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Von Venedig nach Haifa: jüdisches Leben entdeckt auf einer Kreuzfahrt Teil I – von Venedig nach Bari

Langweilig wird die mehrtägige Schiffsreise von Venedig nach Haifa sicher nicht.

An Bord gibt es alles, um die Zeit genuss- und sinnfüllend zu verbringen. Neben den sportlichen Aktivitäten gibt es auch die „schiffstypischen“ Vergnügen, wie Shuffle Board oder Paddle Tennis, manchmal auch ein kleines Putting Green und ein Golf Abschlagplatz.

Von sechs Uhr morgens, bis tief in die Nacht hinein ist für reichhaltige Verpflegung gesorgt, oftmals als „all inclusive“ ohne Zusatzkosten für den kaloriensüchtigen Gast.

Shops und Spielcasino sind nur während der Zeiten geöffnet, in denen das Schiff in internationalen Gewässern unterwegs ist. Doch kaum sind die Türen geöffnet, füllen sich die Tempel der Kauf- und Spielsüchtigen.

Man kann auch, die meist spannenden und informativen Vorträge besuchen, die sich um die nächsten Ziele drehen. Auf unserem Schiff war es Hugh Neighbour, der uns mit Informationen und Einblicken versorgte.

Wem es an Bord zu langweilig ist, oder wer doch mehr sehen will, der kann an den zahllosen und oft kostenlosen Exkursionen teilnehmen. Man erhält sein Ticket, sucht seine Gruppe und ist dem Moment der Reiseleitung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Hat man Glück, wie wir es mit Georgia in Athen hatten, kann man viel lernen und trotzdem Spass haben. Hat man Pech, wie ich mit Sylvia in Zypern, dann ist ein öder Ausflug vorprogrammiert.

Vielleicht die spannendste Art etwas zu sehen und zu erleben ist es, allein loszuziehen. Natürlich den Zeitpunkt fest im Auge behaltend, wann das schwimmende Hotel wieder lossegelt.

Wir waren mit der Seven Seas Voyager unterwegs, die mit 560 Passagieren fast zu den Schiffs Winzlingen gehört.

Venedig. Foto: Esther Scheiner

Hier über Venedig zu schreiben, würde den Umfang des Blogs sprengen. Auch beim zehnten Besuch gab es Neues zu entdecken. Auffallend waren die vor allem am Vormittag über den Markusplatz einfallenden Touristen, die lange Warteschlangen vor San Marco, Dogenpalast und Campanile produzierten. Die im historischen Stadtzentrum lebenden 56.000 Venezianer werden Jahr für Jahr von etwa 30 Millionen Besuchern überrollt. Knapp zwei Millionen davon sind Kreuzfahrer, die auf über 500 Schiffen anreisen und meist nur Tagesgäste sind. Nutzen und Schaden, in dem Fall Einnahmen und Ausnahmen halten sich die Waagschale. Professor Giuseppe Tattara von der Wirtschaftsuniversität Ca’ Foscari gibt in seinem Artikel „Quantifying Cruising“ eine aufschlussreiche Übersicht.

Die An- und Abreise der Kreuzfahrtschiffe erfolgt derzeit durch das Becken von San Marco und den Guidecca Kanal. Jedes Schiff verdrängt während der Passage, je grösser, je mehr bis zu 35.000m3 Wasser. Durch das andrängende Wasser werden die Kaimauern und damit auch die Gehwege entlang der Route unterspült und ausgewaschen. Die Stadt ist ständig besorgt darum, die Schäden auszubessern, so dass keine Gefahr entstehen kann. Der Grund, warum die Riesenschiffe diesen Weg nehmen dürfen, der doch nur Nachteile bringt, liegt darin, dass der Kanal offiziell als offenes Meer liegt. Damit ist er der Einflussnahme durch die Stadtverwaltung entzogen. Eine Beschränkung der Passagierzahlen auf unter 1000 pro Schiff würde für die Stadt sicher eine deutliche ökologische Erleichterung bringen.

