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Was den Deutschen über Adolf Hitler im Fernsehen und in der Literatur noch heute eingetrichtert wird VI. Teil

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist nun fast ein Jahrhundert vergangen, bis die ersten Zweifel in der Geschichtsfindung zugelassen wurden, ob denn der anfängliche Schlachtenenthusiasmus tatsächlich im ganzen deutschen Volk so umfassend verbreitet war, wie man es in unzähligen Fernsehdokumentationen sehen und in der Literatur lesen konnte. Doch bei näherem Hinschauen zeigt sich, dass es weniger als die halbe Wahrheit ist.

In den neuesten Berichten zur „Geschichtsforschung“ hat man erhebliche Relativierungen machen müssen, und die „Hurra-Szenarien“ auf ihre gesellschaftlichen und lokalen Zentren eingegrenzt; – also deutlich insgesamt heruntergestuft. Und pünktlich zum medialen Boom des hundertjährigen Jubiläums gaben „Historiker“ offiziell bekannt, was die Deutschen und der Rest der Welt lange nicht wissen sollte: Es war das Kartell von Politik, Militär, Zensur, Geschichtswissenschaft und Medien, das es zustande brachte, alle Welt in dem Irrglauben von der allgemeinen, überall bis in den letzten Winkel im ganzen Reich entbrannten Kriegsbegeisterung anno 1914 zu lassen. So verkündete auch das Zweite Deutsche Fernsehen in seiner Nachrichtensendung lapidar, man hätte diesen „Mythos gepflegt.“

Es war ein sogenanntes Statement, so prägnant wie frivol, bedenkt man, dass sich der Sender dreißig Minuten lang mit Fleiß an der „Pflege“ beteiligt hatte..! Für den Zweiten Weltkrieg jedoch wackelt das wissenschaftlich lizenzierte Schwarz-Weiß-Klischee nicht. Es lautet hier genau umgekehrt: Am Anfang stand die allgemeine Abneigung gegen einen neuen Krieg. Als es die Deutsche Demokratische Republik (DDR) noch gab, wurde auch dort all die Jahrzehnte von den Historikern verbreitet, dass man in ganz Deutschland damals den Krieg fürchtete, dass insbesondere der „gemeine Mann“, – also der gute, brave, einfache -, gar nichts davon hielt. Und auch im „Spiegel“ war vor einiger Zeit zu lesen, als wäre es nach einem Studentenkommers, von altherrendeutschen Händen geführt, in den Schnee gepinkelt: „Die meisten Deutschen lehnten 1939 einen solchen Waffengang ab..!“ Die Drohungen aus jenen dunklen Zeiten werden immer noch – wie üblich – den Nazi-Propagandisten zugerechnet, diesen wild gewordenen Kleinbürgern; na, der Leser ahnt es schon: Von den schlimmen Nazis eben.

Also, nichts weiter als Randerscheinungen des allgemeinen Bemühens, in Frieden mit den Nachbarn zu leben. Kaum einer habe damals je im Ernst daran gedacht, auf dem Weg „zum gebührenden Platz“ in der Welt als Erste „die Polen zu versohlen.“

Dahingesagt nur, dahingeschrieben von Menschen, die mehr den Reim als den Krieg mochten. In Wahrheit hat die auf Kosten Polens angestrebte „Osterweiterung“ eine lange Tradition in Deutschland. Historiker, die sich dafür interessieren, kennen auch die weitreichenden Annektionspläne, die unter den kaiserlichen Eliten bis hin zu den Nationalliberalen vor und während des Ersten Weltkrieges kursierten. Die Vorstellungen zum Beispiel von einem polnischen „Grenzstreifen“, der dem Reich anzugliedern war, großflächig ausgelegt bis hin zu den Flüssen Narwa und Weichsel. Variationen davon setzten sich fort in den Ideen einer „kolonisatorischen Mission“, die aus polnischen Provinzen ein „Neu-Preußen“ schaffen sollte, vermischt mit einem Hinterland in sicherer Entfernung der britischen See-Blockaden. In den Plänen und Gedanken, die sich deutsche Generäle und Industriebosse noch Anfang des Jahres 1918 ausmalten, entstand im Kaukasus und in Indien ein europäisch-asiatischer Block unter deutscher Führung; – ein „Ostreich.“

Aus diesem Grunde war die Enttäuschung am Ende des gleichen Jahres so unendlich bitter. Danach war dann erst mal nur von „Grenzverbesserungen“ die Rede; – die wünschten sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wohl die meisten Deutschen. Konstantin von Neurath, der den Konservativen zugerechnete Außenminister sowohl in der Weimarer Republik wie auch im Regime der Nazis, betonte 1933: „Unser Hauptziel ist und bleibt die Revision der Ostgrenze. Eine Verständigung mit Polen ist nicht erwünscht.“

