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133 Jahre Geschichte am Steinplatz in Berlin-Charlottenburg

Der Staatsmann Karl Freiherr vom und zum Stein, 1757–1831, gibt dem Platz in Berlin den Namen, seit 1987 steht sein Konterfei auf der Wiese. 1885 wird der Steinplatz in Charlottenburg gestaltet. Charlottenburg ist damals eine eigenständige Großstadt mit über dreihunderttausend Einwohnern. 1920 entsteht Groß-Berlin und Charlottenburg wird eingemeindet. Die Architekten Heinrich Joseph Kayser und Karl von Großheim erbauen gegenüber des Platzes ein neobarockes Palais für die Königlich Preußische Hochschule für bildende Künste in den Jahren 1899-1902. Angebaut und umgebaut in späteren Jahren, im Krieg teils zerstört, nach 1945 wieder aufgebaut. Vor Jahren bekommt die größte Kunsthochschule in Europa einen neuen Namen und wird Hochschule der Künste, später Universität der Künste. Eine repräsentative Ecke entsteht. August Endell der Jugendstilarchitekt baut am Steinplatz ein eindrucksvolles Gebäude, das der erfolgreiche Geschäftsmann Max Zellermayer zu einem Luxushotel entwickelt. Max Zellermayer, Sohn einer jüdischen Mutter, wird 1863 in Czernowitz in der Bukowina zu Zeiten der Donaumonarchie geboren und kommt mit fünfundzwanzig Jahren über Wien nach Berlin.

Jahrelang wird der Steinplatz vernachlässigt, einladend ist er seit langem nicht mehr. Nun gärtnerisch neu gestaltet entsteht ein gepflegter Aufenthaltsort im Grünen. „Der Steinplatz öffnet sich in den Stadtraum“, ist im Internet zu lesen.

Ein temporäres Kunstprojekt ist seit August 2018 auf dem neu entstandenen einhundertdreiunddreißig Jahre alten Platz zu sehen. Stefka Ammon und Katharina Lottner, die beiden Künstlerinnen, gewinnen die Ausschreibung und gestalteten mit ihrer Kunst den Öffentlichen Raum. 133 Jahre ziehen vorbei, Namen und Geschichten aus dieser Zeit suchten und fanden die Künstlerinnen. Eine sehr schöne Idee, eine aufwendige Arbeit, sehr kreativ umgesetzt, mit gut erarbeiteten Texten der einzelnen künstlerischen Werke. Vierundzwanzig Skulpturen sind in hohen Sicherheitscontainern untergebracht. Die umspannte Plastikverhüllung lässt die Objekte im Inneren nur schemenhaft erkennen.

Unterschiedliche Themen haben die Künstlerinnen erarbeitet:

1914 erklärt das Deutsche Reich Russland den Krieg, Der Krieg wird teuer, Kaiser Wilhelm II. muss sparen, Massenquartiere und Kriegslazarette werden installiert, aus der hochherrschaftlichen Königlichen Kunsthochschule wird das Reservelazarett I und Dr. Rosenthal Chefarzt.

Der Kunstcontainer für die vertriebenen und ermordeten Anwohner vom Steinplatz, 1933-1945, erinnert an das Leid und die Ermordung der jüdischen Nachbarn. Einige können sich ins Ausland retten, andere werden in der Stadt versteckt oder gehen jahrelang in den Untergrund, mehr Juden als angenommen nehmen sich aus Verzweiflung das Leben, der Großteil von ihnen wird in Konzentrationslager deportiert und ermordet. Von verschiedenen Bahnhöfen Berlins werden die Juden in Güterzügen abtransportiert und in die Vernichtungslager deportiert. Kein Nachbar, niemand, hat das damals gesehen! Fünf Straßen münden am Steinplatz. Vor manchem Wohnhaus am und um den Platz herum werden Stolpersteine auf dem Trottoir vor die Wohnhäuser gelegt in denen die Familien damals wohnten.

Gretchen und Rudi Dutschke bekommen ebenfalls einen Erinnerungscontainer. Das Cafe am Steinplatz soll in den 1968er Jahren das Herz der Studentenbewegung gewesen sein. 1964 lernen sich Gretchen und Rudi im Cafe am Steinplatz kennen. Gretchen Klotz, 1942 in Illinois geboren, kommt aus Amerika nach Berlin, lernt Rudi Dutschke, den politischen Aktivisten, kennen. Er will Revolution machen und sie will ihn heiraten. Geheiratet haben sie 1966, drei Kinder bekommen sie. 1968 wird Rudi auf dem Kurfürstendamm angeschossen und schwer verletzt, die junge Familie geht nach Aarhus in Dänemark, wo er 1979 stirbt, geboren wird er 1940 in Schönefeld bei Berlin. Gretchen Dutschke-Klotz wohnt heute in Berlin.

Die Filmbühne am Steinplatz, direkt nebenan, entwickelt sich mit seinem anspruchsvollen Filmprogramm zu einem wichtigen Treffpunkt bereits in den 1950er Jahren. Der übergroße Andrang ist stets selbstverständlich, 2003 wird dieses wichtige Kino für immer geschlossen.