Die jüdische Gemeinde in Venedig datiert zurück auf das 5. Jahrhundert. Juden waren als Händler, aber nicht als Einwohner der Stadt geduldet. Sie mussten entweder auf dem Festland, oder sofern sie aus Deutschland kamen, in der „Fondaco dei Tedeschi“ (neben der Rialto Brücke) leben. Ab 1366 war der Aufenthalt, aber nicht das definitive Wohnrecht für jüdische Geldverleiher gestattet. Um 1382 wurde in „Judenverordnungen“ festgeschrieben, wie sich ihr Aufenthaltsrecht in der Stadt einerseits und ihre Abgaben- und Steuerpflicht andererseits gestaltete. Diese individuellen Verträge waren zeitlich beschränkt gültig. Es kam zu seltsamen Vorschriften, aufgrund derer die Juden aus der Stadt auf das Festland verdrängt werden konnten, oder nur mit einer Sonderbewilligung aus der Stadt wegziehen durften. Damit sollte sichergestellt werden, dass sie als Geldgeber und Stützen des Seehandels, ohne den die Seemacht nicht existieren konnte, erhalten blieben.

Zwischen 1516 und 1797 durften sie nur im Ghetto nuovo wohnen, von der übrigen Bevölkerung durch zwei Tore abgetrennt, die in der Nacht, an Wochenenden und Feiertagen geschlossen wurden. Trotz dieser Schikanen lebten die Juden weitgehend sicher in Venedig. Sie blieben von der Inquisition verschont, Übergriffe durch Christen waren strafbar und wurden verfolgt. Zwar mussten sie ab 1397 ihre Kleidung kennzeichnen, durften diese Kennzeichnung aber in Gefahrenzeiten ablegen und sich dann auch bewaffneter Leibwächter bedienen (die weniger die Menschen, als das Geld schützen sollten).

1544 erhielt die Familie von Josef Nasi, Neffe und Schwiegersohn von Dona Gracia einen Freibrief, der sie berechtigte in Venedig ausserhalb des Ghettos zu leben und ab 1545 ihre Banken neu zu eröffnen.

Dieses Geschäft ist seit 300 Jahren im Familienbesitz. Foto: E. Scheiner

Später kamen als jüdische Wohngebiete noch das Ghetto vecci und ab 1633 das Ghetto novissimo hinzu. Hier lebten die reichen Juden aus Spanien in grossen, komfortablen Palästen, während in den beiden anderen Ghettos grosse Enge herrschte. Der Bauplatz war knapp, die Häuser wurden bei geringer Raumhöhe teils bis zu sieben Stock hoch gebaut.

Die Gesamtheit der Juden wurde als „Università“ bezeichnet, die auch für die Wahl der jeweiligen Gemeindevertreter verantwortlich war. Diese waren die Verhandlungspartner mit den Vertretern der Stadt. Hauptthemen waren Hygiene, halachisches Schächten, soziale Fragen und natürlich auch Steuern. Diese wurden je nach Verschuldungsgrad der Stadt eingehoben. Die innere Gerichtsbarkeit lag bei den Rabbinern.

Die Pest (1630 – 32) hatte zahlreiche Juden veranlasst, die Stadt zu verlassen, gleichzeitig drängten aus Nord- und Osteuropa neue Flüchtlinge nach. 1641 verlor die Seemacht Venedig einen Teil ihrer Vormachtstellung im Mittelmeerraum an die Türken. Dadurch fielen zahlreiche Handelswege und –Partner für die jüdischen Kaufleute weg, die ihren Zahlungsverpflichtungen nur mehr mühsam nachkommen konnten.

Infolge der immer stärker werdenden Spannungen zwischen Venedig und der jüdischen Bevölkerung kam es zu ersten antisemitischen Repressalien.

1797 eroberte Napoleon Venedig, liess die Tore des Ghettos verbrennen und hob die Residenzpflicht auf. Ihr volles Bürgerrecht erhielten die Juden aber erst im Jahr 1848. Im Zuge der Italienischen Revolution 1848/49 wollte der Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi den Venezianern zu Hilfe eilen, konnte sich aber nicht bis Venedig durchschlagen.

Nachdem viele Menschen nach dem Öffnen des Ghettos ihre Wohnungen verliessen, verfiel das jüdische Viertel langsam aber stetig.

Die dort noch lebenden 286 Juden wurden im 2. Weltkrieg von Nazis deportiert und grossteils ermordet. Nur wenige überlebten den Holocaust oder konnten vor der Deportation fliehen. Heute leben etwa dreissig Personen im Ghetto, die Gemeinde umfasst insgesamt 500 Personen.

