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Die Deutschen im Zweiten Weltkrieg: Großmachtdenken und einer der Wutausbrüche von Adolf Hitler

Um das englische Imperium zu Fall zu bringen, musste man aus deutscher Sicht das Mittelmeer schließen und dem britischen Mutterland die lebenswichtige Verbindung mit Indien und Australien abschneiden. Diesen Plan hatte Admiral Raeder dem „Führer“ erstmals im Jahre 1940 unterbreitet und ausgearbeitet. Er forderte die Einnahme Gibraltars, dann eine Landung in Tunis, endlich einen Vorstoß über Libyen und Ägypten in Richtung auf den Suez-Kanal und den Mittleren Osten, wo die Wehrmacht darauf zählen konnte, von den Arabern und Persern mit offenen Armen empfangen zu werden. Als Hitler einen Blick auf die Landkarte warf, zeigte sich, wie verlockend dieses Konzept war. Spanien, Frankreich und die Türkei, die drei schwächsten Stellen der deutschen Vorherrschaft, gerieten damit automatisch in das „Großdeutsche Lager“. Hätte das Deutsche Reich Französisch-Nordafrika in Händen, so würde es eine solide Pyramide bilden, deren Basis von Dakar bis Kairo, von Palästina und Syrien bis zum Persischen Golf die Sahara bildete; die Spitze läge in Norwegen, die Westflanke wäre der Atlantik mit seinen befestigen Küsten – „Atlantikwall“ -, und die Ostküste 1940 die Grenze der Sowjetunion. Italien, der ein schwacher militärischer Verbündeter war, ruhte damit sicher in einem von der Achse beherrschten Meer.

Die Insel Malta, Großbritanniens kleine Felsenbastion im Mittelmeer könnte ausgehungert werden und damit an das Reich fallen. Die Reichtümer Afrikas würden somit auch nach „Deutsch-Europa“ verschifft, und das Öl des Persischen Golfes und die Rohstoffe Asiens wären gleichfalls nicht zu verachten. Von Dakar aus würde das Deutsche Reich sogar Südamerika beherrschen. Hitler war der Meinung, dass somit ein Goldenes Zeitalter sich ankündigen würde, eine Morgendämmerung der deutschen Weltherrschaft. Bereits 1940 und dann erneut im Jahre 1941 hatte Hitler sich ernsthaft für diesen weitsichtigen Plan interessiert. Die Araber dieses Bereichs hassten ihre französischen und englischen Herrscher, und die arabische Befreiungsbewegung hieß die deutsche Propaganda und die dort tätigen Agenten hochwillkommen. Hitler hatte mit dem Spanier Franco sogar die Gibraltar-Frage angeschnitten, doch der unschlüssige spanische Diktator hatte Ausflüchte gemacht, so dass Hitler „genervt“ war, denn in Gedanken war Hitler bereits bei dem bevorstehenden Angriff auf Russland gewesen; so hatte das „Unternehmen Barbarossa“ die Mittelmeer-Strategie Deutschlands vorübergehend in den Schatten treten lassen.

Und doch kam die Stunde dieser „welthistorischen“ Idee, denn zwischenzeitlich war Hitlers Wehrmacht in Griechenland, auf Kreta und in Jugoslawien stark präsent. Rommel war in Afrika auf dem Vormarsch. Die „sowjetische Bedrohung“ war fast anderthalbtausend Kilometer zurückgedrängt worden; jedenfalls konnte das „Dritte Reich“ von dort aus nicht mit Bomben belegt werden. Auch war angeblich die Macht der englischen Kriegsmarine gering, und die Versenkung der „Prince of Wales“ und der „Repulse“ hatte im Indischen Ozean ein strategisches Vakuum geschaffen. Australien und Neuseeland wollten ihre Truppen aus Nordafrika zurückziehen, um Singapore und ihre eigenen Territorien zu verteidigen. Hitler aber hielt einen seiner nicht endend wollenden Monologe und sagte unter anderem: „Wir werden nun in der Tat Zeuge, wie das englische Weltsystem vor unseren Augen zerbricht. Wenn der Gegner wankt, ist es an der Zeit, ihm den Todesstoß zu versetzen. Jetzt ist die stärkste Kriegsmarine der Welt mit der stärksten und härtesten Armee der Welt vereint. Wenn Japan das britische Empire über den Indischen Ozean verstärkt angreift, während unsere Wehrmacht zu Lande und an den Küsten des Mittelmeers vorstoßen – sollte es da nicht gelingen, das überholte Imperium zu zermalmen wie eine halb vermoderte Haselnuss in einem stählernen Nussknacker?“

