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Esther Scheiner: Leben auf der Insel – Teil II

Am Freitag wurde ich 66 Jahre jung.

Am gleichen Tag wurde «Enkel Nr 1», Jeremy 18 Jahre jung. Gestern setzte unsere Tochter Tali den Geburtstagsreigen fort, zeitgleich mit Nichte Sharoni. Die beiden sind nur ein Jahr voneinander getrennt.

Wir können nicht gemeinsam unseren Geburtstag feiern, weder hier, noch in Europa. Seit gestern befinden wir uns im zweiten, diesmal noch schärferen Lockdown.

Es tut mir weh, hören zu müssen, wenn Yannick, Enkel Nr. 4, uns zum widerholten Mal fragt, wann wir endlich wieder nach Zürich kommen.

Wir werden wieder auf einer Insel leben.

Die letzten Wochen waren, na ja, nennen wir es abwechslungsreich.

Während einer unglaublich kurzen Zeit habe ich ein «Blue toe» Syndrom entwickelt, das meinen linken grossen Zeh innerhalb von Tagen die Farbe von schweinchenrosa zu dunkelrot/dunkelblau wechseln liess.

Die Einlieferung im Hadassa Spital in Jerusalem fand recht schnell statt, die notwendige OP, es sollte ein Stent gesetzt werden, wurde auf Grund einer Nickel-Allergie verschoben. Die OP fand vier Tage später statt und verlief ohne Probleme. Drei Tage später wurde ich entlassen. Also, alles in allem ein zehntägiger Krankenhausaufenthalt.

So sah ein „normales“ Frühstück aus, die Tomate und der Pfirsich waren steinhart

Wer immer vom phantastischen israelischen Gesundheitstourismus schwärmt, ich kann ihn nur bitten, alles, von dem er zu träumen scheint, zu vergessen. Es ist schlimmer, viel schlimmer, als man sich es denken kann! Die Zimmer sind ok, solange man sie für sich allein hat. (Ich hatte das unglaubliche Glück bis auf eine Nacht und zwei halbe Tage allein zu sein!) Die Mahlzeiten sind mehr als dürftig, selbst bei niedrigsten Ansprüchen. Offensichtlich rechnet man damit, dass jeder Patient von einem Verwandten begleitet, oder zumindest regelmässig von ihm besucht und mit Nahrung versehen wird. Ringsum wird geschmaust und

Und das ist das „liebevoll“ zubereitete Abendessen

getrunken. Es ist eine wahre «Freude»! Ich musste mich allerdings mühsam auf den Weg in die angeschlossene Einkaufsmeile machen, um mich zumindest mit Sodawasser zu versorgen. Und, ich gestehe es, mit einem vegetarischen Sandwich!

Entlassen wurde ich mit der Aufforderung, mich nach zwei Wochen wieder in der Praxis in Haifa vorzustellen.

Zu der Zeit hatte bereits die zweite, weitaus gefährlichere Corona Welle in Israel begonnen. Unser PM verkündete mantraartig, ab der Überschreitung von 2.000 Neuerkrankungen pro Tag das Land wieder in den Lockdown zu schicken. Diese Zahl wurde schnell erreicht. Doch Jerusalem blieb still. Nichts geschah. Ausser, dass man dort das tat, was man in den letzten Wochen und Monaten am besten zu tun verstanden hatte: Nachzudenken und zu überlegen, oder besser zu streiten, über was man nachdenken könnte. Die Regierung erwies sich immer mehr als ein Haufen von unfähigen Personen, die entweder über etwas sprachen, von dem sie keine Ahnung haben, oder versuchten sich mit politischen oder wirtschaftsfreundlichen Gefälligkeiten auf ihren Stühlen zu halten. Es gab keinerlei klare Entscheidungen. Es gab keine nachvollziehbaren Informationen. Es gab nur das seit Monaten bekannte Hin und Her. Eine verantwortungsvolle Politik und Regierung sieht anders aus!

Wir waren auf der Suche nach einer dringenden Weiterbehandlung meines Zehs, der zwar gute Fortschritte gemacht hatte, aber noch einige Behandlungen erforderlich machte. Der behandelnde Arzt schlug vor, diese ambulant im Hadassa Spital fortzusetzen. Nach Monaten der Isolation in unserem Haus nahmen wir die Gelegenheit wahr, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und buchten für eine Woche in unserem Lieblingshotel in Jerusalem. Von dort ist es eindeutig einfacher, morgens mit dem Taxi ins Spital und nach der Behandlung wieder zurück zu fahren und doch einige entspannte fast Ferientage dort zu verbringen.

