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Deutsche Schulen kämpfen mit einer Reihe antisemitischer Vorfälle

Jüdische Lehrer an öffentlichen Schulen in Deutschland setzen sich mit der Frage auseinander, ob es sicher und angemessen ist, ihre Identität angesichts ansteigender antisemitischer Vorfälle in den Schulen des Landes offen zu legen.

„Ich brauchte eine Weile, bis ich das Selbstvertrauen hatte es den Leuten zu erzählen“, sagte die 41-jährige Schullehrerin Michal Schwartze, die sich schon früh in ihrer Karriere Sorgen machte, dass sie als voreingenommen in Geschichte und Politik angesehen werden könne. Schließlich entschied Schwartze, dass sie ihre jüdischen Perspektiven und ihren persönlichen Aktivismus gegen Rassismus und Diskriminierung nicht verbergen konnte. „Ich denke, es ist wichtig, eine Position einzunehmen und meine Haltung klar zu machen“, sagte sie.

Doch die 32-jährige Berliner Lehrerin Anna Furer will nicht, dass ihre Schüler wissen, dass sie jüdisch ist, besonders nicht diejenigen die Adolf Hitler loben. „Ich versuche, dies so gut wie möglich zu ignorieren, aber am Ende des Tages habe ich auch schlechte Gefühle“, sagte sie und bezog sich dabei auf die antisemitischen Äußerungen eines Schülers. Sie hat Angst vor jemandem im Klassenzimmer, der schließlich herausfindet, wie sehr solche Kommentare sie beeinflussen.

Der Antisemitismus ist immer noch – oder wieder einmal – eine Herausforderung für die über 200.000 Juden, die schätzunugsweise in Deutschland leben. Polizeiliche Statistiken deuten darauf hin, dass antisemitische Vorfälle landesweit seit Jahren angestiegen sind, auch in der Hauptstadt Berlin.

Laut Zahlen, die am Mittwoch von deutschen Behörden veröffentlicht wurden, sind die Zahlen der antisemitischen Hassverbrechen in Deutschland – eine Kategorie, die gewalttätige oder verbale Angriffe einschließt – um 10 Prozent gestiegen, davon sind ein Fünftel alleine in Berlin begangen worden. Rechtsextremisten waren für die überwiegende Mehrheit der Vorfälle verantwortlich, gefolgt von Angreifern mit „fremden Ideologien“ – ein Ausdruck, der sich oft auf den Zustrom von Einwanderern aus muslimischen Ländern bezieht, die in den letzten Jahren eingewandert sind. Die Forscher warnen jedoch davor, das Phänomen ausschließlich auf diese Neuankömmlinge zu konzentrieren.

Die jüngsten Befürchtungen über ein Wiederaufleben traditioneller antisemitischer Muster in ganz Europa, haben auch in Deutschland im Allgemeinen und in Schulen im Besonderen zu einem erhöhten Bewusstsein für das Problem geführt, nachdem in mehreren Fällen jüdische Schüler gemobbt oder sogar tätlich angegriffen wurden. Nachdem im vergangenen Dezember eine Schülerin in einem Berliner Vorort eine Morddrohung an einem Gymnasium erhalten hat, sind jetzt auch Privatschulen betroffen: Seit Monaten soll ein Junge in einer Elite – Schule im Zentrum von Berlin gemobbt worden sein.

Trotz dieses wachsenden Gefühls der Dringlichkeit werden Lehrer immer noch nicht routinemäßig darin geschult, wie sie auf antisemitische Äußerungen in Schulen reagieren können.

In einem kürzlich abgehaltenen privaten Workshop für Lehrer, die sich mit antisemitischen Äußerungen gegen ihre Schüler oder sich selbst konfrontiert sehen, die von dem Berliner Kompetenzzentrum für Prävention und Ermächtigung organisiert wurden, erinnerten Schwartze und Furer an Vorfälle, die sie als antisemitisch einstufen würden. Furer erwähnte eine israelische Flagge, die von der Wand im Schulkorridor abgerissen wurde. Schwartze erinnerte sich an die Fragen eines Schüler, ob das Schicksal der Juden in den Konzentrationslagern der Nazis mit der Situation der Palästinenser verglichen werden könne, oder warum Juden in Deutschland von Steuern befreit seien – eine Behauptung, die falsch ist.

Der Antisemitismus in den Schulen hat viele Facetten, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Klassenzimmer und es ist manchmal schwierig, zwischen legitimen Fragen und eklatantem Hass zu unterscheiden. „Wir haben Menschen, die durch und durch antisemitisch sind. Menschen, denen einfach das Wissen fehlt – und alles dazwischen“, sagte Saraya Gomis, verantwortlich für Anti-Diskriminierung in Berlin.

Es gibt nur wenige Studien über die Ursprünge ihrer Überzeugungen, aber Einzelberichte deuten darauf hin, dass Schüler oft Stereotype in den Medien, zu Hause oder unter Gleichaltrigen wiederholen.

Antisemitismus-Wächter befürchten, dass Schulen ohne eine umfassende Reaktion der Regierung eine Generation junger Menschen, die Stereotypen befürworten, erziehen könnten.

