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Der Reichsparteitag aus Sicht eines finnischen Beobachters

Auf Einladung der Reichsschrifttumkammer besuche der finnische Schriftsteller Olavi Paavolainen im Jahre 1936 den Reichsparteitag in Nürnberg. Noch am Ende desselben Jahres erschien in Finnland sein Buch „Kolmannen Valtukannan Vieraana“. In seinem Werk gibt der „zu Gast im Dritten Reich“ geladene Finne persönliche Eindrücke von der nationalsozialistischen Kultveranstaltung wieder. In Nürnberg marschierten bekanntlich Hunderttausende Uniformierte aus unterschiedlichen Organisationen auf. Ausführlich schilderte Paavolainen das Auftreten der Männer vom Reichsarbeitsdienst:

NS-Reichsparteitag Nürnberg. Foto: Museum Nürnberg

Der Morgen ist kühl, was die 80.000 Zuschauer schon empfindlich gespürt haben, ehe die flachen, schwarzen Kabrioletts des Führers und seiner Gefolgsleute von Begeisterungsrufen begleitet vor die Ehrentribühne fahren. Der Vorbeimarsch von 45.000 Männern in dunkelbraunem Loden und deren Aufstellung kann beginnen. Das dauert zwei Stunden… Junge Männer aus allen Schichten der Bevölkerung… Spiegelblank geputzte Spaten anstelle eines Gewehres geschultert und singend wie nur die Deutschen es können! Hinter mir sagte jemand leise: Und das soll man nun beschreiben!… Einzelne Männer kann man auf dem Feld nicht mehr unterscheiden, alle sind zu einer dunkelbraunen Masse in Reihen verschmolzen (zweimal die ganze finnische Armee, denkt der Beobachter verblüfft)… 45.000 blank geschliffene Spaten blinken auf einmal im Morgenlicht auf den Schultern; 45.000 Spatenschneiden blitzen auf einmal auf die Erde; 45.000 linke Hände schlagen auf einmal auf die rechte Hand zum Griff der Spaten…

Dieses originelle „militärische“ Spielchen wird in märchenhafter Exaktheit durchgeführt. Jubel und Begeisterung der Zuschauer findet kein Ende, als die das bekannte Klatschen der Hände hören! Aber noch immer ist die gegenüber vom Podest des Führers an der Seite des Feldes gelegene Fläche leer, die sich um den dort errichteten Arbeitsdienst-Altar mit dem goldenen Kennzeichen bildet, zwei Ähren mit einem Spaten gekrönt. Die durch das Warten erzielte effektive Wirkung ist ganz enorm. Das Publikum, von dem Gesehenen bereits völlig fasziniert, ist auf Reden vorbereitet; es schreckt auf, als auf dem weit hinter dem Feld gelegenen Wäldchen plötzlich der Gesang einer Mannestruppe hörbar wird, dumpf, rhythmisch, drohend und doch zugleich hell. Von der Ehrentribühne ist es bis zum Wald ein halber Kilometer; und trotzdem hört man schon jetzt den bebenden, symptomatischen Refrain: Wir sind die neue Zeit! – Auf dem Hauptweg nähert sich zwischen Staubwolken eine marschierende Front halbnackter Männer.

Da kommen die Arbeitsdienstschulen „im Aufzug wie sie arbeiten“. Singend marschieren die Männer den Mittelgang entlang zur Tribüne des Führers und nehmen in ihrer fremd wirkenden Nacktheit als dekorative Truppe um den Altar herum gespreizte Ehrenposition ein. Hinter ihnen schwankt ein roter Fahnenwald… Aus Nebenportalen strömen große Hakenkreuzfahnen auf das Feld, deren Träger vor der Front anhalten und mit ihren wehenden Fahnen einen Gruß inszenieren. Das Wetter war sehr kühl, und diese Jungen vom Arbeitsdienst waren wirklich Helden, wie sie mit nacktem Oberkörper in tadelloser Haltung zwei Stunden lang die Kälte ertrugen. Hätte es sich um eine militärische Aufführung von Soldaten gehandelt, wäre wohl kein einziger pflichtbewusster Kommandeur so brutal gewesen, eine solche Spielerei mit der Gesundheit der Männer auf sein Gewissen zu nehmen! In dieser so vollständigen Missachtung der Vorsicht wegen dekorativer Propaganda lag etwas Dekadentes und „Künstlerisches.“

Das Fest war eigentlich eher bestürzend als stimmungsvoll. Und dennoch: Wenn Hitler in diesem Moment gestorben wäre, er wäre schon am nächsten Tag tatsächlicher Gott gewesen. Die Schlussklimax ist so gewaltig, dass die als letzte Nummer geplante Rede von Heß schon allein wegen der herrschenden unglaublichen Stimmung wegfällt. Die Orgel verkündet den Beginn: Kampf gegen Tod und Teufel. Hitler selbst ist völlig in Ekstase versunken, während des Horst-Wessel-Liedes steht er mit gekreuzten Armen da, den Blick gegen die himmlische blaue Hallendecke gerichtet.

Zum guten Schluss noch eine Anekdote: Nach dem Jahre 1933 wurde „Heil Hitler“ zum offiziellen Gruß aller Deutschen erklärt. Er war von höchster Stelle lanciert worden und sollte Wendungen wie „Grüß Gott“, „Guten Abend“ oder „Guten Tag“ ablösen. So kam es, dass ein ganzer Ort unter der Hand umbenannt wurde: Das im Oberschlesien gelegene Guttentag erhielt vom Volksmund ironisch den neuen Namen „Heil Hitler“.

Von Rolf von Ameln

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Von am 18/01/2018. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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