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Zeitgeschichte in den Israel Nachrichten: Midway und die Flugzeugträger-Strategie

Zu den großen Entscheidungsschlachten des Zweiten Weltkriegs gehört eine Seeschlacht, die einst auf der anderen Seite der Erde ausgetragen wurde, die man in Nazi-Deutschland und vor allem im Führer-Hauptquartier kaum zur Kenntnis nahmen. Dass die japanischen „Verbündeten“ dm Reich keinen reinen Wein einschenkte in Bezug auf den Pazifik-Raum, bewies, wie wenig Vertrauen man zueinander hatte. Aber da Hitler schlechte Nachrichten hasste, hätte er die Wahrheit wohl ignoriert. Der ernsthaft interessierte Leser muss jedoch wissen, was im Juni 1942 bei Midway geschah, um den Gang des Krieges überhaupt zu begreifen. Die Alliierten zogen merkwürdigerweise selber aus Midway kaum publizistischen oder propagandistischen Gewinn.

Der Flugzeugträger USS Essex wurde von einem Kamikaze-Flieger getroffen, blieb aber Schwimmfähig. Foto: Archiv/US-Navy

In den USA waren die Nachrichten über die Schlacht nur spärlich und dazu noch ungenau. Erst spät hatten die Amerikaner begriffen, dass ihre Flotte bei Midway eine Schlacht gewonnen hatte, die von Bedeutung in der Weltgeschichte war. Zum dritten Mal in der Geschichte unseres Planeten machte sich Asien daran, den Westen auf See mit großer Macht anzugreifen und mit ihm um die Weltherrschaft zu ringen. Vor Midway hingen die Waagschalen des Krieges trotz aller verpassten Chancen und Fehlrechnungen Hitlers und der japanischen Führung immer noch im Gleichgewicht. Hätten die USA diesen Waffengang verloren, so wäre Hawai nicht mehr zu halten gewesen.

Die deutsche Führung vertrat sogar die Ansicht: Hätte die Westküste der USA plötzlich nackt und bloß, dem japanischen Zugriff preisgegeben, dagelegen, wäre Roosevelt vielleicht gezwungen gewesen, seine berühmte „Deutschland-zuerst-Politik“ umzustoßen. Der ganze Krieg hätte somit einen anderen Verlauf nehmen können. Warum aber wurde dieses folgenschwere Ereignis so unterschätzt? Der Sieg bei Midway beruhte zum Teil auf die Entschlüsselung chiffrierter japanischer Funksprüche. Diese Tatsache konnte aber während des Krieges nicht publik gemacht werden. Die Berichterstattung der US-Navy über die Schlacht um Midway war verschwommen und vorsichtig formuliert und erreichte die USA überdies mit einigen Tagen Verspätung.

Viel Zeit verging, bis die Auswirkungen auf die japanischen Kriegspläne voll und ganz begriffen wurden. Sämtliche im Pazifik operierenden Flugzeugträger, Japaner wie Amerikaner, führten drei Typen von Flugzeugen. Das Jagdflugzeug diente der Verteidigung. Es begleitete die angreifenden Maschinen bis zum Ziel und schützte sie vor feindlichen Jägern, die sie abfangen sollten. Außerdem verteidigten die Jagdflugzeuge die eigene Flotte gegen feindliche Angriffe, indem sie über ihr kreisten. Es gab zwei Typen von Angriffsflugzeugen: Sturzbomber und Torpedoflugzeuge. Der Sturzbomber warf sein Geschoss aus einiger Höhe ab, das Torpedoflugzeug versuchte, unter der Wasserlinie einen Treffer zu landen; seine Angriffstechnik war riskanter, seine Geschosse schwerer.

Ein Torpedoflugzeug musste über Minuten hinweg dicht über dem Wasser einen schnurgeraden Kurs fliegen und beim Abwurf des Torpedos die Geschwindigkeit drosseln. Während dieses Anfluges war der Pilot in selbstmörderischer Weise dem Beschuss der Flak ausgesetzt und musste mit dem Angriff gegnerischer Abfangjäger rechnen, und war daher auf starken Jagdschutz angewiesen. Die Prinzipien des Einsatzes von Flugzeugträgern waren auf beiden Seiten die gleichen. Die drei Flugzeugtypen wurden zum Feindflug mittels Dampfkatapulten staffelweise gestartet. In der Luft formierten sich Jäger, Sturzbomber und Torpedoflugzeuge und flogen gemeinsam das Ziel an.

