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Ist der Antisemitismus in Belgien zum Mainstream geworden?

Die jüdischen Führer in Belgien befürchten, dass der Antisemitismus zum Mainstream wird, da antijüdische Stereotypen an Akzeptanz gewinnen.

Bei einem Karnevalsumzug im März tanzten die Mitglieder eines Vereins zu einem Lied über jüdische Gier, während sie auf einem Unzugswagen standen, der wie ein orthodoxer jüdischer Mann mit einer Ratte auf der Schulter aussah, der Geld in der Hand hielt.

Im August veröffentlichte eine der großen belgischen Zeitungen einen Bericht unter dem Titel, „Juden in Israel – Landdiebe“ mit einem religiösen Überlegenheitskomplex und „hässlichen Nasen“.

Ein belgischer Politiker präsentierte dieses Gemälde in der Bog-Art Gallery in Brüssel. Mit freundlicher Genehmigung von LBCA

Anfang des Monats präsentierte ein lokaler Politiker in einer renommierten Brüsseler Kunstgalerie, ein von ihm angefertigtes Gemälde mit einem Hakenkreuz und den Worten „Und Gott schuf A. Hitler“.

Solche Vorfälle sind in Westeuropa keine Seltenheit, wo öffentliche Demonstrationen von Antisemiten ein Comeback erleben. Die Verteidigung des Antisemitismus durch die Behörden und die Verantwortlichen hat jedoch Besorgnis erregt, dass der Antisemitismus in Belgien eine Akzeptanz findet, die nur von wenigen, wenn überhaupt, westeuropäischen Ländern erreicht wird.

„Nichts ist einzigartig an der Verbreitung und Art des Antisemitismus in Belgien“, sagte Joel Rubinfeld, ehemaliger Ko-Vorsitzender des Europäischen Jüdischen Parlaments und derzeitiger Präsident der Belgischen Liga gegen Antisemitismus. „Was ungewöhnlich ist, ist, dass es in letzter Zeit eine Reihe von Vorfällen gegeben hat, in denen Beamte, Meinungsbildner und Künstler den Antisemitismus verteidigen. Das ist eine ziemlich besorgniserregende Entwicklung, die meines Erachtens nur in Belgien auf dieser Ebene stattfindet.“

Belgien Antisemitismus im Karneval 2019.

Im Falle des Karnevalsumzuges, einer jährlichen Veranstaltung in der Stadt Aalst, die von der UNESCO als von Bedeutung für die europäische Kultur anerkannt wird, verteidigten sowohl die Organisatoren als auch Bürgermeister Christoph D’Haese die Veranstaltung als Teil der Tradition der Respektlosigkeit im Karneval. Im Karnevalszug 2013 war ein Festwagen zu sehen, auf dem Maskierte in Nazikleidung Dosen mit der Aufschrift Zyklon B, dem Giftgas, das zur Ermordung von Juden verwendet wurde, in der Hand hielten. Die Organisatoren verteidigten auch diese Darstellung.

Letzte Woche verteidigte D’Haese den Karnevalsumzug im März vor Vertretern der UNESCO in Paris.

„Es ist von entscheidender Bedeutung, der Bevölkerung und der UNESCO erneut zu erklären, dass der Karneval in Aalst in keiner Weise antisemitische oder rassistische Absichten hatte – im Gegenteil“, sagte D’Haese gegenüber der Nachrichtenagentur Belga.

Nach einer Kritik über den Bericht vom 27. Juli in der Tageszeitung De Morgen über „hässliche Nasen“ unterstützte der Chefredakteur den Autor Dmirti Verhulst.

„Wir sahen den aktuellen Aufruhr voraus der besagt, dass jede harte Kritik an Israel immer als Antisemitismus interpretiert wird“, schrieb der Herausgeber der Zeitung Bart Eeckhout.

Dieser Vorfall folgte auf die Nachricht, dass die belgische Staatsanwaltschaft beschlossen hatte, einen Cafébesitzer, der 2014 ein Schild mit der Aufschrift „Hunde dürfen hereinkommen, Juden sind jedoch nicht gestattet“ an seinem Fenster aufgehängt hatte, nicht zu verfolgen. Laut Rubinfeld wurde der Fall fallen gelassen, weil die jüdische Gemeinde ein Angebot abgelehnt hatte, die Anklage gegen eine Entschuldigung einstellen zu lassen.

„Vor kurzem gab es eine Anhäufung antisemitischer Fälle, in denen die Reaktion genauso besorgniserregend war wie das ursprüngliche Problem“, sagte Menachem Margolin, Direktor der in Brüssel ansässigen European Jewish Foundation. „Es besteht die Sorge, dass die Akzeptanz des Antisemitismus hier in Belgien ungewöhnliche Fortschritte macht.“

Nicht alle Beispiele sind neu

2016 sagte ein belgischer Schuldirektor, er sei „stolz“, dass einer der Lehrer einen Preis bei einem Holocaust-Cartoon-Wettbewerb im Iran gewonnen habe. Luc Descheemaeker war der Gewinner des zweiten internationalen Holocaust-Cartoon-Wettbewerbs in Teheran, für eine Zeichnung mit den Worten „Arbeit Macht Frei“ über einer Mauer mit Wachposten – vermutlich ein Vergleich zwischen Israels Sicherheitszaun in Judäa und Samaria und den Toren in Auschwitz.

