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Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Hans Liebhardt: „Ich bin ein alter Landler“

Ein Gespräch über Siebenbürgen, über die Czernowitzer Juden und Bukarest mit dem Schriftsteller und Journalisten Hans Liebhardt am 17. September 2014 in Bukarest

Der Schriftsteller und Journalisten Hans Liebhardt 2014. Foto: Wollmann-Fiedler

Seit Jahren komme ich nach Bukarest. Ihr Buch „Deutsche in Bukarest“ kaufte ich vor Jahren, es wurde meine Bukarester Bibel. Irgendwann stellte ich fest, dass der Autor Hans Liebhardt, ein Siebenbürger Sachse ist. Woher kommen Sie, woher kamen Mutter und Vater und wo gingen Sie in die Schule?

Das ist alles sehr einfach. Ich stamme aus Großpold bei Hermann­stadt und Sachse bin ich nur zuletzt, ich bin ein alter Landler, die Mutter war Siebenbürger Sächsin, der Va­ ter Landler und wie es dort üblich ist, hängt die Sprache davon ab, auf welchem Hof man wohnt. Der Vater war Landler, die Eltern haben auf dem Liebhardt-Hof gewohnt und so hatte das Landlerische gesiegt.

Das heißt, die Landler sind aus Österreich als Einwanderer gekommen und sie haben Österreichisch gesprochen oder wie verstehe ich das?

Sie sehen das richtig. Das Landlerische ist ein österreichischer Dialekt und die Leute halten sich auch jetzt noch für Altösterreicher. Von dort stamme ich. Von dort bin ich dann weitergekommen aufs Gymnasium nach Hermannstadt, von Hermannstadt nach Schäßburg, dort habe ich die Pädagogische Schule gemacht, bin ausgebildeter Lehrer. Nur habe ich mich dann entschlossen, Journalist zu werden, habe nur noch das dritte Jahr dort absolviert und bin von einem Tag auf den anderen in den Zug gestie­ gen und zum Neuen Weg nach Bu­karest gegangen und habe gesagt: „Hier bin ich!“

1945 waren Sie elf Jahre alt, der Krieg war zu Ende und aus fast sämtlichen deutschen Familien in Rumänien wurden Mitglieder aus­ gehoben und mitgenommen in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit. Gab es in Ihrer Familie einen der­ artigen Aderlass?

Bei uns war der Aderlass schon früher. Mein Vater ist auf der Krim gefallen in der Schlacht bei Simferopol, doch nicht direkt in der Schlacht. Er wurde von den Partisa­ nen erschossen. Meine Mutter war schon 1939 gestorben. Großgezogen hat mich meine Großmutter, die hat alles für mich getan. Auch hatte sie den Einfall, mich auf die Schule zu schicken und hat auch bezahlt, so lange es ging. Es war ja nicht so viel. In Hermannstadt war ich Kostjunge im Haus des Direktors Julius von Hannenheim in der Schwimmschul­gasse. Diese zwei Jahre im Hause Hannenheim in Hermannstadt wa­ren für mich hervorragend.

Ich komme aber wieder zurück, Aderlass hat es schon vorher gegeben…

Der Aderlass war natürlich auch bei uns 1945. Eine Tante und ein Onkel waren natürlich in Rußland.

Oskar Pastior wurde damals auch abgeholt und Herta Müller hat das in ihrer „Atemschaukel“ er­zählt. Seitdem kennt man bedingt diese Historie auch in Deutsch­land, aber auch nur bedingt. Sie kannten Oskar Pastior?

