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Beginn der Judenverfolgung im Reich der Nationalsozialisten – Aus dem Tagebuch eines Betroffenen 7. Folge

Chaim A. Kaplan führte in der Zeit, als die Nazis das größte Verbrechen an den Juden begingen, das sogenannte „Warschauer Tagebuch“, das hier auszugsweise wiedergegeben wird:

  • 26. Januar 1941: „Heute trafen neue Nachrichten bei uns ein. Wiederum sind Hunderte von Familien aus ihren Heimen vertrieben worden und kommen zu Fuß nach Warschau. Es geht das Gerücht um, dass 72.000 Menschen in die Verbannung zogen und sie alle nach Warschau kommen werden. Außerdem ist es möglich, dass sich hinter dieser ganzen Barbarei ein Plan verbirgt, denn wir erfahren, dass die Mörder beschlossen haben, drei jüdische <Konzentrationspunkte> zu errichten: Warschau, Lublin und Radom. Außer an diesen Konzentrationspunkten werden nirgends im Gebiet des Generalgouvernements Juden bleiben. Das wird den Mördern die Vernichtung erleichtern, nicht einzeln brauchen sie uns vornehmen, sondern in Massen.“
  • 31. Januar 1941: “ Heute sind dreitausend Vertriebene aus Pruszkov und anderen polnischen Städten ins Warschauer Ghetto gekommen, und es war unsere Pflicht, für die Unglücklichen eine neue Unterkunft zu suchen. Die Verbannten wurden vor Sonnenaufgang aus ihren Betten getrieben, und die Schergen des <Führers> ließen sie weder Geld noch Habseligkeiten, noch Lebensmittel mit sich nehmen und drohten ständig, sie zu erschießen. Bevor sie den Marsch in die Verbannung antraten, durchsuchte man ihre Taschen und sämtliche verborgene Stellen der Kleider und des Körpers. Ohne einen Pfennig in der Tasche und ohne warme Decken für die Frauen, Kinder, alten Leute und Gebrechliche – manchmal ohne dass sie Schuhe an den Füßen oder Krücken in den Händen hatten – zwang man sie, ihre Wohnungen und Habseligkeiten und die Gräber ihrer Vorfahren zu verlassen und fortzugehen – wohin..?“
  • 8. März 1941: „Vor mir liegt ein Dokument. Es wurde von den Vertretern der Leute aus Grodzisk an das <Zentralkomitee für Flüchtlingsangelegenheiten> in Warschau gerichtet und trägt das Datum vom 3. März 1941. Hier der Text: ´Die Grodzisker Delegation wird vom 6. März an in Warschau ihre Tätigkeit aufnehmen. Sie umfasst die Juden von Grodzisk-Mazoiweckie und Umgebung (Brwinow, Nadarzyn, Podgowa-Lesna und Milanowek), insgesamt 5.000 Menschen. Die Nachbarstädte waren die ersten, die den Ausweisungsbefehl erhielten und nach Grodzisk ziehen mussten. Wir trafen daher die notwendigen Vorbereitungen, um die Gäste aufzunehmen; wir waren fast sicher, dass wir, die Einwohner Grodzisks, unseren Ort nicht verlassen müssten. Aber wie groß war unser Leid und Kummer, als wir am 3. Februar erfuhren, dass auch über uns der Ausweisungsbefehl verhängt wurde und wir unseren Ort bis zum vierzehnten Februar zu verlassen hätten. Die letzte Gruppe – 600 Menschen – , die bis zum zwölften Februar in Grodzisk blieb, wurde wie eine Güterfracht nach Warschau befördert.“

SS-General Jürgen Stroop bei der Räumung des Warschauer Ghetto nach dem Aufstand. Foto: Archiv

Im Frühjahr 1941 gab es noch keine Gaskammern. Auf der Tagesordnung stand in jener dunklen deutschen Zeit noch die Errichtung zahlreicher Lager für Zwangsarbeiter. Noch am 21. Januar 1941 meinte Waldemar Schön, der Leiter der „Warschauer Abteilung Umsiedlung“, von den infolge der „Ghettobildung zunächst arbeitslos gewordenen Juden“ könnten bald 200.000 außerhalb des Ghettos „kolonnenweise zum Einsatz gebracht werden“. Bereits in naher Zukunft sollte damit „eine 100prozentige Ausnutzung dieser Arbeitskräfte“ gewährleistet sein. Und bald schon folgten die Vorbereitungen für dieses „Projekt..!“ Im Februar 1941 forderte die Wasserwirtschaftsinspektion des Generalgouvernements 22.000 bis 25.000 jüdische Zwangsarbeiter an. Am 2. März 1941 notierte Kaplan: „Im arischen Bezirk wurde ein Anschlag plakatiert, der polnische, ukrainische und weißrussische Leute aufforderte, sich um Stellen als Aufseher für die Baracken zu bewerben, die für die Juden errichtet werden sollen.“

