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Wider das Vergessen: Die Todesfabriken der Nazis 5. Teil

Für Auschwitz brachte das Jahr 1943 eine entscheidende Wende für die „Endlösung“. Während sich die Vernichtungsaktionen der Nazis im Jahre 1941 noch auf die besetzten Gebiete in der Sowjetunion konzentrierte, wo man mobile Erschießungskommandos einsetzte, und 1942 auf die Lager der „Aktion Reinhardt“, sollte nun, drei Jahre nach seiner Errichtung, Auschwitz ins Zentrum der unrühmlichen deutschen Geschichte rücken. Zu Beginn des Jahres 1943 unternahm Heinrich Himmler eine „Inspektionsreise“ nach Treblinka und Sobibor, um sich persönlich von der Effizienz seiner Todesfabriken zu überzeugen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Nazi-Schergen und deren Helfersahelfer in den Lagern der „Aktion Reinhardt“ bereits 1.650.000 Menschen ermordet.

SS-General Jürgen Stroop bei der Räumung des Warschauer Ghetto nach dem Aufstand. Foto: Archiv

Im Angesicht dieses „Erfolges“ ordnete Himmler am 16. Februar 1943 die Räumung des Warschauer Ghettos an, für dessen weiteres Bestehen er nun keine Notwendigkeit mehr sah. Im April geschah dann das Unvorstellbare – zumindest aus der Sicht der SS: Die Juden im Ghetto wehrten sich. Zum ersten Mal in der Geschichte des Deutschen Reiches sah sich das Nazi-Regime dem organisierten bewaffneten Widerstand einer großen Anzahl zu allem entschlossener Juden gegenüber; – und das an einem so exponierten Ort wie dem Zentrum der Hauptstadt Polens! Die ersten Deportationen im Sommer 1942 aus dem Ghetto von Warschau, dem größten, das die Nazis je eingerichtet hatten, waren ohne jegliche Zwischenfälle verlaufen. Rund 300.000 Juden waren nach Treblinka deportiert worden, was die Einwohnerzahl des Ghettos auf rund 60.000 dezimiert hatte.

Doch als die Bewohner des Ghettos wussten, dass die Deutschen die Absicht hatten, sie alle umzubringen, schloss sich eine immer größer werdende Zahl von ihnen der im Juli 1942 im Ghetto gegründeten Kampforganisationen – „Zydowska Organizacja Bojowa“ – an. Zusammen mit dem jüdischen Militärverband – „Zydowski Zwiazek Wojskowy“ – planten sie, sich gegen weitere Versuche zur Ceportation zur Wehr zu setzen. Man rechnete zwar nicht mit einem „Sieg“ gegen die SS-Truppen, jedoch wollte man weitere Morde an Juden so lange wie möglich verhindern, zumal das Gerücht umging, dass das Ghetto bis zum 20. April 1943, Hitlers Geburtstag, geräumt werden sollte, gewissermaßen ein Geschenk an den „Führer“! Wir wissen heute, dass der Aufstand im Ghetto von SS-Brigadeführer Stroop blutig niedergeschlagen wurde. Laut Stroops Bericht an das Reichssicherheitshauptamt wurden im Verlaufe der Aktion 56.056 Juden festgenommen. Seinen Angaben zufolge waren während der Kämpfe 7.000 Juden und weniger als 20 (!) deutsche Soldaten umgekommen, wobei er ohne Zweifel die Verluste der Deutschen nach unten korrigiert hatte und die der Juden nach oben.

Himmler sah in diesen Zahlen nur die Bestätigung, dass die Ghettos im Grunde nicht zu kontrollieren waren. Aber: Sie hatten ihre Funktion bereits erfüllt, und Himmler hatte bereits neue Pläne zur „Umsetzung der Endlösung“ ins Auge gefasst und der Schlüssel hierzu lag in Auschwitz. Im März 1943, nur wenige Wochen vor dem Aufstand im Warschauer Ghetto, fand in Auschwitz ein Ereignis von großer Tragweite statt: In Birkenau wurde das erste Krematorium in Betrieb genommen. Diese Anlage war das Ergebnis eines lange währenden Planungsprozesses. Im Oktober 1941 sollte der Neubau zunächst das alte Krematorium im Stammlager ersetzen, dann verlegte man den geplanten Standort nach Birkenau.