Von den seinerzeit bestehenden sieben Synagogen werden zwei noch für religiöse Zwecke genutzt, die Scola Levantina und die Scola Ponentina. Drei weitere, die Scola Grande Tedesca, Scola Canton und die Scola Italiana sind heute Museen.

Dalmatien – Zadar

Die ältesten Belege für eine Besiedlung Zadars geht auf das 6. Jahrhundert BCE zur Zeit der Illyrer zurück. Ab dem 2. Jahrhundert BCE übernahmen die Römer die Herrschaft über die Küstenstadt und prägten ihr bis heute erhaltenes Erscheinungsbild. So entspricht das Strassennetz der Altstadt der klassisch römischen Nord-Süd und Ost-West Führung, mit einem Marktplatz am Schnittpunkt der Strassen.

Nach einem byzantinischen und fränkischen Intermezzo begaben sich die Bürger um das Jahr 1000 unter den Schutz von Venedig. Es folgten die Kroaten und Ungarn, 1118 griffen die Venezianer die Stadt an, blieben aber erfolglos. 1202 war ein erneuter Angriff mit anschliessender Belagerung erfolgreicher, Zadar kam erneut unter venezianische Herrschaft. 1409 wurde Zadar an Venedig verkauft. Die venezianische Periode ist heute noch am Baustil der Altstadt zu erkennen.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts griffen die Osmanen den wichtigen Handelsposten in der nördlichen Adria an. Die Stadt war aber so gut verteidigt, dass die Osmanen unverrichteter Dinge wieder abziehen mussten.

1797 fiel Zadar kurz an Österreich, nachdem Venedig durch die Eroberung durch Napoleon untergegangen war, wurde aber im Jahr 1805 an Frankreich angetreten. 1813 gelangte es wieder an Österreich, wo es bis 1918 als Kronland blieb. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es Italien zugeschlagen.

Der Beschuss durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg richtete am historischen Altstadtkern grosse Schäden an, ein grosser Teil der italienisch sprechenden Bevölkerung verliess die Stadt.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Zadar Teil der jugoslawischen Teilrepublik Kroatien und ist seit 1991 Teil der unabhängigen Republik Kroatiens.

Seit dem 14. Jahrhundert gibt es eine Universität, die in einem der schönsten Gebäude, damals noch ein Kloster, an der Promenade eingerichtet wurde. Die Universität wurde mittlerweile ausgebaut.

Am 11. September 2017 brach ein Unwetter über Zadar herein, wie es bisher in keiner Wetteraufzeichnung festgehalten wurde. Die gesamte Altstadt wurde überschwemmt und an zahlreichen Strassen entstanden grosse Schäden.

Jüdisches Leben sucht man in Zadar vergebens. Obwohl sie seit dem 7. Jahrhundert in Dalmatien lebten, gibt es fast keine Zeugnisse oder Hinweise auf die Gemeinden bis zum 13. Jahrhundert. Die ersten Zeugnisse, die aus dieser Zeit gefunden wurden, sind Verbote, dass Juden sich in der Region nicht ansiedeln durften, um jede Konkurrenz zu nicht-jüdischen Händlern bereits im Keim zu ersticken,

Im späten 13. und im 14. Jahrhundert profitierten Kroaten und Juden voneinander, das Wirtschaftsleben blühte. Mitte des 15. Jahrhunderts beschloss die Regierung, es gäbe zu viele Juden in Kroatien, so dass sie bis ins Jahr 1526 vertrieben wurden. Ab da verliert sich für die kommenden 200 Jahre ihre Spur.

Um 1700 wandern die ersten Juden wieder ein, 1782 proklamiert Josef II das Toleranzpatent. Dieses Gesetz sicherte ihnen die vollen Bürger- und Siedlungsrechte zu, die sie allerdings erst 1873 erhielten.

Um die Jahrhundertwende lebten 20.000 Juden in 21 Gemeinden in der Region. Bald schon kam es zu internen Konflikten zwischen den Zionisten, die ihre jüdische Identität bewahren wollten und Kontakte mit Israel pflegten und den assimilierten Juden, die sich mit den nicht-jüdischen Bewohnern identifizierten. Bis zum Kriegsausbruch 1939 behielten die Zionisten die Vorreiterrolle, litten aber zusehends unter Verfolgungen von rechtsnationalen Katholiken.

