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Esther Scheiner: Leben auf der Insel

Ein Morgen wie jeder andere. Der Himmel wölbt sich in azurnem Blau. Die Blüten an den «drei Grazien» hinten im Garten sind schon wieder grösser geworden. «Drei Grazien», so nenne ich die drei Bäume, die jetzt im Frühling zarte lilafarbene Blüten tragen. Noch vor zwei Wochen waren die Zweige völlig kahl. Dann haben sie begonnen, zu spriessen. Ganz zart zunächst. Im Licht des Vollmondes haben sie ausgesehen, wie feine Pinsel, die von Tag zu Tag grösser wurden. Zarte grüne Blattpinsel vor dem fast schwarzen Nachthimmel. Nach den Blüten werden die Früchte kommen. Zarte Fruchtdolden. Erst im kommenden Spätherbst werden die kleinen Beeren reif sein. Dann kommen die Papageien, Halsbandsittiche. Die Männchen mit ihren namensgebenden schwarzen Halsbändern. Kopfüber werden sie in den Zweigen hängen und die Beeren abnehmen.

Die Zeit der Beeren ist für heuer vorbei. Manchmal schaut noch ein Papagei vorbei, sitzt für ein paar kurze Sekunden auf einem leergefressenen Ast, ruft mir seinen Morgengruss zu, so scheint es, und fliegt weiter.

Alles ist wie immer. Ein Tag im März des Jahres 2020.

Alles hatte wie immer begonnen.

Die kommenden Wochen waren organisiert. Noch wenige Tagen, nur zwei knappe Wochen, dann sollte es wieder losgehen. Die Feiertage standen bevor, Pessach, an denen sich Familien treffen. An Pessach gedenken wir unserer Befreiung aus dem ägyptischen Exil, aus der jahrelange Versklavung. Seither sind wir ein freies Volk. Selbstbewusst und eigenverantwortlich.

Alles war geplant, Pessach 2020 in Zürich, mit unserer Familie.

Das Menü war festgelegt, das Fleisch vom Koscher-Metzger in Zürich gekauft, lagerte im Tiefkühler bei Minus 18°C.

Es ist nicht einfach, so lange im Voraus zu planen, wenn man auf einem anderen Kontinent lebt. Nicht einfach, aber machbar.

Wieviele Gäste erwartet man? Welche Menüfolge soll es sein? Gibt es Vegetarier? Veganer? Irgendwelche Allergien?

Gibt es genügend Teller, Besteck, Gläser, Platten Schüsseln, Schalen? Ist ein Rechaud mit genügend Kerzen vorhanden?

Die Vorbereitungen vor Pessach sind nie einfach. Nirgendwo im Haus darf sich ein Krümel von «Chametz» befinden, kein Brot, keine Teigwaren, keine Hülsenfrüchte, kein Bier, kein Whisky.

Und dann plötzlich waren alle unsere Planungen, Bemühungen, Überlegungen völlig vergebens.

Nicht, dass sich das nicht angekündigt hatte.

Bereits am 24. Januar hatte es eine generelle Reisewarnung seitens des israelischen Gesundheitsministeriums für China gegeben.

Schon am 31. Dezember 2019 hatte die Millionenstadt Wuhang über 44 Fälle berichtet, die an einer bisher unbekannten Erkrankung der Lungen litten. Laut Berichten der WHO waren die Erkrankten Verkäufer auf einem illegalen Markt in Wuhang. Dort wurden Murmeltieren, Vögel, Ratten, Fledermäuse und Schlangen verkauft. Am 20. Januar veröffentlichte ein chinesisches Forscherteam neue Erkenntnisse. Diese liessen Rückschlüsse auf die vor 18 Jahren grassierende SARSr-CoV Epidemie zu und vermutete als Virenträger Fledermäuse. Zu diesem Zeitpunkt gab es 198 klinische belegte Fälle mit drei Todesfällen.
Ein Name fehlt in der Liste der Forscher. Dr. Li Wenliang hatte am 30. Dezember seine Kollegen – er selber war Augenarzt – vor dem möglichen Ausbruch einer Krankheit, die ihn an SARS erinnerte. Der private Aufruf, sich zu schützen, geriet in die falschen Kanäle. Er wurde gezwungen, eine Selbstanklage wegen Unruhestiftung und falschen Behauptungen zu unterschreiben. Anfang Februar infizierte er sich selber bei einem Patienten und verstarb am 7. Februar. Eine der letzten Kritiken, die er an die chinesische Regierung richtete, lautet: «Falls von offizieller Seite eher Informationen über die Epidemie veröffentlicht worden wären, bin ich sicher, dass es viel besser gewesen wäre. Es sollte mehr Offentheit und Transparenz geben»

EL AL entschied bereits am 30. Januar, sämtliche Flüge nach Peking einzustellen. Am 9. Februar wurden alle Flüge nach Hong Kong eingestellt, am 3. März folgte Bangkok und Tokio. Bereits seit Ende Februar flog die Tochtergesellschaft Sun d’or die Ziele in Italien nicht mehr an.

Und trotzdem, auf einmal wurden wir überrascht.

Ab 5. März hatte die Lufthansa Gruppe, und damit auch die Swiss ihre Flüge nach Israel gestoppt. Unsere Tickets schienen auf einmal fast wertlos. Ein Lichtblick: EL AL übernahm die Flüge und damit auch die Tickets.

