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Was die Deutschen nach Ende des Zweiten Weltkriegs über den Nationalsozialismus und Hitler dachten IV. Teil

In der Regel stand Adolf Hitler im Mittelpunkt eines Karussells der „Bescheinigungsprosa“. Die Botschaft war im Kern immer die gleiche; – alle Deutschen waren gegen ihn: „Ich hbae mit eigenen Ohren gehört, wie Herr Adamski im Winter des Jahres 1944 gesagt hat, dass er schon 1933, als „Adolf“ gerade erst an die Macht gekommen war, die Bemerkung geäußert hat, der Krieg wäre nur noch eine Frage der Zeit. Und bereits bei „seinem unter schweren seelischen Kämpfen“ erfolgten Anschluss an die NSDAP beabsichtigte Herr Behrens, ein „Idealist reinster Prägung“, die Entwicklung und ganz speziell den Mann an der Spitze mit Skepsis im Auge zu behalten.

Herr Clemens trat in die SS ein, weil er der Meinung war, dort würden die guten deutschen Ideale verwirklicht; – als er erkannte, dass er in diesem Punkt „schmählich getäuscht“ worden war, versuchte er mit allen Mitteln, das Beste für das deutsche Volk daraus zu machen. Für die fristlose Kündigung des jüdischen Arbeitskollegen Goldstein setzte sich Herr Becker allein deshalb so nachdrücklich ein, um diesem eine „menschenwürdige Ausreise in ein Land seiner Wahl“ zu ermöglichen. Und als Krönung dieser Märchen aus Tausendundeiner Nacht: Herr Theobald und Herr Esser haben in unserer Tageszeitung, wo immer möglich, gegen das Nazi-Regime Opposition betrieben.

Wir ignorierten den Sprachgebrauch der NS-Propaganda, soweit das zu vertreten war. Adolf Hitler war für uns immer nicht der „Führer“, sondern „Der Führer und Reichskanzler.“ Und bei unseren hellhörigen Nachbarn blieb das nicht ohne Wirkung, Herr Theobald und seine Ehefrau waren die einzigen, denen ich meinen Plan, Hitler auszuschalten (!), offenbaren konnte. Leider sind sie bei den Bombenangriffen der Alliierten ums Leben gekommen. Ivh selbst habe nur durch Zufall überlebt..! Wie man es auch betrachtet, einige gut ausgedachte Geschichten für jeden sowie ein Mythos für alle; – ein Punkt, der unvergänglich erscheint: Hitler, nun unendlich groß als größter Verbrecher aller Zeiten wie zuvor als „Führer“. Ein Satz ist in der gesamten Politik gültig: Die Vergangenheit ist so zu gestalten, dass sie der Gegenwart und der Zukunft dient.

Als im Osten Deutschlands nach 1945 die Kommunisten den Anspruch erhoben, eine „neue Zeit“ zu repräsentieren, sicherten sie ihren Glauben an den Fortschritt nach hinten mit einem Doppel-Dogma ab, an dem nicht gerüttelt werden durfte; – dem heldenhaften Widerstand gegen das Nazi-Regime und dem glorreichen Sieg über den Faschismus. So konnte der Blick verheißungsvoll nach vorne schweifen, und dort sollten nicht nur „Glück und Frieden“ zu finden sein, sondern auch besseres Wetter, wie es sich die DDR in ihrer neuen Hymne ausmalte: „Auferstanden aus Ruinen/Und der Zukunft zugewandt.

In der kapitalistisch strukturierten Gesellschaft Westdeutschlands schien es am Anfang komplizierter zu sein, aber bald, da waren noch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges an jeder Straßenecke zu sehen, stellte sich eine Segen bringende Erkenntnis ein: Entsprechend hergerichtet, waren auch die dunklen Elemente der unrühmlichen Geschichte des „Tausendjährigen Reiches“ mit Schauder zu genießen, was sich in den damaligen Illustrierten nachzulesen war. In ihnen spiegelte sich nicht nur, was den Menschen an Meinungen und Wünschen durch den Kopf ging. Damals, als es noch kein Fernsehen als Informationsquelle gab, als Wahrnehmungsfilter und justierten das Unterbewusstsein der Westdeutschen: „Stern“, „Revue“, „Quick“, „Neue Illustrierte“ und wie sie noch alle hießen.

