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Eine Geschichte von Leben und Tod: Der Holocaust in Drohobycz und Boryslaw

Zum Königreich Polen gehörten die beiden Städtchen, dann zur polnisch-litauischen Adelsrepublik und von 1772 bis 1918 zur Habsburger Monarchie, dann wieder zu Polen. Ab 1939 geschahen verschiedene politischen Überfälle, 1944 besetzten die Sowjets erneut den Landstrich Galizien, polnische Bürger wurden vertrieben, 1990 nach der Öffnung der Grenzen in Deutschland, in Europa, kam das ehemalige Galizien zur Ukraine

Unweit von Lemberg/Lwiw im ehemaligen polnischen Galizien liegt die Stadt Boryslaw. Ein jüdischer kleiner ärmlicher Schtetl war der Ort, doch in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts brachten das entdeckte Öl, das „Schwarze Gold“ und die Gasvorkommen nie zuvor dagewesenen Reichtum, zum Zentrum des Ölvorkommens wurde der Landstrich, zur drittgrößten Ölproduktion der Welt soll der Ort damals aufgestiegen sein. Ausländische Firmen ließen sich nieder, bereits 1880 gab es in dem Region 36 Ölgesellschaften. Aus dem ländlichen jüdischen Schtetl wurde eine moderne Stadt. Arbeitsplätze gab es, auch für die arme jüdische Bevölkerung, die weit über die Hälfte der Einwohner ausmachten. Die beiden großen Weltkrieg im vorigen Jahrhundert beuteten die Ölvorkommen aus, nur noch wenig Öl wird heute gefördert.

Kaiser Franz Josef, der Regent in Wien, gab den Juden in seiner Herrschaftszeit im 19. Jahrhundert Privilegien, mehr Freiheiten als zuvor, doch oft nur auf dem Papier. Eine große neue Synagoge wurde gebaut, eine weltliche Jüdische Schule, ein Waisen- und ein Krankenhaus kamen hinzu. Juden wurden Besitzer von kleinen und großen Firmen, ließen sich zu Ingenieuren und technischen Fachleuten ausbilden.

Drohobycz Progressive Synagogue, (Jewish Landmarks)

Ein paar Kilometer weiter, in der sehr alten Stadt Drohobycz aus dem 11. Jahrhundert, dominierten seit alters her Salzbergwerke, doch auch hier wurde seit dem 19. Jahrhundert Öl gefördert. Harte Lebensbedingungen gaben der Stadt und der Umgebung den Beinamen „Galizische Hölle“. 15.000 Juden sollen in Drohobycz vor dem 2. Weltkrieg gelebt haben, 40% der gesamten Einwohner, nur 400 haben überlebt. Die Choralsynagoge wurde 1865 geweiht und soll die schönste, größte und imposanteste in Polen gewesen sein.

Ein reiches ökonomisches und kulturelles Leben begann in beiden Städten. Intellektuelle und Schriftsteller brachte damals die neue Zeit hervor. Aus unterschiedlichen Gegenden Polens siedelten sich in diesen beiden Orten Menschen an, die Jüdischen Gemeinschaften wurden weltlicher, Jüdische Sportvereine wurden gegründet, sogar zionistische Organisationen, auch jüdische Theater eingerichtet und jüdische Musikvereine gegründet. Ein multikulturelles, reges Leben begann, Polnisch und Jiddisch wurde gesprochen, die Drohobyczer Zeitung, 1883 gegründet, publizierte in deutscher und hebräischer Sprache. In der Gemeindepolitik engagierten sich jüdische Bürger bis der 2. Weltkrieg und der Überfall der Nazis den Aufbau des jüdischen Lebens, deren Kultur, Religion und deren Familien bis in die Ewigkeit zerstörten und fast völlig auslöschten.

Elisabeth Bergner, die zauberhafte, zierliche Schauspielerin wurde 1897 in Drohobycz geboren, ging in die weite Welt, rettete ihr Leben in London, wo sie 1986 starb. Mit O.E. Hasse war sie auf der Bühne zu sehen und zu hören. Ich glaube, es war in Hamburg oder West-Berlin in den 1960er Jahren. Den Briefwechsel zwischen Stella Campbell und G.B. Shaw lasen sie mit dem Titel „Geliebter Lügner“, ein großartiges unvergessenes Theatererlebnis. Hochkarätige Schauspieler waren beide, jeder litt auf seine Weise im Nazireich.

