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Opernfestspiele Verona: Ein „Nabucco“ der keiner ist

Eigentlich geht „man“ in die Opernfestspiele in Verona, um die „gute, alte Opern-Atmosphäre“ zu geniessen. Und wo wäre das besser möglich, als in der altehrwürdigen Arena, dem imposanten, sehr gut erhaltenen Amphitheater, das 16’000 Zuschauer fasst. Da können seit über 100 Jahren jeweils über zwei Monate lang die Zuschauer schwelgen, träumen, klatschen, den besten Sängern und Sängerinnen lauschen, Bravo rufen – kurz: für einige Zeit in den Opern-Himmel entgleiten. Zu Beginn steht die alte Tradition, dass viele Leute auf den oberen Stein-Stufen eine beim Eingang erhältliche Kerze entzünden, was eine wunderschön-romantische Stimmung in der Runde erzeugt und eine entsprechend verklärte Aufführung erwarten lässt.

Das geschieht seit Jahren fast immer – zur Freude des opernkundigen Publikums – mit „klassisch-schönen“ Aufführungen, die gemäss Applaus auch Zuschauer begeistern, die sonst kaum in eine Oper gehen. Besonders erfreuten in den letzten Jahren die Inszenierungen des Filme-Machers Franco Zefirelli, dessen Gestaltungen – nebst dem musikalischen „Ohrenschmaus“ eine wahre Augenweide sind und emotional mitreissen.

Diese Saison war er mit einer malerischen „Madama Butterfly“ von Puccini wunderschön vertreten. Es ist auch hie und da in den vergangenen Jahren schon vorgekommen, dass Regisseure eine „moderne“ Inszenierung gewagt haben. Ich erinnere mich an eine „Traviata“, die aber nach einer Saison wieder abgesetzt wurde, sowie an eine „Aida“, die immer noch im Programm ist und manchmal für einen Teil der Spielzeit gezeigt wird, alternierend z.B. mit der sehr gelungenen und berührenden Rekonstruktion von 1913, als mit „Aida“ die Opernfestspiele in Verona begannen.
Diese neuartige „Aida“ in der Regie von Carlus Padrissa, Alex Ollé / La Fura dels Baus weckt in mir statt Emotionen nur Kopfschütteln über den zum Teil übertriebenen und unverständlichen Aktionismus. Da fahren dauernd Seilbahn-ähnliche Gestelle umher, von denen man nicht weiss, was sie im Alten Aegypten verloren haben, und irgendwie vermag ich in dem Ganzen keinen „Sinn“ zu erkennen. Vielleicht ergeht das jungen Zuschauern anders, aber ich meine, dass auch TV- und Film-verwöhnte Zeitgenossen sich von „klassischen“ Aufführungen hinreissen lassen – wenn es denn „hinreissend“ in Szene gesetzt, gesungen und gespielt wird.

Nun hat neustens der französische Regisseur Arnaud Bernard einen „Nabucco“ inszeniert, bei dem man sich schon fragen muss, wie weit die „Künstlerische Freiheit“ in der Interpretation gehen darf. Die Geschichte der Israeliten und ihres Tempels, der durch Nebukadnezar zerstört wurde – der sich dann zum G“tt ausruft und darob wahnsinnig wird – hat Giuseppe Verdi ungemein spannend beschrieben und mit wunderschöner Musik versehen, u.a. dem berühmten Gefangenen-Chor. Dieser wird in Verona meist so stark beklatscht, dass er ein zweites Mal gesungen wird.

Wieviele Jahrhunderte kann sich eineInterpretation von der Intention des Komponisten entfernen, um noch glaubwürdig zu sein? Der Regisseur hat die biblische Geschichte des Babylonischen Exils ins Jahr 1848 versetzt, in die Zeit des Risorgimento. Da, wo laut Text der Tempel geplündert und die Heiligen Utensilien herausgenommen werden, tragen Katholische Priester die Madonna aus einem Haus, das die Mailänder Scala darstellen soll. Und Nonnen mit Rotkreuz-Häubchen rennen umher, um Verwundete zu pflegen. Soldaten der französischen Revolution schiessen ohne Unterbruch und ohrenbetäubend, während überall auf der grossen Bühne eine Unmenge von Tricolor-Fahnen geschwungen werden. Kurz, die Sänger singen Verdi-Texte, die mit dem gezeigten Spiel absolut nichts zu tun haben!

Ich habe sowohl den israelischen Dirigenten Daniel Oren – der natürlich musikalisch nichts zu wünschen übrig liess – wie auch einige Sänger nach der Vorstellung gefragt, wie sie mit einer solchen Inszenierung umgehen. Die Sängerin der „Fenena“ hat geantwortet, „wir singen einfach!“, und Daniel Oren meinte achselzuckend, es sei ein ständiger Kampf zwischen den Darstellern (und wohl auch dem Dirigenten) und der Regie, den aber erstere offensichtlich verloren haben. Ich erinnere mich an eine Generalprobe in Massada, wo der Dirigent Oren noch so kurz vor der Première auf einer Aenderung der Regie bestand – und auch erwirken konnte.

Ich habe das Gefühl, der Regisseur wollte sich beim italienischen Publikum „einschmeicheln“ mit der Verlegung der Handlung in eine für Italien geschichtsträchtige Zeit. Die zweite Hälfte der Oper lässt er dann in der Mailänder Scala spielen, quasi ein Theater im Theater, wo aus allen Logen unablässig italienische Fahnen geschwungen werden. Auch der Gefangenen-Chor „An den Ufern des Euphrat“ findet im Theater statt. Vor lauter Aerger kam bei mir weder Stimmung noch Spannung auf. Bin ich nun einfach eine altmodische Opernbesucherin? Zieht man junge Leute wirklich in die Oper, indem man eine Inszenierung mit viel Aktionismus in eine neuere Zeit verlegt? Ich meine, junge Leute werden genau so wie ältere Besucher durch die Intensität des Spiels und der Musik gepackt, wie auch von der Glaubwürdigkeit der Darstellung. Wenn Verdi eine Oper über die Zeit des Risorgimento hätte schreiben wollen, hätte er das vermutlich getan. Er hat aber bewusst einen biblischen Text gewählt, um auch die politische Lage seiner Zeit anzudeuten und ich finde es mehr als nur schade, dass ein solcher – meines Erachtens – Regie-Missgriff sich so sehr von der Intention des Komponisten entfernt und den „Verdi-Nabucco“ dadurch verkommen lässt und ihn praktisch unkenntlich macht.

Zum Glück gab’s da noch eine überzeugende „Tosca“- Aufführung, die emotional – wie auch musikalisch – sehr berührt hat, und die schon erwähnte historische „Aida“-Wiederaufnahme von 1913, wo nicht nur die herrliche und dramatische Interpretation der Hauptfigur durch Hui He begeisterte, sondern auch ein pompöser Triumph-Marsch das „gewohnte Verona-Feeling“ herbei-zauberte, das Tausende jedes Jahr dorthin pilgern lässt.

Von Ruth Bloch

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Von am 13/06/2018. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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