An die Berlinerin Charlotte Salomon wird erinnert, die 1917 als Tochter des jüdischen Arztes und Professors Albert Salomon, 1883-1976, und dessen Ehefrau Franziska Grünwald, 1890-1926, geboren wird, in Charlottenburg die Schule besuchte, den Freitod der Mutter 1926 nie begriff und gegenüber des Steinplatzes in den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst (heute UDK) 1935/36 ihr Kunststudium beginnt. Als Jüdin wird ihr ein zustehender Preis verweigert. Sie verlässt bereits 1937 die Akademie, wird vom Vater zu den Großeltern nach Südfrankreich in die Nähe von Nizza geschickt, wo sich die Großmutter 1940 das Leben nimmt. Mit dem Großvater wird sie in Gurs interniert, beide können bald darauf das Lager verlassen, der Großvater stirbt 1943 an einem Schlaganfall. 1943 lernt Charlotte Alexander Nagler, einen österreichischen Emigranten kennen, beide heiraten und Charlotte erwartet ein Kind. Sie werden offenbar verraten, ins Lager Drancy gebracht und weiter ins KZ nach Polen. Direkt nach der Ankunft 1943 wird die schwangere Charlotte in Auschwitz-Birkenau ermordet. Ihr Mann Alexander stirbt dort 1944 an Misshandlungen. Malen ist ihr Leben, ihre expressionistischen Kunstwerke, ihr Nachlass, ist in Amsterdam untergebracht, in der Galerie von Yad Vashem sind ebenfalls Bilder von ihr ausgestellt.

Der Türke Talat Pascha wohnt bis zu seiner Ermordung am Steinplatz. 1915 befiehlt er als Grosswesir des Osmanischen Reiches in Istanbul die Ermordung armenischer Intellektuellen, der Völkermord am armenischen Volk beginnt. Im März 1921 wird Pascha in Berlin in der Nähe des Steinplatzes von dem armenischen Studenten Soghomon Tehlirian erschossen. Pascha wird bereits 1919 beim Völkermordprozess in Konstantinopel in Abwesenheit zum Tode verurteilt. 1874 kommt Pascha in der türkischen Provinz Erdine, die heute zu Bulgarien gehört, zur Welt.

An Cemal Kemal Altun wird erinnert, der als Student in der Türkei regimekritisch unterwegs ist und 1980 als türkischer Asylbewerber nach West-Berlin flieht, sich 1983 das Leben nimmt. Ihm droht die Abschiebung in die türkische Militärdiktatur. Bis heute nehmen sich Flüchtlinge aus Angst vor der Abschiebung das Leben. Samsun liegt in der türkischen Schwarzmeerregion, wo Altun 1960 geboren wird.

Warum Großadmiral Dönitz? NSDAP-Mitglied? Hitlers Helfer? 1940 wird das Hotel am Steinplatz beschlagnahmt, Dönitz, Oberbefehlshaber der Marine, Führer der U-Boote, zieht in das Gebäude ein. Es wird sein Hauptquartier. 1945 soll Dönitz Nachfolger von Adolf Hitler werden und die Reichsregierung übernehmen. Nach der Kapitulation1945 wird er bei den Nürnberger Prozessen zu einem der Hauptkriegsverbrecher erklärt und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Geboren wird Dönitz 1891 in Grünau bei Berlin und stirbt 1980 in Schleswig-Holstein.

Die Wiener Schauspielerin Hilde Körber kommt 1928 nach Berlin, heiratet in 2. Ehe den Filmregisseur Veit Harlan, der mit Eberhard Wolfgang Möller den Propagandafilm, „Jud Süss“ für die Nazis 1940 dreht. Joseph Goebbels soll über den Film, den er in Auftrag gegeben hat, sichtlich zufrieden gewesen sein. Nach dem 2. Weltkrieg gründet Hilde Körber die Berliner Max Reinhardt Schule, unterrichtet später als Professorin in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst gegenüber vom Steinplatz und stirbt 1969 in West-Berlin mit dreiundsechzig Jahren.

Für Dr. Bernhard Weiß, der 1880 in Berlin in eine jüdische liberale Familie geboren wird, haben die Künstlerinnen auch einen Gedenkcontainer aufgestellt. Weiß studiert Rechtswissenschaft, wird Chef der Kriminalpolizei, Joseph Goebbels der gefährliche Hanswurst nennt ihn Isidor Weiß und ist sein großer Feind. Seit langem steht Weiß mit anderen auf der Ausbürgerungsliste. 1933 flieht er aus seiner Wohnung durch denn Hintereingang nach Prag und weiter mit seiner Frau nach London. Sein Wunsch, zurück nach Berlin zu gehen, geht nicht mehr in Erfüllung, 1951 stirbt er im Exil.

