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Zeitgeschichte in den Israel Nachrichten: Auschwitz-Bauarbeiten vor dem Besuch von Heinrich Himmler

Aus den Tagebüchern und Erinnerungen eines Überlebenden: Überall in Auschwitz blühen die Blumen, es wurde Sommer. Das Gebiet des Konzentrationslagers erstreckt sich über rund vierzig Quadratkilometer gras- und baumbestandener Gegend am Zusammenfluss von Sola und Weichsel, wo die Weichsel ihren gewundenen Weg nordwärts nach Warschau und der Ostsee antritt. Überall innerhalb der Zäune aus Stacheldraht dieses riesigen Areals, an dem in gleichbleibenden Abständen Schilder auf deutsch und polnisch Eindringlinge mit sofortigem Tod bedrohen, bilden Wildblumen bunte Bilder; nur dort nicht, wo Arbeitstrupps das morastige Grasland in braunen Schlamm verwandeln und Baracken errichten.

Schlomo Perl gehört zu einen dieser Trupps. Er ist Jude. Die Bauern, die einst in dieser Region gelebt haben, sind fort. Ein paar der von ihnen mit Stroh gedeckten Häusern stehen noch. Doch die meisten hatte man abgebrochen und das Material zum Bau der Lagerbaracken verwendet. Als Stellvertreter des Kapos trägt Schlomo Perl die „Vorarbeiter-Armbinde“ und isst und schläft besser als die meisten der Insassen von Auschwitz, wenn auch immer noch elend genug. Ein anderer trägt eine Armbinde mit der Aufschrift „Unterkapo“. Aber er ist mehr als das. Das Arbeitskommando unter dem Befehl von Hauptscharführer Ernst Klinger ist im Grunde ein Bautrupp, den der „Unterkapo“ Aaron leitet; – sechshundert Häftlinge aus zwei Baracken im Lager B-I.

Ihre Aufgabe besteht darin, in Windeseile das Lager B-II-d Birkenau hochzuziehen, eines von insgesamt sechs Nebenlagern mit jeweils zweiunddreißig Baracken. Wenn alles fertig ist, wird die ganze Abteilung einhundertfünfzig Baraacken nördlich der Hauptstraße umfassen; so ist es vom Zentralen Planungsstab zum Bau vorgesehen. Zusammen mit dem Zwillingslager B-III, mit dessen Bau noch nicht einmal angefangen wurde,, und B-I, das bereits steht, soll nach den Vorstellungen der Planungsstelle das größte Lager für Häftlinge, das die Welt je gesehen hat, entstehen. Über hunderttausend arbeitsfähige Häftlinge – überwiegend Juden – sollen in Birkenau als Sklaven für die SS-Fabriken untergebracht werden.

Aaron Leibowitz tut im Lager von Oswiecim das gleiche, was er als freier Mann einst in diesem Städtchen getan hat. Er war Bauunternehmer; und wenn man so will, ist er auch jetzt dasselbe. Sein Auftraggeber ist nun der Kommandant von Auschwitz, Höß, und Hauptscharfüher Klinger ist auf der Baustelle der Stellvertreter des Kommandanten. In der Theorie und in letzter Instanz ist der Reichsführer-SS Himmler sein Auftraggeber, aber Himmler ist in Auschwitz der Gott, den man nicht zu sehen bekommt. Selbst die SS-Wachen sprechen seinen Namen nur selten aus, und wenn, dann mit einer Mischung aus Schrecken und Ehrfurcht.

Der von einem SS-Fahrer gelenkte schwarze Mercedes des Kommandanten mit dem SS-Stander hingegen ist ein vertrauter und einschüchterner Anblick im Bereich des Lagers. Schlomo hat ihn schon oft gesehen. Höß gibt viel darauf, alles persönlich zu überwachen – mit dem „Auge des Herrn“, wie er es auszudrücken beliebt. Das Kommando unter Aufsicht von Klinger leistet gute Arbeit, man schuftet bis zu vierzehn Stunden täglich. Bricht einer zusammen, kann einfach nicht mehr, wird er von der SS totgeschlagen oder erschossen, und andere „Arbeiter“ schleppen zum Abendappell ihre Leichen zurück. Bei der nächsten Schicht werden sie durch neue Häftlinge ersetzt; – es herrscht ja kein Mangel an Menschenmaterial.

Ernst Klinger ist ein alter Hase unter den SS-Aufsehern, ein untersetzter, blonder Bayer, dessen Haare langsam grau werden. Wie Höß ist er ein Veteran von Dachau und Sachsenhausen; – der Kommandant hat ihn persönlich für Auschwitz angefordert. Als ehemaliger Polizeibeamter in München, der während der Weltwirtschaftskrise „abgebaut“ und deshalb zum Nazi wurde, fand Klinger in der SS einen sicheren Hafen. Härte war gefordert, und dieser Mann, einst ein gutmütiger Familienvater, wurde hart. Weil es seine Pflicht war, hat Klinger Häftlingen den Rücken blutig geschlagen und, wenn sein Opfer zusammenbrach und bewusstlos wurde, die vom Blut triefende Peitsche mit gleichmütigem Grinsen abgewischt.

Er ist mit Erschießungskommandos angetreten und hat Verurteilte erschossen. Sein normaler Umgangston mit Häftlingen ist ein ständiges Brüllen! Bei der Zentralen Planungsstelle im Hauptlager, wo mehrere hundert Architekten, Ingenieure und Bauzeichner in aller Ruhe und Bequemlichkeit an den nie endenden Erweiterungsplänen für Auschwitz arbeiten, heißt es einfach: „Das lass nur Klinger machen..“, wenn es gilt, etwas vorweisen zu können, was sich auch sehen lassen kann. Klingers Ruf, besonders tüchtig zu sein, ist gewachsen, seit er Sachsenhausen verlassen hat. Und dann steht noch seine Beförderung an; – vom Unteroffizier zum Offizier, das bringt mehr an Ansehen und Besoldung.