Ephraim Moses Lilien, kam aus allerärmsten Verhältnissen in Drohobycz, wurde 1874 dort geboren. Begabung und Klugheit brachten ihn sehr weit, sein künstlerisches Schaffen gehörte dazu. Grafiker, Maler und Fotograf wurde er, Grafiken von Jugendstil-Ornamenten und Ex Libris machten ihn bekannt, die Fotos von Theodor Herzl in Basel ebenso. Mit einer wohlhabenden jüdischen Braunschweigerin, der Grafikerin Helene Magnus, verheirate er sich, setzte sich für wichtige politische und soziale Ideen ein, starb 1925 während einer Kur im Schwarzwald, in Badenweiler. Rene Schickele, der kämpferische Elsässer Schriftsteller, war sein Freund.

Leopold Gottlieb studierte in Krakau und München Malerei, ließ sich in Paris nieder. 1879 wurde er in Drohobycz geboren, 1934 starb er in Paris. Im 1. Weltkrieg war er Kriegsmaler der 1. Polnischen Legion, hunderte von Soldatenportraits entstanden, er lebte bis zu seinem Tod in Paris. Noch heute werden Portraits von ihm versteigert.

Bruno Schulz muss noch erwähnt werden, der 1892 ebenfalls in Drohobycz geboren und 1942 von den Nazis in seiner Geburtsstadt umgebracht wurde. Schriftsteller, Literaturkritiker und Zeichner war er. In Lemberg begann er Architektur zu studieren, doch der 1. Weltkrieg und die miserable Situation seiner Familie machten ihn zum Ernährer. Felix Landau, der schon erwähnte SS-Hauptscharführer, wohnte in einer konfiszierten Villa und ließ sich von Schulz das Kinderzimmer mit deutschen Märchenbildern ausmalen. Ein kleiner Schutz für einen Juden, doch kurz darauf wurde Bruno Schulz auf der Straße von einem anderen SS-Mann erschossen.

Nazideutschland zettelte 1939 den 2. Weltkrieg an, überfiel gegen jede völkerrechtliche Konventionen Polen, der sogenannte Polenfeldzug begann mit all seinen menschenunwürdigen Untaten, Zwangsarbeit, Verschleppungen und Töten von Menschen wurden zum Alltag in Polen. Zwei Wochen vor Ausbruch des 2. Weltkriegs unterzeichneten Hitler und Stalin den Molotow-Ribbentrop-Pakt und teilten Polen unter sich auf. Die Sowjetunion bekam die Kontrolle über Galizien. Die Ölindustrie wurde verstaatlicht, Kapitalisten und Intellektuelle, Priester und Juden wurden willkürlich nach Sibirien verschleppt, andere retteten sich ins Ausland, wenn sie konnten. Einige westliche europäische Länder wollten Polen zur Hilfe eilen, doch sehr bald zogen sie sich zurück.Während der sowjetischen Besetzung von 1940- 1941 hatten die Einwohner das gleiche Schicksal, wie die Bewohner von Boryslaw. Die Bevölkerung war glücklich die barbarischen Russen los zu sein, erinnerten sich der kultivierten Deutschen, doch es wurde schlimmer als zuvor. Die polnische Regierung floh. In Paris wurde eine neue Regierung gegründet, die nach London ins Exil ging.

1941 überfiel Nazideutschland die Sowjetunion, das Unternehmen Barbarossa mit all seinen kaum vorstellbaren Konsequenzen begann, der vorher unterzeichnete Plan mit Stalin wurde null und nichtig.
Die Deutsche Wehrmacht und die berüchtigte SS besetzten Boryslaw und Drohobycz, errichteten Arbeitslager und Ghettos, misshandelten, erniedrigten und erschossen jüdische Bewohner, andere wurden bereits in das Todeslager Belzec an die ukrainische Grenze deportiert. Im Wald und auf den Feldern fanden Erschießungen statt. Die SS und die ukrainische Hilfspolizei liquidierten Juden auf Straßen und Plätzen. Im Herbst 1941 wurden die Lebensmittel reduziert und die armen Juden verhungerten, der Winter 1941/42 wurde bitterkalt, die kranken und alten Menschen starben auf den Straßen. Zeitzeugen berichten von schrecklichen Erlebnisse, berichten, dass alte Menschen und kleine Kinder auf der Stelle erschossen wurden. Taten, Untaten von Menschen gegen hilflose Menschen, ein nie zu begreifendes tierisches Verhalten! Walter Kutschmann aus Dresden leitete die Gestapo, später wurde er nach Frankreich abkommandiert, bei den Karmeliten in Madrid konnte er 1944 unterschlupfen, als die Alliierten in Frankreich landeten, nach dem Krieg bekam er in Spanien einen neuen Namen und Pass und seine hoch kriminelle, mörderische Haut konnte er nach Argentinien retten. Felix Landau aus Wien gehörte zum SS Einsatzkommando, agierte ebenfalls in Galizien lebte nach dem Krieg als unbescholtener Bürger in Wien.

