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Ein Gespräch mit Petra Klawitter, der engagierten Lehrerin aus Rövershagen in Mecklenburg-Vorpommern

Frau Klawitter, Sie sind Geschichtslehrerin an der Europaschule in Rövershagen in der Nähe von Rostock und haben 1999 in Ihrer Schule ein Projekt begonnen, die AG Kriegsgräber.

Ja, ich war zuvor in einer anderen Schule, sechs Kilometer entfernt in Gelbensande, wo ich wohne, die Schule wurde nach der Wende eingespart. Die Schüler konnten dort bis zur 10. Klasse gehen und ihre Mittlere Reife ablegen. Doch 2008 ist die Schule dann geschlossen worden und ich wechselte 2006 zur Europaschule in Rövershagen und habe praktisch das Projekt mitgenommen.

Was bedeutet denn überhaupt Europaschule?

Unsere Schule hat viele Beziehungen zu anderen Schulen im Europäischen Ausland und nimmt an Projekten teil, die mit anderen Schülern in Europa dann realisiert werden. Wir haben Projekte mit Jugendlichen aus Skandinavien, aus Spanien usw.

Ich komme doch nochmal auf die Geschichtslehrerin zurück. Sie hätten ihren Geschichtsunterricht ganz normal machen können. Warum sind Sie auf die Idee gekommen, mit den Schülern Historie einmal ganz anders zu besprechen?

Petra Klawitter, Shlomo Schwartz, Holger Klawitter, Erika Feiler und Torben Vollmer, Israel 2018. Foto: Petra Klawitter

Na, ja, als Geschichtslehrer muss man ja sehen, wie man die Kinder für Geschichte begeistern kann und verschiedene Ansätze dazu finden. Dann las ich in unserer Ostseezeitung, sicherlich war das 1998/99, dass Schüler über den Volksbund in den Sommerferien in Frankreich Kriegsgräber pflegen. Dann ging ich in eine 10. Klasse, habe von der Idee erzählt und sie ein bisschen provoziert. Ich erzählte ihnen, dass es Schüler gibt, die in ihrer Freizeit unentgeltlich Gräber pflegen und fragte sie, was uns das heute angeht. Da sind die Schüler voll eingestiegen. Sie fanden das toll und meinten, dass sie so etwas auch gerne machen würden. Nach zwei Wochen gab es dann einige, die mich fragten, ob ich mich schon darum gekümmert hätte. So ging das los.

Der 2. Weltkrieg ist lange her und in meiner Schulzeit gab es die Kriegsgräberfürsorge. Das war auch für die Kriegerwitwen damals sehr wichtig, es gab ja sehr viele Frauen, deren Männer nicht mehr aus dem Krieg zurückkamen und gefallen waren. Dass diese Kriegsgräberfürsorge heute noch eine solche Brisanz hat, wusste ich nicht und interessiert mich.

Ja, in der DDR war ja die Kriegsgräberfürsorge bis zur Wende überhaupt kein Thema. In Mecklenburg-Vorpommern hat sich der Landesverband dann etabliert und wir sahen uns die Satzung vom Volksbund an, bevor wir nach Frankreich fahren wollten. Wir sahen in der Satzung, dass alle Opfer von Krieg und Gewalt gemeint sind. Und so haben wir die Reise realisiert. Also war uns klar, dass wir nicht nur an die Soldaten erinnern wollten und an die Ursachen, warum diese Soldaten überhaupt gefallen sind, wir haben uns vorgenommen Menschen zu finden, jüdische oder politisch Verfolgte, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas. Sie alle sind Opfer von Krieg und Gewalt geworden.

Das habe ich verstanden. Wie kommen Sie zu dem anderen Projekt, sich mit jüdischen Überlebenden zu unterhalten und vor allem mit Bukowiner Juden in Rumänien. Wie kam das zustande?

Jüdischer Friedhof in Radautz, Rumänien. Foto: Petra Klawitter

Wir haben versucht jüdische Opfer hier bei uns in der Nähe zu finden. Die nächste Stadt ist zehn Kilometer entfernt, das ist Rostock. Wir haben geschaut, ob es eine jüdische Gemeinde gab, was mit den Juden während der Nazizeit geschah, wie lebten sie vor der Schoah, wie danach. In Rostock gibt es jetzt wieder eine kleine jüdische Gemeinde, die ausschließlich aus Juden der ehemaligen Sowjetunion besteht. Wir haben geforscht und unseren Horizont immer weiter ausgedehnt. Wir haben einige Projekte realisiert und fanden bei uns in der Nähe ein ehemaliges Außenlager von Ravensbrück, Schwarzenpfost. Viele jüdische Frauen waren hier die Opfer, die damals inhaftiert waren und so waren wir mitten drin in dem Thema. Wir haben Überlebende eingeladen, damit sie den Schülern über ihr Leben erzählen können.

Wie kamen Sie ausgerechnet in das rumänische Gebiet, in die Bukowina?

