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Hagia Sophia, von der Römischen Reichskirche zu Erdogans Vorzeige-Moschee am Bosporus

Die Hagia Sophia, von der Römischen Reichskirche zu Erdogans Vorzeige-Moschee am Bosporus, ein Vehikel auf dem Weg zu Erdogans Anspruch, Leader der sunnitisch geprägten islamischen Welt zwischen Istanbul und Afrika und darüber hinaus zu sein, oder bald zu werden.

Die Hagia-Sophia-Moschee. Foto: screenshot

Am 10. Juli 2020 entschied das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei, dass diese von den Römern erbaute Kirche mit wechselvoller Geschichte, wieder als Moschee genutzt werden darf und Präsident Erdogan legte fest, dass das erste islamische Gebet am 24. Juli 2020 stattfinden soll. Damit endet die Epoche des seit 1935 als Museum fungierenden, rd. 1.500 Jahre alten Bauwerkes. Die salomonische Lösung des Jahrhunderte andauernden Streits, sichtbar in der wechselhaften Geschichte der Hagia Sophia (Sophien-Kirche) von der Römischen Reichskirche, Orthodoxen Kirche, Katholischen Kirche, Griechisch-Orthodoxen Kirche und islamischen Moschee, hat die Welt dem Gründer der Republik Türkei, Mustafa Kemal Atatürk und seinen tiefgreifenden Reformen zu verdanken. Nachdem 1922 das Sultanat und 1924 das Kalifat und die Scharia abgeschafft wurden, war es auch Zeit für eine Aussöhnung an der Grenze von Okzident (3% der Türkei) und Orient (97% der Türkei) und im Rahmen der Säkularisierung wurde dann auch die Hagia Sophia ein Ort der Aufarbeitung der Geschichte, insbesondere der Zeit von Kaiser Konstantin dem Großen, der Byzanz zu Nova Roma (neues Rom) um- und zur imperialen Hauptstadt ausbaute. Nach dessen Tod 337 n.Chr. wurde sie dann in Constantinopolis umbenannt und Hauptstadt des Byzantinischen Reichs. Erst ab 1932 setzte sich der Name Istanbul durch.

Verfolgt man die politische Entwicklung Erdogans vom Ministerpräsidenten bis zum Präsidenten der Republik Türkei sieht man erschreckend die fortschreitende Re-Islamisierung und der immer schneller stattfindende Rückbau der Reformen Atatürks. Man darf gespannt sein, wann in der Türkei die Scharia wieder Gesetzeskraft erlangt und die Türkei aus der Moderne zurück ins gesellschaftliche Mittelalter katapultiert wird.

Man könnte sich entspannt zurück lehnen und die Entwicklung abwarten, aber so einfach darf man es sich nicht machen. Die Türkei ist seit 1952 Mitglied der NATO und kann im Rahmen der nuklearen Teilhabe von den US-Streitkräften mit taktischen Nuklearwaffen ausgerüstet werden (alleine diese Tatsache tangiert die Sicherheitsinteressen Israels). Die Türkei ist G 20-Mitglied, seit 1999 EU-Aufnahme-Kandidat, Mitglied von UNO und OECD und aktiver Player in den Turkstaaten  (Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan,  Usbekistan,  Türkei  und Turkmenistan).

Spätestens seit 1974, mit der türkischen Besetzung von Nord-Zypern sollte der internationalen Staatengemeinschaft klar geworden sein, dass die Türkei eigene Ziele als Regionalmacht hat und diese auch durchsetzen will. Dass man sie gewähren lässt ist mit der strategischen Lage erklärbar. Damals an der Schnittstelle zur UdSSR und heute nicht minder wichtig zu Russland.

Der Dauerkrieg gegen kurdische Autonomie-Bestrebungen von Anatolien über den Nord-Irak bis Nord-Syrien (der kurdische Teil des Iran wird militärisch nicht angetastet) dauert faktisch bis heute an und gipfelte jüngst in der Schaffung einer „Pufferzone“ zwischen der Türkei und Syrien von der eigentlichen geographischen Grenze bis zum Euphrat. Dabei geht es nicht um Flüchtlinge und irgendwelche humanitären Gründe wie man uns gerne weismachen will, sondern es geht ganz klar um eine Zurückdrängung der im Kampf gegen den IS äußerst erfolgreichen Peschmerga, den Streitkräften aus der Autonomen Region Kurdistan. Erdogan befürchtet sehr zu recht, dass die militärischen Erfolge der kurdischen Streitkräfte in Anatolien Schule machen und den verächtlich genannten Berg-Türken Selbstvertrauen in ihren Autonomie-Bestrebungen schenken könnte.

Wirtschaftlich hat die Türkei für Europa und Nah-Ost eine Schlüsselrolle. Spätestens mit der Einweihung der das Schwarze Meer querenden russischen Erdgas-Pipeline „Turk-Stream“ ist die Türkei für Europa von existenzieller Bedeutung bei der Energie-Diversifikation geworden, zumal die von den USA blockierte „Nord-Stream“-Pipeline durch die Ostsee auf ihre Fertigstellung wartet, auch wenn nur noch 300 km bis zur deutschen Endstelle in Vorpommern fehlen. Hinzu kommt, dass die Türkei Wasser als strategische Waffe einsetzt und einen regelrechten Trinkwasser-Krieg gegen Syrien und den Irak führt, befördert von dem Wassermangel in Euphrat und Tigris.

