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Die deutsch-jüdische Künstlerkolonie „Grunewald im Orient“

Sibirisch kalt ist der Abend in Berlin, der Frost hält an, kein Abend zum Flanieren in der großen Stadt. Im Jüdische Museum in der Ausstellung „Jerusalem in Berlin“ ist die Mittelmeersonne zu spüren, dann gar während des Erzählens von Thomas Sparr über Rechavia, dem Quartier der deutschen Einwanderer in Jerusalem, sitzen wir in einem Gartenlokal, vielleicht im Cafe Peter, trinken Kaffee und essen frisch gebackenen Bienenstich. Gartenlokale mit selbst gebackenem Kuchen waren die Lieblingsorte der Bewohner von Rechavia, man improvisierte. Restaurants fehlten, das Geld ebenso. Das einfache Leben musste zwangsläufig gelebt werden. Cafes soll es viele gegeben haben.

Thomas Sparr erzählt über Rechavia, dem „Grunewald im Orient“. Foto: Wollmann-Fiedler

1938 gründete Familie Grünspan aus Deutschland das Cafe Atara als Eßlokal und wurde Treffpunkt der deutschen Einwanderer und ein Stück Heimat. Thomas Sparr, der Autor, der Jahre in Jerusalem lebte, an der Hebräischen Universität studierte, beobachtete das kulturelle Leben und die Bewohner in den 60er Jahren und ließ sich erzählen. Dann führt uns Sparr weiter durch die damals neu gebauten Straßen.
Richard Kaufmann, der Architekt aus Frankfurt am Main, hatte sich mit dem Zionismus angefreundet, verließ nach dem ersten Weltkrieg Deutschland und ging 1920 nach Palästina. Er und andere Architekten brachten die Moderne des Bauhauses ins Land an der Levante. Lotte Cohn, die Architektin aus Berlin, arbeitete jahrelang in seinem Büro. Vieles planten, entwarfen und bauten sie in Palästina, doch hier geht es um Rechavia.

Die Idee der Künstlerkolonie brachten die Gründer aus Deutschland in den 20er Jahren mit in die Berge Judäas. Man nannte die entstandene kleine Kolonie „Preußen in Jerusalem“ oder auch „Grunewald im Orient“. Eine Gartenstadt sollte es auf jeden Fall sein mit guter Luft und frischer grüner Umgebung. Der Anfang war allerdings anders.
Die deutschen Einwanderer haben ihr Lebensgefühl und ihre Wünsche aus Deutschland auf dem Schiff mitgebracht. Sie wussten, was sie wollten und wie sie es haben wollten, meint Sparr. Nicht nur eine Gelehrtenkolonie war das neugegründete Viertel, auch Künstler und Schriftsteller lebten dort, waren aus unterschiedlichen lebens- und zeitpolitischen Gründen dort angekommen. Mit klassischem deutschen Bewusstsein entstand die Kolonie in der damals ziemlich heruntergekommenen Stadt Jerusalem, der Pilgerstadt, die noch sehr osmanisch orientalisch geprägt war.

Richard Kaufmann und Lotte Cohn, die beiden Architekten aus Deutschland, bauten der Zeit entsprechend, moderne Bauhausarchitektur war zeitgemäß.

Die Straßennamen wurden nach sephardischen Juden benannt, eine recht ungewöhnliche Straßentopographie. Aus dem Mittelalter der jüdischen Religion sollen die Namen übernommen worden sein und so mancher deutschsprachige Einwanderer konnte den Namen kaum aussprechen, erfuhren wir, da die Einwanderer selbst kaum Hebräisch sprachen. Eine säkulare Stadt soll Jerusalem damals gewesen sein, auch eine Synagoge wurde in Rechavia gebaut und Kurt Wilhelm aus Magdeburg, der in Breslau studiert hatte, 1932 nach Palästina auswanderte und 1962 in Stockholm starb, war dort Rabbiner, ein sehr weltlicher.

Die Universität auf dem Skopus Berg entstand in klassischem deutschen Bewusstsein, auch hier hat der Architekt Richard Kaufmann mitgeplant. Wir erfahren in dem interessanten Buch über Martin Buber und Gershom Sholem, den beiden Diskutanten, dem kommunistischen Kabbalisten und dem Bibelübersetzer. Wir lesen über Eigentümlichkeiten der Bewohner. Deutsche Traditionen, Ordnung und Pünktlichkeit, brachten die Bewohner mit, die Superlative der deutschen Alltagskultur wurde auf dem Schiff bis Haifa mitgenommen und weiter in die Berge. In Rechavia, dem kleinen Stadtteil, gab es bald ein Eisenwarengeschäft, einen Hutladen, Elektroladen und ein Modegeschäft, der Zeitungskiosk durfte nicht fehlen, Buchläden kamen hinzu und ein Kino. Alles, wie zuhause.

Blumenthals Neue Nachrichten wurden gegründet, dann hießen sie Neueste Nachrichten, später Jedioth Chadaschoth, dann Israel-Nachrichten. Das Mitteilungsblatt der Einwanderer aus Deutschland kam hinzu. Mitten im Jerusalemer Zentrum liegt der „Vorort“ Rechavia, den Berliner Einwanderern erscheint dieser Ort „Dahlemisch“, erzählt uns Thomas Sparr. Im Text ist zu lesen, daß Rechavia das „deutsche“, das deutsch-jüdische Jerusalem, Hauptstadt der Jeckes war. Über interessante Menschen, deren Namen noch heute in den Ohren klingen, schreibt der Autor. Der Leser erfährt über Lea Goldberg, Else Lasker Schüler, George Lichtheim und Werner Kraft, den Friedensbund „Brit Shalom“, über Ludwig Strauß, Anna Maria Jokl, Peter Szondi, Ilana Shmueli und Paul Celan, auch andere wichtige Namen der damaligen Zeit werden erwähnt, so auch Hannah Arendt, die 1961 zum Eichmann Prozess nach Jerusalem reiste. Erst vor einigen Wochen starb der deutschsprachige Czernowitzer Schriftsteller Aharon Appelfeld, der viele Jahre in diesem Stadtteil wohnte.

Cilly Kugelmann, die ehemalig Programmdirektorin des Jüdischen Museums und der Autor Thomas Sparr führten uns kenntnisreich durch Jerusalem bis ins neugeplante und neugebaute Rechavia der 20er Jahre, wir hörten Eigentümliches und Neues über seine Bewohner von damals. Man schnuppert den Kuchenduft, liest die deutschen Zeitungen, spürt die angenehme Luft, die von den Judäischen Bergen herüber weht und lauscht den Gesprächen der eingewanderten deutschen Wissenschaftler und Künstler, die sich im Wüstenland an der Levante ihre neue Heimat nach dem Vorbild der alten, die sie verlassen haben, gestalteten. Lesen Sie das Buch von Thomas Sparr „Grunewald im Orient – Das deutsch-jüdische Jerusalem“, das im BERENBERG Verlag in Berlin erschienen ist und reisen Sie nach Jerusalem. Die Bewohner von damals gibt es nicht mehr, doch werden Sie sich an sie erinnern und ihnen gedanklich durch die Straßen von Rechavia folgen. Es gibt noch mehr in Jerusalem zu sehen, ich verspreche es Ihnen!

Von Christel Wollmann-Fiedler

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Von am 11/04/2018. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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