Die Jäger stürzten sich auf die zur Verteidigung aufgestiegenen Jagdflugzeuge des Gegners, die Sturzbomber griffen an, und wenn der Gegner am meisten abgelenkt war, attackierten die Torpedoflugzeuge ihr Ziel dicht über die Wasserlinie. Das Ganze nannet man dann einen „koordinierten Angriff!“ Doch innerhalb dieses Musters gab es Variationen. Ein Jagdflugzeug konnte zum Beispiel eine leichte Bombe mitführen; die Japaner entwickelten ihr Torpedoflugzeug, den Bomber vom Typ 97, von Anfang an als Mehrzweckflugzeug. Statt eines Torpedos konnte es eine sehr große Sprengbombe tragen und so mit nachdrücklichem Erfolg auch gegen Landziele eingesetzt werden. Um diesen japanischen Mehrzweckbomber ging es bei der ganzen Schlacht.

Eine entscheidende Rolle spielte auch die Abwehr. Durch das Auffangen chiffrierter Funksprüche und durch teilweise Entschlüsselung des Codes kamen die Amerikaner dem feindlichen Schlachtplan auf die Spur. Dies jedoch hätten die Japaner voraussehen und vermeiden müssen, denn im „modernen Krieg“ müssen sämtliche Codes und Chiffren häufig ausgewechselt werden. Innerhalb des japanischen Funkverkehrs hätte „Coce-C“, der Vorschrift entsprechend, ersetzt werden müssen; doch die Vorbereitungen der Kaiserlich Japanischen Kriegsmarine für Midway litten sowohl unter übertriebener Zuversicht als auch unter Eile. Die Eile war wiederum die Folge des „Doolittle-Angriffs“.

Der „Code-C“ war seit Pearl Harbor in Gebrauch. Mit Hilfe allererster IBM-Apparate hatten amerikanische und englische Teams über ein halbes Jahr an der Dechiffrierung gearbeitet. Vom ersten April an sollte eigentlich „Code-D“ verwendet werden. Hätte man diese Vorschrift beachtet, so wären die japanischen Signale für den Angriff auf Midway unentschlüsselt geblieben. Aber die Verwendung des neuen Codes wurde in der Verwirrung nach dem „Doolittle-Angriff“ auf den ersten Mai verschoben. Am ersten Juni endlich fiel der undurchsichtige Vorhang von „Code-D“; doch blieben bis zum Beginn der Schlacht nur noch drei Tage, und der Angriffsplan war den Amerikanern weitgehend bekannt.

Yamamotos Schlachtplan für Midway war von Kapitän zur See Kuroshima ausgearbeitet worden, doch sein Urteilsvermögen schien nachgelassen zu haben. Der Midway-Plan war zwar groß, was das Ziel, und blendend, was seine Kompliziertheit betraf, doch mangelte es ihm an zwei militärischen Tugenden: Einfachheit und Kraftkonzentration! Es handelte sich – was immer eine gefährliche Sache ist – um ein Doppelunternehmen und bezweckte: 1. die Einnahme des Midway-Atolls und 2. die Vernichtung der amerikanischen Pazifik-Flotte. Der Plan sah zu Anfang eine Wiederholung von Pearl Harbor vor, einen Überraschungsschlag mit Flugzeugträgern gegen das Atoll.

Vier von ursprünglich sechs Flugzeugträgern sollten sich unter Admiral Nagumo heimlich von Nordwesten nähern. Die Luftverteidigung sollte mit einem Schlag ausgeschaltet werden; Landungstruppen sollten das Atoll besetzen, bevor Nimitz sie daran hindern konnte. Man ging – durchaus zutreffend – davon aus, dass Nimitz herauskommen und kämpfen würde, einerlei, wie schwach er war. Yamamoto selbst hatte vor, mit seinen Schlachtschiffen etliche hundert Meilen hinter Nagumo und außerhalb der Reichweite von Flugzeugen liegen zu bleiben und erst einzugreifen, wenn es galt, jene Teile der Flotte von Nimitz zu vernichten, die nach Nagumos Luftangriff noch entkommen sein mochten.