Das American Jewish Committee (AJC) in Deutschland arbeitet mit der Berliner Landesregierung zusammen, um das Ausmaß des Problems und mögliche Lösungen in einem Projekt, das auf andere Teile des Landes ausgedehnt werden soll, besser zu verstehen.

„Die Wahrheit ist: Wir wissen nicht viel darüber, wie wir dem entgegenwirken können“, bestätigte Deidre Berger, AJCs Berliner Direktor.

Verschwörungs-Theorien sind zunehmend vorherrschend und Lehrer hatten keine ausreichende Ausbildung oder Wissen darüber, sie zu entlarven, sagte Berger.

Einige Lehrer fühlen, dass ihre Autorität durch Hinweise der Schüler auf ihre religiösen Führer untergraben wird. „Die Schüler würden sagen: Nun, ich glaube das nicht – ich werde meinen Imam fragen“, sagte Berger. „Und damit wird eine säkulare Demokratie auf die Probe gestellt, wenn die Schüler nicht an die Autorität ihrer Lehrer glauben.“

Berger zog eine direkte Verbindung zwischen der Einwanderung und einem vermehrten Anstieg der gemeldeten antisemitischen Vorfälle, aber bisher gab es keine quantitativen Daten, um diese Behauptungen zu stützen, warnten die Forscher. Offizielle Statistiken in Deutschland zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Vorfälle immer noch von Nicht-Einwanderern begangen wird.

Einige Kritiker und Forscher befürchten auch, dass die in jüngster Zeit gestiegene Aufmerksamkeit für Antisemitismus unter den Flüchtlingen, von dem seit langem bestehenden Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft ablenke. „Es ist einfacher, eine andere Gruppe zu nehmen und ihnen die ganze Schuld des Antisemitismus zuzuschieben, anstatt unsere eigenen Einstellungen in Frage zu stellen“, sagte Juliane Wetzel, eine Forscherin am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Obwohl keine repräsentativen Studien existieren, hat Wetzel in ersten Interviews herausgefunden, dass die meisten Flüchtlinge sich gerne in die deutsche Kultur integrieren und etwas über die Geschichte und Werte des Landes erfahren.

Auf nationaler Ebene hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt, den Antisemitismus zu bekämpfen, egal wer die Täter sind. „Wir haben jetzt beispielsweise Flüchtlinge oder Menschen arabischer Herkunft, die einen anderen Antisemitismus in das Land bringen“, sagte Merkel Anfang des Jahres in einem Interview. „Aber leider existierte auch früher Antisemitismus“, räumte Merkel ein und verwies auf rechtsgerichtete Angriffe oder weiter verbreitete Stereotypen.

Aber es war die öffentliche Aufmerksamkeit für Immigranten, die ein beispielloses nationales Bewusstsein für ein Problem ausgelöst hat, mit dem die Lehrer selbst lange Zeit Probleme hatten.

„Lehrer fühlten sich mit den Problemen allein gelassen“, sagte Berger.

Das Problem wird durch das bundesstaatliche Bildungssystem verstärkt, das den 16 Landesregierungen des Landes die Autorität über ihre eigenen Schulen gibt und teilweise eine koordinierte nationale Reaktion verhindert hat.

Workshops wie die von Schwartze und Furer wollen die Lücke schließen. Dutzende anderer Lehrer diskutierten mit Schwartze und Furer über mögliche Lösungen. „Normalerweise versuche ich die Schüler zu fragen, woher sie ihre Argumente haben“, sagt Schwartze, der in Frankfurt lehrt. „Sie müssen es mit ihnen besprechen.“

Einige Vereinigungen wie die Salaam-Shalom-Initiative haben versucht, Brücken zwischen Muslimen und Juden zu bauen, indem sie gemeinsame Forschungsprojekte, beispielsweise zum Nahostkonflikt, erleichtert haben. „Viele Jugendliche wissen einfach nicht, was ihre Worte wirklich bedeuten“, sagte Salaam-Shalom-Koordinator Armin Langer dem Berliner Tagesspiegel.

Antisemitismus vor allem als Problem zwischen Juden und Muslimen in wichtigen Zentren wie Berlin anzugehen, ignoriert jedoch, dass Antisemitismus ein viel breiteres Anliegen ist, warnen Kritiker.

Eine Gruppe auszusondern, um ein breiteres Problem zu diskutieren könnte Rassismus auslösen – und wiederum mehr Antisemitismus.

Deshalb fordern manche Lehrer wie Furer in Schulen eine proaktivere Herangehensweise, die sich nicht nur auf Deutschlands schwierige Geschichte konzentriert. „Wir sollten Juden nicht nur als historische Opfer diskutieren“, sagte Furer, der in Russland geboren wurde und später nach Deutschland zog. „Stattdessen sollten wir auch darüber sprechen, wie viel wir zu Kultur und Wissenschaft beigetragen haben. Wir müssen den Schülern zeigen, wie jüdisches Leben aussieht.“

Erschienen in The Washington Post – “Should I tell my students?”

Übersetzung: Dr. Dean Grunwald

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Von am 10/08/2018. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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