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Todeszug in die Freiheit: Ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte

Dieser Film mit dem Titel „Todeszug in die Freiheit“ ist nicht wie andere, die sich mit dem Thema Holocaust beschäftigen. Er zeigt mit Originalaufnahmen, die heimlich und teilweise in Lebensgefahr aufgenommen wurden, wie Tschechische Helfer versuchen, Häftlinge zu befreien, die in den letzten Kriegstagen nach Mauthausen „verschoben“ werden sollen. Und die immer noch auch in diesen letzten Tagen, den Greueltaten der Nazischergen ausgesetzt sind. (Esther Scheiner)

Rezension eines Filmes von Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler, Erstausstrahlung ARD 29. Januar 2018, 23:50

Der bewusst ohne durchgehende Handlung angelegte Film begleitet den Transport Zug Nummer 94803 auf seinem Weg quer durch das Protektorat Böhmen. Leitmeritz, der Beginn der Todesfahrt, war das grösste Aussenlager vom KZ Flossenbürg, das bereits am 23. April 1945 befreit worden war. Durch das umfassende Originalmaterial, und durch Interviews mit Überlebenden, sowie durch zurückhaltende Filmergänzungen ist der Film wirklich etwas ganz Besonderes und ein wertvolles Zeitdokument.

Jörg Skriebeleit, der Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg (Bayern) berichtet: „Wir haben vor mehr als 15 Jahren Fotos entdeckt, auf denen man einen großen Zug und KZ-Häftlinge sieht sowie Zivilisten, die den Häftlingen helfen. Wir konnten diese Fotos nicht zuordnen. Dann haben wir weiter recherchiert und gemerkt, dass es noch mehr Material gibt. In diesem tauchte immer wieder die Stadt Roztoky auf, aber auch Orte wie Kralupy oder Olbramovice. Wir haben eine Zeit lang gebraucht, bis wir begriffen haben, dass diese Fotos alle dasselbe Ereignis zeigen: einen Todeszug aus Leitmeritz, dem größten Außenlager des KZ Flossenbürg, der Richtung Süden fuhr. Das Ziel war Mauthausen.(Österreich)“

Der Zug war lang, die 77 (!) Waggons waren oben offene Kohlewaggons. Unter den Häftlingen lief das Gerücht, dass man sie als „lebende Wand im Kampf gegen die Befreier” verwenden würde, erinnert sich eine Zeitzeugin. 4000 Menschen waren insgesamt in die Waggons gepresst worden. Der Zynismus der Nazis kennt auch anlässlich dieses Leidens der Häftlinge kein Mitleid: „Am Ende des Zuges sind leere Wagen angehängt, wem es hier zu eng ist, der kann umsteigen.” Diejenigen, die diese Ankündigung glaubten und sich meldeten, wurden sofort erschossen. Die Bewacher sind junge SS-Schergen aus der SS-Nachrichtenschule aus Leitmeritz, die sich noch immer, trotz dem nahenden Kriegsende, beweisen möchten und ihren Fanatismus voll ausleben.

Der Weg, den der Zug nimmt, liegt auf dem letzten verbliebenen Korridor zwischen den Alliierten und der Roten Armee. Während die Rote Armee auf Berlin marschiert und die Amerikaner kurz vor der tschechischen Grenze ebenfalls nach Norden abschwenken, bildet dieser Korridor das Letzte noch verbliebe Gebiet, auf dem sowohl die Wehrmacht, als auch die SS nahezu uneingeschränkt vorgehen können.

Jedes Mal, wenn der Zug eine Station verlässt, melden die Tschechen an die nächste Station, dass ein Zug mit Häftlingen auf dem Weg nach Süden ist. Unmittelbar nach dem Erreichen des Protektorates Böhmen und Mähren erhalten die Häftlinge völlig unerwartet Esswaren. Noch haben sie keine Ahnung, dass sich etwas Grundlegendes für sie geändert hat. Am 29. April erreicht der Zug die erste Station Kralupy und bleibt dort stehen.

Am Bahnhof stehen viele Menschen, Tschechen und bitten die Bewacher, die Häftlinge aussteigen zu lassen. Die Menschen bitten um Wasser. Viele haben Angst, erschossen zu werden, wenn sie den Zug verlassen. Aber der Durst ist drängender. Sie steigen aus, zögernd. Zunächst geschieht nichts, die SS-Schergen wissen nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen.

Doch dann fallen Schüsse, 13 Menschen sterben.

Am gleichen Abend erreicht der Zug Roztoky, einen Ort kurz vor Prag. Eine grosse Menschenmenge erwartet den Zug am Bahnhof und fordert von der SS, den Menschen helfen zu dürfen. Ein junger Fotograf dokumentiert das Geschehen und riskiert dabei sein Leben. Unter anderem ist es seinen Aufnahmen zu verdanken, dass das beherzte Vorgehen der Tschechen jetzt langsam bekannt wird. Ein Mann, der im Besitz einer Kamera ist, filmt heimlich. Es sind die einzigen Bilder, die nicht in den befreiten KZs entstanden sind, sondern das Grauen in Anwesenheit der SS festhielten.