Desgleichen aber auch die Titel der Zeitschriften, die man zur „Regenbogenpresse“ zählte: „Heim und Welt“ beispielsweise, „Sieben Tage“, „Das Grüne Blatt“ oder „Wochenend“. Ausländische Besucher waren äußerst erstaunt, dass im „Westen“ so viele Zeitschriften mit opulenten Berichten aus dem „Dritten Reich“ aufwarteten. Ende der 1940-er Jahre brach der Sturm so richtig los. Ein Volk begann die wöchentliche Wanderung zum Zeitungskiosk; – die Auflagenzahlen schossen in die Höhe. Wer genug Geld hatte, ließ sich die sogenannten „Lesemappen“ ins Haus liefern. Am Anfang der deutschen Nachkriegsgeschichte hatte es ein kurzes Innehalten gegeben.

Da machten die bebilderten Blätter bei ihren Berichten aus dem gesellschaftlichen Leben um den einst „mächtigsten Gastgeber der Nation“ noch einen großen Bogen. Auf den zahlreichen Fotoseiten begegneten die Leser nur den vertrauten Berühmtheiten aus der Welt des Films, der Musik und der Bühne: Willy Fritsch, Furtwängler, Gründgens und Heinz Rühmann; – um nur einige zu nennen. Der eine jedoch, bei dem diese „Herrschaften“ noch vor kurzer Zeit in der Reichskanzlei zu Berlin so gerne einen Tee genommen hatten, der glänzte durch Abwesenheit. Und wesentlich länger ausgeblendet blieb, was vierzig Jahre nach Kriegsende den Namen „Holocaust“ erhielt, der millionenfache systematische Mord an den europäischen Juden, der in den Todesfabriken und Zwangsarbeiter-Einrichtungen durchgeführt wurde!

Von all dem wollten die Gesamtdeutschen erst nach dem Krieg erfahren haben! (?) Wenn der Name Auschwitz doch einmal vorkam, wie im Jahre 1947 in einer Ausgabe der „Revue“, so beschränkte sich die Information dazu auf einen besenreinen Allgemeinplatz, auf dem weit und breit weder Ross und Reiter – „SS, SA, SD und Einsatzgruppen“ – auszumachen waren, und die Schlagzeile lautete: „Grauenvolles Leid für unschuldige Menschen.“

Im Deutschland nach dem Krieg gewöhnte sich die Bevölkerung an, vom „Braunen Spuk“ zu sprechen, wenn sie vom Nazi-Regime redeten, das erst wenige Jahre hinter ihnen lag. Deutsche Geschichte als „Geisterbahn?“, schaurig der Blick zurück: Nach Bombardierungen und bedingungslosen Kapitulation erwachten die Deutschen in Schutt und Asche und fühlten sich geschändet. Die, welche die Leitartikel entwarfen und verantwortlich zeichneten, rieben sich die Augen, und mit Erregung deklamierten sie die Frage, die seitdem zum rhetorischen Repertoire all derer gehörte, die es eigentlich so genau nicht wissen wollten: „Wie konnte es geschehen?“ In den Zeitschriften, Illustrierten und Zeitungen von damals betonten auch die, die gerade noch nach besten Kräften dabei mitgeholfen hatten, „es sei nicht zu begreifen.“

Aber, wie konnte man die neuen Storys am besten „aufbereiten“? So zum Beispiel, dass es keinem auf die Füße fiel. Die Macher der Illustrierten hatten eine ewig junge Antwort: Am besten mit Gewinn für das jeweilige Blatt! Doch dazu brauchten sie Ideen, unverfängliche Fragen, passable Erklärungen, glaubhafte Ausreden, geschliffene Tendenzen und ausgeleuchtete Blickwinkel. Sehr schnell wurden den „Machern“ eines klar: Auch ein toter Adolf Hitler versteht die Massen magisch anzuziehen, vor allem, wenn man die Geschichte durch das Schlüsselloch betrachtet. Unter den ersten in der langen Reihe entsprechender Artikel war „Das Tagebuch der Eva Braun“.