Wir kannten uns viel zu gut, direkt und indirekt, denn nachdem Oskar Pastior in Deutschland geblieben ist, hat Roswith Capesius, seine Frau, ihre alte Liebe für mich entdeckt und dann war ich zusammen mit der Ro­swith bis sie gestorben ist. Also kön­nen sie sich denken, dass ich Vieles vom Oskar selber kenne, dass ich auch Vieles mitbekommen habe aus den Erzählungen der Roswith Capesius. Eines muss gesagt werden: Herta Müller hätte den Roman ohne die Erzählungen des Oskar Pastior nicht schreiben können. Es ist gut, dass Pastior ihr das alles erzählt hat. Es ist hervorragend, dass sie den Ro­ man so großartig geschrieben hat. Der Roswith hat der Ossi erzählt: Ich habe als Mitarbeiter der Securi­tate sehr viel Gutes getan für andere Leute, ich habe durch diese Mitarbeit anderen Leuten geholfen soviel ich nur konnte. Das hat Oskar direkt der Roswith erzählt und sie hat es mir hundertmal gesagt. Also sehen wir diese Dinge auch mal ein wenig anders, nicht immer mit so viel Ge­zeter, das führt alles zu nichts. Herta Müller ist natürlich eine großartige Schriftstellerin und hat zusammen mit Oskar dieses Projekt hervorra­gend gemacht. Oskar Pastior halten wir auch hier in Rumänien für den größten deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts. Größer als Paul Celan, größer als viele andere. Wenn ich zeitweilig Verse geschrieben habe, war es für mich eine Qual, in schwe­rer Müh und Not nur drei Reihen zu finden. Der Pastior hat das alles aus dem Ärmel geschüttelt. Ich habe ihn das letzte Mal hier in Bukarest getroffen im Goethe-Institut und je­mand erinnerte ihn an seine Zeit bei Radio Bukarest. Wir sind stolz dar­auf, dass er zeitweilig unser Kollege bei Radio Bukarest war, das können Sie sich denken. Er wollte darüber nicht viel erzählen, nur soviel: Jetzt bin ich Dichter und nix anderes. Ernest Wichner ist im Nachhinein darauf gekommen, dass Oskar nie­manden belastet hat.

Warum gingen Sie damals nach Bukarest?

Das muss im Jahr 1951 gewesen sein, denn ich hatte gerade drei Jahre Lehrerseminar in Schäßburg hinter mich gebracht. Dann ist mei­ ne Großmutter gestorben, und ich hatte absolut keine Stütze mehr, hatte aber schon ein wenig für die Zeitung Neuer Weg in Bukarest ge­schrieben, war inzwischen siebzehn Jahre alt. Die Leute waren damals ständig auf der Suche nach neuen Talenten, nach Mitarbeitern, nach Journalisten. So wurde entschieden, dass man mich zur Zeitung holen kann, dann bin ich in Schäßburg auf den Zug gestiegen, nach Bukarest gekommen und mit der Straßenbahn bin ich her zum Cismigiu gefahren, gegenüber war die Brezolanu Strasse und die Redaktion vom Neuen Weg, ging dorthin und war Journalist.

Der Neue Weg war eine deutschsprachige Zeitung?

Ja, Ja, eine deutsche Zeitung, 1945 gegründet.

Ich weiß, dass Nora Iuga eine Zeitlang für die Zeitung geschrieben hat. Konnten Sie schreiben, wie und was Sie wollten oder wurden Sie von der Politik reglementiert?

Selbstverständlich konnten wir nicht schreiben, was wir wollten und auch heute bei der ADZ können wir nicht schreiben, was wir wollen. Niemand in der Welt kann schrei­ben, was er will. Keine Spur, dass man das könnte. Sie können sich nicht vorstellen, was es damals be­deutet hat, für eine Zentralzeitung in Bukarest zu schreiben. Natürlich wussten wir, dass die Bevölkerung den Neuen Weg, zuerst ein Organ des deutschen antifaschistischen Komitees, nicht akzeptiert. Sicher musste man zum Teil schreiben, was vorgeschrieben war, sicher musste man zeitweilig sehr viel übersetzen aus der rumänischen Politik. Das haben wir alles gemacht, nur sind wir früh draufgekommen, dass wir die Bevölkerung nicht erreichen können, weil sie von uns etwas an­deres erwartete. Wir hielten dann eine Beratung ab mit allen wichti­gen deutschen Intellektuellen aus Siebenbürgen, aus dem Banat und aus Bukarest. Mappen voll haben wir uns notiert, was die Leute so von uns erwarten würden. Für den Kulturteil haben wir ein Programm erdacht, das dann zehn Jahre gehal­ten hat. Geschichte der deutschen Bevölkerung, auch Volkskunde, auch Gedenktage, die anstanden, eigentlich alles über die deutsche Kultur in Rumänien. Die Kulturbei­lage gab es dann ab 1954. Durch die Kulturbeilage haben wir eine eige­ne Kulturzeitschrift ersetzt und die Leute hatten allerhand zu lesen und auch jetzt ist das noch lesenswert.