Der Bahnhofvorsteher verzögert die Weiterfahrt und gewinnt so wertvolle Stunden. Er hatte die Menschen in der Umgebung gebeten, Essen vorzubereiten und damit zu Bahnhof zu kommen. Die Menschen im Film sind ausgemergelt, sie kämpfen um das ihnen angebotene Essen, die erste nahrhafte Mahlzeit, die sie seit Wochen erhalten. Unter den mutigen Helfern sind auch Kinder. Sie alle riskieren ihr Leben. Noch heute haben sie die Bilder im Kopf, wie die SS-Schergen hektisch hin- und herliefen, auf die Häftlinge einprügelten und die Waffen auch gegen sie richteten. Die Schalterhalle wird zur Feldküche umfunktioniert, die Frauen des Ortes kochen dort unermüdlich Suppe mit dem wenigen, was sie selber gegen Ende des Krieges noch haben.

Und sie bringen noch mehr zum Bahnhof: Kleider. Es gelingt ihnen, etwa 300 Häftlinge in die Wartehalle zu schmuggeln, wo sie sich umziehen und nicht mehr als Häftlinge erkennbar mit ihren Rettern weglaufen. Sie werden im Ort versteckt. Aus dem Armenhaus wird ein Notlazarett für etwa 80 Menschen, die hier von der Bevölkerung gesund gepflegt werden, es gibt keine Medikamente, kein Verbandszeug, alles wird improvisiert. Nicht alle überleben.

Der nächste Halt des Zuges ist der Verladebahnhof Prag-Bubny. Hier warten auch Schwestern der Caritas und tschechische Ärzte. Doch die Deutschen sind alarmiert wegen der Rettungstätigkeit der Tschechen. Die Gestapo verlangt, dass die Versammlung aufgelöst wird. Doch niemand befolgt den Befehl, der Bahnhofsvorstand sabotiert die Lokomotive, macht sie fahruntüchtig. Die Tschechen befreien nun aktiv die Gefangenen, legen sie auf Bahren, decken sie zu und bringen sie als „Tote“ aus dem Bahnhof. Sie können mit der Tram fliehen. Hunderte werden in Prag in Wohnhäusern versteckt, insgesamt sind es etwa 1000 Menschen, die befreit werden können.

Berlin ist bereits von der Roten Armee besetzt, trotzdem muss der Zug seinen Weg fortsetzen.

In der Nähe eines SS Übungsgeländes wird er auf ein Abstellgleis gebracht. Dort bleibt er während der kommenden sechs Tage. Die Situation eskaliert noch einmal, als eine Gruppe von SS-Schergen beim Zug auftaucht. Sofort beginnen sie zu schiessen, noch einmal müssen 27 Menschen sterben. Sie sind Opfer der puren Willkür der Nazischergen.

Am 7. Mai, einen Tag vor der Kapitulation des Naziregimes fährt der Zug weiter, diesmal mit unbekanntem Ziel. Mauthausen, das eigentliche Ziel der Irrfahrt ist mittlerweile ebenfalls befreit. Die Unruhe unter den Gefangenen ist gross, werden sie nun alle ermordet werden, um nicht den Alliierten in die Hände zu fallen?

Am 8. Mai beschliessen die Tschechen, den Zug endgültig zu stoppen. Mit Hilfe von russischen Soldaten entwaffnen sie die Wachmannschaften. Für die Häftlinge endet hier das Martyrium.

Fast 3000 Menschen haben den Todeszug überlebt. Viele von ihnen leiden an Flecktyphus. Im Ort gibt es keine Häuser für sie, und so müssen sie die ersten Tage auf dem Fussballplatz verbringen. Ein langer und zaghafter Weg zurück in das Leben kann beginnen.

Jörg Skriebeleit kommt am Ende des Films noch einmal zu Wort: „Es war keine Aktion der Tschechen gegen die Deutschen, die sie hassten. Es war ein reiner Akt der Menschlichkeit, die im Deutschen Reich so, in dieser Form nicht, oder jedenfalls nicht nachweisbar auch so kurz vor Kriegsende nicht vorgekommen ist.“

Der Film ist in der Mediathek des ARD noch bis Ende Januar 2019 abrufbar.

Mein Dank gilt Franz-Josef Schmidt, der mir bereits vor der Ausstrahlung den Link geschickt und mich so auf den Film aufmerksam gemacht hat.

Von Esther Scheiner

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Von am 02/02/2018. Abgelegt unter „Während Israel nicht nur vom BDS boykottiert wird…“. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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