Im Jahre 1942 wurde das ursprüngliche Konzept verworfen, worauf der SS-Architekt Walter Dejaco einen neuen Entwurf vorlegte: Den Kellerräumen, die ursprünglich als Leichenhallen konzipiert waren, wurden zwei neue Funktionen zugewiesen; – ein Raum sollte als Entkleidungkammer dienen, der andere, der rechtwinklig zum ersten Raum verlief, als Gaskammer. Mit Zyklon B gefüllte Dosen sollten durch spezielle Luken im Dach in die Gaskammer eingeworfen werden. Im Erdgeschoss befand sich das Krematorium mit fünf großen Öfen, jeder mit drei Ofentüren ausgestattet. Mittels eines Aufzuges sollten die Leichen der Getöteten von der Gaskammer zum Krematorium befördert werden.

Auch sollten in die Türen der Gaskammer sogenannte Spione eingebaut werden; außerdem wurde veranlasst, dass sich die Türen entgegen der ursprünglichen Planung nach außen öffneten, um zu vermeiden, dass nach der Vergasung die Leichen die Türen blockierten. Weitere Baumaßnahmen waren die Entfernung einer „Leichenrutsche“ und der Einbau weiterer Treppen in den Keller, ein klares Indiz dafür, dass die Opfer nun selbst in die anfänglich als Leichenhallen geplanten Kellerräume gehen sollten. Zu Beginn hatte man nur ein Krematorium geplant, doch im Zuge dieser „Neuerungen“ wurde seitens der SS-Führung beschlossen, weitere solcher Anlagen zu bauen. Im Sommer des Jahres 1943 waren in Auschwitz-Birkenau vier Krematorien mit angeschlossenen Gaskammern in Betrieb.

Die Krematorien selbst verfügten über einen großen Verbrennungsofen mit acht Türen. Die Kapazität aller vier Krematorien reichte aus, um Tag für Tag 4.700 Menschen umzubringen und deren Leichen zu „entsorgen“. Bei voller Belastung der neu geschaffenen Tötungsanlagen konnte man innerhalb von vier Wochen 150.000 Juden in Auschwitz ermorden..!!! Die soliden Bauten aus Ziegelsteinen der kombinierten Krematorien und Gaskammern zeigten das perfide Gesicht der „Endlösung“: Das Morden fand nicht mehr in umfunktionierten Bauernhäusern statt, sondern in fabrikähnlichen Analgen, welche die Judenvernichtung in industriellem Maßstab ermöglichte. Die Krematorien in Auschwitz wurden erst in Betrieb genommen, als die Massentötungen ihren Höhepunkt überschritten hatten.

1942 wurden 2,7 Millionen Juden umgebracht, zirka 200.000 von ihnen in Auschwitz und 1,650.000 in den Lagern der „Aktion Reinhardt“; – 850.000 weitere wurden von den mobilen „Einsatzgruppen“ im Osten erschossen. Und dennoch spielte Auschwitz eine immer wichtigere Rolle für das Nazi-Regime. Über Jahre hinweg hatte man sich nie darüber einigen können, ob man die Arbeitskraft der Juden für das Reich nutzen oder sich der Juden lieber ganz entledigen sollte. Auf der „Wannsee-Konferenz“ im Januar 1942 unterbreitete Heydrich einen Vorschlag, wie man diese beiden scheinbar unvereinbaren Ziele in Einklang bringen könne: Man müsse nur dafür sorgen, dass die Juden sich zu Tode arbeiteten. Doch vor allem, nachdem Himmler die Ermordung der Juden im Generalgouvernement angeordnet hatte, gerieten diese beiden Zielsetzungen in der Praxis immer wieder in Konflikt. Nach wie vor wurden arbeitsfähige Juden nach Belcec in den Tod geschickt.

Im Frühjahr 1943 wurde Himmler klar, dass es im gesamten Reich nur einen Ort gab, an dem sich die beiden Ziele „Arbeit und Vernichtung“ perfekt vereinbaren und umsetzen ließen: Auschwitz. Damit wurden die neuen Analgen zur Tötung von Menschen in Birkenau zum Zentrum eines riesigen halbindustriellen Lagerkomplexes. Hier konnte man die selektierten Juden zunächst in eines der zahlreichen nahe gelegenen Nebenlager zum Arbeitseinsatz schicken, um sie einige Monate später, wenn man sie halbtot geschunden hatte, „auszusortieren“ und in denen nur wenige Kilometer entfernten Vernichtungsanlagen von Auschwitz-Birkenau umzubringen. Und nicht nur aus ideologischen, sondern auch aus praktischen Gründen bot Auschwitz für Himmlers Vorhaben ideale Voraussetzungen.