Inmitten eines internationalen Sturms von Verurteilungen, verdoppelten die Schul- und Kommunalbehörden in Descheemaekers Stadt Torhout ihre Unterstützung für ihn. Der Bürgermeister nannte Descheemaeker einen „Kulturbotschafter“.

Ein weiterer Fall ereignete sich 2017, als ein Anwalt der belgischen Antirassismusbehörde einen arabischen Mann verteidigte, der wegen Hassrede und wegen Aufforderungen zur Ermordung von Juden verurteilt wurde. Der Anwalt sagte, die Verurteilung sei „verzerrte Gerechtigkeit statt wahre Gerechtigkeit“.

In jüngerer Zeit verteidigte das Flämische Gebärdensprachenzentrum die Aufnahme von Gesten einer Hakennase und Seitenlocken in sein visuelles Wörterbuch, als akzeptable Definitionen für das Wort „Jude“.

„Es mag 2019 als abwertend angesehen werden, aber diese Gesten … waren nicht als Beleidigung gedacht“, heißt es in einer Erklärung.

In anderen Teilen Westeuropas kommt es ziemlich regelmäßig zu Äußerungen darüber, was jüdische Mainstream-Organisationen als Antisemitismus betrachten. Aber die Verantwortlichen verteidigen sie selten oder überhaupt nicht.

In den benachbarten Niederlanden beispielsweise entschuldigte sich der BNNVARA-Sender in der vergangenen Woche dafür, dass ein Anrufer vier Minuten lang gegen das „Geldraub-Judentum“ protestiert hatte, das „vernichtet werden muss“. 2014 entließ das niederländische Justizministerium einen Projektmanager der gesagt hatte, der Islamische Staat ISIS sei „Teil eines Plans von Zionisten, die absichtlich versuchen, den Namen des Islam zu verunglimpfen“.

Im August entschuldigte sich der norwegische öffentlich-rechtliche Sender NRK für die Ausstrahlung eines Cartoons, in dem ein Scrabble-Spieler das Wort „jüdische Schweine“ formt. In Frankreich hat ein Sender im vergangenen Jahr die muslimische Sängerin Mennel Ibtissem aus einer Sendung gestrichen, nachdem 2014 bekannt wurde, dass Sie twitterte, dass Israel ein „illegaler und unheimlicher Staat“ sei.

Und in Großbritannien haben Vorwürfe des Antisemitismus das öffentliche Image der Labour Partei unter dem Vorsitzenden Jeremy Corbyn schwer verletzt. Führer der jüdischen Gemeinde und andere haben Corbyn, der Hamas und Hisbollah als seine Freunde bezeichnet hat, unter anderem kontroverse Äußerungen über Juden und Israel vorgeworfen und den Antisemitismus zu fördern.

In einer 2015 durchgeführten Anti-Defamation League-Umfrage unter Hunderten von Befragten in mehreren westeuropäischen Ländern wies Belgien eine der höchsten Antisemitismusraten auf, wobei etwa 21 Prozent der Befragten das ausdrücken, was die ADL als antisemitisch ansieht. In Frankreich, Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, Norwegen und Schweden lag die Quote unter 17 Prozent.

Yohan Benizri, der Präsident der CCOJB-Gruppe, die französischsprachige belgische Juden vertritt, sagte, die öffentliche Reaktion in Belgien auf Antisemitismus sei in der Tat bescheidener als in einigen anderen westeuropäischen Ländern – nicht, weil Belgien ein einzigartiges Antisemitismusproblem hat, sondern wegen kultureller Normen, die möglicherweise der Geschichte ethnischer Spannungen zwischen der französischen und der flämischen Bevölkerung Belgiens geschuldet sind.

Daniel Rozenberg, ein Mitglied der Stalingrader Synagogengemeinde in Brüssel, stimmte dem zu. Während viele belgische Juden es vermeiden, aus Angst vor Angriffen öffentlich als Juden identifiziert zu werden, fühlen sie sich nicht unsicherer als Juden in Ländern mit einem besseren Ruf für die Bekämpfung des Antisemitismus.

„Ich denke, die Probleme in Belgien sind letztendlich gar nicht einzigartig, sondern Teil eines größeren Problems, bei dem Juden durch das Prisma Israels untersucht werden und bei dem die Massenmedien zu einem Mittel geworden sind, um diesen Hass zu verbreiten“, sagte er.

Von Cnaan Liphshiz (JTA)

Übersetzung: IN-Redaktion

 

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Von am 04/10/2019. Abgelegt unter Europa. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Sie knnen eine Antwort oder einen Trackback zu diesem Eintrag hinterlassen

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