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Fanatische Nationalsozialistinnen und ihre Angst vor Vergeltung bei Kriegsende 1945 Folge I.

Der deutsche Mythos von „weiblicher Unschuld“ und vom „stillen Leid der Frauen“ entstand im Zuge des Zusammenbruchs und der bedingungslosen Kapitulation des „Dritten Reiches“. Die polnische Bevölkerung und andere Mehrheitsbevölkerungen im von der „Großdeutschen Wehrmacht“ besetzten Osten hatten die Schrecken des Nazi-Regimes seit dem Jahre 1939 erlebt; – die Juden und andere politische und „rassische Gruppen“ waren im Reich Adolf Hitlers seit 1933 Opfer des brutalen Regimes der Nationalsozialisten gewesen, doch für die gewöhnlichen deutschen Frauen brachen die schlechten Zeiten erst bei Kriegsende am 8. Mai 1945 an.

Vereidigung von Krankenschwestern im Nationalsozialismus. Foto: Archiv

Unmittelbar nach dem Zusammenbruch waren es vor allem die körperlichen Strapazen und das moralische Dilemma der Evakuierungen aus dem Osten, die befürchtete Gewalt der Roten Armee und der Kampf der vom Krieg auseinander gerissenen Familien um das Überleben in dem, was unter den vier Besatzungsmächten von Deutschland noch geblieben war. Doch blicken wir zurück in die Wirren des Zweiten Weltkrieges: In Schytomyr, einem Feldlazarett arbeitete eine gewisse Anni Schreiber als Krankenschwester. Das gesamte Personal wurde im Dezember 1943 in letzter Minute evakuiert. Der kleine Konvoi von Lastkraftwagen mit medizinischem Personal und verwundeten deutschen Soldaten musste sich einen Weg durch die Truppen bahnen, die zu Fuß, mit Lastkraftwagen und in den noch verbliebenen Flugzeugen Richtung Osten und Westen unterwegs waren.

Auf dem Friedhof des kleinen Ortes rollten deutsche Panzer über die frischen Gräber gefallener deutscher Soldaten, um alle Hinweise auf Namen und Truppenzugehörigkeiten zu zerstören; – denn die Nummern der Einheiten hätten der sowjetischen Aufklärung wertvolle Informationen auf deutsche Truppenbewegungen liefern können. Nach einigen Monaten und mehreren Zwischenstopps in der Westukraine und in Polen kam Anni Schreiber schließlich im Mai 1944 in Ungarn an, und zwar in der Nähe von Pecs. Die Einheimischen – so erzählte sie später – seien nicht besonders freundlich gewesen. Später erfuhren Anni Schreiber und ihre Kolleginnen, dass erst wenige Tage vor ihrem Eintreffen alle Juden „abtransportiert“ worden waren.

Einige wenige Juden waren jedoch geblieben. Gleich hinter dem Gebäude, in dem das medizinische Personal untergebracht war, gab es ein jüdisches Ghetto, in dem noch Frauen und Kinder ihr Dasein fristeten. Als jemand in Anni Schreibers Zimmer eingedrungen war und einige Sachen gestohlen hatte, schloss sie aus der räumlichen Nähe der beiden Orte, dass dies nur Menschen aus dem Ghetto gewesen sein konnten. Natürlich stahlen einige Juden, denn die Nazis hatten ihnen ja alles genommen, was sie einst besaßen; – aber Frau Schreiber lieferte keinen „Beweis“ für ihre Annahme oder schien sich der möglichen Gründe für ein solches Tun nicht bewusst geworden zu sein. In der antisemitischen Propaganda des Nazi-Regimes war es an der Tagesordnung, die Juden als „minderwertige Verbrecher“ darzustellen; – eine Vorstellung, die Adolf Hitler und Lügen-Baron Gobbels den Deutschen bis zum bitteren Ende immer wieder einbläuten. Auch auf Anni Schreiber musste diese Tatsache einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Aber gleichgültig, ob alle diese Frauen unschuldig waren oder sich an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt hatten: Deutsche Frauen gingen davon aus, dass sie das Ziel von Racheakten und sexueller Gewalt werden würden. In Adolf Hitlers Tagesbefehl vom 15. April 1945 an alle Soldaten an der Ostfront – seinem letzten -, in dem er den amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt „den größten Kriegsverbrecher aller Zeiten“ nannte, forderte er, der Widerstand bis zum letzten Mann müsse jetzt das deutsche Volk schützen, vor allem Frauen und Mädchen.

Der Tagesbefehl lautete wörtlich: „Zum letzten Mal ist der jüdisch-bolschewistische Todfeind mit seinen Massen zum Angriff angetreten. Er versucht Deutschland zu zertrümmern und unser Volk auszurotten. Ihr Soldaten aus dem Osten wisst zu einem hohen Teil bereits selbst, welches Schicksal vor allem den deutschen Frauen, Mädchen und Kindern droht. Während die alten Männer und Kinder ermordet werden, werden Frauen und Mädchen zu Kasernenhuren erniedrigt. Der Rest wandert nach Sibirien.“

Reichs-Lügen-Meister Josef Goebbels versuchte die Entschlossenheit und die Ängste der deutschen Bevölkerung dadurch zu mobilisieren, dass er die Soldaten der Sowjet-Armee als „asiatische Horden“ darstellte, die deutsche Frauen brutal vergewaltigen würden. Diese schockierenden Mitteilungen wurden Wirklichkeit; – die Berichte über Massenvergewaltigungen wurden von den Millionen deutschen Flüchtlingen bestätigt, die sich nun in einer chaotischen, demütigenden Kehrtwendung in Richtung Westen schleppten. Am 8. Mai 1945, nach zwölf Jahren der Hitler-Diktatur, legte das Regime der Nazis bedingungslos die Waffen nieder.

Damit ging auch offiziell eine Ära in Europa zu Ende. Die Frauen, die im „Dritten Reich“ aufgewachsen waren – die in dieser Zeit ihre Jugend, ihre Berufsausbildung, erste Arbeitstätigkeiten, erste Liebesbeziehungen und die Geburt der ersten Kinder erlebt hatten -, bedeutete die Niederlage, dass Ambitionen zunichte gemacht, Träume geplatzt und die Zukunft ungewiss waren. Man konnte einfach nicht völlig auslöschen, was man mit angesehen und getan hatte. Einige loyale Nazi-Gefolgsleute und Fanatiker konnten sich ein Leben ohne den „Führer“ schlicht nicht vorstellen. So manche deutsche Frau, die entweder Vergeltung durch die Alliierten fürchtete oder zutiefst beschämt war, sah keine andere Möglichkeit, als Suizid zu begehen. Und Frauen, die aus dem Osten heimkehrten, hofften, sie hätten auch ihre unrühmliche und oft verbrecherische Vergangenheit hinter sich gelassen.

Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe der Israel Nachrichten.

Von Rolf von Ameln

Rolf v. Ameln ist Buchautor, sowie IN-Korrespondent in Deutschland und Spezialist für Themen der Zeitgeschichte. Er schreibt seit 25 Jahren für die Israel-Nachrichten.

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Von am 18/04/2019. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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