Wir haben uns vorgetastet. In den ersten Jahren waren wir vom Volksbund aus in Polen tätig. Zuerst an der Ostseeküste, dann auch in der Nähe von Auschwitz und von dort gingen wir dann weiter nach Osteuropa. Wir stellten außerdem fest, dass wir von der jüdischen Geschichte in Ungarn und Rumänien sehr wenig wissen. Rumänien hat uns am meisten fasziniert. Die Bukowina kannten wir gar nicht. Die spielt ja auch in keinem Geschichtsbuch eine Rolle.

Der Weg von Rövershagen, von der Ostsee in die Bukowina, ist schon ein großer Sprung, finde ich.

Das war ein bisschen schwierig. In Tschechien haben wir keine Schule gefunden, die bereit war mit uns an einem solchen Projekt zu arbeiten. Die Jugendlichen wollen in den Ferien für Geld arbeiten oder irgendwo hinfahren. In Ungarn haben wir das ebenfalls gemerkt, da haben wir nur ein Jahr gearbeitet. Es war dort ein wenig wie unter Zwang, auch die Lehrer waren nicht bereit, in den Ferien solche Projekte anzugehen. Sie wollten immer wissen, was sie an Geld bekommen. Wir machen das alles ohne Geld, das haben sie wohl nicht so richtig verstanden.

Nun gehen wir zusammen in die Bukowina nach Radautz. Gibt es dort noch jüdische Bevölkerung, eine jüdische Gemeinde?

Yochanan Ron Singer, Torben Vollmer, Petra Klawitter, Christoph Labrenz, Erika Feiler, Holger Klawitter, Israel 2018. Foto: Petra Klawitter

Nein, eine jüdische Gemeinde gibt es nicht mehr, doch Herr Kofler ist dort der Ansprechpartner vor Ort und sitzt auch im Stadtparlament. Er hat uns in Radautz mit keinem anderen jüdischen Bürger in Verbindung bringen können. Wir haben seit 2011 eine feste Gruppe in Radautz mit der wir die Geschichte der Gegend aufarbeiten wollten. In der Bukowina war ja eine ganz besondere Mischung an Bevölkerung, viele Nationalitäten und Religionen gab es in der Stadt. Die Schüler wussten nichts, nur betretenes Schweigen. Die meisten wussten nicht einmal, dass es dort einen Jüdischen Friedhof gibt. Der Friedhof ist sehr groß, hat über 7000 Gräber. Der eine oder andere Lehrer weiß vielleicht etwas, spricht aber nicht mit den Schülern darüber. Unsere Partnerlehrerin ist interessiert, versucht auf unser Nachfragen etwas zu unternehmen, um zu antworten. Sie ist Deutsch- und Französischlehrerin. Das Hintergrundwissen fehlt. Gedanken und Meinungen zur jüdischen Geschichte, auch zum heutigen Judentum, sind nicht gut.
Wir sind bei den Jugendlichen, so 17 bis 18jährige gut angekommen. Viele sind dabei, die mit uns weitermachen wollen, weil sie viel erfahren haben und viel gelernt haben. Sie sind viel offener als die Lehrer.

Sie gehen nach Radautz mit Ihren Schülern und sprechen dort mit ihnen und arbeiten mit ihnen zusammen?

Wir wohnen zusammen in einem Internat, das den Charme der fünfziger Jahre hat. Wir haben dort Soldatenfriedhöfe, einen rumänischen, einen deutschen, einen russischen und eben den großen jüdischen Friedhof. Wir haben dort alle zusammen gearbeitet und natürlich auch gleich Geschichtsunterricht gegeben. Wie kommen die rumänischen, wie kommen die deutschen, wie kommen die sowjetischen Soldatengräber hierher? Uns interessiert auch die jüdische Geschichte der Stadt und der Umgebung.

Weiter kommen wir zu Erika Feiler, die ich aus Haifa kenne. Während meines Besuches bei meiner alten Freundin Hedwig Brenner, lud sie ihre Czernowitzer Freunde ein. Erika Feiler war auch dabei. Sie wurde in Radautz geboren und als Kind mit den Eltern nach Transnistrien deportiert. Wo haben Sie sie kennengelernt?

Wir hatten eine Stolpersteinlegung in Anklam für Martin und Margarete Wagner veranlasst, die hier gelebt haben und in Belzec ermordet wurden. Der Enkel, Eitan Wagner, wohnt in Haifa und kam zu dieser Stolpersteinlegung. Eitan erzählte uns, wenn wir mit Juden aus Radautz Kontakt haben wollen, müssen wir in Jad Vashem die Gedenkblätter angucken. Vor allem Gedenkblätter, die erst vor kurzem angelegt wurden waren für uns von Interesse. Wir fanden welche, sechs oder sieben, die in Hebräisch geschrieben waren. Wir baten Eitan diese Personen in Israel anzurufen und sie zu fragen, ob sie mit uns sprechen würden. Da war dann auch Erika dabei.

Sie wollten im Frühjahr wieder nach Israel fahren?

