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Wider das Vergessen: Die Todesfabriken der Nazis; Ärzte in Auschwitz 6. Teil

Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, dass Ärzte, die bereits am Euthanasieprogramm beteiligt waren, auch in Auschwitz im Dienst des Nazi-Regimes standen. Damit war die Verquickung von Medizin und Massenmord bereits in einer Ideologie angelegt, welche die Beseitigung „unwerten Lebens“ zur höchsten Pflicht der Ärzteschaft erhob. Dieser perversen Logik war es auch zu verdanken, dass ein praktischer Arzt, Doktor Eberl, Kommandant des Todeslagers Treblinka werden konnte. Als dieser Sadist seine Arbeit dort aufnahm, hatte man natürlich den Begriff des „lebensunwerten Lebens“ bereits auf die Juden ausgedehnt. In ihrem Versuch, die Ermordung der Juden zu rechtfertigen, griffen die SS-Ärzte auf die frühe Propagandalüge der Nationalsozialisten zurück, die besagte, dass die Juden einen verderblichen Einfluss auf das Gemeinwohl des deutschen Volkes hätten.

 

Euthanasie im Nationalsozialismus, die Vernichtung der »unheilbaren« Patienten. Foto: Archiv

Der SS-Arzt Fritz Klein hatte einst schriftlich niedergelegt: „Natürlich bin ich Arzt, und ich will Leben erhalten. Aus Ehrfucht vor dem menschlichen Leben würde ich einen eiternden Blinddarm aus einem kranken Körper entfernen. Der Jude aber ist der eiternde Blinddarm im Körper der Menschheit.“ Aus der Sicht des Nazi-Regimes waren Auschwitz und die anderen Vernichtungslager deshalb eine „gesundheitspolitische Maßnahme“: Man beseitigte Menschen, die dem Allgemeinwohl schadeten oder das deutsche Gemeinwesen bedrohten. Folglich wurden die ersten der nicht arbeitsfähig eingestuften Häftlinge in Block 10, dem Krankenbau, umgebracht – mittels einer Phenol-Injektion. Es begann so die exakte Umkehrung der medizinischen Ethik: Der Patient wurde nicht geheilt, sondern getötet.

Als im Jahre 1942 das System der Selektion eingeführt wurde, übernahmen die SS-Ärzte eine Schlüsselrolle im Prozess der Vernichtung. Sie waren es, die eine für den Betrieb des Lagers zentrale Entscheidung trafen: Wer von den Neuankömmlingen sollte leben, und wer sollte sterben. Die aktive Teilnahme von Ärzten am Selektionsprozess war für die Nationalsozialisten sowohl aus praktischen als auch aus ideologischen Erwägungen unabdingbar. Der praktische Grund lag auf der Hand: Man ging seitens des Regimes davon aus, dass Ärzte am besten geeignet waren, um auf einen Blick, – jede Selektion dauerte nur wenige Sekunden -, die Arbeitsfähigkeit eines Menschen festzustellen. Der ideologische Grund war weniger offensichtlich, dafür aber von größerer Bedeutung: Indem man die Ärzte in den Selektionsprozess einbezog, stellte sich das Töten der Juden nicht als Akt reiner Willkür dar, sondern als „wissenschaftliche“ Notwendigkeit! In Auschwitz wurden keine Menschen wahllos abgeschlachtet, sondern man leistete einen wohlüberlegten Beitrag zur Volksgesundheit!

Auf dem Gebiet der medizinischen Forschung sollten sich die Ärzte von Auschwitz von einer besonders grausamen Seite zeigen. Der Einsatz von Häftlingen für diese Zwecke entsprach dem nationalsozialistischen Grundsatz, dass Staatsfeinde ihren „Beitrag“ für das Reich zu leisten hätten – wenn nicht durch Zwangsarbeit, dann durch ihren Tod im „Dienste der medizinischen Wissenschaft!“ Für einen Arzt, der in der Forschung Karriere machen wollte und sich weder durch Mitleid noch moralische Skrupel hindern ließ, war Auschwitz ein einzigartiges „Experimentierfeld“. Doktor Claumann und Doktor Schumann betrieben in Auschwitz „medizinische Forschung“ auf dem Gebiet der Sterilisation. In einem Block befand sich eine Röntgenabteilung, in der Doktor Schumann an großen Röntgenapparaten „Versuche“ durchführte, die meist zum Tod führten. In einem anderen Block „forschte“ Doktor Claumann an Sterilisationen, die er mittels ätzenden Substanzen durchführte, die er den weiblichen „Patienten“ einspritzte.

