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„Orte gegen das Vergessen“ im Kreis St. Wendel

 Im Kreis St. Wendel erinnern in sieben Orten Plätze an ehemalige in der Nazizeit ermordete jüdische Mitbürger. In St. Wendel wurde der Eugen Berl Platz unter Teilnahme der Verwandten des Namensgebers aus Israel eingeweiht.

Nachdem im letzten Jahr die Landeshauptstadt Saarbrücken einen zentralen Platz nach dem ehemaligen Rabbiner Schlomo Rülf benannt hat, zieht der Kreis St. Wendel als erster Kreis im Saarland jetzt nach und benennt in Orten, wo ehemals Juden gewohnt haben, z Bsp. in Tholey, Sötern, Gonnesweiler, Oberthal, St. Wendel und Baltersweiler, Plätze nach diesen ehemaligen jüdischen Mitbürgern.

Die Stadt St. Wendel hat am 28. April einen Platz nach dem 1870 in Merzig geborenen St. Wendeler Juden Eugen Berl (1870-1936) benannt. Die jüdische Familie Berl war eine hoch angesehene Familie in der Kreisstadt St. Wendel, sie betrieb in der Schloßstraße ein Textil-Ladengeschäft mit zeitweise 8 Angestellten, es gehörte zu den größten der Kreisstadt. Eugen Berl war voll in das St. Wendeler kulturelle und politische Leben integriert.

Ausstellungsplakat über Eugen Berl. Foto: Bodo Bost

Ausstellungsplakat über Eugen Berl. Foto: Bodo Bost

Nach einer Zwischenstation in Köln war Eugen Berl Anfang des 20. Jahrhunderts nach St. Wendel gekommen wo er in erster Ehe Marianna Ermann heiratete. Aus der Ehe stammen zwei Kinder: Irma (1900-1942 im Ghetto Lublin) und Max (1902- 1969 in Israel) Max flüchtet im Juli 1933 ins damalige Palästina. Nach dem Tode seiner ersten Frau 1919 heiratete Eugen Berl in zweiter Ehe Erna, geborene Herz, die aus Mainz stammte. Aus dieser Ehe ging 1925 der Sohn Friedrich Bernhard, genannt Fritz, hervor.

Eugen Berl war 1919 an der Gründung des SPD-Ortsverein St. Wendel beteiligt und später lange Jahre Stadtrat und zeitweise auch SPD Vorsitzender. Ab 1921 bis zu seinem Tode 1936 war er der letzte Vorsitzende der jüdischen Synagogengemeinde des Kreises St. Wendel und 1920 hatte er schon durch seinen Antrag mit dazu beigetragen, dass die St. Wendeler Gemeinde die Korporationsrechte erhielt. Eugen Berl war aber nicht nur durch seine politischen Aktivitäten und seine Aufgaben in der jüdischen Gemeinde bekannt und angesehen, sondern auch durch sein kulturelles Wirken, das weit über den Kreis St. Wendel hinausging. 1902 wurde auf seine Initiative hin der Musik- und Gesangverein MGV Orphea 1902 gegründet, dessen musikalischer Leiter und Dirigent er bis 1930 war. Daneben war er noch Dirigent des Arbeitergesangvereins „Bruderbund“ und half, obwohl Jude, bei Bedarf als Orgelspieler in der katholischen St. Wendeler Basilika aus. Seit 1903 arbeitete er im Vorstand des Saar-Sängerbundes mit.

Eine Ausstellung des Adolf Bender Zentrums erinnert an das Schicksal der Familie Berl. Foto: Bodo Bost

Eine Ausstellung des Adolf Bender Zentrums erinnert an das Schicksal der Familie Berl. Foto: Bodo Bost

Aber Mitte des Jahres 1933 begann der allmähliche Umschwung im Umgang mit der jüdischen Minderheit, auch in St. Wendel. Ende März 1934 legte Eugen Berl unter dem Eindruck der immer stärkeren Einflussnahme der antisemitischen „Deutschen Front“ unter Führung der Nationalsozialisten freiwillig sein Stadtratsmandat nieder, im Oktober.1934 verlor er auch sein Amt als Schiedsmann.

Schon kurz nach Ablauf der Schutzfrist für saarländische Juden, der sogenannten Römischen Verträge am 29. März 1936, die vom Saarbrücker Schlomo Rülf und dem Völkerbund ausgehandelt worden waren, wurden in St. Wendel Eugen Berl und seine Frau Erna wegen Vergehens gegen das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ angeklagt, weil sie in ihrem Geschäfte weiter nichtjüdische Angestellte beschäftigten. Nach der Eröffnung des Hauptverfahrens starb Eugen Berl am 01. August 1936. Seine Frau Erna Berl wurde 1940 mit dem letzten Transport saarländischer Juden nach Gurs in Südfrankreich deportiert und 1942 nach Auschwitz überführt. Seitdem gilt sie als verschollen. Fritz besuchte das Gymnasium Wendalinum, das älteste Gymansium der Stadt. Von diesem wurde er als letzter jüdischer Schüler im Herbst 1939, nach einer Schmährede von Oberstudienrat Schulz gegen die Juden, verwiesen. Mit erst vierzehn Jahren gelang Fritz noch 1939 als einem der letzten saarländischen Juden die Flucht über Italien nach Palästina, wo ihn sein Halbbruder erwartete. Im 1948 entstehenden Israel wurde er als Peretz Berl einer der Gründer der nationalen Busgesellschaft Egged. Bereits 1958 hatte er seine alte Heimat wieder besucht und versuchte Kontakte zu ehemaligen Mitbürgern aufzunehmen. Der Versuch misslang.