Die Idee war gut, wir konnten sogar liebe Freunde zu einem Abendessen im Restaurant treffen und genossen noch ein erholsames Wochenende. Das Hotel hielt sich vorbildlich an alle Hygienevorschriften. Obwohl, einen Anachronismus gab es, als uns am Schabbat Mittag der Mitarbeiter vor dem Eingang die obligatorische Messung des Fiebers verweigerte. «Ich bin religiös und darf den elektronischen Fiebermesser nicht benutzen. Bitte benutzt den Automaten hinter der Türe!» Kein Problem, aber es war seltsam, dass seine technische Ausstattung der der Wochentage entsprach: Handy, Waffe, Abwehrspray……

Doch dann kam die nächste erschreckende Meldung. Ab dem darauffolgenden Freitag, also ab Vorgestern, sollte das Land wieder in den Lockdown gehen. Zum zweiten Mal in diesem Jahr und angeblich noch strikter als im Frühjahr.

Für mich hiess das: Keine weiteren Behandlungen mehr in Jerusalem.

Und nun begann die Suche nach Alternativen. Wo immer wieder auch anfragten, es gab entweder keine Antwort (Rambam/Haifa, Laniado/Netanya, Elisha/Haifa), oder es gab diese Behandlung noch nicht (Herzliya), oder ich wurde, obwohl ich mich als Touristin anmelden wollte als Israelin erkannt und abgewiesen (Rambam international), oder man verlangte eine vorhergehende stationäre Einweisung (Hillel Jaffe/Hadera). Ein privates Aerztehaus in Hadera hüllte sich ebenfalls in Schweigen. Selbst der Hinweis darauf, auch sehr gerne als Privatpatientin die Behandlung zu bezahlen, öffnete keine Türe.

Ich spielte sogar die Möglichkeit durch, nach Zürich zu fliegen und dort die Behandlung fortzusetzen. Das wäre sicher eine der einfachen Möglichkeiten gewesen, wenn ich dort nicht zuerst in eine zehntägige Quarantäne hätte gehen müssen. Na ja, immerhin, in den eigenen Wänden mit Blick auf den Uetliberg! Es war aber nicht die Quarantäne, die mich zögern liess, sondern die Angst, mich einen ganzen Tag einer nicht abschätzbaren und unvermeidlichen Ansteckungsgefahr auszusetzen.

Mittlerweile hat unsere Krankenkasse sich, nach anfänglichen Verzögerungen, die mich fast meinen Zeh gekostet hätten, bemüht. Ich kann nun, interessanterweise beim Gefässchirurgen, der auch im Aerztehaus in Hadera arbeitet, mit der Behandlung beginnen.

Allerdings befinden wir uns mitten im Feiertagsmodus zwischen Rosh Hashana und Sukkot. Das geflügelte Wort bei allen Aktivitäten heisst hier: lifnei ha chagim (vor den Feiertagen) oder acherei ha chagim (nach den Feiertagen). Und für mich heiss das in meinem Fall, nach den Feiertagen.

Der letzte Grosseinkauf in Mahane Yehuda, der Markt ist jetzt geschlossen

Seit vorgestern befindet sich das Land im Lockdown. Die zuständigen Behörden haben beschlossen, dass wir uns – welch Zugeständnis – in einem Umkreis von 1000m von unserem Haus bewegen dürfen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Zunächst gelten die Vorschriften bis zum 10. Oktober, allerdings spricht man jetzt bereits von einer Verlängerung.

Physiotherapien sind mittlerweile als «ärztliche» Behandlungen anerkannt. Sie dürfen also weiter stattfinden. Im Frühling war das nicht der Fall. Meine Therapeutin hat mir eine entsprechende Bestätigung des Gesundheitsministeriums übermittelt, die ich bei Bedarf der Polizei vorzeigen kann.

Auch unser Obst- und Gemüsemarkt darf weiterhin geöffnet bleiben. Ich bin gespannt, ob uns beim nächsten Besuch eine Streife anhalten wird.