In Block 10 führten nicht nur Claumann und Schumann ihre Sterilisations-Experimente durch, sondern auch Doktor Wirths, der ranghöchste Militärarzt in Auschwitz. Er missbrauchte Frauen für seine „Erforschung“ des Gebärmutterhalses. In Block 28 des Stammlagers wurden medizinische Experimente an Männern durchgeführt. Dazu zählte eine „Versuchsreihe“, bei der man auf die Haut der Häftlinge giftige Stoffe auftrug, um möglichen Tricks auf die Spur zu kommen, mit denen sich deutsche Wehrpflichtige vor dem Dienst in der Armee drücken wollten. Und: Man „verkaufte“ sogar Häftlinge an die Firma Bayer, Teil der I.G.-Farben, wo sie als Versuchskaninchen für die Erprobung neuer Medikamente eingesetzt wurden. In einem Schreiben von Bayer an die Lagerleitung von Auschwitz hieß es: „Der Transport mit 150 Frauen traf in guter Verfassung hier ein. Allerdings gelang es uns nicht, verlässliche Ergebnisse zu erzielen, weil sie während der Tests verstarben. Wir möchten Sie daher bitten, uns eine weitere Gruppe Frauen gleiche Größe und zum gleichen Preis zu schicken.“

Diese weiblichen Häftlinge, die bei einer Versuchsreihe mit Narkosemitteln ums Leben kamen, hatten Bayer 170 Reichsmark pro Person „gekostet!“ Doch so schrecklich das Leid der Betroffenen auch gewesen sein mag, so waren es nicht die Namen Claumann, Schumann, Wirths oder Bayer, die gemeinhin mit den menschenverachtenden medizinischen Experimenten in Auschwitz in Verbindung gebracht werden, sondern der eines 32-jährigen gut aussehenden Kriegsveteranen und Trägers des Eisernen Kreuzes, der im März 1943 nach Auschwitz kam: Doktor Josef Mengele. Mehr als irgend jemand sonst ist Mengele zum Synonym für Auschwitz geworden. Mengele genoss die Macht, die er in Auschwitz ausüben konnte, und nutzte diese bei seinen „Forschungen“ hemmungslos aus. Es spielten aber auch äußere Umstände eine Rolle, denn er kam genau zu dem Zeitpunkt in das Lager, als die Krematorien in Birkenau fertiggestellt waren und Auschwitz im Begriff war, seine zerstörerischste Phase einzutreten.

Mengele, der sich auf Erbbiologie spezialisiert hatte, beschäftigte sich intensiv mit der Zwillingsforschung. Im Lager kursierte das Gerücht, dass er die genauen Gründe für die Entstehung von Mehrlings-Schwangerschaften untersuchte, um Methoden zu entwickeln, mit denen deutsche Frauen in kürzester Zeit mehr Kinder zur Welt bringen könnten. Doch wahrscheinlicher ist, dass er sich vor allem für die Rolle der Erbanlagen bei der körperlichen und charakterlichen Entwicklung interessierte, ein Thema, von dem die nationalsozialistischen Wissenschaftler besessen waren. Für Mengele gab es keine Beschränkungen für Art und Umfang seiner Experimente; – er konnte anderen Menschen antun was er wollte, so groß war seine Macht! Er experimentierte nicht nur mit Zwillingen und Kleinwüchsigen, sondern auch mit kranken Häftlingen aus einem Zigeunerlager. Mengele war in vieler Hinsicht der Prototyp des SS-Führers in Auschwitz. Der stets perfekt gekleidete Arzt empfand für die Insassen des KL-Auschwitz nur Verachtung. Jede Form des vertrauten Umgangs mit den Gefangenen war ihm zuwider; – dies nutzte er auf seine sadistische Art und Weise bis zum letzten aus.

Fortsetzung folgt.

Von Rolf von Ameln

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Von am 11/03/2018. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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