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Beginn der Judenverfolgung im Reich der Nationalsozialisten – Vollzugsmeldungen 6. Folge

Bereits am 4. November des Jahres 1940 hatte Adolf Hitler die Führung der „Großdeutschen Wehrmacht“ im Beisein von Hans Frank, dem Chef des Generalgouvernements, verpflichtet, die politisch vordringlichen Umsiedlungen in jeder Art und Weise zu fördern. Doch wenige Wochen später musste Frank feststellen, dass sich dieses „Führerwort“ in Schall und Rauch aufgelöst hatte: Wenn Keitel ihn jetzt bitte, so hieß es in Franks „Diensttagebuch“ am 11. Januar 1941, „dafür zu sorgen, dass die Belange der Wehrmacht allen anderen vorangestellt würden, so widerspreche dies eigentlich dem, was der Führer dem General Jodl mitteilte, als er betont habe, dass sich auch die Wehrmacht im Generalgouvernement den politischen Notwendigkeiten dieser Umsiedlung absolut fügen müssten!“

Deutsche Wehrmacht in Russland 1941. Foto: US-Archiv

Am 14. März 1941 war die erste Vorbereitungsphase für den Überfall auf die UDSSR abgeschlossen, waren in aller Heimlichkeit 2.500 Reichsbahnzüge voller Soldaten und Kriegsgerät an die deutsch-sowjetische Grenze gerollt. Und schon Ende Februar hatten die Lagerführer bereits Listen derjenigen „Volksdeutschen“ anzufertigen, die im bevorstehenden Feldzug als Dolmetscher eingesetzt werden könnten. Jedoch scheiterte ein Plan an den Prioritäten, welche die Militärs für das „Unternehmen Barbarossa“ setzten, aber auch an der Unvereinbarkeit eigener Zielsetzungen, von den anderen, sogenannten zivilen Absichten ethnischer und ökonomischer Neuordnung ganz zu schweigen; – denn der deutsche Generalstab konnte nun nicht mehr riesige Truppenübungsplätze schaffen und gleichzeitig den „ungeheuerlichsten Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg“ der Neuzeit vorbereiten.

Für den eigenen Vorteil bediente sich die Führung der Wehrmacht vielmehr selbst gerne der von Heinrich Himmler vorexistierten Methode rassisch abgestufter, interessensgeleiteter Vertreibungspolitik. So berichtete der Gouverneur Zörner am 25. März 1941, „dass man im Distrikt Lublin im Zusammenhang mit der sich entwickelnden Lage den Wünschen der Wehrmacht weitgehend nachgekommen sei. Die Evakuierung der Juden habe auch in Lublin innerhalb dreier Tage durchgeführt werden müssen, und 10.000 Juden seien aus der Stadt ausgesiedelt worden. In die frei gemachten polnischen Viertel würden dann der Wehrmacht zur Verfügung gestellt. In den Kreisstädten von besonderer Bedeutung seien ebenfalls die Judenviertel freigemacht worden, und man sei im Begriff, die ausgesiedelten Juden zu konzentrieren. Alles vollziehe sich mit größter Schnelligkeit nach einem bestimmten Plan.“

In derselben Besprechung berichtete der Höhere SS- und Polizeiführer Krüger, „dass die Umsiedlung von Polen und Juden ins Generalgouvernement zunächst unterbunden sei.“

Im April 1941 wurden die 60.000 Juden, die damals noch in Auschwitz wohnten, nach Dombrowa ausgesiedelt und so Platz für polnische Zwangsarbeiter geschaffen, die ihrerseits zugunsten der „volksdeutschen Aussiedler“ von ihren Höfen vertrieben worden waren. Hitler und seine Generäle legten den Krieg gegen die Sowjetunion schon deshalb als Blitzkrieg an, weil im Angesicht der chronisch knappen deutschen Ressourcen andere Strategien nicht zur Debatte standen. Am 17. März 1941 einigten sich Frank und Hitler auf ein Konzept, dem man bereits im Dezember 1940 den Vorzug gegeben hatte: „In fünfzehn bis zwanzig Jahren“, so sagte Adolf Hitler bei dieser Gelegenheit, „wird das Generalgouvernement ein rein deutsches Land sein!“

