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Die Zeitung schrieb am Freitag, 20. März 1942 auf Seite drei: General Hitler

Am 19. März waren es drei Monate, dass Hitler den Oberbefehl über das Heer und die Leitung der Operationen an der Ostfront übernahm; es ist jetzt möglich, sich von seiner Strategie ein vorläufiges Bild zu machen. Diese Strategie erinnert in vieler Hinsicht an die Politik, die Hitler nach Rückschlägen während des innerdeutschen Machtkampfes einzuschlagen pflegte. Sie besteht darin, die Niederlage nicht anzuerkennen und den Einsatz zu verdoppeln. So zog er beispielsweise nach seiner schweren Niederlage im ersten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl 1932 seine Kandidatur nicht etwa zurück, sondern stellte sich sofort wieder und gewann durch diese bloße Geste einen guten Teil des politisch verlorenen Terrains wieder zurück.

Die Zeitung Titelseite. Foto: Archiv/RvAmeln

Ähnlich hat er auch jetzt den nach den Dezemberniederlagen sich anbietenden Rückzug nicht angetreten, sondern der Armee einen verzweifelten Verteidigungskampf aufgezwungen. Es wäre voreilig, diese Strategie von vornherein bereits als unsinnig zu bezeichnen. Man kann sehr wohl fragen, ob nicht die Alternative – ein langer Rückzug im russischen Winter – noch gefährlicher für die deutschen Armeen gewesen wäre; und die zähe Verteidigung z.B. Rzhevs und Orel hat zweifellos dazu beigetragen, Hoffnung und Selbstvertrauen in Deutschland, die um die Jahreswende auf den Nullpunkt gesunken waren, wenigstens vorübergehend wieder zu haben.

Dennoch dürfte Hitler mit seiner Strategie der starren Verteidigung im Winter nicht weniger Stalins Spiel gespielt haben als mit seiner Strategie der rücksichtslosen, verschwenderischen Daueroffensive im Sommer. In beiden Fällen ist das einzig bleibende Ergebnis – in Ermangelung einer strategischen Entscheidung – ein maßloser Abtausch von Menschenleben, ein furchtbarer Aderlass der beiden ineinander verkeilten Armeen. Und dies ist ein Spiel, das Russland länger aushält als Deutschland. Die Rechnung ist entsetzlich simpel: 190 Millionen habe mehr Blut zum vergießen übrig als 80. Das deutsche Heer, eingeschlossen die Luftwaffe, hat für Hitlers Prestigestrategie einen Blutpreis gezahlt, den sie sich eigentlich nicht mehr leisten konnte. Mag sein, dass Hitler in diesem Winterfeldzug bereits das militärische Kapital verbraucht hat, von dem die Frühjahrsoffensive zehren sollte. * * *

„Die Zeitung“ betrachtete das „Dritte Reich“ und den Zweiten Weltkrieg naturgemäß aus einem völlig anderen Blickwinkel. Die deutsche Exilzeitung erschien in London ab dem 12. März 1941 zunächst sechsmal pro Woche und ab Beginn des Jahres 1942 als Wochenzeitung bis zum Juni 1945. Die Auflage pendelte zwischen 15.000 und 20.000 Exemplaren, eine Dünndruckausgabe zum Vertrieb in Übersee und für den Abwurf über das Reich der Nazis durch die Royal Air Force – wie auch die hier vorliegende – wurde ebenso produziert.

Und so bleiben diese Zeitdokumente eine unerschöpfliche Quelle zur Berichterstattung in heutigen Tagen.

Von Rolf von Ameln

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Von am 04/10/2017. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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