Wissen Sie, wie der Neue Weg gegründet wurde? Mit den Arbei­tern aus Reschitza und den Czernowitzer Juden, die die Bildung hatten. Mit den Reschitzaer Arbei­tern konnte ich nichts anfangen, aber total befreundet war ich mit den Czernowitzer Juden. Das waren hochgebildete intelligente Kollegen. Von Anna Austerlitz konnte man Schreiben lernen, Stilistik lernen, dann die Familie Goldmann. Der alte Herr Goldmann war Übersetzer und sie, Frau Ilse Goldmann war auch Übersetzerin. Mit der bin ich bestens ausgekommen. Ilse Gold­ mann hat für meine Bildung als junger Mensch, wie keine andere Person auf dieser Welt, am meisten getan. Sie konnte auch Russisch. Um diese Zeit gab es in der Sow­jetunion zum Teil hervorragende Kulturzeitschriften. Wenn ich et­ was Gescheites brauchte, vielleicht etwas über einen russischen Film, weil ich zeitweise auch Filmkritiken geschrieben habe, oder anderes, hat Ilse mir geholfen und schon hatte ich eine Übersetzung aus einem rus­sischen Kulturblatt und konnte eine gute Filmkritik schreiben. In spä­teren Jahren, als der erste Solsche­ nizyn erschienen ist, stand in einer Moskauer Zeitung etwas. Ich glaube von Iwan Denissowitsch. Nach zwei Wochen hatte ich dann die deutsche Übersetzung von Frau Goldmann auf meinem Schreibtisch. So war das mit der Ilse. Ilse Goldmann war übrigens eine Jugendfreundin von Paul Celan. So kenne ich den Paul Celan und seine Czernowitzer Zeit schon seit damals. Alles, was sie mir erzählen konnte über Paul Antchel, hat sie mir erzählt, die Ilse.

Haben Alfred Kittner oder Alfred Margul Sperber, beide aus Czernowitz, auch mitgearbeitet?

Ach, das waren auch sehr liebe Leute, doch der Ilse Goldmann verdanke ich am meisten, deshalb wollte ich das erzählen. Ich sage nicht, dass ich mit Margul Sperber befreundet war, aber ich musste sehr oft auf die Maria Rosetti gehen, von ihm Gedichte, einen Aufsatz abholen oder etwas bestellen. Einmal war ich im Antiquariat hier an der Universität, dort war auch Sperber. Er fragte, na, Liebhardt, was kann ich Ihnen geben? Nur ein paar Bücher war meine Antwort. Dann griff er in sein Antiquariat und holte fünf Bücher herunter. So hat der Sperber für meine sogenannte Kultur etwas getan.

Mit Kittner sind wir dann oft im Literaturkreis im Schiller Kulturhaus gesessen und er erzählte mir gerne Verschiedenes. Der Kittner war ein ungeheuer fleißiger Mensch. In Bukarest hat er z.B. drei Anthologien gemacht. Eine hatte das Thema „Deutsche Gedichte, Deutsche Lyrik, die auf den Gebieten vom heutigen Siebenbürgen, Banat, Bukowina“, entstanden sind. Da hat er eine dicke Sammlung zusammengestellt, sogar ein Prosastück von mir ist aufgenommen worden. Dann hat er fix und fertig eine riesige Sammlung der schönsten Literaturbeschreibungen in der deutschen Literatur gesammelt. Es ist sehr schade, dass solche Leute von hier dann weg sind und diese Projekte anderswo nicht weitergemacht werden konnten. In Deutschland ist ein anderes System, alles kostet. Das waren unsere jüdischen Kollegen.