Ab 15. März gab es keine direkten Flüge mehr. Zunächst gab es noch Alternativen. Tel Aviv – Warschau – Zürich. Oder Tel Aviv – Paris und dann weiter mit dem TGV nach Zürich. Dann gingen die innereuropäischen Grenzen im Schengenland zu. Und das hiess für uns, nichts geht mehr.

Auf einmal war es klar: Wir leben auf einer Insel. Auf einer Insel ohne Verbindung zur Aussenwelt. Die Grenzen im Norden, Süden und Osten waren dicht. Lange schon. Seit Jahren. Eigentlich seit der Gründung unseres Staates. Nur die Grenze nach Westen war die, die immer offen war. Die über die Startbahn des Ben-Gurion-Flughafens Richtung Mittelmeer. Selbst in Kriegszeiten, und davon hatte es hier viele gegeben, war dieser Weg immer offen gewesen. Selbst heftiger Direktbeschuss aus Gaza im Jahr 2014 hatte nur zu einer Änderung der AN- und Abflugroute geführt. Auch die auf Tel Aviv abgefeuerten Scud-Raketen konnten 1991 keine Schliessung des Flughafens erzwingen. Bis heute, aber nun war auch der gesperrt.

Schiffe mit Personentransport gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr. Die letzten Personentransporte auf überfüllten Schiffen gab es zu Zeiten der grossen Einwanderungswellen. Manchmal mit Duldung der Briten. Einige Einwanderer hatten weniger Glück und wurden nach Zypern in Auffanglager geschickt. Immer aber waren es Einwanderer, die es als grosses Glück empfanden, wenn sie morgens bei der Einfahrt nach Haifa die Hügel des Carmel Gebirges im Dunst erkennen. Moderne Einwanderer, Touristen auf ihren Kreuzfahrtschiffen, können heute bereits lange vor ihrer Ankunft die Gärten des Bahá’í bewundern.

Wir wollten aber auswandern. Nun ja, nicht wirklich, aber immerhin ausreisen. Stattdessen leben wir seither auf einer Insel.

Und nicht nur das. Die Insel, die uns allen zugestanden wurde, ist sehr, sehr klein.

Erstmals wurde mir bewusst, dass ich mit 65 Jahren zu «den Alten» gehöre. Zu einer aussterbenden Spezies, die vor dem Corona Virus geschützt werden musste. Und die in die eigenen vier Wände verbannt werden musste. Die nicht krank werden durfte. Die keine Ansprüche mehr stellen durfte. Nicht mehr an das Gesundheitssystem, nicht mehr an die moralischen Werte der Gesellschaft. Die gefälligst nach dem Motto zu leben hatte: Schau, dass du daheimbleibst und gesund bleibst. Solltest du am Virus erkranken, wirst du ganz am Ende der Reihe derer stehen, die behandelt werden dürfen.

Die westlichen Länder verkündeten alle ohne Ausnahme, dass es viel zu wenig Intensivbetten gäbe, um alle Erkrankten zu betreuen, zu wenig Beatmungsgeräte, um den Schwerkranken zu helfen. Wir haben es geglaubt. Und doch, es gab nach einigen Wochen Zahlen, die belegten, dass es sowohl mehr als genug Intensivbetten gab und vor allem mehr als genug Beatmungsgeräte. Und wir begannen, die Informationen zu hinterfragen.

Wir haben uns bemüht, alles zu tun, um das Leben so gut wie möglich aufrecht zu erhalten. Wir haben versucht, es zu strukturieren. Morgens aufzustehen, zu frühstücken, Haus und Garten zu pflegen.

Den Einkauf über einen Lieferdienst zu organisieren. Die Lieferung einfach mit einem fröhlichen «Danke» zu quittieren, wenn der Fahrer klingelte, um mitzuteilen, dass er alles ablegt hatte. Es klaglos hinzunehmen, wenn die bestellte Ware nicht immer mit der gelieferten überbeinstimmte. Auch die Blumen für Schabbat werden pünktlich abgegeben, liebevoll von unserer bildhübschen Aviva im Blumengeschäft ausgesucht.

100 m laufen, die Masken stets vor Mund und Nase haben. Sich ärgern, dass Parks und Strände gesperrt sind.

Mittagspause, Nachmittags Café, Abendessen, Fernsehen.

Und dazwischen ganz viele Telefonate, WhatsApp und Mails. Irgendwann wird klar, diese uns aufgedrückte Isolation hat auch ihr Gutes. Wir kommunizieren viel und ausgiebig miteinander. Wir lassen uns einfach nicht unterkriegen!

Seit einigen Tagen dürfen wir Hoffnung schöpfen. Es scheint, als würde nun alles langsam wieder besser werden.

Und darauf hoffen, dass die Zahl der Genesenden die der Neuerkrankungen deutlich übersteigt. Dass die Zahl der Toten deutlich zurückgeht.

Darauf hoffen, dass wir irgendwann wieder von unserer Insel befreit werden.

Einer Insel, die soeben 72 Jahre alt wurde. Eine Insel, die wir lieben und die die einzige ist, die wir haben. Israel.

Von Esther Scheiner

Esther Scheiner ist Journalistin und Redakteurin der Israel Nachrichten. Sie lebt und arbeitet in Israel und der Schweiz.

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Von am 05/05/2020. Abgelegt unter „Während Israel nicht nur vom BDS boykottiert wird…“. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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