Diese Lager, errichtet von Privatfirmen, die „eine Art Konzession auf die Ausnutzung der jüdischen Arbeitskräfte“ erhielten, wurden zur Hölle. Die äußeren Bedingungen, der Mangel an Lebensmitteln und Werkzeugen, Behausungen und angemessener Arbeitskleidung machten es unmöglich, auch nur zu testen, ob ein Teil der Eingeschlossenen auf diese Weise „in Arbeit gebracht“ werden könnte. Die Wirklichkeit dieses „Projektes“ spiegelt sich im Tagebuch des Warschauer Judenratsvorsitzenden Adam Czerniakow:

  • 28. April 1941: „Traurige Nachrichten aus den Lagern. Zu wenig Nahrung, die Behandlung ist schlecht“;
  • 3. Mai 1941: „Laut Aufstellung sind in zehn Lagern 91 Menschen gestorben“;
  • 30. Mai 1941: „Die Arbeiter sollten 180 g Brot, 1-1,3 Kilo Kartoffeln, Zucker, Fleisch, Marmelade, Kaffee usw. erhalten. Kartoffeln gibt es nicht. Brot bekommen sie 120 bis 150 Gramm. Es fehlen Fette. Die Baracken haben schlechtes Stroh, durch die Wände weht der Wind. Nachts frieren die Arbeiter, Duschen gibt es nicht. Nirgends gibt es eine Toilette. Im nassen Sand oder Lehm haben die Arbeiter ihre Schuhe verschlissen. Es gibt keine Medikamente und kein Verbandmaterial“;
  • 21. Mai 1941: „Rozen ruft an. Sie sind in Lekno und in einem anderen Lager gewesen. Entsetzliche Zustände. Niemand hält es einen Monat aus. Die Firmen stehlen die Lebensmittel. Das Schlagen wird aufhören. Die Produktivität der übrigens harten Arbeit ist gering.“

Im Juni 1941 wurden die Lager weitestgehend geschlossen. Dies war ein Erfolg der Ökonomen, welche die geringe Arbeitsproduktivität von Anfang an bemängelt hatten. Rückblickend beschrieb damals Friedrich Gollert, der Leiter der „Abteilung Raumordnung des Distrikts Warschau“, im Jahre 1942 das Desaster der Zwangsarbeitslager auf seine Weise: „Im Winter 1940/41 wurden weiterhin Entwürfe aufgestellt und geprüft, um für das nächste Jahr einen genügenden Arbeitsvorrat zu haben. Bei den Arbeiten der Wasserwirtschaft wurden im Jahre 1941 Juden aus dem Warschauer jüdischen Wohnbezirk in größeren Mengen eingesetzt. Die Arbeitsleistungen der verbleibenden Juden waren derart gering, dass allein die Kosten für die Verpflegung höher waren als das Entgelt, das die Juden verdienen sollten. Statt der Juden werden in Zukunft russische Kriegsgefangene zur Arbeit herangezogen werden..!“ Und so führte die Ankündigung Heinrich Himmlers vom Dezember des Jahres 1940 „Judenauswanderung und damit noch mehr Platz für die Polen“ in der Praxis zunächst zur forcierter Ghettoisierung und zur Entwicklung von Zwangsarbeitsprojekten. Letztere erwiesen sich schon wegen der unzulänglichen organisatorischen Voraussetzungen rasch als vollkommener Fehlschlag. Darüber hinaus mussten sie, da sie langfristigen Infrakstrukturverbesserungen dienen sollten, im Angesicht der Vorbereitungen der Nazis zum Überfall auf die Sowjetunion ausgesetzt werden. Einer der Wirtschaftsberater von Hans Frank hatte bereits im März, als gerade mit dem Aufbau der Lager begonnen wurde, lapidar vorausgesagt: „Durch die für 1941 zu erwartenden besonderen Verhältnisse wird insbesondere das Transport- und Verkehrswesen außerordentlichen Belastungen unterworfen sein. Hierdurch wird eine Reihe von Vorhaben, die für 1941 angesetzt worden waren, wahrscheinlich nicht zur Ausführung kommen“.

Anders ausgedrückt: N o c h hatte die jüdische Bevölkerung trotz Demütigungen, Enteignungen, Schlägen und beginnenden Morden durch die Nazis eine gewisse „Schonfrist“, was sich jedoch sehr bald ändern sollte.

Dies erfährt die Leserschaft der Israel Nachrichten in der nächsten Ausgabe.

Von Rolf von Ameln

Rolf v. Ameln ist Buchautor, sowie IN-Korrespondent in Deutschland und Spezialist für Themen der Zeitgeschichte. Er schreibt seit 25 Jahren für die Israel-Nachrichten.

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Von am 16/06/2019. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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