In dieser Himmelsrichtung wollte man jedenfalls das „Großdeutsche Reich“ ausbauen, und dazu war nicht unbedingt ein Presslufthammer erforderlich. Ernst von Weizsäcker, Vizechef im Außenministerium, fand es beispielsweise unnötig, den Polen alles wegzunehmen, es sollte ihnen so viel überlassen bleiben, dass sie den Deutschen noch „als Puffer gegen Russland“ dienen konnten. Ihm war es gegeben, die imperialen Ziele so einleuchtend einfach zu artikulieren, als wären sie aus dem Kochbuch der Oma übernommen worden; – sein Rezeptvorschlag: „Polen auf das uns genehme Größenmaß zu reduzieren.“

Dies war mindestens so elegant ausgedrückt, wie Adolf Hitler es tat, als er in seiner „Weisung“ an die Wehrmacht vom 11. April 1939 erklärte: „Es handelt sich für uns um die Arrondierung des Lebensraumes im Osten..!“ Den Offizieren der neuen deutschen Wehrmacht schwoll jedesmal der Kampfkamm, wenn sie über den „Großdeutschen Rundfunk“ zu hören oder in der Presse zu lesen bekamen, dass die Polen den Volksdeutschen wieder übel mitgespielt hatten. Glaubten sie doch, in Übereinstimmung mit ihren Landsleuten, den Slawen von Natur aus übergeordnet zu sein. Für diese Überzeugung brauchte niemand einen Nationalsozialistischen Schulungskurs besuchen, den „Völkischen Beobachter“ zu abonnieren oder einen Mitgliedsantrag für die NSDAP auszufüllen.

Recht und billig bedacht, war damals, im Jahre 1939, schaut man nur richtig auf die Menschen dort im Osten herab, ein Krieg gar nicht zu umgehen. Dieses Völkchen setzte doch recht ungehörig dem Gestaltungswillen des „Dritten Reiches“ lästige Grenzen. So man die ostpreußische Heimat auf dem Landweg aufsuchen wollte, war seit dem Vertrag von Versailles polnisches Gebiet, der „ominöse Korridor“, zu durchqueren und dabei ein Bündel an Vorschriften zu beachten. Das nervte die neuen deutschen Volksgenossen; – es nährte die Ressentiments und die Zweifel daran, ob die Menschen, die sich dort, wie es hieß, breit gemacht hatten, überhaupt das Recht auf einen eigenen Staat hätten.

Daran änderte sich auch der 1934 abgeschlossene Nicht-Angriffs-Pakt zwischen Polen und dem Reich nichts. Adolf Hitlers von den Polen durchkreuzter Wunsch, mit ihnen als „Verbündete“ an seiner Seite, – ähnlich wie mit Italien -, die „Geschichte gegen Russland“ anzugehen, waberte von Anfang an durch das von den Historikern gestaltete „Nachleben“ des Diktators. Und diese Sichtweise wurde an den Geschichtsfakultäten verbreitet, in Fachbüchern und in Beiträgen in der Presse, auch im „Spiegel“, der sich auf britische Quellen berief. Gemessen an dem, was die meisten Militärs und die vaterländisch Gesinnten (siehe die „Alternative für Deutschland“, AfD, Anm.d.Verf.), des damaligen und jetzigen Deutschland innerhalb und außerhalb der Staatspartei von ihren östlichen Nachbarn hielten, war diese „Idee“ nicht mehr als eine Latrinenparole.

Von der Vernichtung des europäischen Judentums reden und schreiben alle bekannten Historiker herzlich wenig; – anscheinend will man dieses unrühmliche Blatt deutscher Geschichte unter den Teppich kehren. Es wäre aber auch zu unangenehm, würde man auch noch über die Juden im Fernsehen oder in der Presse ausführlich berichten.

Zum guten Schluss fällt mir da noch eine Anekdote ein, die sich in Köln in einem Fischladen zugetragen hatte: Ein Mann, nennen wir ihn Schmitz, – was dem Kölner Adel gleichkommt -, betrat das Geschäft und verlangte: „Ich hätte gerne einen Hering, so fett wie der Göring..!“ Der geneigte Leser wird sich fragen, was mit Herrn Schmitz geschehen ist; – er landete in Dachau.

Von Rolf von Ameln

Rolf v. Ameln ist Buchautor, sowie IN-Korrespondent in Deutschland und Spezialist für Themen der Zeitgeschichte. Er schreibt seit 25 Jahren für die Israel-Nachrichten.

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Von am 18/09/2019. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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