Und er weiß, dass er das alles Aaron Leibowitz zu verdanken hat; infolgedessen liegt es in seinem ureigensten Interesse, dass diesem, „seinem“ Juden, nichts passiert. Klingers Bautrupp arbeitet am Rand des neuen Lagers Birkenau. Weiter im Westen säubert eine Schar russischer, kahlgeschorener Häftlinge, knietief im Sumpfgras stehend, mit Spaten und Hacken den Boden, um den Platz für den Bau weiterer Lager vorzubereiten. Doch die stehen bis jetzt nur auf dem Reißbrett, B-II-d dagegen ist im Bau, und je mehr Baustellen tatsächlich zu sehen sind, desto besser für den Kommandanten. In Auschwitz kann jeder Tag eine Überraschung bringen, und heute kommt es auf der Baustelle, wo das „Kommando Klinger“ arbeitet, zu einer solchen.

Sieben mit Planen bedeckten Lastwagen halten an der Straße. Klinger befiehlt, dass Schlomo Perls Untergruppe von siebzig Mann – SS-Wachen, Kapos und Häftlinge – in die Wagen steigen, um auf dem Holzplatz Pfosten und Balken aufzuladen. Das ist äußerst ungewöhnlich, denn menschliche Arbeitskraft und Arbeitszeit stehen in Auschwitz im Überfluss und kostenlos zur Verfügung. Die Häftlinge schleppen das Bauholz, wenn es sein muss, kilometerweit zu den Bauplätzen. Dafür verschwenden die Deutschen keinen Treibstoff. Was also geht hier vor? Als die Häftlinge unter den Flüchen der Kapos und SS die Lastwagen besteigen, blickt nackte Angst aus ihren Gesichtern, während die SS auf sie einprügelt. Und dann geht es wirklich „nur“ zum Holzplatz.

Unter dem Brüllen und Schlägen der Kapos rennen die Häftlinge hin,k um aufzuladen, springen dann selbst hinauf und fahren zurück nach B-II-d. Schlomo nimmt an, dass irgendein Termin näher rückt und jetzt wirklich Eile geboten ist. Für gewöhnlich ist Auschwitz eine langsame, maschinenlose Welt, deren Tempo von den menschlichen Körpern bestimmt wird. Obersklaven schlagen Untersklaven, beamtete Antreiber schlagen beide, und all das ist, das hat er schon manches Mal gedacht – wie im Ägypten des Pharao, wie es in der Thora geschildert wird. Nur, dass in diesem Ägypten des zwanzigsten Jahrhunderts gelegentlich Autos vorbeibrummen, die Aufseher Maschinenpistolen tragen und der Tod nicht nur den männlichen Juden droht. Als die Lastwagen ihr Ziel erreichen, wartet schon die nächste Überraschung: Höß, der Kommandant ist da. Sein Mercedes parkt am Rand der Straße. Klinger stht stramm und meldet sich zum Rapport, Kapos und SS-Wachen übertreffen einander beim Entladen mit Flüchen und Schlägen. Wo der Kommandant zuschaut gibt es in Auschwitz keinen Schutz; – aber er bleibt nie lange.

Nach einer Weile nimmt ein Adjutant von Höß Klinger beiseite, erteilt neue Befehle: die ganze Nacht durcharbeiten, bei Scheinwerferbeleuchtung! Höß pfeift auf die Verdunkelungsvorschriften. Hauptsache, die Barackengerüste stehen. Sein wunder Punkt ist die Dammbaustelle. Bis jetzt ist Berlin weder mit Facharbeitern noch mit Material und Aufsichtspersonal überein gekommen. Die IG-Farben hat für ihre Buna-Werke im Nebenlager Monowitz alles für sich gebraucht. Halb verhungerte Polen und Juden bringt man nicht dazu, einen Damm zu bauen, und wenn man sie noch zu sehr prügelt. Man kann sie zu Tode schlagen, sie erschießen, aber das hindert die Weichsel nicht daran, weiter zu fließen.

Wenn der Reichsführer-SS den Weichseldamm unbedingt will, soll er selbst sehen, wie wenig man mit diesem Bauprojekt weitergekommen ist, und das Nötige veranlassen. Doktor Kammler, der Chefarchitekt, ist Brigadeführer; – nicht nur ein einfacher Sturmbannführer wie Höß. Berlin kann zwar unmögliche Befehle erteilen, aber Kammlers Leute in Auschwitz müssen sie in die Tat umsetzen. Die Hauptsorge, die Höß quält bei diesem „Inspektionsbesuch“ von Himmler ist ein Vorgang, der vom Anfang bis zum Ende zu sehen ist. Der Kommandant hat versucht, alle Pannen einzukalkulieren, die passieren können, und in den ersten Monaten auch passiert sind: die Unruhestifter, die zu schreien anfangen und Panik auslösen, die Idioten von der Hygiene-Einheit, Schwachköpfe, die nicht genug von dem Zeugs rein werfen, so dass die Leute nicht sterben, und was sonst noch nicht alles..! Schlomo Perl weiß aber, dass das Verfahren gut eingespielt ist, dass alles glatt läuft. Er hat es schließlich oft mit ansehen müssen.

Und so konnte die Todesfabrik von Auschwitz „rationeller und schneller töten“, als die Bauarbeiten f a s t abgeschlossen waren.

Von Rolf von Ameln

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Von am 05/09/2018. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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