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Mein Bruder Otti: Als jüdischer Junge 1941 vom sowjetischen NKWD nach Sibirien deportiert

Othmar Bartfeld, liebevoll „Otti“ genannt, wurde 1931 in Czernowitz in der Bukowina geboren, hatte eine neun Jahre ältere Schwester Margit. In einer einst österreichisch-ungarischen jüdischen Familie wuchs er heran, ging in Czernowitz in die Schule, sein kindliches Leben fühlte sich aufgehoben in der Familie und der multikulturellen Stadt Czernowitz, in der Rumänen, Deutsche, Griechen, Türken, Ruthenen und andere zusammenlebten. Aus der Literatur, vor allem der jüdischen deutschsprachigen Lyrik, ist uns Czernowitz bekannt. Die Stadt von damals, die barocke Stadt der Donaumonarchie am Pruth gibt es nicht mehr, 1945 wurde sie sowjetisch und seit 1990 gehört sie zur Ukraine.

1941 wurde Czernowitz von den Sowjets besetzt, die von einem Tag auf den anderen Juden, Intellektuelle und Kaufleute (Volksfeinde) aus ihren Wohnungen holten, sie zum Sammelplatz brachten, in Viehwaggons pferchten und tage- und wochenlang in Richtung Sibirien deportierten. In die Taiga, an den Wassjugan, der kaum lebensmöglichen Landschaft, wurden sie verbannt und sollten verrecken, wie sich Stalin das wünschte.

Der zehnjährige Otti leistete in der Verbannung Schwerstarbeit, kämpfte ums Leben und Überleben. Als geschickter Mensch und musisch begabter ertrug er das schwere Leben, die Schulzeit wurde eine kurze Episode. Später heiratete er Wilma, die Lettin, seine große Liebe, die ebenfalls eine Deportierte war, bekam zwei Söhne, Leonid und Marek, und baute ein Häuschen.

1990 machten sich seine Mutter Cilly, die Schwester Margit mit Tochter, Schwiegersohn und Enkeln auf den Weg nach Israel, sie durften Russland verlassen, verließen Sibirien nach fünfzigjähriger Verbannung und ihrer fünfzigjährigen Sozialisierung zuletzt in Tomsk. . „Otti“ der kleine Bruder blieb im Land, in das er 1941 deportiert wurde und viel Leid als Kind ertragen musste. Fünfundsiebzig Jahre sollte er dort leben.

Margit, die Schwester, heiratete in der Taiga 1948 den ebenfalls aus Czernowitz stammenden Kurt Feller, der Architekt geworden war, 1950 bekam das Paar eine Tochter, 1958 starb Kurt Feller und wurde in Tomsk begraben. Vater Moritz Bartfeld starb bereits 1942 am Hungertod.

Bei meinen Begegnungen und Besuchen mit und bei Margit in der Nordau in Tel Aviv erfuhr ich immer wieder über ihre wunderbaren Jahre mit Otti, ihrem jüngeren Bruder, in der Bukowina, von den Ferien in Kimpolung, von den Freundinnen und Freunden, immer wieder über Selma Meerbaum Eisinger, die Schulfreundin, die mit 18 Jahren in Transnistrien starb. Nie anklagend erzählte sie all die Jahre von der Deportation und ihrem schweren Leben in Sibirien. Mysteriös, fast nebulös, kommen einem Außenstehenden viele Geschehnisse und Erlebnisse vor. Wie konnte man dort in der Taiga überhaupt leben und noch dazu fünfzig Jahre? Margit Bartfeld-Feller, die bereits zwölf Bücher über ihr Leben damals in der Bukowina und über das spätere Leben in der Sowjetunion schrieb, ging erneut mit vierundneunzig Jahren mutig an die Arbeit, um ihren „kleinen“ Bruder Otti nicht zu vergessen, der 2016, mit fünfundachtzig Jahren in Sibirien starb. Ein literarisches Denkmal setzte sie ihm. Margit Bartfeld-Fellers Bücher sollte man lesen, einen besseren und informativeren Geschichtsunterricht gibt es nicht.

Von Margit erfahren wir im neuen Buch „Mein Bruder Othmar (Otti) Bartfeld“ im Nachhinein, dass Otti auf Kämmen und der Mundharmonika musizierte, auch im Chor der Lampenfabrik leidenschaftlich gerne sang und seine große Freude das Tanzen war. Beim Aufführen von Volkstänzen war er in den Dörfern am Wassjugan stets dabei. All diese und andere Freuden mehr halfen ihm beim Überleben und gaben ihm Lebensfreude. Als „Verschickter“ (Jude) durfte er mit seinem Chor nicht von Tomsk nach Moskau mitfahren. Ihm wurde die Reise verwehrt, was ein großer Schmerz für ihn war und ihn demütigte. Mit Tieren kannte sich Otti aus, kümmert sich als vierzehnjähriger verlässlich um kranke Pferde während einer Pferdeepidemie. Mit dem alten Donkosaken Pugatsch verband ihn eine innige Freundschaft. Wir erfahren von Wintern, die bereits im September begannen und von bitterer Kälte mit minus 45 Grad Celsius, wir erfahren von zugefrorenen Flüssen, auch von Sommern, die Ende Mai begannen, wenn Schnee und Eis verschwanden.

An Erlebnisgeschichten in Sibirien mit Mama Cilly und Otti, vom täglichen Kampf um Leben und Tod, von angreifenden Bären und Hungersnöten, lässt uns Margit teilhaben. Otti beschreibt den schwierigen Bau eines Brunnens im Sumpfgebiet. Zuvor wurde schmutziges, öliges Flusswasser getrunken. Nun gab es frisches klares Brunnenwasser. Das war ein großer Erfolg!

Ottis Nichte Anita, die in Tomsk geboren wurde und heute ebenfalls in Tel Aviv wohnt, schreibt sehr liebevoll über ihren Onkel Otti und erinnert sich gerne an ihn. Über seine technische Begabung erfahren wir von ihr und seine Leidenschaft zur Fotografie und dem Motorradfahren. Die einzige 6×6 Box, die es im Dorf zu kaufen gab, wurde seine, die Dunkelkammerarbeit unter der Bettdecke wird beschrieben. Alles, was vor die Linse kam, wurde fotografiert.
Mehrmals besuchte Otti seine Familie in Israel, schöne Besuche waren es und Fotos der Freude entstanden.

Margit Bartfeld-Feller
Mein Bruder Othmar (Otti) Bartfeld
Als jüdischer Junge 1941 mit seiner Familie
Aus Czernowitz vom sowjetischen NKWD
Nach Sibirien deportiert und in Tomsk für
Immer verblieben
1931 – 2016
Mit Beiträgen von Othmar (Otti) Bartfeld
Und seiner Fotodokumentation
Herausgegeben von Erhard Roy Wiehn
Hartung-Gorre Verlag Konstanz 2017

 

Von Christel Wollmann-Fiedler, Berlin

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Von am 26/06/2017. Abgelegt unter Bücher,Europa,Rezensionen. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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