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Was das Exilblatt Deutsche Volkszeitung am 21. Februar 1937 noch schreiben konnte II. Folge

Auf Seite sechs trägt der Haupttitel die Überschrift: Rund um das III. Reich, und es folgt der Beitrag Ein „böhmischer Morgenritt?“ Gerüchte in Berlin – Eine Hetzrede des Landesverräters Jung; – Um die Verteidigung der Tschechoslowakischen Republik: Die fortgesetzte Hetze Berlins gegen die Tschechoslowakei lässt das Schlimmste befürchten. Der Pariser „Temps“ signalisierte die Möglichkeit einer baldigen Entladung Hitler-Deutschlands „nach dem Osten“. Seit dem Fall von Malaga sind die Nazis übermütig geworden. So wird uns von besonderer Seite, die sich schon wiederholt als gut informiert erwiesen hat, dass man in höheren SS-Kreisen offen von einem baldigen „böhmischen Morgenritt“ spricht, der allerdings den Reitern teuer zu stehen kommen könnte.

Jedenfalls handelt es sich bei allem, was auf der Propaganda-Linie gegen die tschechische Republik zur Zeit geschieht, um eine vorsorgliche Vorbereitung der notwendigen Kriegsstimmung, denn man kann, um mit Litwinow zu sprechen, keinen Krieg beginnen, ohne vorher das Kriegsziel genügend populär gemacht zu haben. Die tollste Leistung der vergangenen Woche auf diesem Gebiet – gewissermaßen artgemäß diesem Regime – war der „Sowjetflieger über Wien“. An anderer Stelle sagen wir dazu das Notwendige. Gleichzeitig trat der tschechoslowakische und sudetendeutsche Landesverräter Rudolf Jung, der Komplize des neugebackenen Oberregierungsrats Krebs, in Bayreuth mit einer neuen „Blinddarm-Rede“ auf.

Der Anlass war eine Grenzlandkundgebung des berüchtigten „Bund Deutscher Osten“. Jung, beschäftigt in der Antikomintern, führte nach dem Bericht der „DAZ“ vom 16. Februar unter anderem aus: „…er erinnerte an die Ausführungen Lord Rothermeres, der gesagt habe, dass der Name Tschechoslowakei irreführend sei, denn es gebe gar keine Tschechoslowaken“. Das tschechoslowakische Volk setze sich aus Tschechen, Slowaken, Ungarn, Ukrainern und vor allem (!) aus Deutschen zusammen, die nicht in der Lage seien und auch gar nicht den Willen (!) hätten, ein gemeinsames Volk zu bilden. Die deutsch-tschechische Frage sei bis jetzt ungelöst geblieben.

Sie bestehe weiter in der Form: “ Hie Deutschland – hie Moskau, hie Nationalsozialismus – hie Bolschewismus (!)“ Und da wagte Hitler in seiner letzten Rede am 30. Januar andere zu beschuldigen, besonders die Emigranten, dass sie Brunnenvergiftung treiben. Sind die Ausführungen Jungs nicht eine einzige freche Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates und übelste Brunnenvergiftung? Und ist es etwas anderes, wenn Ribbentrop glaubt, in London Vorschriften anbringen zu können, wie die Tschechoslowakei ihre Beziehungen zu ausländischen Mächten zu halten, welche sie zu brechen und welche sie zu vertiefen habe?

Und das in einem Augenblick, wo offen die unmissverständliche Forderung „den tschechoslowakischen Blinddarm auszuschneiden“ (Westdeutscher Beobachter) von Jung erneut erhoben wird. Dass solche Reden noch immer gehalten werden, sollte jeden vor der Täuschung bewahren, die warnenden Stimmen aus England an die Adresse Berlins und die Sympathiekundgebungen verantwortlicher Männer in London an die Adresse in Prag hätten die Abenteurer in Hitler-Deutschland sonderlich beeindruckt. Dann kennt man die im Kampf um die Macht im Lande bewährte Taktik der zeitweisen scheinbaren Zurückweichens, der Beschwörung der Legalität und des stoßweisen weiteren Vormarsches nicht, die nun die Nazis gegen die „parlamentarischen Angsthasen der Demokratie“ (Hitler, 30. Januar) auf dem europäischen Kampffeld in Anwendung bringen.

Die Prager Regierung hat aus der durch die Nazi-Hetze verschärften Lage die richtige Konsequenz gezogen, indem sie ihre militärische Bereitschaft verstärkte. Mehr noch: Das tschechoslowakische Volk ist bereit, seine Heimat zu verteidigen, aber man sollte ihm mehr Gelegenheit als bisher geben, ebenso würdig wie demonstrativ gegen gegen die Hitler-faschistischen Unverschämtheiten einheitlich aufzutreten. Nicht ungestraft kann ein Staat fortgesetzt seine Souveränität herabwürdigen lassen. Die Sache des ganzen Landes zur Sache des Volkes zu machen, und zwar in einem viel höheren Maße, als das im allgemeinen zu sein scheint. Das wäre die nationale Aufgabe einer Volksfront, gegen die sich aber leider in der CSR noch immer starke Kräfte sperren. Glaube niemand, dass man, um mit einem deutschen Dichter zu sprechen, „die Wut durch Güte kann entwinden“, in diesem Falle die fortgesetzten Herausforderungen des Hitler-Faschismus durch fortgesetzte „Nichteinmischung“ in die – eigenen Angelegenheiten.