Lebensmittel gibt es weiterhin vom Kibbuzlädele. Das klappt wunderbar, wenn die Lieferungen auch manchmal eine gewisse Flexibilität erfordern. Nicht immer entspricht das Gelieferte auch wirklich der Bestellung.

Der ehemalige unfähige Gesundheitsminister Yaakov Litzman, der zuletzt als ebenso unfähiger Minister für Bau- und Wohnungswesen in der Knesset sass, trat aus Protest zurück. Er wollte die notwendigen Massnahmen im Kampf gegen Corona nicht akzeptieren. Diese hätten vor allem die Ultraorthodoxen darin gehindert, während der Feiertage und vor allem am morgigen Yom Kippur ihre Gottesdienste traditionell in den Synagogen abzuhalten. Fast alle anderen Gemeinden haben sich bemüht, alternative Möglichkeiten zu suchen. Und sie auch zu finden. Die Gottesdienste finden in Parks oder sogar auf Parkplätzen statt. Und wie gefordert, in kleinen Gruppen.

Das klingt doch eigentlich alles so, als wäre es bestens geplant und organisiert!?

Leider nein. In Jerusalem streiten sich die Koalitionsparteien Likud und Blau/Weiss darüber, ob die Demonstrationen, die seit Monaten gegen Netanyahu laufen, weiter abgehalten werden dürfen, oder wie man die Teilnahme beschränken kann. Das ist doch lächerlich!!

Für mich sind Demonstrationen ein klarer Ausdruck von demokratischer Meinungsfreiheit. Aber in diesem Fall müssen sie auf eine andere Ebene gebracht werden, um die Ansteckung von Tausenden zu verhindern. Wir sassen heute vor zwei Wochen auf unserer Hotelterrasse in Jerusalem und konnten die Gesänge, Pfiffe und die Musik hören, die von der Balfour Street, dem Sitz des PM zu uns herüberschallten. Und über allem, am nachtblauen Himmel schwebte ein Fesselballon, der die Ansammlung der Demonstranten filmte. Die Demonstrationen müssen beendet werden! Sie sind Hotspots, die nicht in den Griff gebracht werden können.

Auch gestern Abend gingen die Unbelehrbaren wieder zu Tausenden auf die Strasse. Ganz so, als gälten die strengen Richtlinien – es dürfen nur maximal 20 Personen an einer Demonstration teilnehmen – nicht für sie. Diese Demonstrationen bewirken nichts. Sie arten immer mehr zu laustarken Happenings aus. Das zeigte auch das gemeinsame «feierliche» Abendessen am Neujahrsabend. Man sass an langen Tischen fröhlich feiernd auf den Gehsteigen vor der Residenz des PM. Für mich war das nichts anderes, als pure Idiotie und hatte mit einer politischen Demonstration nichts zu tun.

Die grosse Party am Abend von Rosh Hashanah

Seit vorgestern ist auch nicht mehr ganz klar, wer noch ausreisen darf. Man sagt, dass alle die vor Freitag 14 Uhr ein Ticket gekauft haben, auch fliegen dürfen. Irgendwie klingt das doch idiotisch, welche Airline wird mit einer Minimalauslastung noch fliegen?

Israel wird wieder eine Insel werden.

Wir müssen uns einrichten in unserem Kokon. Wir sind wieder so weit, wie wir im Frühling waren.

Nein, falsch, wir befinden uns in einer weitaus schlimmeren Situation. Die Zahl der Infizierten pro 100.000 liegt mittlerweile an 6. Stelle weltweit. Israel eine Gesundheitsfalle geworden. Ein Ende der schrecklichen Pandemie ist nicht absehbar.

Schuld an diesem Desaster ist unsere Regierung, die uns selbstherrlich in die Katastrophe geführt hat, schuld daran ist unser PM, der nicht verstehen will und kann, dass er den falschen Stimmen folgt.

Ich kann nur hoffen, dass Covid-19 uns irgendwann aus seinen Klauen entlassen wird.

Von Esther Scheiner

Esther Scheiner ist Journalistin und Redakteurin der Israel Nachrichten. Sie lebt und arbeitet in Israel und der Schweiz.

 

Von am 29/09/2020. Abgelegt unter „Während Israel nicht nur vom BDS boykottiert wird…“. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.

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