Und just zu diesem Zeitpunkt wurde in Berlin ein deutsch-japanisches Militärabkommen ausgehandelt, doch die Abschlusserklärung war für Hitler nur ein seichtes Dokument, da es an echter Zusammenarbeit fehlte und sich nicht mit den Interessen des Reiches deckte. Wie es die Ironie wollte, hatte der „Führer“ sich gerade zu diesem Zeitpunkt nochmals mit Raeders Mittelmeer-Strategie befasst. Eine isolationistische US-Zeitung, die „Chicago Tribune“, war an das hoch geheime „Regenbogen-Fünf-Programm“ herangekommen und hatte unter fetten, gegen Roosevelt gerichteten Schlagzeilen auszugsweise den Text abgedruckt. Dieser merkwürdige „Verrat“ leistete natürlich den Nazis vorzügliche Dienste, denn unzweifelhaft war das Dokument echt: Hitler bezog sich auf seiner Kriegserklärung an die USA darauf. Danach war im Jahre 1943 eine gigantische Invasion Europas durch eine von Millionen zählende, neu aufgestellte Armee der Vereinigten Staaten vorgesehen, deren Invasionsbasis die Britischen Inseln sein sollten; große englische Verbände sollten unterstützend eingreifen.

Admiral Raeder berief sich bei jeder Lagebesprechung auf diese Informationen und meinte an Hitler gewandt: „Wenn man England jetzt den Todesstoß versetzt, wird damit das ganze Vorhaben zunichte gemacht und die Amerikaner gelähmt werden.“ Noch während Adolf Hitler darüber nachdachte, bombardierten die Japaner Pearl Harbor. Es folgten Tage der Euphorie im „Führer-Hauptquartier“. Hitler hörte sich an, wie Kriegsmarine, Wehrmacht und die Luftwaffe sich für Admiral Raeders Vorschlag einsetzten. Der „Führer“ begriff die Hauptidee sehr wohl – den schwächsten Gegner durch einen raschen gemeinsamen Angriff der Achse zu vernichten -, deutete zuletzt zögerndes Einverständnis an, begab sich dann jedoch wieder an die Ostfront. Hohe deutsche Stabsoffiziere arbeiteten in aller Eile den „Führerbefehl Nummer 39“ aus, bei dem es darum ging, in Russland auf reine Verteidigung umzuschalten, die notwendigen Truppen abzuziehen und rückwärtige Stellungen vorzubereiten. Dieser Entwurf ging in das Führerhauptquartier. Daraufhin brach die Hölle los!

Hitler befahl General von Brauchitsch, den Oberkommandierenden des Heeres, sowie seinen Stabschef, General Halder, zu einer Besprechung um Mitternacht zu sich. Er tobte, warf ihnen Beleidigungen an den Kopf, bezeichnete den „Führerbefehl 39 als blödsinniges Gefasel“ und erklärte, es würde kein einziger Verband von der Ostfront abgezogen; jeder deutsche Soldat würde sich eingraben wo er gerade sei, und dort kämpfen oder sterben. Er entließ von Brauchitsch und übernahm persönlich das Oberkommando über das Heer – ein Gefreiter und „Postkartenmaler“, der einen Feldmarschall in die Wüste schickte. Die neue Strategie war natürlich damit verpufft, denn ihr Kernstück bestand im Abzug von bis zu fünfzig Divisionen aus dem Osten, um das Mittelmeer zu säubern. Ohne Zweifel war das auch der Grund, warum das deutsche, im Januar geschlossene Abkommen mit Japan so dünn und so nichtssagend ausgefallen war. Was aber war mit Hitler geschehen?

Nachdem er in seine düstere, verschneite Wolfsschanze zurückgekehrt war, musste er eiigen hässlichen Tatsachen ins Auge sehen. Gegen den Rat seiner Stabsoffiziere war er bis in den Dezember 1941 hinein auf Moskau vorgestoßen. Das Wetter und enorme Versorgungsschwierigkeiten hatten die deutschen frierenden Truppen in exponierten Stellungen erschöpft. Die sowjetischen Gegenangriffe hatten eingesetzt, und in begrenztem Bereich kam es zu Durchbrüchen. Alles das war höchst beunruhigend für einen Diktator, der ausschließlich an Siegesmeldungen gewöhnt war. Und was folgte, war Hitlers „Durchhalte-Befehl“.

Manche Historiker und Militäranalytiker preisen noch heute den „Durchhaltebefehl“ für die Ostfront als Hitlers größte Leistung, einen Willensakt, der die Wehrmacht gerettet habe. Die Wahrheit jedoch ist, dass der gute Stern des aus Österreich stammenden Abenteurers und Massenmörders zu verblassen begann. Von dem Augenblick an, in dem Adolf Hitler selbst die Führung des Krieges übernahm, in der er doch nichts weiter war als ein eigensinniger Dilettant, war er verloren. Und so trat die Mittelmeer-Strategie mehr und mehr zurück, und es wurde ein trügerischer „Großer Plan“ daraus, der „weltumspannende Streich“, mit dem Hitler den Krieg beenden wollte, nachdem er die Sowjetunion geschlagen hätte. Darüber erging er sich gerne bei seinen Tischgesprächen; aber mehr sollte daraus nicht mehr werden: Gerade dann, wenn man zu Tisch ging!

Von Rolf von Ameln

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Von am 09/09/2018. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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