Bertold Beitz aus Vorpommern, ging 1938 als ausgebildeter Kaufmann nach Hamburg zu Rhenania-Ossag, einem Tochterunternehmen der Royal Dutch Shell Company, wurde 1939 nach Ostgalizien in den Bereich der Erdölfelder versetzt und wurde Kaufmännischer Leiter der Karpaten-Öl AG in Boryslaw. Galizien war das größte jüdische Siedlungsgebiet in Europa. Mehr als 30% der Bewohner sollen jüdischen Glaubens gewesen sein, auch Polen, Ruthenen, Deutsche, Armenier, Moldauer, Ungarn, Zigeuner, Lipowaner und andere, lebten miteinander. In seinem kriegswichtigen Unternehmen konnte Bertold Beitz einen großen Teil seiner jüdischen Arbeiter vor Deportationen schützen, begründete die Wichtigkeit ihrer Arbeit. Seine Frau Else Beitz unterstütze ihn mutig bei diesem gefährlichen Unternehmen, versteckte selbst jüdische Kinder und versorgte sie mit Lebensmitteln. 1944 wurde Beitz eingezogen, die Juden flohen in die galizischen Wälder, konnten zum Teil überleben, andere wurden geschnappt und kamen in Konzentrationslagern um. Er selbst geriet in Sowjetische Gefangenschaft, kam in die Englische Besatzungszone nach Hamburg, Seine Frau war zuvor dort angekommen. Beide Eheleute wurden in unterschiedlichen Jahren, 1973 und 2008, mit dem Titel „ Gerechter unter den Völkern“ in Jerusalem geehrt.

Ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier, wurde bereits 1965 in Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Eberhard Helmrich war Major der Wehrmacht, wurde im Krieg Wirtschaftsoffizier in Drohobycz und Leiter der Abteilung für Landwirtschaft und Ernährung des gesamten besetzten Gebietes.

Die rassistischen Lehren der Nazis verachtete er, war human zu seiner jüdischen Umgebung. Das Jüdische Krankenhaus bekam von ihm Lebensmittel trotz der Knappheit, er konnte damit Patienten vor dem Hungertod retten. Ein geschlossenes landwirtschaftliches Arbeitslager gründete er, in dem über 130 jüdische Frauen und Männer arbeiteten. Die SS überzeugte er, dass das Lager für die Versorgung des deutschen Personals wichtig ist. Als dieses Lager aufgegeben wurde, brachte Helmrich die Leute in anderen Arbeitslagern unter, die er im Auge hatte. Anderen Juden erwies er Schutz, indem er und seine Frau Donata Helmrich, geborene Hardt, sie zu unterschiedlichen Arbeiten in ihre Villa aufnahmen. Einige Mädchen konnten sich nach Amerika retten, nachdem Helmrich ihnen gefälschte Papiere besorgt hatte. Donata Helmrich wurde 1986 ebenfalls als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

Dunkel ist es geworden in Tel Aviv. Der Universitätscampus ist groß und modern, oben auf dem Berg, oberhalb der Stadt. An der angeleuchteten Cymbalista-Synagoge, die Mario Botta aus der Schweiz, 1998 baute, gehe ich vorbei zur Treppe am Hang. Unterhalb liegt das pulsierende, nächtlich beleuchtete Tel Aviv, liegt auch die Bahnstation Tel Aviv University. Die vielen Treppen werde ich herunter gehen, durch den kleinen Tunnel in den Bahnhof gelangen, auf den Zug nach Norden, nach Akko warten und nach Haifa fahren. Meine alte Freundin Hedy wartet bereits in der Silver Street auf mich. Ich werde ihr erzählen über die Ausstellung und das gewesene jüdische Leben in Boryslaw und Drohobycz.

Von Christel Wollmann-Fiedler
z.Z. Hermannstadt/Sibiu/Siebenbürgen/Transsilvanien/Rumänien

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Von am 11/10/2017. Abgelegt unter Welt. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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