Das Adolf Bender Zentrum arbeitet die jüdische Geschichte im Saarland auf

Seit der Gründung des Adolf Bender Zentrums in St. Wendel 1986 wurden die Kontakte zwischen der Familie in Israel und St. Wendel häufiger. Einer der Mitbegründer des Adolf Bender Zentrums (ABZ) konnte während seines Zivildienstes in Israel mit der Aktion Sühnezeichen diese Kontakte vertiefen. 1998 erhielt Fritz Berl als erster den nach seinem Vater benannten von der SPD und dem ABZ im Kreis St. Wendel gestifteten Eugen Berl Preis. Bei diesem Besuch in St. Wendel war er bereits von Krankheit gezeichnet, der er im Jahre 2000 erlag. Seine Witwe und Tochter und einer seiner vier Enkel kamen jetzt aus Israel zur Einweihung des Eugen Berl Platzes wieder nach St. Wendel. Yecheskela Berl, Schwiegertochter von Eugen Berl, durfte die Einweihung vornehmen. Sie war in Begleitung ihrer Tochter Orna Gold, deren Mann Michael und Sohn Adi.

Einweihung des Berl Platzes in St. Wendel, in der Mitte Yeheszkela Berl (85), die Schwiegertocher von Eugen Berl. Foto: Bodo Bost.

Einweihung des Berl Platzes in St. Wendel, in der Mitte Yeheszkela Berl (85), die Schwiegertocher von Eugen Berl. Foto: Bodo Bost.

Da die an Eugen Berl erinnernde Stele neben der evangelischen Kirche steht, eröffnete Pfarrer Markus Karsch die Veranstaltung und begrüßte nebst 60 Besuchern und den Ehrengästen auch Landrat Udo Recktenwald, Bürgermeister Klaus Bouillon, Magnus Jung (Vorsitzender der SPD Kreistagsfraktion) Richard Bermann (Vorsitzender der Synagogengemeinde Saar), Superintendent Köpcke vom evangelischen Kirchenkreis und Willi Portz (Geschäftsführer Adolf-Bender-Zentrum) und die Projektgruppe des Gymnasiums Wendelinum, die sich in den vergangenen Monaten mit dem jüdischen Leben und insbesondere mit dem Schicksal ihres ehemaligen Mitschülers Fritz Berl beschäftigt hatte. Sie verlasen Gedichte jüdischer Autoren und entzündeten anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Holocaust in Israel sechs Kerzen für die 6 Mil. Opfer des Holocaust. Höhepunkt der Einweihung war die berührende Rede des Urenkels von Eugen Berl, Adi Gold.

Gedenkveranstaltung für Eugen Berl in der Aula des Wendalinums in St. Wendel. Foto: Bodo Bost

Gedenkveranstaltung für Eugen Berl in der Aula des Wendalinums in St. Wendel. Foto: Bodo Bost

Der anschließende Empfang für die Familie Berl/Gold fand in der Aula des Gymnasiums Wendalinum statt. Die Aula, die nach dem Ersten Weltkrieg als Kriegsgedächtnisort errichtet wurde, befindet sich heute noch in demselben Zustand wie in den 1930ziger Jahren, als Fritz Berl diese Schule besuchte. In Ihrem Foyer war eine vom ABZ hergestellte Dokumentation über die Familie Berl aufgestellt. Nach der Begrüßung durch Schulleiter Heribert Ohlmann und einleitenden Worten durch Projektleiter Rafael Groß, zeigten die Schüler der Projektgruppe eine beeindruckende PowerPointPräsentation, in der u.a. das Schicksal von Fritz Berl und sein Stammbaum nachgezeichnet und ein Rundweg dargestellt wurde. Die Enkelin von Eugen Berl, Orna Gold nutze die Gelegenheit um sichtlich ergriffen ein Wort des Dankes in erster Linie an die Schüler zu richten. Musikalisch umrahmt wurde die sehr beeindruckende Veranstaltung, die zu den Sternstunden des Wendalinum gehört, von ebenso beeindruckenden Musikbeiträgen von zwei Schülerinnen unter der Leitung von Musiklehrer Stefan Kunz. Hierbei wurden neben jüdischer Orgelmusik auch mehrere Lieder und Kompositionen, die von Häftlingen im KZ Theresienstadt komponiert wurden, vorgetragen. Gegen Ende der Veranstaltung kündigte ABZ Geschäftsführer Willi Portz unter dem Beifall der Versammlung an, dass der Schulträger beabsichtigt der Aula nach der Renovierung den Namen von Fritz Berl zu geben. Die Projektgruppe unter Lehrer Groß versprach das Thema Holocaust und Aufarbeitung der Geschichte der Juden auch in Zukunft mit der Familie Berl in Israel weiter zu bearbeiten.

Am 14.04.2014 war in Gonnesweiler erste der sieben „Orte gegen das Vergessen“ im Kreis St. Wendel eingeweiht worden. Der erste Platz in Gonnesweiler in der Nähe des Jüdischen Friedhofes am Bostalsee erhielt den Namen „Raimund-Hirsch-Platz“, einem im Alter von 8 Jahren nach Lublin deportierter Junge aus Gonnesweiler, der nicht wieder in seine Heimat zurückkam. Die nächste Station der „Orte gegen das Vergessen“ wird am 19. Mai in Tholey sein, wo ein Platz nach Walter Sender (1885-1961) benannt werden wird, dem Lehrer der jüdischen Gemeinde Tholey und Vorsitzender der SPD-Fraktion im damaligen saarländischen Landesrat während der Zeit der Völkerbundverwaltung.

Von Bodo Bost

für Israel-Nachrichten.org

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Von am 04/05/2014. Abgelegt unter Featured. Sie knnen alle Antworten zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0. Kommentare und pings sind derzeit geschlossen.
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