Ja, wir waren mit zwei Schülern dort. Das hat einen einfachen und praktischen, aber auch finanziellen Grund. Für die Interviews brauchen wir nicht mehr Schüler. Auch ist es ein Sicherheitsproblem für uns Lehrer. Viele Eltern trauen sich nicht, ihre Kinder mit nach Israel zu schicken. Diese beiden ausgewählten Jungs sind schon zwei Jahre in der Gruppe und werden noch mindestens vier Jahre dabei bleiben. Die beiden können dann mit der Arbeit fortfahren.

Anerkennenswert und großartig ist ihre Arbeit. Ich las, dass Sie das Bundesverdienstkreuz für dieses Engagement bekommen haben und im letzten Jahr den Wilhelm-Dröscher Preis. Wilhelm Dröscher kam aus Rheinland-Pfalz, wurde der „gute Mensch von Kirn“ genannt. Sein Vater war evangelisch, seine Mutter Jüdin. Die beiden heirateten kurz nach Ende des 1. Weltkriegs 1919 in Polen. Das gehört zu seiner Familiengeschichte. Sie werden überhaupt mit Preisen gut bedacht. Welchen Hintergrund hat für Sie der Dröscher-Preis?

Der war von der SPD ausgeschrieben und jeder konnte sich bewerben. Die Söhne von Dröscher gründeten eine Stiftung und setzen das Werk des Vaters fort. Dröscher war durch und durch Demokrat und Sozialdemokrat, hat jeden Samstag Bürgersprechstunde durchgeführt, erinnere ich mich, Bundestagsabgeordneten war er u. a. auch.

Sie haben auch ein sehr wichtiges Buch „Die dunklen Jahre von Schwarzenpfost“ geschrieben, das ich allerdings nicht kenne. Eine dunkle Geschichte in einer wunderschönen Landschaft.

Ja, das sind die dunklen Jahre von Schwarzenpfost. Da geht es um das Außenlager von Ravensbrück hier bei uns im Wald, wo hauptsächlich Frauen inhaftiert waren. Zu Schwarzenpfost gab es kaum Informationen, wir haben danach geforscht und tatsächlich ein wenig herausgefunden. Mein Mann, unsere Tochter und ich waren in Kanada und haben dort einen Überlebenden getroffen. Einen Lehrpfad konnten wir im ehemaligen Außenlager auch mit vielen Unterstützern anlegen.

Sie haben ein Buch mit rumänischen Juden und Deportierten herausgegeben?

„Verlorene Kindheit“, auch Erika Feiler gehört dazu, die einen Teil ihrer Kindheit in Transnistrien zugebracht hat. Außerdem hat sie uns bei dem Thema sehr geholfen, weil sie als Überlebende dazu viel weiß.

Nun komme ich nochmal auf Israel zurück. Erika Feiler lebt in Haifa. Haben Sie sich auch mit anderen Zeitzeugen getroffen?

Alle Überlebende, über die wir in unserem Buch geschrieben haben, konnten wir wieder treffen, und noch zwei weitere Zeitzeugen, die Erika seit Jahrzehnten kennt. Auch Yochanan Ron Singer trafen wir, er ist der Vorsitzende des Weltverbandes der Bukowiner Juden. Shlomo Schwartz, den Kunstmaler, der in der Bukowina geboren wurde, empfing uns zu Hause, inmitten seiner tollen Bilder. Wir planen eine Ausstellung mit Fotos von Radautz vor der Schoah und mit Zeichnungen zur Schoah, die Shlomo Schwartz gemalt hat. Dann möchten wir noch Bilder nach der Schoah zeigen. Der Künstler kommt nicht aus Radautz, beschreibt aber in seinen Bildern auch den Weg nach Transnistrien, das Leid dort, die Zwangsarbeit usw. Nach Transnistrien wurden viele Juden aus der Bukowina und so auch aus Radautz deportiert. Das passt alles in unser Thema.
In Radautz gibt es auf dem Friedhof ein großes Grab. Wir wunderten uns, als wir lasen, dass die gesamte Familie im Mai 1945 gestorben ist. Man erzählte uns im Ort, dass der Nachbar die Familie, Mann, Frau und das Kind erschlagen hat.

Wahrscheinlich kehrte die Familie damals aus Transnistrien zurück. Auch die zurückkehrenden Juden waren gar nicht gerne gesehen, ihre Häuser und Wohnungen waren von anderen bewohnt und der Nachbar hat die Familie in diesem Fall persönlich liquidiert. Das haben mir auch andere Zurückkehrende erzählt, die in ihren Heimatorten auftauchten, doch nicht immer wurde gemordet, das sind Ausnahmen, aber Tatsachen. Überlebt hatten die Juden, doch ihr Hab und Gut gehörte inzwischen anderen. Sie konnten oft keinen Fuß mehr fassen und gingen weiter.

Yochanan Ron Singer haben wir für Mitte September nach Rövershagen eingeladen, er wird an unsere Schule kommen und erzählen. Die Schüler warten geradezu darauf und sind gerne bei solchen Veranstaltungen dabei. Auch Erika Feiler wollten wir gerne zu einem solchen Gespräch einladen. Mal sehen, ob es klappt.

Von Christel Wollmann-Fiedler

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Von am 11/05/2018. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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