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Obersturmbannführer Adolf Eichmann auf „Geschäftsreise“ in die deutsche Botschaft zu Rom

Der deutsche Botschafter in Rom, Hans Georg von Mackensen, hatte Probleme. Auf seinem Schreibtisch war ein Brief vom Reichssicherheitshauptamt, Abteilung IV B-4 gelandet, in dem er aufgefordert wurde Möglichkeiten zu erörtern, wie man italienische Juden nach Osten transportieren konnte. Da aber die meisten Italiener die Juden leiden konnten, er aber auch zuständig war für die Aufgebote an italienischen Arbeitern, die ins Reich zum arbeiten geschickt wurden, sammelte er eine Mappe mit negativen Aussagen und sandte diese nach Berlin. Damit, so dachte er, sei die Sache wohl erledigt. Doch es kam bald ein weiteres Schreiben jenes Obersturmbannführers aus dem Reichssicherheitshauptamt, dem die Abteilung IV B-4 unterstand; er schrieb, er werde persönlich nach Rom kommen und sich der Sache annehmen.

Adolf Eichmann im Prozess in Jerusalem. Foto: Archiv

Es folgte ein Telefonat, in dem er seinen baldigen Besuch ankündigte. Von Mackensen stellte fest, dass dieser Mann einen recht anmaßenden Ton an sich hatte, dabei stand er doch selbst in einem Rang eines SS-Gruppenführers. Und er wusste, dass ein SS-Führer etwas ganz anderes war, als ein Offizier der Wehrmacht. Als Ableger von Hitlers Schläger-Abteilungen, der jetzt zu einer aufgeblähten Privatarmee von Nazi-Getreuen gediehen war, stellte die SS in von Mackensens Augen nur eine „windige Elite“ regierungstreuer Polizeiterroristen dar – obgleich der Status des „Ehrenführers der SS“ zu einem Unterpfand unverbrüchlicher Nazi-Treue geworden und er selbst auch Angehöriger der SS war.

Doch dieser Obersturmbannführer Eichmann schien einiges Gewicht zu besitzen, denn als nächstes erhielt von Mackensen ein kurzes, streng geheimes Schreiben von Heydrich, einem SS-Obergruppenführer von beängstigendem Ruf, der gleich nach Himmler das Sagen hatte -, aus dem mehr oder minder unmissverständlich hervorging: „Tun Sie, was Eichmann sagt..!“ Er recherchierte kurz, wer Eichmann war. Die Abteilung B der Gestapo befasste sich mit den „Sekten“. Als vierte „Sekte“ galten die Juden. Abteilung IV B-4 des RSHA war also das Referat für „Judenangelegenheiten!“ Als dessen Leiter bestimmte Eichmann das Schicksal sämtlicher Juden in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten; – die Juden galten als „Sicherheitsangelegenheit“.

Doch Eichmanns Besuch verzögerte sich; – kurz nach Heydrichs Ermordung traf er in Rom ein. Trotz der Knappheit an Treibstoff kam er mit einem Wagen aus Berlin, da er das Fliegen hasste. Nach einigen Worten der Einführung betonte Eichmann, dass er gekommen sei, um ihm, von Mackensen, Richtlinien zu vermitteln, denn schließlich habe er schon vor dem Krieg mit Judenangelegenheiten zu tun gehabt, und zwar in allen Aspekten. Keine Regierung außerhalb des „Dritten Reiches“ verstehe die weitsichtige Politik des „Führers“, erklärte Eichmann. Zwar seien sie bereit, die antijüdischen Gesetze wieder aufleben zu lassen, die einst in der Rechtsprechung ganz Europas gegolten hätten; auch hätten sie nichts dagegen, die Juden aus der Regierung, den akademischen Berufen und den besseren Wohngebieten zu vertreiben und sie an den Bettelstab zu bringen.

Doch wenn es um radikalere Maßnahmen gehe, neigten die Politiker zum Rückzug. Als entscheidenden Punkt führte Eichmann an, solle sich von Mackensen stets vor Augen halten, „…dass man Italien unbedingt dazu bringen muss, ein paar Juden, und seien es auch noch so wenige und auf welcher Basis auch immer, sofort an Deutschland auszuliefern..!“ Sei dieser Schritt getan, der Grundsatz festgeschrieben und das Eis gebrochen, werde der Widerstand gegen die deutsche Politik nach und nach zusammenbrechen. Mehrfach habe er die Erfahrung gemacht, dass trotz aller Besteuerung die Juden mit allen Tricks schafften, um ihren Besitz zu sichern, beziehungsweise teilweise ins Ausland zu transferieren.