Kannten Sie Manfred Winkler aus seiner Bukarester Zeit? Man­ fred Winkler kam aus Putilla, ging in Czernowitz in die Schule und nach dem 2. Weltkrieg nach Temeswar, war kurzzeitig in Bukarest, hat Kinder­bücher herausgebracht, illustriert und gedichtet und ist 1959 nach Is­rael ausgewandert…

Ja, er ist sehr zu schätzen, nur ist er hier in Bukarest nicht so stark her­vorgetreten. In der Kulturabteilung hatten wir mit ihm zu tun, er hat manchmal Gedichte geschickt. Seine absolut formvollendeten Zeilen ha­ben wir sehr gerne gedruckt. Irgend­wo im Literaturkreis oder anderswo hat man sich getroffen. Die Distan­zen waren da. Die Kinderbücher von ihm haben wir sehr geschätzt und sie sind auch sehr gelobt worden. Aber so eine dicke Freundschaft, wie sie der Hans Bergel aufgebaut hat, da bin ich weit entfernt.

Hatten Sie früher manchmal den Wunsch zu gehen?

Absolut nie! Ich bin, wie gesagt, ein mittleres Talent. Ein wenig Deutsch schreiben, ein wenig Rumänisch reden und übersetzen, das kann ich und das mache ich hier, sonstwo hinzuziehen ist mir nie eingefallen. Deutschland ist voll von begabten Journalisten, voll von Schriftstellern noch und noch, von kleinen und großen Verlagen noch und noch. Bis 1989 hatten wir ein gutes System mit deutschen Verlagen in Rumänien. Wir hatten den Kriterion-Verlag, die deutsche Abteilung des Jugendverlags und die deutsche Abteilung des Kinder­buchverlags, noch einige Verlage in Klausenburg und in Temeswar, und subventionierte Veröffentlichungs­möglichkeiten noch und noch.

Wie kommen Sie mit der Politik nach 1989 zurecht?

Wir sind beim Neuen Weg aus­ nahmslos übergegangen von einer Zeitung zur anderen. Wir hatten am Tag vorher noch einen Brief des reformierten Bischofs gegen den „Spürhundverräter“ Tökes über­ setzt, der ihn sehr verurteilt hat. Tökes war eine sehr bekannte Figur, seinetwegen ist die Revolution in Temeswar ausgebrochen. Natürlich waren die letzten Jahre vor 1989 für uns eine Plage. Wir waren ja ge­ scheite Leute. Wie verrückt mussten wir diese unnötigen Papiere aus dem Rumänischen ins Deutsche übersetzen, dass sie auch für die Deutschen lesbar herauskommen. Das war eine Qual, das war einfach fürchterlich. Für uns haben wir eine gewisse Befreiung gefühlt, wie es in Russland mit der Perestroika angefangen hat mit Gorbatschow, auch haben wir mitbekommen, wie Gorbatschow zu Honecker in Ber­lin sagte: „Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte!“ So haben wir gesehen, dass eine Änderung kommt, wir haben uns auch darüber gefreut. Am Anfang dachten wir an eine Art reformierten Sozialismus. Ungefähr für die Richtung waren wir. Also eine Art human reformier­ter Sozialismus, von dem wir etwas gehabt hätten, was vielleicht heute noch Bestand hätte, wenn man das Elend rundherum sieht! Die Rumä­nen haben ständig über die Sowjets geschimpft und als Gorbatschow hier in Bukarest auf Besuch war, ha­ben sie ihn als Verräter beschimpft. Da haben wir den Kopf geschüttelt und gesagt: Mensch, Mensch, in welcher Umgebung leben wir. Wir haben dann in der ADZ gelernt, neue Konzepte zu machen und ob­jektiver zu sein und ein anständiges Deutsch zu schreiben. Das ist ja zum Teil gelungen.