Eine „Sensation“, wie das „Wochenend“-Blatt schrieb; – sollten es doch die Aufzeichnungen von jener im letzten Augenblick dem „Führer“ angetrauten Frau sein, von der die meisten Deutschen damals noch so gut wie nichts wussten! Wie sich sehr schnell herausstellte, stammte das, was man da lesen konnte, aus dem gefüllten Geschichten-Rucksack von Luis Trenker. Der aus Tirol stammende Filmemacher Hansdampf in den Höhen der Alpen und Wetterfahne in den politischen Niederungen, hatte behände seine abgründig trittfesten Phantasien herumklettern lassen, bis hinauf auf die Gipfel spießbürgerlicher Pikanterien und hinunter in die Schluchten des intimen Bergziegen-Reviers, wo er die „rehlederne Unterwäsche“ entdeckte, die von Hitler für die geliebten „Hüften und Brüste“ angeordnet waren.

Genau in dieser Gegend suchte damals auch die Illustrierte „Revue“ nach dem Auflagen-„Heil“, als sie mit der Artikelserie „Neuer Tatsachenbericht: Der große Liebhaber Adolf Hitler“ ungeahnte Fähigkeiten des „Führers“ aus dem Hut zauberte. Auf einer ihrer Ausgaben erschien auf der Titelseite Hitler als ziviler Galan, Arm in Arm „mit seiner großen Liebe Angelika Raubal“. Im Inneren des Heftes war zu lesen, er habe seiner Nichte „Geli“ auch viele andere Frauen als nimmermüder „Sexual-Athlet“ verwöhnt. Den „Kronzeugen“ spielte dem Blatt, das sich auch gerne im Untertitel „Die Weltillustrierte“ nannte, der Weggenosse Hitlers, Hermann Esser, der sich im Jahre 1920 als junger Journalist der NSDAP angeschlossen hatte und dort schnell im Führungszirkel mitmischte.

Bereits im Jahre 1927 publizierte er ein Buch mit dem Titel „Die jüdische Weltpest“. Im „Dritten Reich“ war er erst Wirtschaftsminister in Bayern, dann Staatssekretär in der Lügenfabrik des Propagandaministeriums zu Berlin, Nun jedoch, vier Jahre nach der „Entmachtung“, war ihm plötzlich wieder eingefallen, wie es der „Chef“, Josef Goebbels, zusammen mit ihm, Anfang der zwanziger Jahre in den Stundenhotels von Berlin den Huren „besorgt“ hatte. Karl Wilhelm Krause, lange Zeit eine Art Butler des im Kulinarischen werbewirksam sprichwörtlich bescheidenen Oberhaupt des Reiches, deckte das „Chef-Frühstück“ auf: „Leibnitz-Kekse, ein Glas Milch und eine Tafel Schokolade – Tag für Tag dasselbe“. Und immer musste „Fachinger“ bereit stehen, das „Tafel- und Gesundheitswasser“.

Als es einmal fehlte, wurde Krause gekündigt. Seine „Memoiren“ brachte er im Jahre 1949 auch als kleines Buch mit 88 Seiten an die Leserschaft. Der Titel versprach, nichts auszulassen, buchstäblich rund um die Uhr: „Zehn Jahre – Tag und Nacht – Kammerdiener bei Hitler“. Inbegriffen im Text waren Informationen über die Anzahl der Krümel von den Keksen und die gefühlte Temperatur der Frühstücksmilch sowie die Mitteilung, dass der Autor selbst von irgendwelchen „Ungesetzlichkeiten“ überhaupt nichts gewusst habe und sein Chef von „den meisten Verbrechen“ ebenso wenig.

Zu jener Zeit spotteten Kritiker, bald würde sich auch „Hitlers Zahnbürste“ mit Offenbarungen zu Wort melden. Allerdings war es für die Deutschen mit dem satirischen Zugriff auf das Hitler-Regime bald erst mal für eine ganze Weile vorbei. Die grotesken Pointen passten nicht in die Zeit, vor allem, weil es kaum zu vermeiden gewesen wäre, auch über sich selbst lästern, lachen oder weinen zu müssen.

Wie es weitergeht erfährt die Leserschaft der Israel Nachrichten in der nächsten Ausgabe.

Von Rolf von Ameln

Rolf v. Ameln ist Buchautor, sowie IN-Korrespondent in Deutschland und Spezialist für Themen der Zeitgeschichte. Er schreibt seit 25 Jahren für die Israel-Nachrichten.

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Von am 04/04/2019. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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