt, tropfte mir auf den Kopf. Der Kommandant trat ein und gab den Schlagenden ein Zeichen. Die Würgehände ließen mich frei. Vor Schmerzen stöhnend, richtet ich mich auf. Der Kommandant stand vor mir, seine Parabellum-Pistole auf mich anlegend. „Entsichert, mein Junge. Ich brauche nur zu drücken – von wegen Angriff auf den Kommandanten und so – und du bist wegen Widerstand erschossen.

Deutsche Volks-Zeitung Innenseite. Foto: Archiv/RvAmeln

Aber wir sind ja so-o human, oder sind wir nicht human?“ – „Jawohl Herr Kommandant, stieß ich hervor!“ – „Was jawohl?“ – „Sie sind human!“ Schmunzelnd verließ der Kommandant die Zelle. Wieder krallten sich die Hände in meinen Nacken, wieder wurde ich nach unten gedrückt. Wieder sausten die Peitschen auf mich nieder. Ein Sturmführer trat in die Zelle. Ich mußte mich aufrichten. „So geht es euch Intellektuelle alle. Auch werden wir ausrotten! Ausrotten!“ – „Ich bin kein Intellektueller!“ – „Wa-as, Du bist kein…? Was bist du denn?“ – „Matallarbeiter, Dreher.“ – „Du bist doch Schriftsteller, nicht wahr?“ – „Ja, aber beruflich bin ich Metallarbeiter.“ – „Du Strolch, willst mich verhöhnen, was?“

Ich taumelte von einem Schlag ins Gesicht gegen die Zellenwand. Und wieder wurde ich am Halse gepackt, nach unten gezogen und ausgepeitscht. Schließlich lag ich in einer Ecke der Zelle, hatte mich zusammengekauert und die Hände vor dem Gesicht, denn immer noch wurde auf mich eingeschlagen, da trat ein kleiner, dicklicher Mann herein und sagte etwas. Darauf wurde nicht mehr geschlagen. Ich wurde aus der Zelle gezerrt und auf den kalten Steinboden des Korridors geworfen. Der Kommandant – ich erfuhr später, daß er Ellerhusen heißt, Standartenführer der SA und hamburgischer Staatsrat in der Reichsregierung ist – ging mit dem kleinen beleibten, der wie sich herausstellte, ein Arzt war, vor mir auf und ab.

Als ich etwas zu mir kam, wurde ich hochgerisssen und von den beiden SS-Ordonnanzen in meine Zelle zurückgeschleppt. Das, Genossen, war meine erste Auspeitschung, die nicht die einzige blieb. Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgendein Mensch von mir glaube kann, daß diese Leute, die mich dreizehn Monate in einem Konzentrationslager festhielten, davon elf Monate in unbeschäftigter Einzelhaft, die mich auspeitschten und quälten, mich beschimpfen könnten. Der Haß, der in der Brust derer brennt, die ihren Mörderhänden entkamen, ist unauslöschlich!

Über die „Deutsche Volks Zeitung“ gibt es wenig zu berichten, da nur wenige Auflagen gedruckt worden waren. Die, aus der berichtet wurde, trägt die Nummer „35“. Bekannt wurde der Titel „Deutsche Volks Zeitung“ erst in der ehemaligen DDR als Zeitung der SED. Die zahlreichen Erscheinungsorte, Berlin, Zürich, Saarbrücken, Prag, Paris, Amsterdam, Kopenhagen, zeugen von den Schwierigkeiten des politischen Gegners, eine illegale Zeitung herauszubringen. Viele Artikel glorifizierten die Sowjetunion und die Politik Stalins, berichteten über die Gewaltherrschaft der Nazis, unter der die politischen Mitstreiter in Deutschland zu leiden hatten, sowie über den Beginn der „Reinigung der SA“, in der die Kommunisten auch ein Vorgehen gegen die proletarischen Elemente sahen. Auch dieses Blatt existierte Ende 1938 nicht mehr.

Von Rolf von Ameln

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Von am 05/03/2017. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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