Nicht nur Artikel für Zeitungen schreiben Sie, auch beim Rund­funk sind sie zugange, sogar beim Fernsehen, und dieses und jenes Thema verwenden Sie in Ihren Bü­chern. Welches Thema liegt Ihnen besonders am Herzen?

Meine Radiosendungen mache ich seit zwölf Jahren bei Radio Bu­karest auf Deutsch. Beim Fernsehen arbeite ich sehr, sehr gerne und zeit­weilig war ich auch beim Fernsehen, bei der deutschen Sendung, ange­stellt. Dort habe ich eine Serie „Bü­cher und Bilder“, das mag ich sehr gern, da kann mir auch niemand etwas vorschreiben. Es ist gespro­chene Kritik und nicht geschriebene und es werden auch Illustrationen und Fotos gezeigt. Durch die Serie „Bukarester Geschichten“ habe ich mir selbst Konkurrenz gemacht. Wir sind davon ausgegangen, dass hier in Bukarest auch überall etwas Deutsches steckt. Das wollten wir finden und das wollten wir bewei­sen. Wir sind ausgegangen vom deutschen Gartenbaumeister, der den Cișmigiu-Park gestaltet hat und dann haben wir noch andere Namen gefunden. Es gibt keinen alten Park in Bukarest, wo nicht ein deutscher Gartenbaumeister die Hand im Spiel hätte. Absolut überall. Dann berichteten wir über das Ende des 19. Jahrhunderts, als fast die Hälfte der Ärzte Deutsche, jüdische Ärzte, gewesen sind. Darauf bin ich gekommen als ich auf der Medizinfakultät die Unter­lagen gesehen habe, auch im Cuza-Spital. Überall deutsch-jüdische Chirurgen, die haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein ungeheures Ansehen gehabt.

Sind das deutsche oder auch ös­terreichische Ärzte gewesen?

Ich bin da nicht so genau. Die Rumänen nennen sie „neamț“ und fertig. Wenn ich Deutsch sage, sind das zum Teil Siebenbürger, zum Teil Österreicher, Preußen… Ganz zu schweigen von den Architekten. Außer Franzosen haben österrei­chische Architekten hier gebaut. Alles Große, was in Bukarest um 1900 gebaut wurde. So an der Ca­ lea Victoriei. Dort stand ein Palais neben dem anderen und all die Namen waren Deutsch. Ich verste­he mich sehr gut mit den Kollegen Tiberiu Stoichici, Redakteur und Produzent, und dem Kameramann Adrian Drăgușin.
Deutsche in Bukarest ist eine schwere Wissenschaft. Man muss ja auch alles frisch erforschen, Unterla­gen suchen und alles herauskramen. Über die siebenbürgischen Städte wurde hundertmal geschrieben.
Nehmen wir das orthodoxe Klos­ter Țigănești. In Richtung Ploiești entdeckt, links von der Straße an einem ausgetrockneten See. Die Uhr am Turm stammt aus Deutsch­land, montiert wurde sie von einem deutschen Uhrmacher aus Bukarest. Dort gibt es auch eine kleine Werk­statt, wo Gewänder für die ortho­doxen Geistlichen und Würdenträ­ger genäht werden, diese schweren Stoffe verziert mit Goldbrokat und großen Mustern. Die werden auf Maschinen gewebt, die aus der Zeit von 1930 sind und aus einem Ort an der deutsch-tschechischen Grenze stammen. Die Maschinen sind noch dort und funktionieren noch nach 90 Jahren. Das gibt es nirgendwo in der Welt. Die Fabrik ist längst bom­ bardiert und die Maschinen von den Russen nach dem Krieg abmontiert und in die Sowjetunion transpor­tiert worden. Auf diesen restlichen Maschinen, die die orthodoxen Priester gebracht haben, weben die Nonnen und Mönche noch heute die Gewänder. Für den Film haben sie sie extra in Betrieb genommen, obwohl die Nonnen gerade Mittags­schlaf machten. Das sind Beispiele von deutschen Spuren. Gestern kam die Chefredakteurin Christel Ungar und schlug vor, dass wir einen Film über „Carulcu Bere“, die berühmte Bierhalle in Bukarest machen sollen. Der Architekt hat 1899 das Haus ge­baut und heißt Siegfried Koczinsky. Mit dem heutigen Besitzer, Mircea Nicolae, haben wir dann festge­stellt, dass wir fast zur gleichen Zeit in Hermannstadt die Schule auf der Kleinen Erde besucht haben. Er war Schulkollege mit Altbischof Chris­toph Klein und dem Bildhauer Peter Jacobi. Das sind berühmtere Leute als ich und er spricht ein perfektes Hermannstädter Deutsch. Da wird man richtig stolz. Wir waren die ers­ten, die sein neues Kulturzentrum filmen durften. Über dem „Carul cu bere“ gibt es noch zwei Stockwerke und er richtet dort ein Kulturzent­ rum ein. Er ist von Beruf Bauingeni­eur. Wir standen oben auf dem Dach auf einer Zementplattform und ha­ ben ganz Alt-Bukarest gesehen. Sie haben mich zu zweit an der Hand festgehalten, damit ich nicht herun­terfalle. Die Familie Mircea kam aus Katzendorf nach Bukarest, schon der Großvater hat das Lokal betrie­ ben und auch der Vater.