Zellermayers Sohn Achim gründet 1950 die „Volle Pulle“, eine Bar und ein Künstlerlokal, 1972 wird geschlossen. Heinrich Böll, Thornton Wilder, Ilja Ehrenburg und andere berühmte Schriftsteller und Künstler der damaligen Zeit treffen sich in dem Lokal mit dem typischen berlinischen Namen. Paul Celan und Romy Schneider mit Mutter Magda sind dort bekannte Gäste. Auch Musiker werden Stammgäste. Pablo Casals und Zubin Meta gehören dazu, sagt die Legende.

August Endell, der bekannte Berliner Jugendstilarchitekt bekommt auch sein künstlerisches Denkmal. 1871 wird er in Berlin geboren und stirbt in seiner Geburtsstadt 1925. In München erfindet er das Fotoatelier Elvira mit extremen Jugendstilornamenten, in Berlin entstehen von ihm u.a. die Hackeschen Höfe mit der bunt lasierten Fassade, ein Novum in der damaligen Zeit, der 1. Hof bekommt seinen Namen. Wie schon erwähnt baut er für Max Zellermayer das oben erwähnte Hotel am Steinplatz.

Die „Rote Kapelle“ wird für die Darmstädterin Elisabeth Hohenemser, geboren 1904, in Berlin ihr politisches Zuhause. In der Grafikklasse der Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte studiert sie zuvor kurzzeitig, als „Halbjüdin“ gibt es für sie keine Zukunftschancen. Sie heiratet den Bildhauer Kurt Schumacher. Ihre Arbeit in der „Roten Kapelle“ wird entschlüsselt, die Verhaftung folgt, beide werden vom Reichskriegsgericht am 19. Dezember 1942 zum Tode verurteilt. Am 22. Dezember 1942 wird Elisabeth im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet, kurz zuvor wird Schumacher, ihr Ehemann, in Plötzensee erhängt.

An die ersten Professorinnen der heutigen UDK wird gedacht und darüber geschrieben. Renee Sintenis aus Glatz in Niederschlesien, wird 1888 geboren und stirbt 1965 in West-Berlin. Bis heute sind ihre bildhauerischen Tierplastiken in Berlin und anderen Orten verteilt, stehen auf Wiesen und auf Plätzen, den „Berliner Bären“ erfand sie in den 1930er Jahren, 1931 wird sie an der Akademie der Künste zur Professorin ernannt, 1934 bereits wegen der „jüdischen Großmutter“ entlassen. Im 2. Weltkrieg überlebt sie zurückgezogen mit ihrem Ehemann Emil Rudolf Weiß, dem Künstler und Hochschullehrer, in Berlin. Nach dem 2.Weltkrieg, 1948, übernimmt sie die Klasse für Tierplastik an der Akademie.
1989 erhält Rebecca Horn ebenfalls eine Professur. In Michelstadt wird sie 1944 geboren. Im Moment sind fünf Ordentliche Professorinnen an der Universität der Künste (UDK) im Amt.

Groß-Lichterfelde ist bis 1920 ein Dorf in der Mark Brandenburg und wird 1920 eingemeindet, es entsteht die Berliner Villenkolonie Lichterfelde West. Julius Posener erblickt 1920 in diesem Ortsteil in einer jüdischen gutbürgerlichen Familie das Licht der Welt, studiert später u.a. bei Hans Poelzig Architektur an der Technischen Hochschule in Charlottenburg (heute TU), im Büro von Erich Mendelssohn arbeitet er und rettet sich 1941 über Paris nach Palästina. Architekturhistoriker wird er und britischer Staatsbürger, 1961 nimmt er in Berlin den Lehrstuhl für Baugeschichte an der Hochschule der Künste am Steinplatz an und wird 1996 in Berlin beerdigt.

Die Hoechst AG erbaut in den 1950er Jahren ein modernes Bürohaus am Steinplatz, heute Sitz eines anderen Unternehmens. Die Führungsebene von Hoechst beobachtet in der Nazizeit besorgt die politische Entwicklung, auch sind sie in Sorge um ihre jüdischen Mitarbeiter, doch Geschäft ist Geschäft! Hohe Summen überweisen sie an den kriminellen Staat, jüdische Mitarbeiter werden entlassen. Unmenschliche medizinische Experimente finden in Konzentrationslagern statt und Zwangsarbeiter werden zum Arbeiten eingesetzt. Nach dem 2. Weltkrieg ist Hoechst eines der reichsten Unternehmen der Welt. Viel Kapital fließt in die 1999 gegründete Stiftung „Erinnerung – Verantwortung – Zukunft“, um ehemalige Zwangsarbeiter zu entschädigen.

Unendlich viel mehr und ausführlicher könnte ich über die Menschen und die politischen Begebenheiten schreiben, doch für heute beende ich mein Erzählen und wünsche mir, dass diese ideenreichen Kunstwerke mit den informativen Texten am Steinplatz bleiben. Interessierte Vorbeikommende würden angezogen und erführen über 133 Jahre Geschichte des interessanten Platzes.

 Von Christel Wollmann-Fiedler

Frau Wollmann-Fiedler ist Fotografin, Journalistin und Autorin der Israel-Nachrichten. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

 

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Von am 08/10/2018. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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