Ein weiterer Artikel trägt den Titel: Henlein will Radau, keinen Ausgleich: Das innenpolitische Leben steht weiterhin im Zeichen der tschechisch-deutschen Ausgleichsverhandlungen. Jetzt ist man so weit, dass zunächst einmal die tschechischen Agrarier, Sozialdemokraten, Nationalsozialisten, Gewerbepartei und Volkspartei eine gemeinsame Front bilden wollen, der dann die Front der deutschen Koalitionsparteien gegenüberstehen soll. Nun erweist sich aber, dass man all diese Dinge im Rahmen der Ausgleichsverhandlungen schließlich nicht ganz ohne die Menschen machen kann, um die es geht, nämlich die Massen des Volkes. Es kommt jetzt bereits zu laufenden Kundgebungen, so in Eger, Karlsbad, Asch, Böhmisch-Krunau, Weipert, wo öffentliche Verhandlung, im Parlament, gefordert wird.

In früheren Jahren gab es den Koalitionsausschuss der großen „fünf“, „petka“, der alles unter sich ausmachte, und dem Parlament fix und fertig zur Annahme vorlegte. Man hört jetzt manches, und zwar in sehr ablehnendem Sinn von „petka“ zu reden. Das will das Volk nicht mehr erleben, die Mehrheit nicht und die Minderheiten auch nicht. In den Kundgebungen fordert man offen die Mitarbeit der Kommunisten bei den Ausgleichsverhandlungen. Die SdP, die hingegen zur Mitarbeit wiederholt aufgefordert war, zieht es weiterhin vor, abseits zu stehen und zu sabotieren. Als der Abgeordnete Gottwald auf der Karlsbader Kundgebung den anwesenden SdP-Funktionären in diesem Zusammenhang konkrete Fragen vorlegte, gab es zwar einen Wortschwall, in dem Konrad Henlein Sudetendeutschtum, Volkstum und andere leere Worte, neben der üblichen Schimpferei auf Moskauwitertum usw. nebst der Entrollung einer SdP-Fahne eine hervorragende Rolle spielten – besonders auf die bunte Fahne ist „Die Zeit“ sehr stolz – aber keine einzige Antwort auf das, was über Arbeitslöhne, Arbeitsbeschaffung, Landesverteidigung und so weiter ganz präzise gefragt worden war. Statt dessen gibt der Deutsche Turnverband, dessen Ehrenvorsitzender der frühere Turnwart Konrad Henlein ist, jetzt einen „Jugendjahrweiser“ für das Jahr 1937 heraus, in der die Jugend in Vers und Prosa zum Sterben und Verderben auf den Schlachtfeldern aufgefordert wird.

Ebenso auf der gleichen Seite steht klein gedruckt die Spalte „Man flüstert..!“

Gestern erzählte mir Kollege K.: General Mola hat bei dem Verteidigungskomitee in Madrid angerufen und gesagt: „Morgen trinken wir im Kasino bei Ihnen Kaffee.“ Der Verteidiger von Madrid antwortete: „Warten wir ab.“ Nach sechs Tagen rief das Verteidigungskomitee von Madrid bei Mola an und sagte: „Ihr Kaffee steht seit fünf Tagen hier, der ist aber inzwischen kalt geworden.“ (Aus dem Land.)

Ein Erwerbsloser wird auf das Arbeitsamt bestellt und dort wird ihm mitgeteilt, dass er Arbeit bekommt. Nach der Ausfüllung einiger Formulare fragt ihn der Beamte: „Sind Sie alter Kämpfer“? Ja, antwortete ihm der Erwerbslose, ich habe bei Verdun und bei… Der Beamte unterbricht ihn: „Nicht doch, ich frage Sie, ob Sie alter Kämpfer sind“? Der Erwerbslose: „Freilich bin ich das, ich war doch im Weltkrieg“! Der Beamte: „Ich habe Sie gefragt, ob Sie alter Kämpfer sind?“ Der Erwerbslose ganz verdutzt: „Ja, haben denn die von 1870-71 auch noch keine Arbeit?“

Die Kolonialfrage. In Deutschland flüstert man, dass die Regierung davon abstehen wird, die früheren afrikanischen und übrigen Kolonien in der heißen Zone zurückzufordern und als Kompensation Grönland verlangen wird. Das hauptsächlich, damit sie sowohl im Winter als auch im Sommer für die Winterhilfe einsammeln kann, was entschieden mehr einbringt als alle Kolonien zusammen. (Prager Montag.)

Von Rolf von Ameln

Rolf v. Ameln ist Buchautor, sowie IN-Korrespondent in Deutschland und Spezialist für Themen der Zeitgeschichte. Er schreibt seit 25 Jahren für die Israel-Nachrichten.

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Von am 31/05/2020. Abgelegt unter Spiegel der Zeit. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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