Sie habe mich vorhin gefragt, wa­rum ich geblieben bin. Na, schauen Sie, wer braucht in Deutschland einen Menschen wie mich, der ein Deutsch spricht wie ein Ausländer, wo sie sich schon lustig machen über das Deutsch des in Hermann­stadt geborenen Bundestagsabge­ ordneten und Bundesvorsitzenden des Vereins der Siebenbürger Sach­sen in Deutschland, Herrn Bernd Fabritius. Der hat doch wirklich inzwischen ein Deutsch gelernt, das sich sehr angepasst hat an die Art, wie man in Deutschland redet. Ich würde dort sofort auffallen mit meiner altmodischen Sprache. In Deutschland zeigt man im Fern­ sehen nur junge Leute, die gut aussehen, sich modisch anziehen und mit der Stoppuhr in der Hand arbeiten. Mich alten Menschen hin­stellen und erzählen lassen, das geht nicht, das schneidet man dann heraus.

Herr Liebhardt, eine volle Stunde haben wir miteinander gesprochen. Sie haben mir viel Interessantes erzählt, Vieles davon wusste ich so nicht. Sehr herzlich bedanke ich mich bis zum nächsten Mal in Bukarest.

Hans Liebhardt (1934-2017).

Der Nachlass des am 30. September 2017 verstorbe­nen Journalisten und Autors Hans Liebhardt konnte, laut einer Meldung der Literaturwissenschaftlerin Michaela Nowotnick Ende 2017 in das Zentralarchiv der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien (ZAEKR) übernommen werden. Liebhardt, am 30. Januar 1934 in Großpold geboren, war seit 1952 für die Redaktion des Neuen Wegs bzw. der Allgemeinen Deutschen Zei­tung für Rumänien (ADZ) in Bukarest tätig und fes­tes Mitglied des deutschsprachigen Rundfunks und Fernsehfunks in Rumänien. Der Privatnachlass Hans Liebhardts enthält Manuskripte in unterschiedlichen Bearbeitungsstufen, Fotografien sowie Dokumente wie Ausweise und Auszeichnungen. Neben Zeichnun­gen, u. a. von Roswith Capesius, mit der Liebhardt bis zu deren Tod im Jahr 1984 zusammenlebte, finden sich darin auch einige Widmungsexemplare.

Der Bestand wird laut Nowotnick nach der Erschlie­ßung durch das ZAEKR für die Forschung zugänglich sein.

Hans Liebhardt hätte am 30. Januar 2018 seinen 84. Geburtstag gefeiert. Am 17. September 2014 führte ich mit Hans Liebhardt in Bukarest das Gespräch.

Von Christel Wollmann-Fiedler

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Von am 01/03/2018. Abgelegt unter Welt. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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