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Was die Deutschen nach Ende des Zweiten Weltkrieges über den Nationalsozialismus und Hitler dachten III. Teil

Unter der Maßgabe einer normativen Pauschaldistanzierung vom Nazi-Regime und seinen Verbrechen haben großzügige Amnestien und eine weit gefasste Integrations-Gesetzgebung die „Säuberungen“ und politischen Sanktionen aus den ersten Jahren nach dem Krieg zurückgenommen. Anders ausgedrückt heißt das im Schlagwortdeutsch: Amnestie und Amnesie. Schwerpunkte waren die von allen im Bundestag vertretenden Parteien getragenen Amnestiebeschlüsse, die zur Wiedereinstellung der im Jahre 1945 entlassenen Beamten führten sowie zur Freilassung der Personen, die von den Alliierten als Kriegsverbrecher ins Gefängnis gesteckt worden waren.

Bundesrepublik Deutschland in den 1950er Jahren. Foto: Bundestag

Und die Mehrzahl der Bundesdeutschen war sich voller Überzeugung einig, dass „man einen Schlussstrich ziehen sollte!“ Aber: Worunter bitte? Protypisch war die Antwort: „Unter das, was im Dritten Reich geschehen ist, denn als Täter kämen sowieso nur wenige infrage, und die seien von den Besatzungsmächten schon genug bestraft. Alle anderen waren höchstens Mitläufer, über die niemand den Stab brechen solle.“

Das Abschwören vom Nationalsozialismus war wie eine Verbannung des toten Hitler in die hinterste Ecke der Hölle; – eine von den Siegermächten auferlegte Voraussetzung, ein halbwegs eigenständiges Leben der Deutschen zuzulassen – Gebote, die in den Gründungskonsens der Bundesrepublik und der sie tragenden Parteien aufgenommen wurden.

Aber die Verdammungen des Hitler-Regimes in der Öffentlichkeit, die privaten Überzeugungen, die eingeschliffenen Raster und die angesammelten Gedankendepots die Kehrseite der Medaille. Nur Illusionisten konnten damals erwarten, dass die alten „Volksgenossen“ und die neue Verfassung von heute auf morgen zusammen fänden. Das große Durcheinander spiegelte sich in den ersten Nachkriegsjahren im Wirrwarr der Meinungen: Ein richtiger „Nazi“ wollte keiner gewesen sein..!“ Die Umfragen, die einige Jahre nach Kriegsende von den Amerikanern durchgeführt wurden, ergaben, dass die Hälfte der Deutschen trotzdem der Ansicht war, „der Nationalsozialismus ist so schlecht nicht gewesen.“

Kurz und bündig gab die Regierung bekannt, dass die „Ehemaligen gebraucht“ würden. Denn überall hieß es: Wer denn sonst? Woher an den Universitäten die Professoren und Dozenten nehmen, die nicht gerade noch Mitglieder der NSDAP waren? Und weiter hieß es: „Ohne erfahrene Leute ist kein Staat zu machen.“

So ähnlich war auch die Situation in den Schulen und höheren Lehranstalten, in den Kirchen, den Verlagen und Zeitungsredaktionen, den Handelskontoren und in den Chefetagen der Industrie, in der Justiz, der Verwaltung und bei der Ärzteschaft. Wirft man in heutigen Tagen einen Blick zurück, so dominiert wohl die Überzeugung, das „Wirtschaftswunder sei nur zu vollbringen gewesen, indem man die Nazi-Vergangenheit außen vor gelassen hätte“. Die Integration der alten „Funktionseliten“ und ehemaligen Nazis sei geradezu ein „Verdienst“ der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft gewesen oder zumindest eine der Bedingungen, ohne die eine „stabile Demokratie“ nicht möglich gewesen wäre! Jedoch: Gab es früher viele Anhänger Adolf Hitlers und seines Terror-Regimes, so gab es nun vornehmlich Männer und Frauen, die von ihm „verfolgt“ wurden.