Das Lagersystem versprach ein hohes Maß an Flexibilität: Je nach Bedarf an Arbeitskräften konnte man die Kriterien für die „Arbeitsfähigkeit“ der Insassen beliebig variieren. Was noch wichtiger war: Die SS konnte innerhalb des Lagerkomplexes einen weit höheren Grad an Kontrolle gewährleisten, als es je in den Ghettos möglich war. Es gab achtundzwanzig zu Auschwitz gehörende „Nebenlager“, die sich in unmittelbarer Nähe verschiedenster, in ganz Oberschlesien verstreuter Industrieanlagen befanden: vom Zementwerk Golleschau bis zur Rüstungsfabrik Eintrachthütte, vom Kraftwerk Energieversorgung Oberschlesien bis zu den Buna-Werken der I.G. Farben, für die man eigens das riesige Arbeitslager Monowitz eingerichtet hatte.

Dort waren bis zu 10.000 Häftlinge untergebracht. Im Jahre 1944 wurden über 40.000 Lagerinsassen in den oberschlesischen Industrieanlagen als Zwangsarbeiter eingesetzt. Man geht davon aus, dass Auschwitz dem „Dritten Reich“ einen „Reingewinn“ von über 30 Millionen Reichsmark einbrachte, indem es Zwangsarbeit an Privatunternehmen „verkaufte“. Auch bereicherte sich manch SS-Mann und auch die höheren Chargen an den Wertsachen, die man den Juden abgenommen hatte. Himmler kam dies zu Ohren und er versuchte deshalb eine klare Trennungslinie zu ziehen zwischen den Morden, die „gerechtfertigt“ waren und dem „Wohl des Reiches“ dienten, und der persönlichen Bereicherung, die ein Vergehen darstellte. Dabei beschwor er das Bild einer „harten und unbestechlichen“ SS.

Dass er diese Unterscheidung machte, lag auf der Hand: Er hatte zwei Jahre vorher mit ansehen müssen, welche „psychischen Schäden“ die Erschießung von Juden bei seinen Männern hinterlassen hatte. Die neu entwickelte Tötungsmaschinerie der Gaskammern hingegen gewährleistete einen gewissen Grad an emotionaler Distanz. Himmler versuchte daher seinen Männern moralischen Halt zu geben, indem er den „anständigen“, aber „harten“ Verteidiger des Reiches von dem charakterlosen Opportunisten, der nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht war, abgrenzte. Damit sie ihr Handeln akzeptierten und sich vielleicht ihre Mitwirkung an der „Endlösung verzeihen“ konnten, musste er ihnen klar machen, dass sie zwar Frauen und Kinder ermordet, aber doch „ihre Ehre“ bewahrt hatten.

Und dies erreichte er, indem er sie daran erinnerte, dass sie von den Morden nicht persönlich profitiert hatten. Das alles war natürlich eine Lüge. Nicht nur, weil die SS in Wahrheit in großem Umfang an Unterschlagung, Diebstahl und Korruption in Auschwitz beteiligt war, sondern auch, weil die „Endlösung“ keinerlei Trennung zwischen der „ehrenhaften“ Ermordung hilfloser Zivilisten und schierer Brutalität zuließ. Und nichts, aber auch gar nichts verdeutlicht diese Tatsache mehr als die Rolle der SS-Ärzte in Auschwitz. Diese ausgebildeten Mediziner wirkten auf allen Ebenen des Vernichtungsprozesses mit, angefangen bei der ersten Selektion auf der Rampe bis hin zur Ermordung einzelner selektierter Juden. Die durch ein rotes Kreuz als Krankenfahrzeuge getarnten Autos, in denen das Zyklon B zu den Gaskammern gebracht wurde, zeigten ihre tiefe Verstrickung mit dem Regime. Die Lagerärzte in Auschwitz mussten sich eine Frage selbst stellen: „Wie kann man die eigene Beteiligung am Massenmord an unschuldigen Menschen mit dem hippokratischen Eid vereinbaren, der Ärzte zur Heilung von Kranken verpflichtet?“

Fortsetzung folgt.

Von Rolf von Ameln

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Von am 08/03/2018. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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