Zur Zeit der Besatzung durch die Nazis lebten 25.000 in Kroatien. Sie waren reich, ihre Kinder besuchten die Universitäten. Durch diesen Reichtum zogen sie vermehrt den Hass der nicht-jüdischen Bevölkerung auf sich. Trotzdem bauten sie weiter Synagogen und vergrösserten ihren wirtschaftlichen Einfluss. Als ab 1941 die deutschen Angriffe auf die intellektuellen Juden stärker wurden, flohen sie. Kroatien versuchte, in der „Judenfrage“ mit den Nazis zu kollabieren. Die in ihrer Heimat verbliebenen Juden wurden deportiert und in Auschwitz ermordet. Nur 5.000 von ihnen überlebten den Holocaust.

Als das historische Jugoslawien in den frühen 90er Jahren begann auseinanderzufallen, wurden sie wieder zum Spielball der Politik. Beide Seiten, Kroatien und Serbien beschuldigten sich gegenseitig des Antisemitismus, um die Juden auf ihre Seite zu bringen.

Heute leben etwa 1.700 völlig assimilierte Juden in Kroatien.

Bari

Bari, am Stiefelabsatz von Italien gelegen, ist seit der Bronzezeit durchgehend bevölkert. Aufgrund seiner strategisch günstigen Lage geriet die Stadt rasch in den Blickwinkel von Griechen, Byzantinern, Römern, Germanen und Normannen. Die Sarazenen gründeten dort ein islamisches Emirat, welches nach 400 Jahren von den Byzantinern erobert wurde.

Wilhelm der Böse, ein Normanne, liess die Stadt als Rache nach einer Rebellion komplett niederbrennen und verjagte alle Einwohner.

Unter Friedrich II, einem Stauferkönig erlebte die Stadt eine blühende Epoche von wirtschaftlichem Aufschwung. Als Friedrich nach seinem Kreuzzug die Stadttore für ihn verschlossen fand, und er sich gewaltsam Einlass verschaffen musste, liess er die imposante Festung errichten, die einerseits die Stadt gegen Angriffe vom Meer schützt, von der aus man aber auch jederzeit gegen die Stadt vorgehen konnte.

Heute ist die Altstadt von Bari mit ihren verwinkelten Gassen ein beliebter Touristenort. Einheimische mit Motorrädern und Rollern verschaffen sich ohne Probleme jederzeit freie Durchfahrt. Eine Eigenheit der Frauen von Bari ist es, ihre ebenerdig gelegenen Küchenfenster und –türen zu öffnen und von dort aus selbstgemachte Teigwaren und frisches Gebäck anzubieten.

Vom jüdischen Leben in Bari ist nichts mehr zu entdecken.

Die Synagoge von Trans mit dem neuen Wandbehang. Foto: E. Scheiner

Es gibt noch eine via della Sinagoga, die an den Ort erinnert, an dem möglicherweise einmal die alte Synagoge von Bari stand. Andere Zeugen jüdischen Lebens gibt es hier nicht mehr.

Um 1380 gab es vier mittelalterliche Synagogen in Trani, die allesamt von der Kirche konfisziert und als katholische Kirchen neu geweiht wurden. Die 310 noch in Trani lebenden Juden wurden zwangskonvertiert.

Im Jahr 2006 wurde die Sinagoga Scolanova in Trani (bis 2007 zur Provinz Bari gehörend) neu eingeweiht und steht der kleinen apulischen Gemeinde wieder zur Verfügung. Pikant ist, dass ein Marienbild, das sich an prominenter Stelle in der Synagoge innerhalb des denkmalgeschützten Gebäudes befindet, weder übermalt, noch entfernt werden darf. Die Lösung bestand darin, es mit einem grossen Wandteppich, auf dem eine Menora abgebildet ist, zu verdecken. Die ehemalige Frauenabteilung und das Becken der Mikwe sind ebenfalls erhalten.

Von Esther Scheiner

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Von am 26/10/2017. Abgelegt unter „Während Israel nicht nur vom BDS boykottiert wird…“. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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