Und Hans Frank berichtete seinen „Kollegen“: „Wir stehen vor einem Ereignis jenseits dessen etwas anderes entstehen wird. Das Generalgouvernement, wie wir es kennen und wie wir es erarbeitet haben, wird wesentlich reicher sein, glücklicher sein, wird mehr Förderung erfahren und wird vor allem entjudet werden. Es wird aber auch den charakteristischen Anblick eines noch vorherrschenden polnisch-jüdischen Lebens verlieren; – denn mit den Polen werden auch die Juden dieses Gebiet verlassen. Der Führer selbst habe ihm zugesagt, das Generalgouvernement werde als erstes Gebiet judenfrei gemacht, und in Zukunft werden dort, wo heute 12 Millionen Polen wohnen, einmal vier bis fünf Millionen Deutsche zu Hause sein.“

Jüdische Familien bei der Umsiedlung nach Brzeziny. Foto: Archiv/RvAmeln.

Mit Datum vom 15. März 1941 war dieser Plan praktisch schon beendet. Er ging aber zugleich mit einem ungleich radikaleren Vertreibungsplan auf, der nicht mehr 800.000, sondern etwas mehr als zehn Millionen Menschen betreffen würde, allen voran – und zwar unmittelbar nach einem schnellen deutschen Sieg – die polnischen Juden.

In einem Vortrag „über Siedlung“, hatte Himmler schon im Dezember des Jahres 1940 die schnelle Vertreibung der Juden zur zentralen Voraussetzung für die Überwindung der gesamten Umsiedlungsmisere erklärt, denn neben dem weitgehenden Verzicht auf neue „Rückführungen deutschen Blutes“ hatte er insbesondere den Ausweg versprochen: „Judenauswanderung und damit noch mehr Platz für Polen.“

Aber wohin die Deportationen führen sollten, blieb zunächst offen, und Adolf Eichmann sprach am 10. Dezember 1940 von „einem noch zu bestimmenden Territorium.“

Doch immer wieder stellte sich den Verbrechern die Frage: Wohin mit den Juden..? Am 15. Januar 1941 kündigte der Chef der Innenverwaltung des Generalgouvernements, Eberhard Westerkamp, gelegentlich neuer Umsiedlungen an, „dass man sich mit dem Gedanken trage, den erforderlichen Platz dadurch frei zu machen, dass man die Juden enger zusammentreibe in Ghettos.“

Krüger jedoch wies auf einen Plan hin, den der SS- und Polizeiführer Globocnik bereits für den Bezirk Lublin ausgearbeitet habe und vertrat die Meinung: „Man muss sich überlegen, ob man diese Sache nicht auf das ganze Generalgouvernement ausdehnen kann!“ Globocnik hatte am 13. Dezember 1940 vorgeschlagen, „nunmehr im Distrikt Lublin mit größerer Schärfe gegen die Juden“ vorzugehen. Globocniks zunächst lokal begrenzte Absichten kreuzten sich dann – einige Wochen später – mit den konkreten Erfordernissen einer neuen Situation. Noch am 15. Januar 1941 hatte der Amtschef des Distrikts Warschau „mit großem Ernst auf die Verhältnisse im Ghetto“ hingewiesen. Fünf Tage später jedoch kündigte der Leiter der dortigen „Abteilung Umsiedlung“ an, dass weitere 72.000 Juden ins Warschauer Ghetto gesperrt würden, da im westlichen Teil des Distrikts „Platz für 62.000 evakuierte Personen geschaffen werden muss.“

Am gleichen Tag erging die Anordnung, wann die jüdischen Bewohner der links der Weichsel gelegenen Landstädte per Eisenbahn oder „durch Fußmarsch“ ins Ghetto von Warschau getrieben werden sollten. Und am 3. März 1941 ordneten die deutschen Behörden die Ghettoisierung der Juden von Krakau an. Tatsächlich wurden in den Monaten Februar, März, April alle Juden aus dem westlichen Teil des Distrikts zusätzlich (!) ins Warschauer Ghetto hineingezwängt. Im „Warschauer Tagebuch“ des selbst eingeschlossenen Chaim A. Kaplan ist die Wirklichkeit jener planerischen „Notlösungen“ nachzulesen.

Doch davon berichten die Israel Nachrichten in der nächsten Ausgabe.

Von Rolf von Ameln

Rolf v. Ameln ist Buchautor, sowie IN-Korrespondent in Deutschland und Spezialist für Themen der Zeitgeschichte. Er schreibt seit 25 Jahren für die Israel-Nachrichten.

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Von am 11/06/2019. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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