Statt Mitmachern gab es nun Mitläufer, „teilweise aus Zwang, teilweise aus Not“, hervorgerufen durch die katastrophale damalige Wirtschaftslage. So lapidar hieß die 08/15-Erklärung, die jeder parat hatte, der Mitglied in der von den Siegermächten abgeschafften NSDAP gewesen oder sonstwie in das Regime eingebunden war. Diejenigen, die sich gewählter ausdrücken konnten, brachte idealistische Motive für sein Engagement im „Dritten Reich“ zur Sprache: „um Schlimmeres zu verhüten“ und „aus Sorge um das Vaterland“ oder „zur geistigen Bremsung der Entwicklung“. Zur „hohen Schule“ gehörte es, aus der fixen Einreihung in die Führerkolonnen im Nachhinein einen kühnen Akt der Opposition zu machen.

Wer es jedoch für besser hielt, tauschte den Namen. „Braunschweiger“ und „Schwarzbürger“ wurden jene genannt, die untertauchten oder sich neue Identitäten zulegten. Für alle gab es viel zu lernen, um aus „nationalsozialistischen Ariern“ eine Gesellschaft pluralistischer Demokraten im Westen und ein Kollektiv leninistischer Sozialisten im Osten werden zu lassen. Das Lebensgefühl der Nachkriegsdeutschen wurde von unterschiedlichen Grundtönen geprägt; Damals, nach 1945, half man mit „Entlastungszeugnissen“ sich selbst und anderen – die sogenannten „Persilscheine“ – ! Da fiel es nicht groß auf, dass sich bei den ganzen Lügen, Fälschungen und Verschleierungen die „Balken bogen“; – unten bei den sogenannten kleine Leuten so wenig wie bei den „Stützen der Gesellschaft“ und erst recht nicht bei „denen oben in den besseren Kreisen“.

Was nicht ins gewünschte Bild passte, wurde retuschiert oder passend gemacht! Es ging letztendlich ums Fortkommen, um Posten und Pfründen, um Einfluss und Machtspiele, um „Bezugsscheine“ und „Beziehungen“, um Geld und Gut, um die Wiedergutmachung des eigenen Gewissens und ein „gnädiges Gedächtnis“. Kurz ausgedrückt: Um das Leben, mit dem man geradeso noch davongekommen war! Korruption und Erpressung, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe, Komplizenschaft und Solidarität, Not und Elend, Anpassungsdruck und Strafandrohung, Läuterung und Versteckspiel, Scham und Schuld – wie auch immer im Einzelfall die Antriebs-Motorik gelagert war, man half sich gegenseitig in die neuen Paar Schuhe, auch wenn die mit unterschiedlichen Sohlen getragen wurden.

Sehr signifikant für die damalige Sichtweise auf Hitler und das „Dritte Reich“ waren die Reden der sogenannten „Volksvertreter“, also der Abgeordneten des neuen deutschen Bundestages, die auf den ersten Parlamentssitzungen der neu gegründeten Bundesrepublik gehalten wurden. In der ersten Rede überhaupt im Plenarsaal zu Bonn sagte Altpräsident Löbe (SPD) in der ersten Sitzung am 7. September 1949, nachdem er den westlichen Besatzungsmächten für ihre Hilfe gedankt hatte: „Wir bestreiten auch keinen Augenblick das Riesenmaß von Schuld, das ein verbrecherisches System auf die Schultern des Volkes geladen hat. Aber die Kritiker draußen wollen doch eines nicht übersehen: Das deutsche Volk litt unter zweifacher Geißelung: Es stöhnte unter den Fußtritten der eigenen Tyrannen und unter den Kriegs- und Vergeltungsmaßnahmen, welche die fremden Mächte zur Überwindung der Naziherrschaft ausgeführt haben. Wessen Haus an allen Ecken brennt, der sieht zunächst die eigene Not, ehe er die Fassung gewinnt, die Lage der Nachbarn voll zu würdigen.“

In den ersten Jahren nach 1945 wurde wenig oder gar nicht über die sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden gesprochen; – und das hat sich bis in die heutigen Tage bis auf die wenigen „Gedenktage“, die man „zelebrieren muss“, kaum geändert. Im Gegenteil: Der Antisemitismus in ganz Europa greift wieder erneut um sich.

Wie es weitergeht erfährt die Leserschaft in der nächsten Ausgabe der Israel Nachrichten.

Von Rolf von Ameln

Rolf v. Ameln ist Buchautor, sowie IN-Korrespondent in Deutschland und Spezialist für Themen der Zeitgeschichte. Er schreibt seit 25 Jahren für die Israel-Nachrichten.

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Von am 31/03/2019. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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