Zu diesem Plan gehörte außerdem ein Scheinangriff auf die vor Alaska liegenden Aleuten. Dort sollten andere Flugzeugträger amerikanische Marine-Stützpunkte zerstören und eine Invasions-Streitmacht landen. Dieser Ablenkungsangriff konnte Nimitz ohnehin geringe Streitkräfte verleiten, weit nach Norden zu laufen und Ymamamoto Glegenheit geben, sich zwischen die Pazifik-Flotte und Hawai zu schieben. Falls das fehl schlug, würde Japan immerhin die Aleuten besetzen und behalten und auf diese Weise die nördliche Ankerkette der amerikanischen Pazifikfront kappen. Trotz deiner handfesten Überlegenheit entschloss sich Yamamoto, sein Unternehmen auf Täuschung und Überraschung aufzubauen; nur war es keine Überraschung.

Nimitz verließ sich darauf, dass das, was seine „Code-Knacker“ ihm sagten, der Wahrheit entsprach, und dass er gegen die Übermacht siegen konnte, indem er die Überrascher überraschte. Damit spaltete er den gordischen Knoten militärischer Theorie. Sollte man bei seinen Unternehmungen von dem ausgehen, was die Japaner wahrscheinlich tun werden oder von dem Schlimmsten, da sie tun könnten? Nimitz setzte sich achselzuckend sogar über die Mahnungen von Flottenadmiral King aus Washington hinweg, der immer wieder darauf hinwies, dass die japanische Flotte möglicherweise nach Hawai vorstoßen würde. Hätte Nimitz Unrecht gehabt, er wäre noch tiefer in Ungnade gefallen als der Befehlshaber von Pearl Harbor, der entlassen worden war.

Aber Chester von Nimitz war aus hartem Holz. Er stammte direkt von einer deutschen Adelsfamilie ab; und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Seine in Texas ansässige Familie führt ihre Herkunft direkt auf Ernst Freiherr von Nimitz zurück, einen adligen deutschen Major des 18. Jahrhunderts. Dieser Ahne wiederum stammte aus einer Soldatenfamilie, die sich bis zu den Kreuzzügen zurückverfolgen lässt. Jüngere Generationen von Nimitz, denen es an Mitteln fehlte, einen aristokratischen Lebensstil weiterzuführen, hatten das „von“ vor dem Namen fallen lassen, was in Texas ohnehin hinderlich gewesen wäre. Nimitz fällte eine einfache, aber grandiose Entscheidung: er wollte im Hinterhalt auf Yamamoto warten.

Er beschloss, seine Flugzeugträger nordöstlich von Midway zu stationieren, da Nagumos Flugzeugträger von Nordwesten herandampften. In diesem tödlichen Spiel, bei dem es um ein vom Meer umspültes kleines Eiland ging, hing viel davon ab, wer wen zuerst entdeckte. Indem er seine Asse auf diese Weise einsetzte und sie durch schieres Fernbleiben vor dem Gegner verbarg, verschaffte sich Nimitz einen großen Vorteil. Die Landflugzeuge von Midway konnten einen Umkreis von siebenhundert Meilen absuchen: Yamamotos Flugzeugträger hingegen konnten mit ihren Aufklärern bestenfalls dreihundert Meilen überwachen. Außerdem konnte Nimitz die Berichte der Aufklärer in Hawai über ein Unterwasserkabel von Midway empfangen; kein verstärkter Funkverkehr von dem Atoll konnte Yamamoto warnen, dass die Amerikaner auf der Hut waren.

Von Hawai aus konnte Nimitz die Berichte der Aufklärer verschlüsselt an seine Flugzeugträger weitergeben, während Yamamotos Streitkräfte nichtsahnend innerhalb ihrer Reichweite navigierten. So sah die Falle von Nimitz aus, und Yamamotos Flotte dampfte geradewegs in sie hinein. Aber nicht mit jeder Falle hat man Erfolg. Die Überraschung ist ein großer, wenngleich flüchtiger Vorteil. Yamamotos kampferprobte Streitkräfte erholten sich rasch von Nimitz´ Täuschungsmanöver, und in der „Eeholungsphase“ der Schlacht um Midway sah es nach einem überragenden japanischen Sieg aus.

Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe.

Von Rolf von Ameln

 

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Von am 06/01/2019. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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