Mit Israel hat die Türkei seit Ariel Sharon umfangreiche Lieferungen an Frischwasser vereinbart (50 Millionen m³/a [etwa 1 US-Dollar /m³] für den Zeitraum von 20 Jahren) und bezieht im Gegenzug israelische Militärtechnik. Ein Deal, der Erdogan nicht hindert, massiv gegen Israel vorzugehen, als die USA grünes Licht gaben, Jerusalem als Hauptstadt des jüdischen Staates anzuerkennen und deren Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Auch die jüngsten verbalen Angriffe, begleitet von militärischen Drohgebärden, gegen Israel im Zusammenhang mit der israelischen Erdgasförderung im Mittelmeer sind nicht leeres Gerede eines „modernen Kalifen“ vom Bosporus, sondern ernst zu nehmendes Säbelrasseln das die existenziellen Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen Israels tangiert.

Seit jüngstem investiert die Türkei ganz offen in Form von Waffenexporten nach Libyen.
„Die VAE,  Ägypten und Jordanien unterstützen in dem Konflikt Chalifa Haftar aus dem Osten des Landes, die Türkei die Regierung von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch in Tripolis im Westen.“ [dw.com]

Seit geraumer Zeit will Erdogan der Türkei noch größeres Gewicht verleihen, den verblichenen Glanz des vergangenen Osmanischen Reichs wiederherstellen und als Leader der muslimischen Welt wahrgenommen werden.

„Der türkische Staatschef will die muslimische Welt vor dem „Zerfall“ retten – und ein moderner Kalif sein. ..Nach Meinungen von Experten ist die Türkei selbst nicht ganz unschuldig an solch einem Zerfall. Sie soll sunnitische Extremistengruppen im Irak und in Syrien zumindest indirekt unterstützt haben, um das syrische Assad-Regime und die Kurden in beiden Ländern zu schwächen, während die iranische Führung Assad und die irakischen Streitkräfte unterstützt, teilweise mit eigenen Truppen….Mit anderen Worten, die Türkei und der Iran kämpfen über Stellvertreter gegeneinander – was aber beide Seiten nicht davon abhielt, während Erdogans Besuch in Teheran eine Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen zu vereinbaren und mit gesalbten Worten den Frieden zu beschwören, vor allem im Jemen.“[welt.de]

Jetzt erscheint das Ende des Weltkulturerbes Hagia Sophia als Museum und seine Umwidmung als neue Moschee am Bosporus mit weltweiter Wirkung in anderem Licht. Erdogan brauchte ein großes Signal an die muslimische Welt. Nach der Al-Haram- Moschee in Mekka, der Propheten-Moschee in Medina, der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem, der Hassan II.-Moschee in Casablansa und anderen großen Moscheen (in Rom, Grosny, Kasan, Moskau) wird nun in Istanbul mit einer atemberaubenden Moschee das Ranking in der muslimischen Welt neu definiert. Es geht nicht nur um ein wieder belebtes Gotteshaus, es geht um eine globale Machtdemonstration gegenüber 1,5 Milliarden Muslimen und gegen die EU, die eine Scharade gegen die Türkei als EU-Aufnahmekandidat vom ersten Tag an betreibt und Ankara an der langen Leine führen will statt klar zu sagen, dass dieses Thema beendet und das bereits gezahlte Geld in hoher Millionen-Höhe in den Sand gesetzt wurde. Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft wird an diesem Thema nicht rütteln, zu viele andere „Baustellen“ sind aktuell und ganz Europa braucht massive Finanzmittel um aus der Corona-Krise zu kommen.

Die Entrüstung in der westlichen Welt ist groß und dennoch hat Erdogan keine negativen Folgen zu befürchten, nicht aus Deutschland, nicht aus der EU und ebenso wenig von Seiten der VN. Mit dem s.g. „Flüchtlings-Deal“ vom 18.03.2016 haben sich Deutschland und die EU erpressbar und die Türkei mit einem Millionenfachen Flüchtlings-Faustpfand unantastbar gemacht. Das Drohpotential hat Erdogan erst unlängst deutlich gemacht, indem er eine kleine Welle aus türkischen Flüchtlingslagern an die griechische Grenze rollen ließ. Zugleich hat er die Zerrissenheit der EU in der Flüchtlingsfrage erneut deutlich werden lassen. Jeder hatte die Bilder von 2015 vor Augen, als über 1 Million Flüchtlinge quer durch Europa gen Norden zogen und die EU wegen der fehlenden einvernehmlichen Verteilung in die EU-Staaten kurz vor dem politischen Kollaps stand. Gleichzeitig wurden mit dieser Aktion der Türkei die immer noch existierenden Grenzen der EU-Grenzschutz-Agentur „Frontex“ aufgezeigt und die gesamte EU in ihrer diesbezüglichen Handlungs-Agonie vorgeführt.

Der 24.07. 2020, wenn nach 85 Jahren wieder Muslime in der Hagia Sophia beten, wird mehr als ein Datum und ein Tag im Kalender sein, es wird für Erdogan ein neues imperiales Kapitel aufgeschlagen werden.

Von Gerhard Werner Schlicke

Herr Schlicke ist Autor und Freier Mitarbeiter bei den Israel-Nachrichten, er lebt und arbeitet in Deutschland.

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Von am 30/07/2020. Abgelegt unter Naher-Osten. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Sie knnen eine Antwort oder einen Trackback zu diesem Eintrag hinterlassen

Ein Kommentar zu: Hagia Sophia, von der Römischen Reichskirche zu Erdogans Vorzeige-Moschee am Bosporus

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