Es hilft also nur sie wegzuschaffen, denn dann bleibt ihr Reichtum zurück und kann konfisziert werden. Wenn eine Regierung erst einmal ein paar Juden ausliefere und dann merke, wie lohnend das für sie sei, ändere sich ihre Haltung für gewöhnlich, und sie werde zum warmen Befürworter dieses Vorgehens. Das sei in einem nach dem anderen besetzten Land so gewesen. Weiter führte er als Beispiel Bulgarien an, das mit dem Reich verbündet war und seine Juden nach Deutschland ausliefern wolle. Es ginge hier zuerst mal um die in Deutschland lebenden italienischen Juden und anderes „Gesocks“. Er, von Mackensen, bekomme von ihm die Listen, denn das Auswärtige Amt habe ihn, von Mackensen, wärmstens empfohlen, und der Reichsführer-SS erwarte zuversichtlich positive Ergebnisse.

Je klarer Eichmanns Gedankengang wurde, desto weniger gefiel er von Mackensen. Er hatte genug Andeutungen über die Konzentrationslager im Osten gehört. Antisemiten – willige Geschöpfe Ribbentrops – waren im Auswärtigen Dienst in der Überzahl. Einer der schlimmsten unter ihnen war ein Unterstaatssekretär, der ausgerechnet auch noch Martin Luther hieß und eine streng geheime Abteilung des Auswärtigen Amtes leitete, die irgendwie mit jüdischen Angelegenheiten zu tun hatte. Von Mackensen hatte sich mit diesem Alkoholiker auf einem Empfang in Berlin unterhalten, der in ziemlich angetrunkenen Zustand vertraulich zwinkernd preisgab: „Den Juden wird es nun in den Lagern im Osten endlich mal gezeigt, so, wie es der Führer vorhergesagt hatte.“

In Deutschlands „besseren Kreisen“ überging man das Thema mit Schweigen oder Schulter zucken. Und jetzt schlug dieser Eichmann mit den abfallenden Schultern, dem langen hageren Gesicht, der spitzen Nase, der hohen Stirn und den flotten Manieren, dessen schwarze Uniform die Blässe des Schreibtischtäters nur betonte, ihm vor, sich in diesen Sumpf zu stürzen, bis zum Hals. Von Mackensen vergaß einen Grundsatz nie: alle Kriege haben mal ein Ende, und Nachkriegsabrechnungen konnten höchst unangenehm werden. Es machte ihm schon Mühe, italienische Arbeiter zu requirieren. Aber Krieg war Krieg, und Befehl war Befehl; nur, diese Geschichte mit den Juden war für ihn nicht zu überblicken, und um die ganze Angelgenheit im Keim zu ersticken, sprach er daher mit großer Entschiedenheit: „Auf eines muss ich Sie allerdings hinweisen. Beim Requirieren von Arbeitskräften musste ich in schriftlicher Form Garantien über Bestimmungsort, Entlohnung und Arbeitsbedingungen der Arbeiter abgeben.“

Eichmann entgegnete: „Selbstverständlich. Aber das waren Italiener. Hier handelt es sich um Juden.“ Der Ton, mit dem dies gesagt wurde, verwirrte von Mackensen; – Eichmann hätte ebenso gut sagen können: „Hier handelt es sich um Schweine..!“ Dann nahm Eichmanns Gesicht einen straffen Ausdruck an: „Genug, von Mackensen, sprechen wir offen miteinander. Kann der Reichsführer bald mit einem positiven Bericht hinsichtlich der ersten 118 italienischen Juden rechnen? Die Unterlagen erhalten Sie per Kurier..“

Eichmann ließ sich zum Abschied noch ein Glas Kognak einschenken. Als von Mackensen durch die Halle mit ihm zum Ausgang der Botschaft hinausging, tauschten sie Belanglosigkeiten über den Verlauf des Krieges aus. An der Tür drehte er sich um und grüßte: „Sie tragen hier eine große Verantwortung, Herr von Mackensen. Viel Glück. Heil Hitler.“

So konnte das Unheil über die Juden in Italien seinen Lauf nehmen. Von Mackensen war von 1945 bis 1946 in französischer Kriegsgefangenschaft und starb im Jahre 1947.

Von Rolf von Ameln

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Von am 13/07/2017. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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